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Mitglied Dover
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aus Berlin
300 Beiträge
seit 22.04.2005
(5592 Tage)
Beitrag 20491 Verfasst am: Fr 15.Mrz.2013 10:49
 
Der magische Ring Teil 5
 
„Hier ist es so dunkel, sind hier irgendwo Kerzen mit denen wir Licht machen können?“ fragt Jens, dabei lässt er die zwei Geister nicht aus den Augen.
„In der Küche ist eine Öllaterne, komm“ sagt der Geisterjunge und Jens folgt den Geistern in die Küche. Der Junge holt ein Streichholz aus seiner Tasche und zündet die Laterne an, durch ihr Licht wird die Küche ein wenig beleuchtet. Dort liegen zerbrochene Teller auf dem Tisch, auf dem Boden ist ein verbogener Feger, in der Ecke steht eine prall gefüllte Mülltonne und im Abwasch stapeln sich alte Töpfe. Und an der Wand erkennt er den Schatten eines Kopfes, der im Flackern der Laterne sich bewegt. Ohne was zu sagen zeigt Jens auf den Kopf, die Geister drehen sich um um zu sehen was er meint. Der Kopf bewegt seinen Kiefer, dann verwandelt er sich in einen Hundekopf mit langen Ohren.
„Was ist das?“ fragt der Junge verwundert.
„Die Schatten leben hier in Krondor, wir haben uns schon daran gewöhnt. Du brauchst keine Angst zu haben“ sagt ihm Doreen mit einem Lächeln.
Warum ist der Schatten ein Hund? Gibt es in Krondor vielleicht einen?
Jens setzt sich auf einen Stuhl, derweil beginnt die Geisterfrau zu meckern.
„Jedes mal diese nervigen Skelette, vorhin war wieder eins im Haus. Mit meinen Strahlen konnte ich es aber vertreiben“ schimpft die Frau, die sich als Heike vorstellt.
„Was sind das für Strahlen, die ihr aus euren Händen schießen könnt?“ fragt Jens, der das schon die ganze Zeit wissen will.
„So genau wissen wir das auch nicht“, erklärt ihm Doreen, „wenn wir unsere Augen schließen und an ein elektrisches Gefühl in unseren Händen denken kommen aus ihnen gefährliche Strahlen herausgeschossen. Es ist die einzige Möglichkeit für uns sich zu verteidigen.“
Jens schaut zu Max und fragt:
„Warum bist du denn noch ein Kind?“
„Weil ich als Kind gestorben bin als die Seuche hier in der Stadt wütete“ antwortet er.
„Ohh“ sagt Jens und fässt sich bedauernd mit der Hand an den Mund. Doch Max lacht jetzt, schüttelt den Kopf und meint:
„Ach, das ist gar nicht schlimm, das ist eher ein Segen als ein Fluch. Wir Geister leben ewig und so bleibe ich für immer ein Kind, werde nicht erwachsen und werde bis ans Ende unserer Welt spielen.“
„Jetzt erzähle erst mal was du hier in Krondor eigentlich machst. Du müsstest eigentlich zuhause bei den Menschen in einer normalen Stadt im Bett liegen und schlafen“ fragt ihn Heike.
„Ich bin ein Geisterjäger“, erklärt ihr Jens, „naja, ich will jedenfalls einer werden. Ich hatte erst Angst vor den Skeletten, doch jetzt habe ich mich an sie gewöhnt.“
„Warum bist du ein Geisterjäger?“
Jens überlegt kurz und sagt:
„Weil...ich liebe dieses Gefühl im Bauch, wenn es gruslig wird, das Kribbeln, der Nervenkitzel, wenn du verstehst. Jetzt bin ich noch jung, aber wenn ich erwachsen bin werde ich um die Welt reisen und Untote und Vampire bekämpfen.“
„Hast du schon viele besiegt?“ fragt Max.
„Ähhh, nein, ähh, noch nicht“, stammelt Jens, „bisher bin ich immer feige weggerannt. Aber ich bin jetzt mutiger geworden, zuerst habe ich mir in die Hosen gemacht wenn ich ein schlafendes Skelett auf dem Boden gesehen habe. Doch jetzt habe ich einige gesehen, dem nächsten werde ich ordentlich auf die Rübe geben!“
Ein Rascheln an der Wohnungstür unterbricht ihr Gespräch, Doreen erhebt sich und will schon was sagen, da erscheint auf einmal ein Skelett in der Küche. Die Geister beschießen es mit ihren Strahlen, jetzt will Jens sich nicht verstecken. Ruckartig steht er vom Stuhl auf und dreht sich um. Der Untote beachtet ihn gerade nicht, er ist mit den Geistern beschäftigt. Mit der Stange in den Händen stürmt er auf das Skelett. Jens schlägt mit ihm auf seinen Kopf. Es dreht seinen Kopf zu ihm, Jens starrt in seine schwarzen Augenhöhlen, ängstlich geht er einen Schritt zurück.
Das Skelett hebt seinen Arm und will auf Jens hauen, da beschießt Doreen es mit einem Strahl, die anderen beiden Geister fliegen zur Küchentür, sie wollen es von hinten angreifen.
„Komm, traue dich, reiß deinen Mut zusammen“ sagt die Stange in Jens Arm, der Junge presst die Lippen zusammen und geht einen Schritt zurück. Plötzlich trifft ihn ein Strahl von einem Geist. Er zuckt kurz zusammen und lässt die Stange fallen. Ohne groß nachzudenken bückt er sich, schnell hebt er die Stange wieder auf. Weit holt er aus und springt auf das Skelett. Mit einem lauten Knall donnert er die Stange auf seinen Kopf. Das Skelett schüttelt seinen Kopf und schlägt mit seinem langen Arm nach Jens. Dieser duckt sich schnell, über ihm hört er das Zischen der Geisterstrahlen.
Das Skelett dreht sich um und greift jetzt Max an, diese Gelegenheit will Jens nutzen. Mit einem lauten Knall haut er seine Stange auf den Schädel des Untoten. Seine gesamte Kraft hat er in den Hieb gesetzt. Das Skelett torkelt nach vorne, dabei stolpert es über die Türschwelle. Es fällt zu Boden. Jens springt hoch, holt mit der Stange weit aus und schlägt damit auf den Kopf des Untoten. Immer wieder drischt er rauf, wie besessen nimmt er sich vor das Skelett zu besiegen.
Mit seinem letzten Hieb zerbricht der Schädel des Skeletts, es stöhnt kurz auf und bleibt starr auf dem Boden liegen. Jens stützt sich auf seine Stange ab, ihn durchströmt das Gefühl der Freude, denn jetzt ist er nicht weggerannt sondern hat den ersten Untoten in seinem Leben besiegt.
„Wir sollten durch die Straßen der Stadt ziehen und gemeinsam alle Skelette besiegen“ fordert der junge Geisterjäger, dabei grinst er über das ganze Gesicht.
„Das war nur eins von ihnen“, sagt Doreen, „wenn uns zwei oder drei angreifen wird es schon schwerer.“
„Warum können sich nicht alle guten Geister verbünden und gegen die Skelette kämpfen?“ fragt Jens entschlossen.
„Die guten Geister lieben es nicht zu kämpfen, sie hassen sogar den Kampf. Sie verteidigen sich nur wenn es sein muss“ erklärt ihm Max. „Außerdem sind wir Geister zerstritten, es müsste jemand kommen der uns einigt.“
„Warum seid ihr zerstritten?“ fragt Jens.
„Schuld sind die Geister die böse geworden sind. Manche von ihnen waren mit den guten noch bestens befreundet, haben jetzt aber nur noch den Kampf gegen die Skelette im Kopf.“
Jens bückt sich und fässt mit seiner Hand das tote Skelett an. Er fährt mit den Fingern über die toten Knochen, gerne würde er wissen was dem Untoten die Lebenskraft gegeben hat. Entschlossen steht der Junge wieder auf und fragt:
„Sind bei Graf Kradow wirklich so viele Skelette?“
„Ja“, antwortet Doreen, „ich weiß, dich hat das Abenteuer hier gepackt, du würdest am liebsten zu seiner Villa stürmen und ihn mit all seinen Skeletten besiegen. Er wohnt am anderen Ende der Stadt, am Neumannsee, bis dahin ist es ein Stück. Der Weg dorthin ist in der Nacht zu gefährlich.“
„Und am Tage?“
„Da schützt ein Rätselmund seine Villa. Vielleicht gehst du mal da hin wenn es hell ist und probierst dein Glück, aber ich würde dir davon abraten.“
„Warum?“
„Weil wir dich da nicht begleiten können, wir schlafen doch am Tage. Du müsstest ganz alleine in die Villa gehen“ erklärt ihm Heike.
„Sind in dem Haus, in dem wir gerade sind, noch mehr von euch guten Geistern?“ will Jens wissen.
Heike erzählt ihm von Theodor, einem Geist der schon sehr alt ist. Er ist meist auf dem Dachboden und versteckt sich vor den Skeletten. Jens überlegt schon hoch zu gehen und mit ihm zu sprechen, denn er hat die Idee bekommen so viele gute Geister wie möglich zu dem Kampf gegen die Skelette zu überreden. Doch sein Gedanke wird von dem Knurren in seinem Magen unterbrochen. Nach der ganzen Aufregung hat er Hunger bekommen, er beschließt wieder zu Wolfram zu gehen und sich von den Geistern zu verabschieden.
„Wir begleiten dich, jetzt sind die Straßen Krondors für dich allein zu gefährlich“ sagt Doreen.
Sie verlassen die Wohnung und als sie im Hausflur stehen, fragt Jens die Geister ob sie Theodor noch schnell holen könnten.
„Der bleibt immer oben auf dem Dach, der traut sich nicht auf die Straße“ antwortet Max mit einem Kopfschütteln.
„Wieviel gute Geister kennt ihr denn?“ fragt Jens den Geisterjungen.
„Wir kennen ein paar, doch es werden immer weniger solange der Kampf gegen die Skelette anhält“ antwortet Heike und schwebt durch die Haustür. Auch Doreen und Max schweben durch sie hindurch als ob sie nicht da wäre, nur Jens muss sie öffnen um durchzukommen.
Sie eilen durch die Straßen, Jens schaut immer wieder zu den Häusern ob ein Untoter herauskommt. Viele Fenster der Häuser sind zerbrochen, die Türen stehen meist offen und die meisten der Autos, die am Straßenrand stehen, haben platte Reifen und kaputte Scheiben. Als aus einem Haus ein Skelett herauskommt denkt der Junge nicht lange nach und stürmt auf ihn los. Die Geister um Doreen rufen nach ihm, sie wollen lieber fliehen statt zu kämpfen aber Jens hat sich jetzt vorgenommen jedes Skelett das er sieht zu besiegen.
Mit seiner Stange schlägt er auf das Skelett. Sein Knochenarm schlägt nach Jens, doch dieser springt zur Seite. Jens trifft das Skelett erneut, diesmal auf die Schulter. Es humpelt zwei Schritte nach hinten. Mit seinen Armen wedelt es hin und her. Der Junge empfindet Glück und Kampflust zusammen, er ist jetzt davon richtig berauscht. Mit zwei Schritten steht er vor dem Skelett und will auf seinen Kopf schlagen. Doch es weicht aus. Jens Hieb gerät ins Leere. In diesem Augenblick haut es mit seiner Knochenhand den Jungen. Dieser fällt auf den Boden und spürt einen starken Schmerz an seinem Arm. Die Stange ist ihm aus der Hand gefallen. Auf einmal packt ihn die Angst von dem Untoten getötet zu werden. Er krabbelt nach hinten, währenddessen kommen Doreen und die anderen beiden Geister. Sie beschießen das Skelett mit ihren Strahlen. Man hört jetzt das zischende Geräusch, wenn die Strahlen aus ihren Händen schießen. Das Skelett schaut jetzt nicht mehr zu Jens sondern versucht die Geister zu bekämpfen.
Jens denkt nicht lange nach, er dreht sich um und hebt seine Stange auf. Sofort stürmt er auf das Skelett von hinten. Er schlägt ihm mit einem ordentlichen Hieb auf den Hinterkopf. Sein Kopf bekommt ein Riss, es dreht sich um die eigene Achse, dabei sinkt es zu Boden und fällt hin. Ein paar mal haut Jens auf das Skelett, erst die Geister können ihn beruhigen und sagen, dass es tot ist.
„Warum hast du das Skelett angegriffen?“ fragt Heike ärgerlich.
„Ich habe vorhin in der Küche eins getötet, jetzt kann ich alle töten. Naja, das dachte ich“ sagt Jens und kratzt sich an dem Kopf.
„Wir werden jetzt so schnell es geht zu Wolframs Hütte gehen“, sagt Doreen in ernstem Tonfall. „Unterwegs werden wir allen Skeletten, die uns über den Weg kommen, aus dem Weg gehen. Hätten wir dir jetzt nicht geholfen hätte es dich getötet.“
Der Junge sieht ein, dass Doreen recht hat und folgt ihnen. Immerhin hat er jetzt keine Angst mehr vor den Skeletten, er stellt sich ihnen ganz mutig, denkt er. Kurz darauf werden die vier von zwei Skeletten angegriffen, Jens steigt auf ein Auto und von dem Autodach schlägt er auf die zwei ein. Zusammen mit den Geistern besiegt er die zwei Skelette, er zählt mit den Fingern ab wieviel er von ihnen schon getötet hat und fühlt sich erst jetzt als richtiger Geisterjäger.
Kurz bevor sie die Hütte von Wolfram erreichen sehen sie einen Geist, mit einem schwarzen Hut und einem dunklen Anzug. Sein Gesicht ist kantig und glatt, eine dicke Narbe erstreckt sich auf seiner Wange. Er schaut Wolframs Hütte an, über irgendwas scheint er nachzudenken.
„Verschwinde, Lukas!“ ruft Doreen zu dem Geist und streckt drohend ihre Arme aus.
Der Geist dreht sich um und sagt:
„Seid ihr wirklich so feige und greift mich zu viert an?“ fragt der Geist und schwebt von einer Seite zur anderen.
„Wir wollen nicht gegen dich kämpfen, mach dass du wegkommst“ ruft Heike ihm zu.
„Ihr hasst den Kampf, ich liebe ihn“, schwärmt Lukas. „Ich habe heute schon drei Skelette besiegt, es hat mir einen höllischen Spaß gemacht. Ihr seid mir aber zu viele, ich werde euch schon irgendwann mal treffen wenn ihr alleine seid“.
Lukas schaut Jens in die Augen, dabei lacht er kurz auf, dann dreht er sich um und verschwindet. Jens fragt sofort wer das war und Doreen erklärt ihm, dass Lukas einer der bösen Geister ist. Als er noch ein Mensch war war er ein geachteter Rechtsanwalt, der sich für Arme und Schwache eingesetzt hat. Nach seinem Tode war er erst ein lieber Geist, doch als die Straßenkämpfe in Krondor losgingen verliebte er sich in das Gefühl was immer kommt wenn er Strahlen aus seinen Händen schießt.
Heike und Max verabschieden sich von Jens, sie sagen ihm noch, dass er in Krondor vorsichtiger werden muss. Jens fragt Max, was das für eine Spielzeugfigur ist, die er die ganze Zeit in seiner Hand hält.
„Das ist Billy the Kid, ein berühmter Cowboy. Er bringt mir Glück, ich kann wie er haargenau auf die Skelette zielen“ sagt er mit einem Lachen und hält die Figur vor Jens Gesicht. Es ist ein Cowboy, der mit einer Pistole nach vorne zielt und einen Hut trägt. Wie Max schimmert er, als Jens ihn anfassen will greift er durch.
Nachdem die beiden Geister verschwunden sind will sich auch Doreen von Jens verabschieden.
„Heute hast du zum ersten mal gegen die Skelette gekämpft“, lobt ihn Doreen. „Aber beachte, dass wir dabei waren. Gehe niemals alleine nachts durch Krondor.“
„Danke für deine Hilfe. Morgen wenn es hell ist will ich zur Villa des Grafen. Wie komme ich dahin?“ fragt der Junge.
„Du musst zur Hauptstraße, die gehst du bis an ihr Ende, das dauert eine Weile“, erklärt der Geist. „Dann gehst du in die Carl-Severing-Allee bis zum Maikäferweg. Dort biegst du ab und gehst immer geradeaus bis du zu einem See kommst. Wenn du da bist wirst du die Villa schon sehen. Ich weiß es nicht genau, aber in der Villa ist glaube ich ein großer grauer Hund.“
„Und der Graf?“
„Der schläft meist am Tage. Aber wenn da ein kräftiger Hund in der Villa wacht musst du verschwinden.“
Sie hält kurz inne, kommt bis auf sein Gesicht heran und bittet:
„Geh bitte wieder nach Hause, Krondor ist kein Kinderspielzimmer. Du hast doch jetzt gesehen wie gefährlich es ist.“
„Nein, jetzt gibt es kein Zurück mehr für mich“, sagt der Junge selbstbewusst, „ich habe mich endlich getraut gegen die Skelette zu kämpfen, ich bin jetzt viel mutiger geworden. Ich will euch helfen, in Krondor sollen irgendwann nur noch gute Geister leben.“
Er verabschiedet sich von ihr und geht an dem großen Holzkreuz vorbei in Wolframs Hütte. Da ist es jetzt ganz dunkel, der Mann schläft bereits, wird aber wach, als Jens die Tür wieder schließt.
„Da bist du ja endlich. Und? Wie war dein erster Ausflug hier in der Nacht?“ fragt ihn Wolfram neugierig.
Jens berichtet ihm von seinem Abenteuer und Wolfram hört ihm zu. Während der Junge weg war ist ihm viel durch den Kopf gegangen. Eigentlich müsste er Jens überreden wieder nach Hause zu gehen, hier ist es viel zu gefährlich für Kinder. Aber er freut sich sehr über seinen Besuch, zwar hat er sich an die Einsamkeit hier gewöhnt, aber es gibt doch Momente, in denen er sich nach Menschen sehnt und sein Dasein hier verflucht.
Er selber hatte nie Kinder, wollte aber immer welche haben. Seine Frau meinte aber stets, dass sie noch warten wolle und dann passierte es. Der Mord an dem Autoverkäufer. Er wollte nur sein Auto, welches nicht mehr fuhr, wieder umtauschen und das Geld zurückbekommen, das Getriebe war kaputt. Der Autoverkäufer, dessen Anzeige er in einer Zeitung gefunden hatte, meinte, dass das Auto doch noch ging als Wolfram es kaufte. Er wurde da langsam wütend, der Autoverkäufer provozierte ihn noch, indem er sagte, dass es wahrscheinlich an seinem Fahrstil liege. Dabei drehte er sich um und wollte wieder weg gehen, da schubste Wolfram ihn von hinten. Der Verkäufer drehte sich zu ihm und boxte ihm in den Magen, Wolfram rang nach Luft, holte weit aus und schlug ihm mit aller Kraft in sein Gesicht. Der Mann fiel um und blieb liegen. Er war tot.
Wolfram verflucht diesen Tag bis heute, er wünschte es wäre nie passiert. Er überlegte damals nicht lange, er packte seine sieben Sachen und verschwand. Eine Zeitlang lebte er im Wald, schließlich kam er nach Krondor und setzte sich dort nieder. Es sind Jahre vergangen, er vermisst oft seine Familie und Freunde, doch hat er große Angst vor dem Gefängnis. Aber nachts ist seine Hütte auch wie ein Gefängnis wenn draußen die Untoten auf der Straße wüten, deswegen schläft er in der Nacht und ist am Tage aktiv.
Jens ist außer Atem als er mit seinem Bericht fertig ist, er ist beim reden immer schneller geworden, denn ihm sind die ganzen Bilder der Nacht nochmal durch den Kopf gegangen. Während er erzählt ist Wolfram aufgestanden, hat die Laterne angezündet und sich an den Tisch gesetzt. Auf einmal knurrt wieder Jens Magen, er fragt Wolfram ob er was essen kann.
„Im Topf ist noch ein bisschen von der Zwiebelsuppe“ sagt der Mann, steht auf und geht mit einem leeren Teller in der Hand zu dem Topf.
„Woher bekommst du eigentlich das Essen?“ fragt Jens.
„Ich habe hinter dem Haus einen Garten, da baue ich Obst und Gemüse an. Da wo ich auch immer Feuer mache.“
„Ich schaue mir deinen Garten mal morgen an. Kannst du mir ein Kruzifix geben, ich habe meines verloren“ fragt Jens und schaut auf das geschnitzte auf dem Tisch.
„Nimm ruhig das auf dem Tisch, ich schnitze morgen ein neues“ bietet Wolfram ihm an.
Jens nimmt das Kreuz in die Hand und betrachtet es im Schein der Laterne. Vielleicht wird er sich mal eins selber schnitzen, irgendwann braucht er bestimmt ein neues.
„Lass uns losziehen und Untote verjagen!“ sagt das Kreuz hochmotiviert.
„Nein, ich hatte jetzt eine anstrengende Nacht, ich muss mich etwas hinlegen“ antwortet Jens, der ganz vergessen hat, dass Wolfram noch in der Hütte ist.
„Hinlegen, hinlegen, ihr Menschen immer mit eurem langweiligen Schlaf. Zum Glück brauche ich keinen“ meint das Kruzifix.
„Dafür liegst du oft einfach nur herum und musst dich langweilen“ sagt Jens, der sich ein Lachen nicht unterdrücken kann.
„Das ist es ja, ich lag hier die ganze Zeit auf dem Tisch, keine Skelette weit und breit. Es muss ein schönes Gefühl sein ein Wesen zu vertreiben, dass viel größer ist als man selber. Komm, lass losgehen.“
„Nein, lass es auf morgen verschieben. Du wirst schon noch auf deine Kosten kommen“ sagt Jens und steckt es in seine Hosentasche. Wolfram stand die ganze Zeit hinter ihm mit dem Suppenteller in der Hand und hat nichts gesagt. Jetzt meint er:
„Du bist übermüdet, du sprichst ja schon mit Gegenständen.“
Erschrocken dreht sich Jens um, nickt und sagt:
„Ja, ich muss nach dem Essen schlafen gehen, das war eine anstrengende Nacht.“
„Soll ich dir die Suppe noch im Kamin warm machen?“
„Nein, es geht schon so.“
Schnell isst der Geisterjäger die Suppe auf, danach legt er sich auf den Boden und nimmt seinen Ranzen als Kopfkissen. Wolfram bietet ihm an im Bett zu schlafen während er auf dem Boden liegen will. Der Junge sagt, dass er nur Gast ist aber Wolfram hält nicht locker und zieht ihn vom Boden hoch.
„Morgen gehen wir in ein verlassenes Haus und holen ein zweites Bett. Gute Nacht!“ wünscht ihm Wolfram, der es sich mit einem Kissen auf dem Boden gemütlich gemacht hat.
„Gute Nacht!“ sagt Jens, er dreht sich zur Seite und deckt sich zu. Jetzt hört er nur noch das gleichmäßige Ticken der Wanduhr. Ihm gehen noch mal die Kampfszenen der Nacht durch den Kopf, Stolz erfüllt ihn und mit diesen Gedanken schließt er die Augen und schläft ein.
Im Traum sieht er nachts ein großes Schloss auf einem Berg, es wirkt unheimlich und bedrohlich, ein Weg schlängelt sich zu ihm nach oben. Jens besteigt den Berg, dabei schaut er immer wieder zum Schloss, dessen Fahnen auf den Zinnen im Wind wehen. Es ist eine dunkle Nacht, schwarze Wolken verdecken die Sterne, deswegen holt der Junge eine Fackel aus seinem Ranzen und zündet sie an.
Plötzlich erscheint ein Geist vor ihm, er trägt einen weißen Umhang mit einer Kapuze, die sein Gesicht halb verdeckt.
„Was suchst du hier? Erwartet dich Graf Dracula?“ fragt ihn der Geist.
„Vielleicht wartet er schon auf mich. Ich bin eine lange Reise angetreten um ihn zu töten“ sagt Jens, dabei hält er dem Geist seinen Dolch entgegen.
„Willst du nicht erst gegen mich kämpfen? Bin ich deiner nicht würdig?“ fragt ihn der Geist.
„Geh zur Seite, du bist nur ein harmloser Geist!“ ruft Jens ihm ins Gesicht.
Der Geist hebt seine Arme und schießt mit zackigen hellen Strahlen auf ihn. Der Junge lässt erschrocken seinen Dolch fallen und fällt zu Boden. Jetzt schwebt der Geist direkt über seinem Kopf, Jens schließt die Augen und weiß, dass er ihm nun völlig ausgeliefert ist.
„Was schließt du die Augen?“, fragt der Geist, dabei lacht er kurz, „Macht es dir keinen Spaß mich anzusehen?“
„Bist du ein Diener von Graf Dracula?“ fragt Jens, dabei tastet er auf dem Boden nach seinem Dolch.
„Bin ich ein Diener des Grafen? Sind wir nicht alle seine Diener? Muss er die Leute nicht einfach beißen um sie von dem Fluch der Menschlichkeit zu befreien?“
„Der Graf hat viele Menschen auf dem Gewissen, ich werde ihm ein Ende bereiten.“
Jetzt hat Jens den Dolch wieder in der Hand, doch er sieht, dass man mit diesem Geist auch reden kann.
„Ist es nicht ein Segen ein Wesen der Nacht zu werden? Sollten wir den Grafen nicht besingen und seine Taten hoch loben?“ sagt der Geist.
Auf einmal schießt der Geist einen Strahl auf Jens, dieser zuckt zusammen und lässt den Dolch wieder fallen.
„Warum redest du denn dauernd in Fragen?“ will Jens wissen.
„Sind Fragen nicht die beste Waffe gegen Menschen?“ sagt der Geist, „Was gibt es besseres als einem Menschen eine unlösbare Frage zu stellen? Wenn ein Mensch grübelt, ist er dann nicht abgelenkt? Kann ich ihn dann nicht mit meinen Strahlen überraschen?“
Dann werde ich dich mit Fragen überlisten, denkt sich der Junge.
„Wie heiße ich?“ fragt Jens.
„Heißt du nicht Jens? Denkst du wirklich, dass es eine Frage gibt, bei der ich grübeln muss?“ sagt der Geist und lacht ihn an.
„Wo habe ich meinen magischen Ring gefunden?“
„Warum fragst du mich so etwas leichtes? Es war in einer Gruft des Friedhofs deiner Stadt, oder?“
„Wie viel Sterne gibt es?“
Der Geist schließt die Augen und nennt eine unglaublich große Zahl. Während er die Zahl ausspricht greift Jens nach dem Dolch, springt hoch und sticht zu. Die grüne Klinge seines Dolches leuchtet auf und der Geist löst sich mit einem lauten Schrei auf.
Jens steht auf, dabei klopft er sich den Dreck von der Hose. Inzwischen hat es zu regnen angefangen und als Jens zum Schloss schaut ist es ganz kurz hell und ein Donner ertönt.
Erschrocken öffnet Jens die Augen, das erste was er sieht ist das offene Fenster, durch das er den blauen Himmel sehen kann. Ein Blick zur Uhr verrät ihm, dass es zwölf Uhr Mittags ist. Auf dem Tisch steht eine Glasschüssel mit Essen, er steht auf und sieht, dass es ein Obstsalat ist. Als er an dem Tisch sitzt und etwas davon isst kommt Wolfram mit einem Korb Gemüse durch die Tür.
„Na, mein Kleiner, schmeckt´s?“ fragt der Mann und lächelt den Jungen an.
„Ja, vor allem die Erdbeeren schmecken, ist mein Lieblingsobst“ sagt Jens und stochert mit der Gabel eine Erdbeere aus der Schüssel.
„Ich habe ein wenig nachgedacht, vielleicht hast du recht, vielleicht müssen wir die Skelette und bösen Geister bekämpfen. Statt hier nur herum zu sitzen werde ich dich in der nächsten Nacht begleiten. Wie viel Skelette hast du eigentlich schon besiegt?“
Jens legt die Gabel beiseite und antwortet, dass es vier waren. Ein Grinsen macht sich in seinem Gesicht breit, Stolz und Freude erfüllt ihn wenn er an die letzte Nacht denkt. Er erhebt sich vom Stuhl, tanzt im Kreis und ruft laut:
„Juchuh, ich bin ein Geisterjäger, ich bin ein Geisterjäger, ich bin ein Geisterjäger!“
Gegen Geister hat er außer in seinem Traum aber noch nicht gekämpft, geht es ihm durch den Kopf. Er hört seinen Tanz auf und überlegt. Sein Dolch liegt im Ranzen, den braucht er gegen die Geister. Würde ein Geist ihn aber mit seinen Strahlen treffen würde er die Waffe fallen lassen. Wolfram merkt, dass der Junge über etwas nachdenkt, er fragt was ihn beschäftigt, doch Jens schüttelt die Hand und will in seinen Gedanken nicht gestört werden. Gut ist auf jeden Fall, dass man anders als bei den Skeletten mit den meisten Geistern reden kann. Vielleicht kann man allein durch Gespräche schon viele Kämpfe verhindern, überlegt er sich.
Aus dem Ranzen holt er den Dolch, nimmt ihn in die Hand und drückt ihn gegen seine Brust, dabei schließt er seine Augen.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20493 Verfasst am: Mo 18.Mrz.2013 12:09
 
Der magische Ring Teil 6
 
Der Junge öffnet wieder seine Augen und legt den Dolch auf den Tisch. Wolfram fragt ihn ob er ins Nachbarhaus mitkommen will um ein zweites Bett zu holen. Jens nickt und folgt dem Mann, dabei denkt er schon an die nächste Nacht. Die Batterie seiner Taschenlampe ist alle, er bräuchte neue, aber die, die er braucht, werden in dieser Stadt, die noch aus den 40ern ist, schwer zu finden sein. Er beschließt sich Fackeln herzustellen und fragt Wolfram während sie auf der Straße laufen:
„Hast du kleine Holzstäbe, Wachs und Tuch in deiner Hütte?“
Wolfram denkt kurz nach und antwortet:
„Ich habe zuhause Kerzen, ein Tuch müsste ich auch haben. Wozu brauchst du denn Holzstäbe?“
„Ich brauche Fackeln, meine Taschenlampe geht nicht mehr“ antwortet der Junge und folgt Wolfram in ein kleines Einfamilienhaus.
Im Haus sind überall Spinnweben und die Möbel liegen umgekippt auf dem Boden, an einem Ende ist der dunkelblaue Teppich zusammengerollt. Wolfram zeigt auf ein Holzbett mit einer Matratze und Decke, da bleibt Jens wie angewurzelt stehen. Er starrt auf ein Bild einer Frau, die genau zu ihm schaut, eben hat sie noch geblinzelt.
„Komm, hilf mir das Bett tragen“ sagt Wolfram, der schon das eine Ende des Bettes anfässt.
„Die Frau auf dem Bild bewegt ihre Augen“ sagt der Junge und geht zu dem anderen Ende des Bettes, dabei schaut er das gemalte Bild der Frau an.
„Solange sie dich nur anschaut musst du dir keine Sorgen machen. Krondor hat viele Häuser in denen es spukt“ sagt der Mann und hebt das Bett an.
Während sie das Bett durch das große Wohnzimmer tragen schaut Jens das Bild an, er kann erkennen wie die Augen der Frau ihm folgen.
„Warte mal kurz, ich will mir das Bild genauer anschauen“ sagt Jens und stellt das Bett ab. Er zieht die Gardine am Fenster zur Seite um besser sehen zu können und geht zum Bild. Es ist nur der Kopf einer Frau mit blonden Haaren, gemalt in Ölfarben. Aber jetzt bewegt sie auch noch ihre Lippen, als Jens vor dem Bild steht schließt die Frau ihre Augen. Mit seiner Hand, an der er den magischen Ring trägt, fässt er das Bild an und er hört eine Frauenstimme sprechen:
„Nichts ist für die Ewigkeit, nichts ist für immer. Du träumst davon alles zu riskieren, wenn du träumst, dann träume ich mit. Der Schrecken der Nacht hat dich erst befallen, gelähmt waren deine Glieder und dein Atem war kurz und stockend. Jetzt bist du dem gewappnet, dein Herz ist gestählt und deine Sinne geschärft. Gib mir einen Kuss und verabschiede dich von mir.“
Die Frau auf dem Bild hat die Augen immer noch geschlossen, dabei hat sie ihren Mund zu einem Kuss geformt. Jens küsst seinen Finger und legt ihn auf den Mund der Frau, jetzt öffnet sie wieder ihre Augen und schaut ihm genau ins Gesicht.
„Wer bist du?“ fragt Jens, der zum ersten mal in seinem Leben mit einem Gemälde spricht.
„Ich bin das, wonach du dich in bitterer Not sehnst und wovor du in deinen dunkelsten Stunden zurückschreckst, ich sehe dich in der finsteren Nacht wie du dem großen Wunsch deines Herzens folgst und deinem Leben einen Sinn gibst“ hört er die Frau in seinem Kopf sprechen während er das Bild anfässt. Wolfram steht inzwischen hinter ihm und sieht wie die Frau ihre Lippen bewegt.
„Wie heißt du?“ fragt der Junge.
Jetzt schaut die Frau zur Seite, auf einmal ist es ein ganz normales unbewegliches Bild. Wenn Jens zur Seite geht folgen ihm die Augen nicht mehr. Er nimmt das kleine Gemälde von der Wand und dreht es um, auf der Rückseite steht geschrieben: „Elisabeth Schmidt, 1915.“
Vorsichtig hängt Jens das Bild wieder an die Wand und schaut, ob noch mehr Bilder in dem Zimmer sind. Und auf der anderen Wand sieht er noch eins, doch als er hingeht erkennt er nur eine Wiese darauf gezeichnet. Oben in der Mitte steht der Name Helmut Schmidt, doch warum sieht man ihn nicht? Ist es ein Geist, der aus dem Bild verschwunden ist?
Wolfram unterbricht die Überlegungen von Jens und will mit ihm das Bett in seine Hütte bringen. Beide packen an und schleppen es hinaus auf die Straße, nach ein paar Metern erreichen sie ihre Hütte. Dort müssen sie erst ein Regal zur Seite schieben um dem Bett Platz zu machen. Nachdem sie es in die Ecke gestellt haben wirft Wolfram sein Kissen auf das Bett. Jens setzt sich darauf und wippt auf der Matratze auf und ab.
Sogleich steht er wieder auf und fragt nach den Kerzen und dem Tuch. Wolfram kramt in der Schublade seines Tisches und gibt ihm zwei Kerzen, unterm Bett holt er ein weißes Tuch hervor. Jens will sich Fackeln basteln, doch die Holzstange, die er dafür braucht, hat der Mann nicht.
„Du musst von einem Baum einen Ast abbrechen, in meinem Garten steht einer. Du musst aus der Tür hinter das Haus gehen“ erklärt Wolfram.
Als Jens in dem Garten steht sieht er Beete mit Gemüse und Bäume mit Äpfeln und Birnen. In der Mitte ist eine Feuerstelle und am Rand des Gartens sieht er einen Käfig mit zwei Hühnern. Jens geht zu einem Apfelbaum und schaut sich die Äste an, nachdem er sich einen ausgesucht hat springt er hoch um nach ihm zu greifen. Als er ihn in der Hand hat und wieder auf dem Boden landet bricht er, im selben Moment fallen zwei Äpfel vom Baum auf den Boden.
In der Hütte reißt er ein Stück von dem Tuch ab und wickelt es um den Ast. Jetzt zündet er die Kerze an und lässt sie auf das Tuch abtropfen, dabei setzt er sich an den Tisch. Das dauert eine Weile, in der Zeit denkt er an den Film, in dem er gesehen hat, wie ein Mann sich eine Fackel herstellt. Es war ein Abenteuerfilm, indem ein Mann alleine in der Wildnis lebte und ganz auf sich alleine gestellt war. Nun hat er auch das Gefühl in einem Abenteuerfilm zu stecken, Momente, in denen er ganz auf sich alleine gestellt war gab es auch.
Nach einer Viertelstunde ist das Tuch, was um den Ast gewickelt ist, mit Wachs beschichtet, er steht auf und zündet seine Fackel an. Zu seiner Freude brennt sie, er bewegt sie erst nach links, dann nach rechts und pustet sie wieder aus. In dem Augenblick kommt Wolfram mit zwei Eimern Wasser, er war an einem Brunnen und hat etwas zu trinken geholt. Und zum Waschen, Jens riecht an seinen Achseln und rümpft die Nase.
Seinen Pullover und sein Hemd zieht er aus und wäscht sich mit etwas Seife. Danach taucht er seinen Kopf in das kalte Wasser, Wolfram reicht ihm eine Flasche Shampoo mit der er sich die Haare wäscht. Nachdem der alte Mann ihm ein Handtuch gibt sagt der Junge:
„Toll, du hast ja alles da.“
„Uns steht eine ganze Stadt zur Verfügung, man muss nur etwas suchen, dann findet man fast alles“ spricht Wolfram, welcher sich über das Lob freut.
Der Junge kann es kaum abwarten mit seinem Abenteuer fortzufahren, er zieht sich an, packt die Fackel in seinen Rucksack und verlässt die Hütte. Wolfram folgt ihm zur Tür, dabei drückt er ihm noch zwei Äpfel und eine Birne in die Hand und meint, dass er nicht zu spät zurückkommen solle. Wenn es wieder dunkel ist sollte er wieder in der Hütte sein. Jens verstaut das Obst in seinen Rucksack, verabschiedet sich von Wolfram und geht auf die Straße.
Die Sonne strahlt am blauen Himmel, es ist warm, Jens zieht seine Jacke aus und wickelt sie um seine Hüfte. Er will jetzt zur Villa des Grafen gehen, unterwegs will er trotzdem nach Sachen, die nützlich für ihn sein könnten, Ausschau halten.
An den Anblick der verlassenen Straße mit ihren kaputten Autos und leeren Häusern hat er sich mittlerweile gewöhnt, er empfindet nichts grusliges mehr daran. Als er noch neu in Krondor war hat ihn die Stille etwas bedrückt, man hört keine Fahrzeuge oder Menschen wie in einer normalen Stadt sondern nur den Wind, der um die Hausecken pfeift und offene Fenster zuschlagen lässt.
Ab und zu sieht er ein totes Skelett auf dem Straßenboden liegen, bei den zwei, die er mit den Geistern besiegt hat, bleibt er stehen und stupst mit seinem Fuß gegen ihren Kopf. Gerne würde er etwas von ihnen als Trophäe nehmen und es Wolfram zeigen, er überlegt schon einen Knochen von ihnen abzubrechen. Als er sich über den Kopf eines Skeletts bückt vergisst er diesen Gedanken aber wieder, er fragt sich gerade was sie lebendig macht. Seine Hand berührt den Kiefer und greift in die Augenhöhlen, doch er findet nichts darin. Am liebsten würde er den Kopf zertrümmern und genau untersuchen, aber er hat seine Stange bei Wolfram gelassen. Und mit seinem Dolch würde es ihm nicht gelingen den Kopf zu öffnen. Er steht wieder auf, dabei schaut er das Auto an, auf dem er stand und auf die Skelette geschlagen hat. Wenn er daran denkt freut er sich sogar auf die nächste Nacht.
Von weitem sieht er die Bushaltestelle, an der er schon mal stand. Auf dem Boden sieht er ein paar Steine, er nimmt einen in die Hand und geht zu dem kleinen Häuschen. Mit dem Stein in der Hand zielt er auf die Glasscheibe, die den Stadtplan verdeckt, er wirft und die Scheibe zerspringt in viele Einzelteile. Sofort dreht er sich zu allen Seiten und hofft, dass der Lärm niemanden aufgescheucht hat. Doch alles bleibt unbeweglich um die Bushaltestelle herum, nur ein Papierknäuel wirbelt im Wind an ihm vorbei.
Er nimmt den Plan von dem Brett und sucht den Neumannsee, wo die Villa stehen soll. Eine Weile sucht er und als er ihn findet sagt er sich, das es noch eine längere Strecke bis dahin ist. Er schaut zur Sonne und überlegt wie spät es wohl ist. Es müsste jetzt ein Uhr sein, ich habe noch einige Stunden Zeit, sagt er sich und geht weiter.
Beim Laufen schaut er auf den Stadtplan und stellt fest, dass er sich jetzt in der Carl-Severing-Allee befindet. Doreen hat ihm gesagt, dass er sie bis zum Maikäferweg gehen muss was noch ein Stückchen ist. Auf dem Plan sieht er, dass er bald an einem Krankenhaus vorbeikommen muss und er nimmt sich vor es zu besuchen. Denn er will sich dort einen Verbandskasten suchen für den Fall, dass ein Skelett ihn mal verletzt. Er schaut nach vorne und kann in einer Entfernung ein hohes Haus sehen, er denkt sich, dass es das Hospital bestimmt sein wird. Zu seiner rechten erkennt er ein Autogeschäft, er überlegt schon sich die alten Autos mal anzuschauen und bleibt stehen. Nach einer kurzen Überlegung beschließt er aber weiter zu gehen, denn er möchte nicht zu viel Zeit vertrödeln. Bis zum Einbruch der Dunkelheit will er wieder zurück sein.
Ruckartig schaut er von seinem Plan nach vorne und bleibt stehen. Etwas kleines schwarzes überquert zehn Meter vor ihm die Straße. Es ist ein schwarzes Kaninchen. Und ein Hund folgt ihm in rasantem Tempo. Beide verschwinden in einem Haus, man hört nun lautes Gebell und dann ist Ruhe. Jens denkt an den Schatten des Hundekopfes, den er in der letzten Nacht gesehen hat. Er geht zu dem Haus und sieht im Flur den Hund, der das Kaninchen frisst. Es ist ein erwachsener Schäferhund, kein Geist sondern lebensecht.
Jens bückt sich und schaut den Hund an, er fragt sich ob er mit seinem magischen Ring auch die Gedanken von Tieren hören kann. Nachdem der Schäferhund das Kaninchen gefressen hat, dreht er sich um und knurrt Jens an. Dieser steht auf, geht zaghaft einen Schritt zurück und bückt sich, gleichzeitig streckt er seine Hand aus. Der Hund beruhigt sich und geht langsam auf den Jungen zu. Er beschnüffelt seine Hand und Jens streichelt seinen Kopf.
„Ich dachte erst du wärst ein Geist“ hört Jens in seinem Kopf eine brummige Stimme.
„Nein, ich bin ein Mensch. Wenn du willst kannst du bei mir bleiben“ sagt der Junge und lächelt den Hund an. „Wie heißt du?“
„Mein Herrchen hat mich immer Harras genannt.“ meint der Hund mit einem Knurren.
Er hat ein Band um den Hals, seine Farbe kann Jens nicht erkennen, da es im Hausflur zu dunkel ist.
Der Hund geht an ihm vorbei durch die Haustür auf die Straße, Jens folgt ihm. Er fässt sein weiches Fell an, dabei sagt der Hund:
„Du kannst mich ruhig streicheln so viel du willst, hat lange keiner mehr gemacht“.
„Bist du ganz alleine in der Geisterstadt unterwegs?“ fragt Jens.
„Ich habe noch Lara, meine Freundin. Doch die schläft gerade. Hast du auch so eine Angst vor den Geistern?“
„Gegen die Skelette habe ich schon gekämpft, gegen Geister noch nicht. Aber ich habe Waffen und Weihwasser bei mir.“
„Den Skeletten habe ich auch schon oft in die Knochen gebissen, die haben mittlerweile Angst vor mir. Aber diese Geister jagen mir jedes mal einen Schrecken ein“ jammert der Hund und neigt seinen Kopf zur Seite während er gestreichelt wird.
Genau in dem Moment hört Jens ein Geräusch eines Vogels, er schaut nach oben und sieht wie der Rabe Flatterflink auf einem Fensterbrett in der ersten Etage des Hauses landet.
„Na, mein Junge, hast du dich in Krondor schon eingelebt?“ fragt ihn der Rabe.
„Ja, ich bin jetzt unterwegs zur Villa des Grafen.“ sagt Jens und hält sich zum Schutz vor der Sonne die Hand an die Stirn.
„Was willst du da?“ fragt ihn Flatterflink.
„Ich will raus finden, wie er die Skelette lebendig macht. Schau mal, ich habe jetzt einen Hund an meiner Seite“ sagt der Junge und zeigt auf den Schäferhund.
„Nicht schlecht, der wird die Untoten mit seiner Spürnase wittern und dich vor ihnen warnen. Außerdem wird er dir beim Kampf helfen, sei nett zu ihm, damit er bei dir bleibt“ sagt der Rabe und putzt sich seine Federn.
„Kannst du mich nach meinem Abenteuer hier wieder nach Hause führen? Ich weiß gar nicht wie ich in meine Stadt von hieraus kommen soll.“
„Zuerst musst du das Abenteuer hier in Krondor lebend bestehen, dann können wir darüber reden. Ich wünsche dir viel Glück, denn es wird schwer werden bei den ganzen Geistern und Skeletten in der Stadt“ spricht der Rabe und flattert davon.
Jens schaut ihm hinterher und denkt an seinen Flug über den Wald mit dem Raben als er sich klein gezaubert hat. Eigentlich hätte er ihn fragen können ob er ihn zur Villa bringt, aber ihm kommt in den Sinn, dass er schon mal runter gefallen ist als er mit ihm flog. In Gedanken geht er weiter auf das große Haus zu welches hundert Meter vor ihm steht.
Einen Augenblick später steht er vor dem Krankenhaus, sein Tor ist weit geöffnet und eine Bahre versperrt den Weg. Der Junge schiebt sie zur Seite und geht durch das Tor in einen dunklen Gang. An den Seiten sind Türen, als er eine von ihnen öffnet erkennt er ein großes Krankenzimmer mit Betten und Nachttischen.
Erschrocken geht er einen Schritt nach hinten als er ein Skelett auf dem Boden sieht. Harras geht mit einem Knurren auf ihn zu und beschnüffelt ihn. Gleich darauf beruhigt Jens sich aber wieder, er hat sich mittlerweile an den Anblick dieser Nachtwesen gewöhnt. Auf einem der Nachttische sieht er ein Buch, als er es in die Hand nimmt schlägt es von alleine auf. Jens lässt das Buch aufs Bett fallen, doch die Seite bleibt aufgeschlagen. Er will es wieder zuklappen und auf den Nachttisch legen, aber so sehr er sich auch anstrengt, er bekommt das Buch nicht zu. In der Zeit hat Harras mit dem Bellen angefangen, auch ihn irritiert das Buch. Ein Blick auf die Seiten verrät ihm, dass es ein Buch über das Leben nach dem Tod ist. Jens verlässt das Zimmer wieder, dabei fragt er sich ob er nach seinem Tod als Geist weiter leben wird.
In dem Gang des Krankenhauses ist es ihm zu dunkel, er holt die Fackel aus seinem Ranzen und zündet sie an. In irgendeinem Zimmer wird doch ein Verbandskasten sein, denkt er sich und am Ende des Ganges sieht er Licht. Dort ist ein großes Fenster, durch das er in ein Zimmer schauen kann. Als er durchsieht durchzuckt ihn ein Blitz. In dem Raum steht ein Skelett. Sofort dreht er sich vom Fenster weg. Er lehnt sich an die Wand. Nun schließt er die Augen und ärgert sich, dass er die Stange in der Hütte gelassen hat.
Für einen Moment herrscht Stille in dem Gang. Der Schäferhund dagegen geht am Fenster vorbei in den Raum, dabei wedelt er mit dem Schwanz. Jens wundert sich, normalerweise würde es doch in dem Raum, in dem das Skelett ist, zu einem Kampf mit dem Hund kommen. Außerdem ist in dem Raum helles Licht, das Skelett müsste auf dem Boden liegen und schlafen. Vielleicht ist es ja ein nettes Skelett. Vorsichtig dreht der Junge sich zum Fenster und schaut durch. Er atmet erleichtert auf. Denn es ist ein Skelett, welches an einem Stativ hängt, wahrscheinlich ist es aus Plastik.
Sogleich betritt Jens den Raum, in dem ein großer Schrank und ein langer Tisch mit einem Stuhl stehen. Das Zimmer wird beleuchtet durch ein Fenster, welches offen steht. Er öffnet alle Schubladen des Tisches und als er den Schrank öffnet sieht er einen orangefarbenen kleinen Kasten. In ihm findet er Verband, Pflaster und eine kleine Schere, die Salbe darin wirft er weg, denn sie wird bestimmt nicht mehr haltbar sein. Den Kasten verstaut er in seinem Ranzen, er hofft aber, dass er ihn nicht brauchen wird.
Gegenüber des Raumes sieht Jens eine Tür auf der „Operationssaal“ steht. Jens öffnet die Tür und beleuchtet den kleinen Saal in dessen Mitte eine Liege steht mit seiner Fackel. Neben der Liege ist ein kleiner Tisch mit Pinzetten, Scheren und einem Skalpell. Plötzlich hört er hinter sich ein Geräusch, er dreht sich um und sieht einen weißen Kittel auf sich zufliegen. Jens hält ihm die brennende Fackel entgegen, doch der Kittel lässt sich nicht beirren, fliegt um ihn herum und bleibt auf seinen Schultern liegen. Der Junge schaut die Liege und die Instrumente an, da bekommt er auf etwas Lust. Die Fackel klemmt er in eine Schublade eines Regals, er zieht den Kittel an und nimmt das Skalpell in die Hand.
„So, lieber Patient“, spricht er, „Sie haben zu viel geraucht, ich muss jetzt ihre Lunge herausoperieren. Keine Sorge, Sie bekommen auch eine neue“. Er stellt sich vor die Liege, bückt sich etwas und malt sich aus, wie er mit dem Skalpell einem Menschen die Brust öffnet. Auf einmal hört er einen lauten Schrei eines Mannes in seinem Kopf. Verwundert schaut er das Skalpell an und dieses sagt:
„Lass uns ein wenig spielen. Ich spreche den Patienten.“
Da fällt Jens ein, dass er dem Patienten erst eine Narkosespritze geben muss. Er sucht in dem Saal eine Spritze, auf einem breiten Tisch am Rande des Saals liegt eine.
„Entschuldigen Sie das mit dem Skalpell“, spricht Jens. „Ich bin heute nur der Ersatzarzt, außerdem bin ich noch ein Junge und habe noch nicht so viel Erfahrungen mit Operationen. Sie können mir ihr Schicksal aber ruhig anvertrauen, nach der Spritze werden sie selig einschlafen und irgendwann mit einer neuen Lunge wieder aufwachen.“
„Da bin ich ja beruhigt“ sagt die Spritze mit der Stimme des Mannes, den er eben noch schreien gehört hat. „Mit einer neuen Lunge kann ich doch wieder so viel rauchen wie ich will, oder?“
„Sie müssen es sich überlegen“, erklärt Jens, „wenn ihnen meine Operation gefallen hat können Sie ruhig so viel rauchen bis sie von mir wieder eine neue Lunge brauchen.“
Vorsichtig sticht er die Spritze, die leer ist, in die Liege und in seinem Kopf hört er ein leises „Ahhh!“. Einen Augenblick wartet er, dabei fällt ihm ein, dass er noch Handschuhe braucht. Er sucht in dem Schrank und in dem Tisch und findet schließlich ein paar weiße Gummihandschuhe. Harras hat es sich in der Zeit an der Tür bequem gemacht, er liegt auf dem Boden und schaut Jens zu.
Von dem kleinen Tisch mit den Instrumenten nimmt er das Skalpell in die Hand und jetzt stellt er sich vor, wie er die Brustdecke eines erwachsenen Mannes öffnet. Ganz langsam bewegt er das Skalpell hin und her, als er es in einem Kreis in der Luft bewegt hat legt er das scharfe Messer auf den kleinen Tisch. Jetzt stellt er sich vor, wie er die Brustdecke des Mannes hoch hebt. Da er noch nie eine Operation gesehen hat muss er improvisieren.
Dass das völlig unrealistisch ist einem Patienten einfach so mal eine Lunge raus zunehmen und eine neue einzupflanzen weiß er schon, aber in seiner Fantasie sind ihm hier keine Grenzen gesetzt. Er stellt sich vor wie er die Lunge des Mannes raus nimmt und sie einer Krankenschwester gibt. Danach legt er ihm eine neue ein und sucht auf dem kleinen Tisch eine Nadel und einen Faden. Die Nadel findet er bei den Instrumenten, den Faden muss er sich vorstellen. Auch hier arbeitet er ganz langsam, er stellt sich vor, wie das Leben eines Menschen von seinem Können abhängt.
Nach 20 Minuten ist er mit der Operation fertig, er will schon die Liege raus fahren, da steht Harras auf einmal ruckartig auf und schnüffelt an der Tür. Jens vergisst für einen Moment sein Spiel, nimmt die Fackel in die Hand und öffnet langsam die Tür. Der Hund drückt dagegen, Jens gibt schließlich nach, sofort stürmt das Tier aus dem Saal. Als Jens wieder in dem Gang ist kommt Harras zurück. Der Junge streichelt seinen Kopf und fragt:
„Was hast du denn gehabt, Harras?“
„Ich dachte, da wäre ein Kaninchen oder irgendwas anderes zu fressen gewesen. Es war aber nur eine Maus“ jammert der Hund.
Jens schaut nach vorne in das Arztzimmer, in dem er den Verbandskasten gefunden hat und sieht eine Uhr an der Wand. Sie zeigt fünf Uhr an, Jens erschrickt erst. Doch die Uhr ist stehen geblieben, wer weiß, wie lange sie schon nicht mehr geht. Trotzdem will Jens jetzt das Krankenhaus verlassen, er will hier nicht zu viel Zeit verlieren.
Als sie wieder auf der Straße sind sehen sie von weitem eine Kirche. Das ist bestimmt ein guter Rückzugspunkt für den Notfall, denkt sich der Junge. Denn es ist ein heiliger Ort, den keine bösen Wesen sich trauen zu betreten. Beim Laufen sieht er neben sich ein Friseursalon, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ist eine Metallwerkstatt. Ganz kurz überlegt er in die Werkstatt zu gehen und sich einen harten Eisenstab zu holen, doch die Untoten schlafen jetzt und er ist sich sicher rechtzeitig wieder in Wolframs Hütte zu sein.
Er bleibt stehen, dabei will er aus seinem Ranzen den Stadtplan holen, da hört er vor sich ein Geräusch. Er schaut nach vorne und sieht wie ein roter Ball gegen eine Hauswand rollt. Blitzschnell versteckt sich Jens hinter einer Mülltonne und greift nach seinem Dolch während Harras stehen bleibt und nicht aufhört zu knurren. Wer spielt hier wohl mit einem Ball?
Aus sicherer Entfernung sieht Jens wie der Ball immer wieder gegen das Haus rollt, langsam erhebt sich der Junge aus seinem Versteck. Denn niemand tritt den Ball, er scheint sich von ganz alleine zu bewegen. Langsam geht er auf den Ball zu und als er vor ihm steht springt der Ball ihm in die Hände. Den Dolch hat Jens fallen gelassen, er hält jetzt den roten Ball in beiden Händen und hört ihn sprechen:
„Komm, schieße mich mal richtig in die Luft. Von alleine komme ich nicht so hoch.“
Jens lässt den Ball fallen und tritt ihn nach oben, der Ball fliegt in die Luft, kommt aber sofort wieder zurück gerollt.
„Sag mal geht das nicht höher? Hast du nicht mehr Kraft, kleines Kind?“ fragt ihn der Ball.
„Ich werde es dir schon zeigen, roter Ball“ sagt Jens und nimmt den Ball wieder in seine Hände.
Er holt mit seinem Bein weit aus um ihn hoch in die Luft zu treten. Harras, der die ganze Zeit geknurrt hat, rennt dem Ball hinterher.
Der Ball kommt immer wieder zurück gerollt und wenn Jens ihn besonders hoch geschossen hat bedankt er sich bei ihm. Jens hebt den Dolch vom Boden auf und spielt beim Gehen mit dem Ball. Und Harras rennt immer los wenn er den Ball schießt, er springt hoch und versucht ihn zu fangen.
Auf einmal kommt der Ball nicht mehr zurück gerollt, er kullert in ein großes Gebäude. Über dem Eingang hängt ein Schild auf dem steht „Museum“ drauf. Harras folgt dem Ball und verschwindet in dem Haus, Jens rennt ihm hinterher.
Es dauert etwas bis der Junge den Ball wieder gefangen hat, er steht jetzt im Foyer des Museums, zu seiner Seite befindet sich eine Theke mit einer Kasse. Neben ihr liegen Zettel auf denen steht, dass es sich um ein ethnologisches Museum handelt. Der Schäferhund geht durch das Foyer in eine Halle, Jens ruft ihn zurück und geht ihm hinterher.
In der Halle stehen viele Vitrinen mit Artefakten, in der Mitte ist eine menschenartige Figur mit einem Rock aus Stroh und am Ende der Halle sieht er ein großes Kanu. Jens schaut in die Vitrinen und sieht dort Schmuckgegenstände, kleine Götzenstatuen und Werkzeuge. An der Wand hängt eine braune Maske mit weißen Strichen, der Junge nimmt sie und setzt sie spaßeshalber auf. Und bekommt sie nicht mehr ab. So doll er auch zieht, sie scheint an seinem Gesicht festgeklebt zu sein. Wütend stampft er auf dem Boden und zerrt an der Maske, Harras dagegen bellt und wedelt mit dem Schwanz.
Nach ein paar Minuten gibt Jens es auf die Maske vom Gesicht zu ziehen, er fragt sich was er machen soll. Er fässt die Maske mit der Ringhand an und fragt sie:
„Was bist du für eine Maske?“
„Ich gehöre dir, ich werde dir stets zu Diensten sein, mein Herr!“ spricht die Maske mit zittriger Stimme.
„Bitte, lass von meinem Gesicht los“ fleht der Junge.
„Aber du hast mich doch aufgesetzt, damit ich dich vor bösen Geistern schützen soll“ meint die Maske.
„Jetzt schlafen die Geister doch noch“ sagt Jens und zieht an der Maske.
„Du musst ein Lied singen um mich wieder los zu werden.“
„Was für ein Lied?“
„Das Lied des Windes und des Feuers.“
„Wie geht es?“
„Weiß ich nicht mehr, ich habe es schon tausend Jahre nicht mehr gehört.“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20494 Verfasst am: Mi 20.Mrz.2013 21:54
 
Der magische Ring Teil 7
 
Immer wieder zieht Jens an der Maske in der Hoffnung sie abnehmen zu können. Doch sie bleibt fest an seinem Gesicht kleben, er weiß gar nicht was er jetzt machen soll. Vor dem Kanu bleibt er stehen, er fässt es mit seiner Ringhand an und das Kanu spricht:
„Nimm bei mir Platz, ich habe dich lange nicht mehr gesehen.“
Das Kanu meint bestimmt die Maske geht es dem Jungen durch den Kopf. Vorsichtig setzt er sich rein und Harras springt ihm nach. In dem Moment in dem er sich hinsetzt beginnt das Kanu sich zu bewegen und Jens sieht, dass die Halle mit Wasser gefüllt ist. Ist das Wasser echt oder ist es nur eine optische Täuschung verursacht durch die Maske?
Mit der Hand fässt er ins Wasser und fühlt das es wirklich da ist. Langsam treibt das Kanu an den Vitrinen vorbei, es wippt in den kleinen Wellen von einer Seite zur anderen. Jens springt heraus und wird an den Beinen ganz nass. Das Wasser ist jetzt aber verschwunden, das Kanu hat sich in der Zeit wirklich bewegt, es steht jetzt neben der großen Figur mit dem Rock.
Jens fässt sie mit seiner Ringhand an und fragt:
„Kannst du mir helfen die Maske abzulegen?“
„Du gefällst mir aber mit der Maske viel besser“, sagt die Figur. „So bist du einer von uns.“
„Ich brauche das Lied des Windes und des Feuers. Kennst du es?“ fragt der Junge.
„Wieso willst du die Maske unbedingt ablegen? Sie bietet dir doch den besten Schutz im Kampf gegen gefährliche Gegner.“
Jens überlegt kurz und sagt:
„Naja, ich würde sie schon gerne zwischendurch mal abnehmen. Ich will sie nicht mein Leben lang aufgesetzt haben.“
„So kannst du sie aber auch nicht verlieren.“
„Bitte sage mir das Lied“ fleht Jens.
„Ich müsste die Melodie wieder hören, du müsstest sie pfeifen, dann würde mir der Text sicher wieder einfallen.“
„Woher soll ich denn die Melodie wissen?“
„Du musst dem Pfeifen des Windes und dem Knistern des Feuers zuhören, dann wirst du bestimmt auf sie kommen.“
Enttäuscht lässt der Junge die Figur wieder los, er zieht wieder an der Maske und hofft, dass sie irgendwann von alleine abgeht. Er nimmt sich vor in die nächste Halle zu gehen, vielleicht findet er da etwas was ihm weiterhilft. Harras folgt ihm, dabei schiebt er mit seiner Schnauze den roten Ball vor sich her.
In der zweiten Halle sieht Jens einen großen Speer und ein Holzschild an der Wand hängen. Vorsichtig nimmt er den Speer in die Hand, er überlegt, dass er eine gute Waffe gegen die Skelette wäre. Beim Laufen hört er auf einmal ein Flöte, die einzelne Töne spielt. Immer wenn er einen Schritt geht spielt sie einen anderen Ton. Ist das vielleicht die Melodie, nach der er sucht?
Er folgt den Tönen und steht schließlich vor einem Glaskasten, in dem eine Flöte liegt. Der Kasten ist zerbrochen, behutsam nimmt der Junge die Flöte raus und schaut sie sich an. Er bläst in sie hinein, dabei spielt er ein paar Töne, ihn würde es aber vielmehr interessieren was die Flöte von alleine gespielt hat. Er legt sie wieder in den Kasten und bewegt sich, jetzt spielt sie wieder nach jedem seiner Schritte einen Ton. Aber das sind keine zufälligen Töne findet er heraus, es hängt davon ab wie weit er sich von ihr befindet. Wenn er auf dem Fleck stehen bleibt und ein paar mal hüpft erklingt immer der selbe Ton. Geht er einen Meter weiter ertönt ein anderer.
Den Speer legt er auf dem Boden, er will ihn aber auf keinen Fall vergessen. Da wo er jetzt steht ist eine Vitrine mit einem Steinhammer, sein Griff ist mit eingebrannten Ornamenten geschmückt. In der Vitrine ist ein Loch, er nimmt den Hammer raus um ihn sich anzuschauen. Als er ihn in der Hand hält spürt er auf einmal in seinem Körper ein brennendes Feuer, sein Blut kocht, seine Finger zittern und mit einem lauten Schrei wirft er den Hammer durch die Halle. Er landet in einer Vitrine, die zerbricht, Jens dagegen fässt sich erschrocken an den Mund. So etwas wollte er gar nicht tun, irgendwie hat ihn der Hammer aber dazu gezwungen.
Ein paar Meter weiter sieht er eine Vitrine mit einer Steintafel. Auf der Tafel sind kleine Symbole geritzt, Kreise und Striche, normalerweise würden sie Jens nichts sagen. Doch als er sie anschaut kann er sie auf einmal lesen, wahrscheinlich liegt es an der Maske die er trägt. Folgende Zeilen kann er entziffern:
„Der Wind schwingt leise seine Flügel, er umsaust geschwind unser Ohr,
lieber Freund, scheue dich nicht, bleibe stehen und habe keine Angst davor.
Über uns rauscht der Wind in pfeifendem Ton, er umschlingt unseren Geist,
und unserem Feuer, das unsere Hände wärmt, gibt er Kraft, denn es heißt,
dass sein Knistern unsere Seele beruhigt und dem Schatten seine Nahrung schenkt,
doch du darfst nicht vergessen es zu füttern, denn sonst seine Flamme sich senkt.“
Während Jens die Zeilen lesen kann singt er sie in einer Melodie, die er noch nie gehört hat. Als er das Ende der letzten Zeile singt fällt die Maske mit einem Poltern auf dem Boden. Jetzt bloß die Maske nicht mehr anfassen, denkt er sich und fässt sich erleichtert an die Brust. Bei erneutem Hinschauen auf die Tafel kann er keinen Text mehr lesen, scheinbar geht es nur mit der Maske.
Sofort beschließt er das Museum wieder zu verlassen, er nimmt den Speer in die Hand und geht mit eiligen Schritten aus der Halle. Bei der Figur mit dem Rock bleibt er stehen und fässt sie an, dabei sagt er:
„Ich habe eben das Lied des Windes und des Feuers gesungen.“
„Bitte singe es mir vor, ich habe es lange nicht mehr gehört, es ist eins meiner Lieblingslieder“ schwärmt die Figur.
„Ich weiß nicht, ob ich es noch hinbekomme, ich werde es versuchen“ sagt Jens und kratzt sich kurz am Kopf.
Nun singt er das Lied nochmal, er bleibt aber bei der zweiten Zeile hängen und denkt nach wie das Lied weiterging. Die Figur, die er noch berührt, beginnt das Lied weiterzusingen, Jens fällt es wieder ein und singt mit. Dabei bewegt sich der Rock der Figur, der aus Stroh ist, leicht hin und her. Nachdem sie mit dem Lied fertig sind sagt die Figur:
„Toll, na klar, so ging das Lied. Es ist schön es mal wieder gehört zu haben. Ich habe dabei unser Lagerfeuer im Dschungel und meine Brüder gesehen. Danke!“
Jens verabschiedet sich von der Figur und verlässt das Museum, er dreht sich um und sagt zu Harras, dass er kommen soll. Doch der Hund schnüffelt auf dem Boden und beachtet ihn nicht. Verstehen kann er den Jungen nur, wenn er ihn mit dem magischen Ring anfässt. Jens nimmt zwei Finger in den Mund und pfeift, der Hund schaut auf und geht zu ihm. Mit dem Speer in der Hand verlässt Jens das Museum.
Auf der Straße geht er jetzt mit schnellen Schritten, denn er weiß, dass er einiges an Zeit verloren hat. Zu seiner rechten ist ein Geschäft für Modellbau, er bleibt kurz stehen, dabei schaut er sich durch das Schaufenster ein Modellflugzeug an, welches an einer Schnur von der Decke hängt. Hier in Krondor können diese Flugzeuge bestimmt wirklich fliegen, denkt er. Am liebsten würde er das Geschäft betreten aber er beschließt sich lieber zu beeilen und geht weiter.
Nun kommt er an der Kirche vorbei, die er schon von weitem gesehen hat. Schnell geht er zu ihrem Tor, er will nur testen ob es offen ist. Mit einem Ruck öffnet er den Eingang der Kirche und schaut kurz in die große Halle mit ihren Bänken und den farbigen Fenstern. Wenn er mal mehr Zeit hat will er sie sich genauer anschauen und vielleicht auf der Kirchenorgel etwas spielen. Doch jetzt schließt er das Tor und beginnt zu rennen, er will endlich die Villa des Grafen erreichen.
Nach zwanzig Minuten hat er den Neumannsee erreicht, er wird umsäumt von Bäumen und Sträuchern. Auf ihm schwimmen ein paar kleine Enten, die gelegentlich ihren Kopf ins Wasser tauchen. Die Villa steht am anderen Ende des Sees, sogleich macht er sich auf den Weg zu ihr.
Etwas später erreicht er das große Haus, welches aus grauen verwitterten Steinen besteht und ein rotes Dach trägt. Vor dem Eingang stehen Säulen und auf der breiten Tür ist ein großes rundes Gesicht gemalt. Und ein grauer Hund an einer Leine steht vor dem Eingang, er hat mit dem Bellen begonnen als er Jens und Harras erblickt hat. Der Schäferhund bellt zurück und nähert sich ihm langsam, Jens hält dem Wachhund seinen Speer entgegen mit dem er ihn verletzen will. Der graue Hand zerrt an seiner Leine, auf einmal reißt sie und er rennt auf Harras los. Der Junge will mit dem Speer den grauen Hund treffen, doch ist es schwierig, da beide Hunde in einem Getümmel stecken und er Harras nicht verletzen will. Sie kämpfen jetzt miteinander, Harras löst sich von ihm und flüchtet, der graue Hund folgt ihm. Einen Augenblick später ist nichts mehr von ihnen zu sehen, Jens fässt sich mit der Hand an den Mund und hofft, dass Harras nichts passiert.
Der Junge schaut auf das Haus, einige Fenster sind mit Vorhängen zugezogen und er befürchtet, dass der Graf wegen dem Gebell jetzt vielleicht raus kommt. Deswegen versteckt er sich hinter einem Gebüsch, von dem aus er den Eingang beobachten kann. Dabei schaut er auf das große kreisrunde Gesicht am Eingang, das wird der Rästelmund sein. Seine Augen sind geschlossen, seine Lippen bewegen sich leicht als ob er atmen würde.
Es vergeht ein Moment bis sich Jens traut aus dem Gebüsch zu treten. Ihm kommt der Gedanke, dass es vielleicht zu gefährlich für ihn ist in die Villa zu gehen. Er bleibt stehen, dabei schaut er den Rätselmund an und überlegt. Der Graf hat den Skeletten das Leben eingehaucht, um rauszufinden wie er es macht muss Jens in die Villa. Doch was ist wenn er ihn entdeckt? Ihm fällt ein, dass er noch einen Trank hat, der ihn unsichtbar macht. Sobald er in dem großen Haus ist will er ihn trinken, denn wenn er unsichtbar ist kann der Graf ihn nicht sehen. Er geht langsam auf den Rätselmund zu, bleibt vor ihm stehen und sagt:
„Hallo Rätselmund.“
Doch das große Gesicht schläft weiter.
„HALLO!“ ruft Jens.
Jetzt öffnet der Rätselmund langsam seine Augen, hustet kurz und fragt:
„Wer stört mich zu solch einer ungewöhnlichen Zeit?“
„Ich möchte in die Villa“ sagt der Junge.
„Das darf man nur wenn man eins meiner Rätsel löst. Ist dein Kopf bereit sich dem zu stellen?“
„Ja.“
„So höre zu:
Der arme Tropf
hat einen Hut und keinen Kopf
und hat dazu
nur einen Fuß und keinen Schuh.
Was ist das?“
Jens geht zwei Schritte zurück und schaut nachdenklich auf den Boden. Den Speer legt er auf die kleine Treppe die zur Tür führt. Er läuft im Kreis, dabei denkt er nach. Nun vermutet er, dass der Rätselmund einen kopflosen Geist mit nur einem Bein meint. Bisher hat er aber solch einen Geist noch nicht gesehen. Oder meint er einen Piraten, der sein zweites Bein verloren hat? Aber ein Pirat hat doch einen Schuh an. Welcher Mensch hat denn keinen Kopf und nur einen Fuß? Das kann doch nur ein Geist sein, wahrscheinlich muss er in Krondor nach ihm suchen und seinen Namen herausfinden.
„Kannst du es nochmal wiederholen?“ fragt er.
Der Rätselmund erfüllt ihm den Wunsch und wiederholt das Rätsel.
„Ist es ein Geist?“ fragt der Junge.
„Ich darf dir nur das Rätsel stellen, von mir bekommst du keine Hinweise“ sagt das große Gesicht an der Tür und grinst ihn an.
Jens runzelt die Stirn und denkt nach. Es kommt ihm so vor, dass er das Rätsel vorerst nicht lösen kann, enttäuscht dreht er sich um, geht ein paar Schritte und schaut auf den See, der von Bäumen umgeben ist. Als er einen Baum ansieht kommt ihm in den Sinn, dass ein Baum keinen Kopf hat, seine Krone ist der Hut und seine Wurzel könnte der Fuß sein.
Sofort dreht er sich um und geht wieder zu dem Rätselmund.
„Ein Baum“ sagt Jens in der Hoffnung das richtige gesagt zu haben.
„Falsch“ spricht das große Gesicht und lacht kurz auf.
Jetzt geht er von der Villa weg um sich am See hinzusetzen, dabei will er nachdenken. Immer wieder geht ihm das Rätsel durch den Kopf. Am See angekommen legt er sich hin, dabei blickt er in den Himmel. Er dreht sich um und legt sich mit dem Bauch auf das Gras, dabei schaut er die Villa an. Vor ihm befindet sich eine Blume, als er sie anschaut weiten sich seine Augen und er sagt:
„Eine Blume wird es sein. Ihre Blüte ist der Hut und das Ende ihres Stängels ist der Fuß.“
Sogleich steht er auf und rennt zu dem Rätselmund, nach einem kleinen Augenblick bleibt er aber stehen und schaut auf die Fenster der Villa. Was ist wenn der Graf ihn hier draußen sieht? Wahrscheinlich ist er wie alles in Krondor nur nachts wach und schläft am Tage, trotzdem nimmt sich der Junge nun vor vorsichtiger zu sein. In gebeugtem Gang schleicht er zu dem großen Gesicht und sagt leise:
„Eine Blume.“
„Auch das ist falsch. Du hast nur noch einen Versuch. Solltest du wieder falsch liegen schließe ich meine Augen und werde weiterschlafen“ droht ihm der Rätselmund.
Nun setzt sich Jens hin und denkt scharf nach. Vielleicht war die Blume schon nahe dran an der richtigen Lösung. Aber eine Blüte sieht ja auch nicht ganz so aus wie ein Hut, überlegt er. Eine Pflanze wird es bestimmt sein, denn sie hat anders als andere Lebewesen nur einen Fuß. In seinem Kopf denkt er an Pflanzen die einen Hut haben könnten, da kommt ihm ein Pilz in den Sinn, er schaut zu dem Gesicht an der Tür und spricht:
„Ein Pilz.“
„Sehr gut. Jetzt musst du nur noch den Schlüssel in meinen Mund geben, dann lasse ich dich rein“ sagt das große Gesicht.
Jens kniet sich auf den Fußabtreter und fragt sich woher er den Schlüssel nur bekommen soll.
„Du hast doch gar kein Schloss“ sagt er.
„Lege ihn in den Mund, ich bin nicht nur ein Rätselmund sondern auch eine Tür. Und Schlüssel schmecken mir am liebsten, vor allem der Messingschlüssel von meinem Haus“ sagt der Rätselmund und leckt sich die Zunge.
Vielleicht isst der Rätselmund ja meinen Schlüssel, sagt sich der Junge und holt aus seiner Hosentasche seinen Wohnungsschlüssel. Er legt ihn in den Mund des Gesichts, welches beginnt zu kauen. Doch es spuckt den Schlüssel wieder aus und meint:
„Pfui, der schmeckt nicht, der Schlüssel. Es muss schon der sein, der zu diesem Haus passt.“
Jens steht auf, kratzt sich am Kopf und fragt sich woher er nur den Schlüssel bekommen soll. Da hat er das Rätsel gelöst und kommt trotzdem nicht rein weil er den Hausschlüssel nicht hat. Vielleicht ist hinter dem Haus eine Tür oder ein Fenster offen, denkt er sich und steht auf. Mit seinem Fuß stößt er gegen den Fußabtreter und ein brauner Schlüssel kommt darunter zum Vorschein. Sofort bückt er sich, nimmt ihn in die Hand und legt ihn dem Gesicht an der Tür in den Mund. Der Rätselmund beginnt wieder zu kauen, er schmatzt dabei laut und schließt kurz die Augen.
„Dir sei Einlass gewährt, mein Freund“ sagt der Rätselmund während die Tür sich langsam öffnet. Vor Jens ist der Eingangsbereich der Villa, in der eine große Treppe nach oben führt. Schnell huscht der Junge rein, dabei schaut er sich um. Links neben dem Eingang ist eine große Uhr, Jens sieht, dass es jetzt halb vier ist. Auf der anderen Seite steht eine eiserne Ritterrüstung mit einem Schwert in der Hand und einem Schild auf dem Rücken. Neben der Uhr ist eine Tür, ihr gegenüber ist eine weitere. Auf dem Boden ist ein kreisrunder roter Teppich, auf dem der Schlüssel liegt, den er dem Rätselmund gegeben hat.
Wer weiß, vielleicht ist der Graf ja doch am Tage wach, deswegen holt er aus seinem Ranzen den Trank, der ihn unsichtbar machen soll. Er schaut sich die Tränke an, die mit Runen beschriftet sind und nimmt ein Schluck von dem Unsichtbarkeitstrank. Nachdem er ihn wieder in den Ranzen gepackt hat schaut er auf seine Arme und Beine, bevor er die Villa untersucht will er erst unsichtbar sein.
Während er auf seine Unsichtbarkeit wartet schließt sich langsam die Tür. Während sie sich schließt rennt Jens schnell zum Fußabtreter und legt den Schlüssel darunter. Als er wieder im Eingangsbereich steht merkt er, dass seine Arme verschwimmen, als er auf seine Schuhe schaut sieht er durch sie den Boden. Mit den Händen fässt er sich ins Gesicht, er hält seine Hand vor seinen Augen und sieht wie sie langsam unsichtbar wird. Vorsichtig geht er ein paar Schritte, er merkt, dass er ganz normal laufen kann. Er fässt die Ritterrüstung an und stellt fest, dass er sie fühlen kann.
Den Trank packt er in seine Hosentasche, denn er braucht ihn bestimmt bald, da die Unsichtbarkeit bestimmt irgendwann verschwindet. Jetzt will er in Ruhe die Villa untersuchen. Er öffnet die Tür, die rechts von der Treppe ist und sieht vor sich eine Bibliothek mit vielen Bücherregalen, zwischen ihnen sind hohe Fenster. An der Seite steht ein Tisch auf dem ein großes aufgeschlagenes Buch liegt. Jens geht zu ihm hin und sieht auf einer Seite ein großes Bild mit einer Frau, die auf dem Kopf Hörner hat zwischen denen eine rote Scheibe ist. Sie läuft auf einen schwarzen Hund zu, der auf dem Boden liegt. Der Blick auf den Umschlag des Buches verrät ihm, dass es eins über ägyptische Götter ist.
Vielleicht sind hier Magiebücher, vielleicht stehen da Zaubersprüche drin, mit denen der Graf den Skeletten die Lebenskraft gibt, denkt er sich. Er geht an den Regalen vorbei und findet schließlich ein schwarzes Buch in Leder gebunden mit der Aufschrift „Magie der Nacht“. Er nimmt es aus dem Regal und schlägt es auf. Neugierig liest er eine Zeile, die in einer seltsamen Sprache verfasst ist. Magie findet er neuerdings sehr spannend, zuhause hat er geglaubt, dass es sie nur in Märchen gibt doch seit er in Krondor ist weiß er, dass es Zauber gibt.
„Kojo iku malak iku goro bak fuju mandam dala as malak“ lautet die Zeile die er liest. Als er das letzte Wort gelesen hat schaut er sich um und wartet. Auf einmal wird es in der Bibliothek immer dunkler, am Ende kann er nur noch Schatten sehen. Ist es in dem großen Raum jetzt wirklich dunkel oder spielen ihm seine Augen einen Streich? Obwohl er das nicht weiß freut er sich ein Magiebuch in der Hand zu haben, er ist gespannt darauf was da noch für Zaubersprüche drin sind. Ein paar Minuten später wird es wieder heller in der Bibliothek, er schlägt das Buch in der Mitte auf und ohne sich die Überschrift und den einleitenden Text durchzulesen sucht er den Zauberspruch in der fremden Sprache.
Nachdem er den Zauberspruch gelesen hat wird ihm schwarz vor den Augen. Er legt das Buch in das Regal zurück und fässt sich mit der Hand an seinen Bauch. Neben dem Regal ist ein schwarzer Sessel auf dem er sich hinsetzt, ihm ist jetzt ganz übel geworden. Auf einmal merkt er, dass er immer kleiner wird, er sinkt in den Sessel, zu gerne würde er sich jetzt anschauen und sehen können was mit ihm gerade passiert. Aber er ist ja jetzt unsichtbar. Alles um ihn herum erscheint jetzt in weißen und schwarzen Farben. Seine Arme werden dünner, seine Hände größer, das kann er zumindest spüren. Mit der Hand fässt er seinen Bauch an und fühlt ein dichtes seidiges Fell. Die Helligkeit in der Bibliothek bringt ihn dazu zu blinzeln, als er zum Fenster schaut tun ihm die Augen weh. Er spürt ein großes Verlangen nach Dunkelheit.
Langsam bewegt er seine großen Hände und als er sie schneller bewegt erhebt er sich vom Sessel und schwebt in der Luft. Ist er jetzt ein Vogel? Seine Hände sind Flügel, die er nur hin und her schwingen muss um in der Luft zu bleiben. Ihm kommt in den Sinn, dass er jetzt vielleicht für immer ein kleines fliegendes Tier bleiben muss, er ärgert sich, dass er den Zauberspruch aus dem Magiebuch gelesen hat. Seinen Mund öffnet er um etwas zu sagen, aber nur ein seltsamer hoher Ton kommt heraus.
Da er länger schon nichts mehr gegessen hat bekommt er Hunger, sein kleiner Magen knurrt und er denkt an etwas zu essen. Doch als er sich eine Pizza und einen Hamburger vorstellt empfindet er nichts leckeres daran. Plötzlich kommen ihm Frösche und Insekten in den Sinn, darauf verspürt er jetzt einen großen Appetit.
Was ist wenn die Unsichtbarkeit nachlässt und der Graf ihn findet? Da Jens die Tür der Bibliothek geschlossen hat und das Fenster zu ist ist er in dem Raum eingesperrt. Nervös flattert er durch die Bibliothek, einerseits ist es für ihn ein schönes Gefühl fliegen zu können, andererseits sagt er sich dass er so schnell wie möglich in seine Menschengestalt zurück möchte.
Es dauert eine Stunde bis er wieder die Unsichtbarkeit verliert und als er auf seine schwarzen Flügel blickt bekommt er die Gewissheit eine Fledermaus zu sein. Ihm kommt der Rabe Flatterflink in den Sinn, der auch erst ein Mensch war und dann von der Hexe in einen Raben verwandelt wurde. Anders als er ist er aber nicht glücklich darüber, aber vielleicht bleibt ihm jetzt nichts anderes übrig als eine Feldermaus weiter zu leben. Er stellt sich vor wie er tagsüber immer auf einem Dachboden von der Decke hängen und schlafen wird während er in der Nacht durch die Stadt fliegt um Nahrung zu suchen.Vielleicht muss er noch mal in das Magiebuch schauen und einen Zauberspruch lesen mit dem er sich zurückverwandeln kann.
Sofort flattert er zu dem schwarzen Magiebuch und versucht es mit seinen Flügeln aus dem Regal zu ziehen. Nach mehreren Versuchen fällt es schließlich auf den Boden und bleibt aufgeschlagen auf dem Boden liegen. Jens fliegt zu ihm und blättert mit seinem Mund die Seiten um, er will die Seite finden auf der der Zauberspruch stand. Aber als er auf die Seiten schaut kann er nichts erkennen, nur kleine Punkte kann er sehen. Scheinbar kann er als Fledermaus nicht lesen.
Entmutigt fliegt er an die Decke, wie soll er sich nur zurückverwandeln? Seine Sachen und sein Ranzen liegen auf dem Sessel, sofort schaut er ob irgendwo der magische Ring liegt. Kurz darauf vergisst er diesen Gedanken, denn als Fledermaus kann er keinen Ring tragen.
Er landet mit seinem kleinen Körper auf dem Ranzen, welcher umkippt und sich öffnet. Mit einem Blick sieht er die Tränke darin und als er an den mit dem Weihwasser denkt kommt ihm eine Idee. Vielleicht muss er Weihwasser trinken. Denn ein Zauberspruch der Schwarzen Magie hat ihn in diese Fledermaus verwandelt und dieses Wasser ist gegen alles was mit dunkler Zauberkünsten zu tun hat. Langsam kriecht er in den Ranzen und zieht mit seinem Maul die Tränke raus. Als sie alle auf dem Boden liegen schaut er sie an, er weiß noch, dass der mit dem Weihwasser eine weiße Flasche war. Mit seinen Flügeln greift er nach ihr und mit seinem Maul zieht er an dem Korken.
Immer wieder rutscht er mit den Zähnen ab, er spürt, dass er besonders lange Eckzähne hat. Es dauert eine Weile bis es ihm gelingt das kleine Fläschchen zu öffnen. Sofort trinkt er daraus, es ist salzig und schmeckt nicht, doch das ist ihm gerade egal.
Starke Schmerzen in seinem Bauch bringen ihn dazu die Augen zu schließen, er strampelt mit den Beinen und hofft, dass dieses Gefühl bald vorbei ist. Allmählich werden seine Beine und Arme wieder länger und aus seinen Flügeln werden Hände. Doch das alles sieht er nicht, seine Augen sind zu während er sich auf dem Boden wälzt.
Nach zwei Minuten sieht er, dass er wieder ein Mensch ist, er fässt sein Gesicht und seine Beine an, dabei ist er ganz erleichtert keine Fledermaus mehr zu sein. Das erste, an das er denkt ist, wo der magische Ring ist. Er sucht auf dem Sessel und in einer Ritze findet er ihn. Sofort zieht er seine Sachen und den Ranzen wieder an, danach trinkt er den Unsichtbarkeitstrank. Auf dem Boden liegt das Magiebuch und er überlegt es sich noch mal anzuschauen. Vielleicht ist da ein Spruch um tote Skelette lebendig zu machen. Langsam wird Jens wieder unsichtbar, er nimmt das Buch in die Hand und setzt sich auf den Sessel.
Sein Herz beginnt zu pochen als er das Buch wieder in den Händen hält, er atmetet kurz durch, dabei schlägt er die erste Seite auf. Ängstlich schaut er auf die Seiten des Buches und ist bedacht die seltsame Sprache sich nicht anzuschauen. In dem Buch stehen Sprüche, mit denen man sich in die verschiedensten Nachtwesen verwandeln kann, sei es ein Vampir, ein Werwolf oder ein Zombie. Ein anderer Zauberspruch lässt den eigenen Schatten selbständig werden, man kann dann sogar mit ihm reden. Und er findet einen Spruch, mit dem man einen Stern verstehen kann. Wenn man sein Leuchten und Flackern anschaut, dann erzählt er einem eine Geschichte.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20496 Verfasst am: Sa 23.Mrz.2013 13:06
 
Der magische Ring Teil 8
 
Interessant findet Jens auch den Spruch mit dem man im Dunkeln sehen kann. Denn so einen Spruch könnte man in Krondor sehr gut gebrauchen. Hier schaut er auf die Zeile mit der unbekannten Sprache, nachdem er sie gelesen hat versucht er sie sich zu merken. Immer wieder liest er sie sich durch um sie in seinem Kopf einzuprägen. Er schließt die Augen und sagt den Spruch auf, er hofft, dass er sich ihn merken wird. Beim Weiterblättern stößt er auf einen Spruch mit dem man mit Toten reden kann. Kurz kratzt er sich am Kopf, dabei stellt er sich vor wie er in einem Friedhof steht, zu den Gräbern geht und mit den Verstorbenen redet. Es ist für ihn gerade ärgerlich, dass er nichts zu schreiben hat, die ganzen Sprüche in dieser mysteriösen Sprache kann er sich nur schlecht merken. Und Mitnehmen will er das Buch nicht um keinen Verdacht zu hegen.
Bis zum Ende des Buchs blättert er, doch findet er keinen Spruch mit dem man Tote wieder beleben kann. Wie macht der Graf die Skelette nur lebendig? Er legt das Buch wieder in das Regal und schaut auf die vielen Bücher in dem Raum. Vielleicht muss er hier noch weiter suchen, doch will er es auf ein anderes mal verschieben. Da es eine große Villa ist beschließt er die Bibliothek zu verlassen und sich weiter umzusehen. Als er im Eingangsbereich auf dem runden roten Teppich steht überlegt er wo er hingehen soll. Am besten ist es ich bleibe erst mal im Erdgeschoss und schaue mich da um, denkt er und er geht zu der Tür, die auf der anderen Seite ist. Sie führt zur Küche, als Jens sie betritt sieht er an der Wand Schränke, Töpfe und Körbe, in der Mitte des Raumes steht ein großer Tisch, auf dem mehrere verschlossene Gläser stehen. Es sind Gläser mit Wurst stellt er fest, als er daran denkt ein Wurstbrot zu essen knurrt sein Magen und er fässt sich mit der Hand an seinen Bauch.
In dem Moment, in dem sein Magen knurrt öffnet sich ein Schrank und zwei Brötchen fliegen in den Ofen. Aus einem anderen Schrank kommt ein Teller geflogen und landet auf dem Tisch, aus einer Schublade, die sich öffnet schwebt ein Messer und bleibt neben dem Teller auf dem Tisch liegen. Das geschieht weitgehend leise und als Jens die Brötchen im Ofen und die Wurst auf dem Tisch sieht bekommt er großen Hunger. Auf einem kleinen Tisch neben dem Ofen sieht Jens ein großen Teller mit einem Rinderbraten. Sofort reißt er sich ein paar Stücke von ab und isst sie.
Plötzlich hört er jemanden im Nebenraum die Treppen herunter gehen. Schnell schaut Jens sich in der Küche um. Er sieht gegenüber der Tür, durch die er gekommen war eine weitere. Mit hastigen Schritten geht er zu ihr, öffnet sie und geht rasch hindurch.
Nun befindet er sich in einem Abstellraum, an dessen Ende eine Treppe nach unten führt. In dem Raum sind Besen, Eimer, Putzmittel und viele Lappen und Tücher. Es ist etwas eng in dem Raum, Jens dreht sich zur Tür und schaut durch das Schlüsselloch in die Küche. Er sieht einen Mann in gebeugtem Gang reinkommen, er trägt einen roten Mantel mit einem Gurt. Auf dem Kopf hat er graue Haare, im Gesicht hat er tiefe Falten und eine Adlernase, auf Jens wirkt er düster und unheimlich. Verwundert bleibt er vor dem Ofen in dem die Brötchen sind stehen und sagt mit einer heiseren Stimme:
„Nicht so schnell, liebe Freunde, ich habe noch keinen Hunger.“
Er nimmt die Brötchen wieder aus dem Ofen und legt sie auf den Tisch, danach geht er zu einem grauen Behälter, der auf dem Boden steht und gießt sich Wasser in eine Tasse. Nachdem er die Tasse ausgetrunken hat verlässt er die Küche wieder.
Jens starrt durchs Schlüsselloch, dabei schluckt er. Der Graf ist jetzt wach, nun muss er aufpassen. Er greift in seine Hosentasche und fühlt den Unsichtbarkeitstrank, er weiß nicht wie lange er ihm reichen wird. Angst befällt ihn, irgendwie traut er sich nicht wieder in die Küche zu gehen. Als er sich umdreht sieht er vor sich Lichtstrahlen, durch die Ritzen der Tür dringt etwas Licht aus der Küche. Wie war noch mal der Zauberspruch mit dem man im Dunkeln sehen kann? Ihm gehen die Worte der seltsamen Sprache durch den Kopf, er schließt die Augen und konzentriert sich.
Nachdem er den Spruch aufgesagt hat öffnet er die Augen und erkennt, wie die Treppe und die Besenkammer beginnen dunkelblau zu leuchten. Neben der Treppe erkennt er jetzt eine weitere Tür, er geht langsam auf die Treppe zu und ist fasziniert davon, dass er sie im Dunkeln sehen kann. Langsam geht er sie herunter, vielleicht führt sie in ein Labor, in dem der Graf die Skelette lebendig macht geht es ihm durch den Kopf.
Die Treppe führt in einen großen Raum, in dem ganz viele längliche Säcke liegen. Jens vermutet, dass darin tote Skelette liegen, sogleich öffnet er einen und schaut rein. Eiseskälte überfällt ihn. In dem Sack erkennt er den Kopf einer Leiche. Jens kann sich gerade nicht bewegen. Mit großen Augen starrt er auf den toten Kopf. In der Hand hält er den Reißverschluss des Sackes. Ein unangenehmer Geruch strömt ihm in die Nase. Augenblicklich hustet er, er reißt sich zusammen, dreht sich um und verlässt den Raum mit eiligen Schritten.
Sofort geht er die Treppe wieder rauf, dabei stolpert er mehrmals und als er in der Besenkammer ist beruhigt er sich wieder. Sein Atem wird langsamer, er atmet tief durch und schaut durch das Schlüsselloch der Tür. Die Küche ist leer, keine Spur vom Grafen. Ganz behutsam öffnet er die Tür der Besenkammer, als sie quietscht schließt er die Augen und hofft, dass der Graf nicht in der Nähe ist und es hört. Nachdem er die Tür geschlossen hat geht er mit langsamen Schritten durch die Küche, als er auf den Rinderbraten schaut knurrt sein Magen. Genau in dem Moment fliegen die Brötchen vom Tisch wieder in den Ofen. Sofort holt Jens sie wieder raus und legt sie auf den Tisch. Er reißt etwas von dem Braten ab und isst es, dabei schaut er ständig zur Küchentür ob sie sich öffnet. Hoffentlich knurrt sein Magen jetzt nicht. Danach geht er vorsichtig aus der Küche raus und bleibt im Eingangsbereich stehen. Er spitzt seine Ohren und horcht, doch er kann nichts hören. Seine Arme schaut er an, noch ist er unsichtbar aber wenn der Zauber nachlässt muss er sofort den Unsichtbarkeitstrank trinken.
Schnell geht er jetzt die Treppe hoch, er kommt in einen Gang, der links, rechts und in der Mitte eine Tür hat und beschließt durch die linke Tür zu gehen. Kurz darauf steht er in einem Badezimmer, er will es schon wieder verlassen, da sieht er in der Badewanne einen Revolver mit Patronen. Einen Moment bleibt er stehen und schaut auf die Waffe. Er stellt sich vor, wie er sich auf der Straße hinter einer Mülltonne versteckt und aus einer sicheren Entfernung mit einer Schusswaffe auf die Skelette zielt. Sogleich geht er zu der Badewanne, bückt sich und greift rein. Als er reingreift wird seine Hand immer kleiner, sofort zieht er sie erschrocken wieder raus. Seine Hand ist aber noch ganz normal, er fässt sie mit der anderen Hand an und stellt keine Veränderung fest. Vorsichtig streckt seinen Arm in die Wanne und sieht wie dieser ganz winzig wird. Mit den Fingern kann er den Revolver jetzt berühren, doch seine Hand ist jetzt ganz klein und kann ihn nicht greifen. Nach einer Zeit gibt er es auf, er würde gerne wissen welcher Zauber in der Badewanne wirkt.
Kurz darauf dreht er sich von der Badewanne weg und sieht das Klo. Sofort verspürt er einen großen Drang zu pinkeln, er drückt seine Beine zusammen und geht von einem Bein auf das andere. Eine längere Zeit war er nicht mehr auf Klo, er kann es sich nicht verkneifen und hebt den Klodeckel hoch. Beim Pinkeln schaut er ständig zur Badezimmertür, er hofft,dass der Graf ihn nicht hört.
Als er fertig ist hört er Schritte auf das Badezimmer zukommen. Sofort geht er hinter die Badewanne. Mit nervösem Blick schaut er auf die Tür. Diese öffnet sich und der Kopf des Grafen lukt hinein. Er schaut sich im Badezimmer um und schließt die Tür wieder. Jens wartet einen Moment, dann geht er zur Tür, öffnet sie und schaut in den Gang. Mit schnellen Schritten geht er zu der gegenüberliegenden Tür, macht sie auf und sieht ein Atelier mit Bildern. Überall liegen Farbtöpfe mit Pinseln, an der Wand hängen Bilder und in der Mitte des Raumes steht eine Staffelei. Auf ihr erkennt er ein Bild einer Burg, die sich auf dem Mond befindet. Über ihr sieht man Fledermäuse fliegen, im Hintergrund sieht man die Erde.
Er schaut vom Bild weg und schaut auf die, die an der Wand hängen. Bei einem Bild bleibt er stehen, es ist ein Bild, auf dem eine bunte Spirale gemalt ist. Jens würde gerne seinen Blick davon abwenden, doch irgendwas zwingt ihn dazu das Bild anzustarren. Die Spirale bewegt sich jetzt langsam, er stiert eine Weile auf das Bild, sein Mund öffnet sich und Speichel tropft heraus. Leicht gebeugt steht er vor dem Bild und hat alles um sich herum vergessen, er ist völlig benebelt. Nach einer Zeit fangen seine Beine an zu zittern, er verliert das Gleichgewicht und fällt hin. Ihm ist speiübel geworden, er übergibt sich und fässt sich an den Bauch. Langsam kommt er wieder zu Bewusstsein, er schaut auf sein Erbrochenes auf dem Holzboden und wischt es mit der Hand unter einen kleinen Teppich, der in der Mitte des Raumes liegt.
Eigentlich will er sich die anderen Bilder in diesem Raum nicht anschauen, das mit der Spirale hat ihm gereicht. Aber bei einem bleibt er stehen, es ist ein leeres Bild auf dem der Schatten des Baumes fällt den man durch das Fenster sehen kann. Auf dem Bild formt sich der Schatten zu einem Gesicht, dabei bewegt es seinen Mund. Jens bekommt Angst und verlässt den Raum wieder, im Flur bleibt er stehen und schaut sich um. Die Küchentür öffnet sich und der Graf kommt heraus. Jens bleibt wie angewurzelt stehen. Was ist, wenn er ins Atelier geht? Jens steht genau vor der Tür dieses Raumes. Er hat sie geschlossen, jetzt kann er sie nicht mehr öffnen. Langsam geht er an die Wand. Mit seinem Ranzen drückt er sich dagegen. Dabei beobachtet er den Grafen. Dieser geht die Treppe hoch und verschwindet durch die mittlere Tür des Ganges.
Einen Moment wartet Jens, da merkt er, dass seine Arme und Beine wieder sichtbar werden. Sofort holt er den Unsichtbarkeitstrank aus seiner Hosentasche und trinkt einen kleinen Schluck davon. Sein Herz beginnt zu pochen, was ist wenn der Graf zurückkommt und ihn sieht? Er geht schnell in das Atelier zurück, dabei versucht er nicht auf die Bilder in dem Raum zu schauen. Die Hände faltet er zusammen und betet zu Gott, dass er schnell wieder unsichtbar wird. Schließlich passiert es auch, er atmet auf als er seine Arme und Beine nicht mehr sieht.
Vorsichtig geht er aus dem Atelier in den Gang und öffnet die mittlere Tür durch die der Graf verschwunden ist einen kleinen Spalt. Er sieht jetzt einen großen Flur, in dem drei Türen sind und links eine Treppe, die nach oben führt. Neben den Türen ist eine große Pflanze, auf der anderen Seite ist eine Skulptur aus Stein. Sie liegt auf dem Boden und zeigt mit dem einen Finger nach oben. Irgendwo hier oben wird der Graf sein, er muss jetzt ganz leise gehen. Er geht vorsichtig durch die Tür und steht im Flur. Die mittlere Tür ist offen, rasch huscht er rein.
In diesem Raum steht ein Piano in der Mitte, an der Wand ist eine große Harfe gelehnt, auf einem Stuhl liegt eine Gitarre und an einer Seite steht ein Regal mit Büchern. Jens will den Raum wieder verlassen, hier wird er wahrscheinlich nichts finden was ihm weiterhilft. Doch als er die Gitarre sieht fühlt er sich auf einmal von ihr angezogen, seine Hände fangen an zu kribbeln und ohne sich dagegen wehren zu können geht er auf sie zu. Eine wunderschöne Gitarrenmelodie erklingt in seinem Kopf, er nimmt die Gitarre in die Hand und setzt sich auf den Stuhl. „Nein, ich will nicht spielen“ flüstert er leise, plötzlich fangen seine Hände an auf der Gitarre zu spielen.
Eigentlich kann er gar nicht auf diesem Instrument spielen, aber jetzt spielt er sein zauberhaftes Lied, das er eben noch im Kopf gehört hat. Dabei runzelt er die Stirn, bewegt seinen Körper hin und her und flüstert das Wort „Nein“. Denn jetzt wird der Graf ihn bestimmt hören. In dem Moment, in dem er Schritte auf der Treppe im Flur hört, zuckt er zusammen, dabei zerrt er an einer Saite, welche reißt. Auf der Stelle hören seine Hände auf zu spielen, er legt die Gitarre auf den Stuhl zurück und krabbelt unter das Piano.
Die Tür öffnet sich und der Junge sieht jetzt nur die Beine des Grafen.
„Clara, ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht mehr von alleine spielen. Ach, Mann, jetzt ist dir sogar eine Saite gerissen“ sagt der Graf und bleibt vor dem Stuhl mit der Gitarre stehen.
Kurz darauf geht er zur Harfe und spielt sie an, Jens sieht, wie aus diesem Instrument kleine Sterne fliegen. Danach geht der Graf wieder aus dem Raum und Jens kriecht unter dem Piano hervor.
Schnell verlässt er den Raum wieder und öffnet die Tür, die rechts davon ist. In diesem Raum ist eine Couch, ein Schrank und ein Tisch mit einem Stuhl, an der Wand hängen kleine Bilder. Auf dem Tisch sieht Jens ein Buch, als er es aufschlägt sieht er, dass es ein Tagebuch ist. Er ist schon in Begriff darin zu lesen, da hört er Schritte auf das Zimmer zukommen. Hastig schließt er das Buch wieder und stellt sich neben der Couch, die dem Tisch gegenüber steht. Der Graf betritt das Zimmer, schließt die Tür und setzt sich an den Tisch. Er schlägt das Tagebuch auf, nimmt einen Stift in die Hand und beginnt zu schreiben.
Jens weiß, dass er aus dem Raum nicht gehen kann. Denn das Geräusch der Tür würde der Graf merken. Deswegen bleibt er neben der Couch stehen und will warten bis der Graf wieder rausgeht. Nach einer Zeit tun ihm die Beine weh. Er bückt sich und in dem Moment knarzt der Boden. Der Graf dreht sich um und schaut Jens an. In dem Moment durchzuckt den Jungen ein Blitz, er schaut dem alten Mann in gebückter Haltung genau in die Augen. Einen Augenblick später dreht sich der Graf wieder um und schreibt weiter. Jens schaut auf den Holzboden und ärgert sich, dass hier keiner aus Stein ist wie in den meisten Räumen. Er bleibt in seiner Haltung. Etwas später spürt er einen Schmerz in den Beinen. In dieser gebückten Haltung kann er nicht länger hocken. Mit einem Ruck setzt er sich hin und der Boden knarzt wieder. Jetzt dreht sich der Graf um und steht auf. Das Herz von Jens beginnt wie wild zu schlagen. Er hält sich die Hand vor dem Mund weil er Angst hat, dass der Graf seinen Atem hören könnte. Der Graf geht ein paar Schritte nach vorne und berührt mit seinen Beinen fast den Jungen. Seine Hand streckt er aus und greift in die Luft, direkt über Jens Kopf. Dem Geisterjäger zittern die Beine, er drückt sich mit seinem Ranzen gegen die Wand. Dabei entsteht ein Geräusch, sofort bleibt der Junge still. Der Graf bückt sich und schaut Jens genau in die Augen. Jens ist erstarrt und blickt den alten Mann mit offenem Mund an.
Einen Moment starren sich beide an. Mit einem Räuspern steht der Graf aber wieder auf und geht zu seinem Tisch um weiter zu schreiben. Jens beruhigt sich wieder und schließt seinen Mund. Die ganze Zeit hat er die Luft angehalten, jetzt atmet er wieder ganz normal. Gerne würde er wissen was der Graf in sein Tagebuch schreibt. Ein Blick zum Fenster verrät ihm, dass es allmählich dunkel wird und er macht sich Sorgen wie er wieder zu Wolframs Hütte kommen soll bevor die Nacht hereinbricht. Zum Glück hat er seine Tränke, denkt er sich. Vor allem an den Trank, mit dem man fliegen kann denkt er jetzt, er hat ihn ja noch nicht ausprobiert. Zum Glück hat er vorhin aus dem Unsichtbarkeitstrank getrunken, wenn er in diesem Zimmer auf einmal sichtbar werden würde würde der Graf ihn entdecken.
Was würde er wohl tun wenn er den Jungen schnappen würde? Jens denkt nach und ein Gruselgefühl überkommt ihm bei dem Gedanken ein Skelett zu werden. Vielleicht würde der Graf einen aus ihm machen. Warum hat er bisher noch keine Leichen in Krondor gesehen? Jens überlegt, dass der Graf die Menschen, die an der Seuche gestorben sind, in lebende Skelette verwandelt hat. Jetzt kann er den Raum nicht verlassen, daher denkt er noch eine Weile weiter nach.
Wie ist das Leben als Skelett? Er könnte dann nicht mehr reden und schläft immer am Tage. Können die Skelette denken? Müssen sie was essen und trinken? Bisher hat er noch keine lebenden Tier- oder Kinderskelette gesehen, wahrscheinlich braucht der Graf sie nicht. An die Skelette hat er sich mittlerweile gewöhnt, vor bösen Geistern hat er mehr Angst. Die wird er vielleicht treffen wenn er wieder zu Wolfram will. Ihm geht durch den Kopf, dass es vielleicht am besten wäre in der Kirche zu übernachten als den langen Weg durch die Stadt zu gehen. In der Kirche müsste er sicher sein vor bösen Untoten.
Auf einmal steht der Graf auf, dabei schaut er auf den Tisch. Scheinbar liest er noch mal sich das durch was er eben geschrieben hat. Eine Weile später dreht er sich um und verlässt den Raum. Jens atmet durch und steht auf, dabei schaut er auf seine Arme ob sie noch unsichtbar sind. Immer wieder blickt er zur Tür während er zu dem Tisch geht. Als er das Tagebuch sieht schlägt er es auf und liest:
„...der Fleck vor mir blähte sich zu einem monströsen, eindeutig geisterhaften Wesen auf. Es war groß und unförmig, mit karmesinroten Augen, die höllisch leuchteten, eine Gestalt des Schreckens, die auf den Winden zwischen den Sternen tanzte und mit großen Klauen nach mir griff. Solch einen Geist hatte ich noch nie gesehen, ich hob schnell meine Hand und sprach, dass ich sein Freund sein will. Doch es riss sein Maul auf, schrie mich an, ich erzitterte am ganzen Leib und flüchtete. Wie gerne hätte ich solch ein Wesen zum Diener. Meine Skelette sind langsam, sie könnten noch nicht mal ein Kind fangen. Besonders kräftig sind sie auch nicht. Eigentlich müsste ich mich mit den Geistern verbünden, doch die meisten von ihnen sind böse, die sich nicht unterwerfen lassen. Sie würden sich niemals einem Befehl eines Menschen unterordnen. Hoffentlich habe ich sie bald besiegt. Dann gehört mir ganz Krondor. Es war schon immer ein Traum von mir eine ganze Stadt zu besitzen. Die Straßen und Häuser hier wären mein Besitz, ich liebe es, dass hier keine Menschen sind. Ich hasse Menschen.“
Jens blättert ein paar Seiten zurück und liest folgenden Eintrag
„Aus seinem ovalen Körper ragten zahllose dünne, spitze Stacheln aus einem vielfarbigen Metall. An dem runderen Teil seines Körpers öffnete sich ein kreisrundes, mit dicken Lippen versehenes Maul inmitten eines schwammigen Gesichts, aus dem auf dünnen Stengeln drei gelbe Augen hervorsprangen. Die Unterseite seines Körpers war mit einer Vielzahl weißer Pyramiden übersät, die wahrscheinlich der Fortbewegung dienten. Die Gestalt türmte sich empor, pulsierte, erzitterte unter ohrenbetäubenden Vibrationen. Einer der Stacheln richtete sich auf einen Menschen, der wehrlos auf dem Boden lag. Da erwachte ich aus diesem schönen Traum, zu gerne hätte ich gesehen wie dieses beeindruckende Wesen den Menschen tötet. Mein größter Wunsch wäre es solche Wesen zu erschaffen. Doch die Schwarze Kugel ist nicht mächtig genug mir die kühnsten Träume meiner Fantasie zu erfüllen. Aber ohne sie würde ich nicht gegen die Geister kämpfen können, sie gibt den Skeletten die Kraft.“
Jens weitet seine Augen, was für eine schwarze Kugel meint der Graf? Neugierig liest er weiter:
„Es ist jammerschade, dass ich mit ihr nicht sprechen kann. Sie ist ja nur ein Gegenstand, zwar wertvoller als alle Menschen die ich kannte, aber ohne die Möglichkeit zu reden. Immer wenn ich meine Hand auf sie lege bilde ich mir ein ihre Gedanken hören zu können, aber es ist nur meine Fantasie. Ich weiß aber, dass sie einen Geist hat, sie denkt wie ich, sie liebt die Nacht und hat die selben Pläne wie ich. Dank ihrer Hilfe kann ich Tote lebendig machen. Was wäre wenn ich es schaffen würde alle Toten auf der ganzen Welt lebendig zu machen? Sie würden für mich kämpfen und die Menschheit, die ich so hasse, ausrotten.“
Jens blättert weiter, der nächsten Eintrag den er liest handelt davon, wie der Graf davon träumt mit einem ägyptischen Gott Kontakt aufzunehmen. Auf einmal hört der Junge Schritte, er schließt das Tagebuch wieder, geht drei Schritte zurück und schaut zur Tür. Er hört, wie der Graf eine Tür öffnet, durch den Flur läuft und die Treppe zur nächsten Etage hochgeht. Ein paar Sekunden später traut sich Jens sich wieder zu bewegen, er öffnet vorsichtig die Tür und verlässt den Raum wieder.
Als er auf die Statue schaut, die auf dem Boden liegt erschrickt er. Denn sie schaut ihm genau ins Gesicht, das hat sie aber auch getan, als er durch die andere Tür in den Flur gekommen ist. Sie ist groß und bestimmt kräftig, Jens hätte keine Chance gegen sie wenn sie ihn angreifen würde. Scheinbar kann sie ihn sehen obwohl er unsichtbar ist. Obwohl er gerade Angst verspürt bleibt die Statue liegen, sie kann vielleicht nur ihren Kopf bewegen.
Jens öffnet die Tür, die genau neben der Treppe ist und bleibt an der Türschwelle stehen. In dem Raum ist ein Billardtisch auf dem ein Skelett mit einem Hut und einem Kirl in der Hand liegt. Neben der Tür ist ein Tisch an dem drei Skelette sitzen, auf dem Tisch liegen Karten. Jens betritt den Raum und schaut die schlafenden Skelette an. Scheinbar können sie doch denken sonst könnten sie nicht Karten spielen. Spielen die Skat? Ein Blick auf den Kartenstapel in der Mitte verrät ihm, dass die Skelette Mau Mau spielen.
Plötzlich hört Jens ein Geräusch vom Billardtisch, er dreht sich um und sieht, dass das Skelett mit dem Hut eine Kugel geschlagen hat. Sein Knochenfuß zittert, sein Arm bewegt sich etwas und Jens verlässt den Raum sofort. Jetzt wird es allmählich dunkel und die Skelette erwachen zu Leben. Als er im Flur steht sagt er sich, dass er die schwarze Kugel finden muss die der Graf in seinem Tagebuch erwähnt hat. Ein Blick zur liegenden Statue zeigt ihm, dass sie wieder ihren Kopf zu ihm gedreht hat. Nun geht er zur Treppe und schaut die Statue dabei an, er sieht wie sie langsam ihren Kopf bewegt. Hoffentlich kann sie dem Grafen nichts erzählen. Ohne groß nachzudenken schaut er zur Treppe und geht sie hoch.
Er kommt in einen langen Gang, an dessen linker Wand befinden sich drei Türen. In einem der Zimmer ist der Graf, er geht mit leisen Schritten durch den Gang und sieht, dass die hinterste Tür offen ist. Vorsichtig späht er hinein, der Graf ist aber nicht drin. Nachdem er durch die Tür gegangen ist steht er in einem Schlafzimmer, am Fenster steht ein Fernrohr.
Auf dem Nachttisch liegt eine kleine dunkle Kugel, sofort denkt er an die die er sucht. Er nimmt sie in die Ringhand und hört sie sprechen:
„Gehst du jetzt schon schlafen? Was willst du träumen?“
Jens flüstert:
„Ich will noch nicht schlafen gehen, Kugel.“
„Warum fässt du mich dann an? Das machst du doch nur wenn du schlafen gehst und dir einen Traum wünschst, Herr.“
Jens weiß, dass die Kugel denkt er wäre der Graf. Er fragt:
„Ich fasse dich an weil ich mit dir reden will. Du bist doch meine Kugel, die Tote lebendig macht.“
Die Kugel leuchtet kurz hell auf und meint:
„Ach, über solche Zauber würde ich gerne verfügen. Ich kann nur einem Menschen einen Traum schenken. Mich freut es, dass wir jetzt miteinander reden. Seit wann kannst du denn mit Gegenständen sprechen?“
Der Junge legt die Kugel wieder vorsichtig auf den Nachttisch und verlässt das Schlafzimmer wieder. Er geht zu den anderen beiden Türen in dem Gang und schaut durch das Schlüsselloch. Durch das eine sieht er den Grafen wie er vor einer schwarzen Kugel steht, die auf einem Gestell liegt. Das wird bestimmt die Kugel sein die Jens sucht. Vorsichtig geht er zu der anderen Tür und als er durch das Schlüsselloch schaut sieht er einen Sandboden. Langsam öffnet er diese Tür und traut seinen Augen nicht. Die Tür schließt sich leise von alleine, sofort stellt Jens zwischen der Tür seinen Fuß. Er sieht sich in einer Mondlandschaft stehen. An den Wänden und der Decke sieht er das Weltall mit seinen funkelnden Sternen, an der rechten Wand erkennt er eine hellblaue Kugel, die Erde. Sofort fässt er die Wand an um zu sehen ob er noch in einem Raum ist. Doch er greift in die Leere, nur die Tür, an der er noch steht kann er fühlen. Von weitem erkennt er eine Burg auf dem Mond und er muss an das Gemälde denken das er im Atelier gesehen hat. Angst befällt ihn bei dem Gedanken die Tür zu schließen, er öffnet sie und geht in den Gang zurück.
Ein Blick durch das Schlüsselloch zeigt ihm, dass der Graf immer noch in dem Raum mit der schwarzen Kugel ist, er sitzt jetzt auf einem Stuhl und liest ein Buch. Jens weiß, dass er jetzt warten muss, deswegen beschließt er ins Schlafzimmer zu gehen. Diesen Raum wird der Graf wahrscheinlich nicht so schnell betreten, er ist ja vor kurzem aufgestanden. Jens setzt sich aufs Bett und schaut zum Fernrohr, da bekommt er Lust mit ihm aus dem Fenster zu schauen.
Das erste was er sieht ist ein Riesenrad, welches sich dreht. Zu seiner Freude ist ein Rummel in der Stadt, er hätte Lust sich ihn irgendwann anzuschauen. Auf den Straßen erkennt er Skelette, die sich bewegen und einige Geister kann er auch sehen. Er schaut vom Fernrohr weg und ärgert sich, dass Doreen nicht hier ist. So muss er ganz alleine zu Wolfram gehen wenn er mit der Villa fertig ist.
Man kann schon einige Sterne am Himmel sehen, Jens schaut sie sich mit dem Fernrohr an. Wie war nochmal der Zauberspruch mit dem man Sterne verstehen kann? So sehr er sich auch anstrengt und versucht sich daran zu erinnern, ihm fällt es nicht mehr ein. Erzählt der Stern einem dann was oder bildet man es sich nur ein ihn zu verstehen? Während er so noch nachdenkt hört er eine Tür zuschlagen und Schritte die zur Treppe gehen. Jens horcht und als er hört wie die Tür im Flur zugeht läuft er langsam aus dem Schlafzimmer raus.
Sofort geht er in den Raum in dem die schwarze Kugel steht. Der Raum ist gefüllt mit Büchern und Kisten, in einer Ecke steht eine Wasserpfeife auf einer Kommode und an der Wand hängt ein Gemälde auf dem ein junger Mann gemalt ist. Jens schaut die schwarze Kugel an, berührt sie mit seiner Ringhand und hört die Kugel sprechen:
„Schön dich wieder zu fühlen, Meister.“
„Wie machst du Tote lebendig?“ fragt Jens.
Einen Augenblick hört Jens nichts. Dann sagt die Kugel:
„Was ist denn das für eine Frage, du hast es mir doch beigebracht, Meister.“
Jens überlegt kurz und sagt:
„Ich weiß, ich habe es mir aber anders überlegt. Ich will, dass alle Skelette wieder tot sind.“
„Kannst...kannst du mich verstehen, Herr?“ fragt die Kugel mit einem Zögern.
„Ja.“
„Wie?“
„Ich habe einen magischen Ring mit dem ich mit Gegenständen reden kann“ antwortet Jens.
„Endlich, in unsäglich vielen Nächten wollte ich schon zu dir sprechen. Das mit den Skeletten ist ja eine feine Sache, aber mein größter Wunsch ist ein anderer.
„Und der wäre?“
„Ich bin eine Kugel, die sich auf diesem Gestell wie in einem Gefängnis fühlt. Mal nimmst du mich in den Keller und berührst mit mir eine Leiche, dann stellst du mich wieder hier hin. In meinen jungen Jahren bin ich einmal kurz gerollt, es war auf dem Tisch in der Werkstatt in der ich hergestellt wurde. Ach, diesen Moment werde ich aber nie vergessen, ich hatte das Gefühl, die Welt bewegt sich um mich. Weißt du wie es ist dieses Gefühl nur einmal in der Kindheit gehabt zu haben? Und dann noch so kurz? Alles war in Bewegung, alles hat sich gedreht, aber auf diesem Gestell ist mir fürchterlich langweilig. Wenn ich rolle, dann kann ich alles spüren, hier sitze ich immer auf dem selben Fleck, Herr.“
„Was soll ich jetzt tun?“ fragt Jens.
„Bitte nimm mich von diesem hässlichen Gestell und rolle mich, Meister. Mein Glas will den Boden spüren, ich will, dass der Raum sich wirbelt und dreht, dass alles von oben nach unten und wieder nach oben fliegt.“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20498 Verfasst am: Mo 25.Mrz.2013 14:54
 
Der magische Ring Teil 9
 
Vorsichtig nimmt Jens die schwarze Kugel aus der Halterung und rollt sie zwischen den Büchern auf dem Boden. Danach bückt er sich und fässt die Kugel an, diese sagt:
„War das schön! Bitte noch einmal!“
Jens rollt die Kugel ein paar mal hin und her, dabei kniet er auf dem Boden. Während er sie rollt lässt er sie nicht los und kann ihre Gedanken hören:
„Ach, ich wünschte, dieses Gefühl würde nie aufhören. Wenn ich vor Freude weinen könnte würde ich es tun, ich wusste schon gar nicht mehr wie schön es ist zu rollen.“
„Lass uns das mit den Skeletten beenden. Sie sollen nicht mehr durch Krondor ziehen und Geister angreifen“ sagt Jens der Kugel.
„Warum hast du deinen Plan geändert, Meister?“
„Ich traue mich nachts gar nicht mehr auf die Straße, überall kämpfen Geister gegen Skelette.“
„Na gut, dann beleben wir keine Skelette mehr. Wir haben ja schon ganz viele lebendig gemacht. Kannst du mich eigentlich die ganze Nacht auf dem Boden rollen? Wie ist es eigentlich eine Treppe runter zu rollen, das Gefühl kenne ich noch nicht.“
Während Jens die Kugel hin und her rollt überlegt er. Wird die Kugel jetzt dem Grafen ihre Magie verwehren? Bestimmt wird sie dem Grafen ihre Zauberkraft wieder geben wenn er sie braucht. Und was ist mit den Skeletten, die schon leben? Wie kann man sie wieder tot machen?
„Kugel, gibt es eine Möglichkeit alle Skelette wieder leblos zu machen?“ fragt er die Kugel.
„Naja, das geht nicht so einfach. Du müsstest in die Vergangenheit reisen. Da ist übrigens ein niedliches Steinchen auf dem Boden, rolle mich noch mal darüber.“
Jens überlegt und sagt:
„In die Vergangenheit kann man nicht reisen.“
„Doch, du müsstest in das...“
Erschrocken zieht Jens seine Hand von der Kugel, der Graf steht an der Tür. Der alte Mann starrt auf die Kugel während Jens einen Meter leise nach hinten kriecht. Jetzt nimmt der Graf die Kugel vom Boden und untersucht sie. Danach hält er sie hoch in der Luft und singt:
„Meine Kugel lebt!!! Meine Kugel lebt wirklich! Du bist vom Gestell gesprungen um dich zu bewegen. Und deine Stimme habe ich gehört, du hast die Stimme eines Kindes. Ich liebe dich!“
Mit einem dicken Schmatzer küsst er sie und sagt:
„Bitte sprich nochmal! Bitte! Du bist das einzige was zählt in meinem Leben.“
Er hält die Kugel an sein Ohr und horcht.
„Bitte sprich noch mal, mein Schatz!“
Eine Weile hält er die Kugel vor sein Gesicht und wartet. Danach sagt er:
„Komm, wir gehen in den Keller und beleben ein paar Skelette. Ich liebe dich von ganzem Herzen.“
Nachdem er sie noch mal geküsst hat verlässt er das Zimmer wieder. Langsam erhebt sich Jens und fragt sich was die Kugel meinte. Sie wollte ihm eine Möglichkeit nennen in die Vergangenheit zu reisen. Geht so etwas?
Er grübelt nach, ihm gehen seine Abenteuer in der Geisterstadt durch den Kopf die fantastisch waren. Dann wird hier vielleicht eine Zeitreise auch möglich sein. Links von ihm ist ein Gemälde, als er es sich anschaut erkennt er einen Mann mit einem Pelzmantel und einem Stock in der Hand. Sagt ihm das Bild vielleicht was?
Als er mit der Hand das Bild anfassen will merkt er, dass er hindurch greift. Sofort zieht er die Hand wieder aus dem Bild. Er fässt mit der Ringhand den Rahmen des Gemäldes an, doch kann er keine Stimme in seinem Kopf hören. Ihm ist während seines Abenteuers aufgefallen, dass nicht alle Gegenstände zu ihm sprechen. Und er glaubt, dass er es irgendwie steuern kann. Wenn er keine fremden Stimmen in seinem Kopf hören will, dann kommt auch keine. Doch hier bei dem Gemälde wollte er eine Stimme hören.
Die vielen Bücher in dem Raum will er sich nicht anschauen, nur das, was der Graf vorhin gelesen hat. Es liegt auf einem Stuhl, als Jens es in den Händen hält sieht er, dass es aus leeren Blättern besteht. Als er auf eine Seite länger schaut erkennt er, wie die Buchstaben erscheinen, erst grau und dann schwarz. Dann fangen sie sich an zu bewegen, sie rennen aus der Seite raus und verschwinden. Irritiert legt er das Buch wieder auf den Stuhl und nimmt sich vor auf die Kugel zu warten. Denn sie soll ihm verraten wie er in die Vergangenheit reisen und die Belebung der Skelette wieder rückgängig machen kann.
Jens will sich auf den Stuhl setzen, plötzlich hört er Schritte auf das Zimmer zukommen. Danach ist Pause. Jetzt öffnet sich die Tür und ein Skelett schaut mit dem Kopf rein. Der Junge geht einen Schritt zur Seite und stolpert über ein Buch. Dabei stößt er ein paar Bücher um.
Jetzt geht das Skelett in den Raum, Jens erhebt sich vom Boden. Dabei kippt ein Stuhl auf den Boden. In dem Moment streckt das Skelett seinen Knochenarm aus und greift nach Jens welcher ein paar Schritte nach hinten geht und über einen Bücherstapel stolpert. Sofort springt das Skelett auf ihn, Jens dreht sich angewidert von seinem Kopf weg. Es ergreift ihn und zerrt ihn aus dem Zimmer. Jens versucht sich von ihm abzuschütteln, doch das Skelett hat ihn fest in seinem Arm.
Sie gehen durch den Gang die Treppe runter und kommen in den Flur, in dem zwei Skelette stehen. Das Skelett was ihn hält klappert mit den Zähnen und zeigt seinen Freunden, dass es etwas gefangen hat. Wahrscheinlich werden die sich wundern, denn Jens ist ja noch unsichtbar. In dem Augenblick, in dem das Skelett zu seinen Kumpanen schaut, lockert sich sein Griff etwas und Jens reißt sich von ihm los. Jetzt muss es ganz schnell gehen. Er rennt zur Tür die zum Eingangsbereich führt. Als er sie aufreißt drehen sich die Skelette zu ihm. Nun bewegen sie sich auf ihn zu. Jens rennt zur Treppe und sieht zwei Skelette die Stufen hochgehen. Der Junge eilt zum Geländer der Treppe und rutscht es runter. Unten angekommen rennt er über den runden roten Teppich zur Tür, hoffentlich geht sie jetzt auf. Mit einem Ruck öffnet er sie und sieht vor sich eine Unzahl an Skeletten. Diese drehen sich um und wundern sich wieso die Tür aufgeht.
Jens dreht sich um und sieht, dass die Tür der Bibliothek einen Spalt weit offen steht. Er huscht hinein und überlegt was er machen soll. Hier in dem Raum sind keine Skelette, er kann kurz verschnaufen. Da kommt ihm der Trank in den Sinn mit dem man fliegen kann. Der Junge hat sich bisher gesträubt ihn zu trinken, denn vor dem Fliegen hat er irgendwie Angst. Doch eine andere Idee aus der Villa zu kommen fällt ihm nicht ein. Also holt er den Trank aus dem Ranzen, öffnet das Fenster und atmet durch. Nachdem er aus ihm getrunken hat stellt er sich aufs Fensterbrett und wartet ab. In der Zeit haben draußen ein paar Skelette gesehen, dass sich das Fenster der Bibliothek geöffnet hat, sie gehen auf Jens zu. Hinter ihm öffnet sich die Tür und ein weiteres Skelett kommt in die Bibliothek. Was ist wenn jetzt nichts passiert? Jens wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seine Beine zittern vor Aufregung, sein Herz hämmert in seiner Brust.
Auf einmal fühlt er wie seine Beine ganz leicht werden, das selbe Gefühl bekommt er kurz danach in den Armen. Langsam erhebt er sich vom Fensterbrett, in dem Moment erreichen die Skelette von draußen das Fenster. Eins greift nach oben als er schon in der Luft schwebt und es mit seinem Fuß berührt, es ergreift seinen Schuh. Der Junge spürt einen stechenden Schmerz am Fuß und tritt gegen den Totenschädel mit seinem anderen Fuß. Das Skelett lässt ihn los und jetzt steigt Jens in die Lüfte.
Immer höher steigt er in die Luft, er ruft kurz „Hilfe“, denn er hat gerade große Angst herunter zu fallen. Er sieht, dass viele Skelette um der Villa stehen, anders wäre er nicht herausgekommen. Mit den Armen wedelt er in der Luft, dabei dreht er sich um sich selbst. Was ist wenn der Zauber auf einmal nachlässt? Jens schwebt über den Dächern der Stadt, immer weiter steigt er nach oben. Von weitem sieht er die Kirche, als er seine Arme zu ihr ausstreckt, bewegt er sich auf sie zu. Allmählich merkt er, dass er die Richtung in die er fliegen will mit seinen Armen steuern kann. Nur die Höhe kann er nicht ändern. Nach einer Zeit steigt er nicht weiter in den Himmel, die Skelette und Geister auf den Straßen sind für ihn jetzt nur noch kleine Punkte. Unter ihm erstrecken sich die Häuser der Stadt wie kleine Bauklötze. Schafft er es vielleicht zu Wolframs Hütte zu fliegen?
Sein größter Wunsch ist es gerade wieder auf der Straße zu landen, auch wenn sich dort die Untoten tummeln. Denn an das Fliegen muss er sich erst noch gewöhnen, die ganze Zeit hat er Angst, dass er abstürzen könnte. In seinem Magen hat er ein flaues Gefühl. Allmählich lässt die Unsichtbarkeit nach, er kann seine Arme sehen, die er ausgestreckt nach vorne hält. Die Kirche kommt immer näher und als er sie erreicht sinkt er langsam zu Boden. Der Zauber lässt nach. Nun hat er vor in der Kirche zu übernachten, zum Glück hat der Flugzauber genau zu ihr gereicht.
Als er vor dem Kirchentor landet fällt er hin und sieht wie ein Geist auf ihn zu fliegt. Auf der Stelle nimmt er seinen Rucksack ab und will sein Kruzifix holen. Der Geist, der eine schwarze Kappe und ein grünes Halsband trägt sagt:
„So wie wir waren sind wir geblieben
erzogen zu Rittern, geworden zu Dieben.
Unser sehnlichster Traum ist noch gleich,
deine warme Schulter, so herzlich und weich.
Wie fandest du das Gedicht?“
Jens antwortet nicht und sucht in der Zeit sein Kruzifix. Das scheint den Geist zu ärgern, er streckt seine Arme aus und beschießt den Jungen mit seinen Geisterstrahlen. Jens zuckt zusammen, er lässt den Ranzen los und fällt auf die Stufen der Kirchentreppe.
„Wie fandest du mein Gedicht, Junge?“ will der Geist wissen. „Als ich noch ein Mensch war habe ich jeden Tag ein Gedicht geschrieben, ich wurde dafür gefeiert und verehrt. Hat dir mein Gedicht gefallen?“
„Was für ein Gedicht?“ fragt Jens und bleibt wie angewurzelt auf der Treppe liegen.
„Ich sage dir einfach ein neues auf:
Jetzt habe ich eine außergewöhnliche Idee erdacht,
die Pflaumen vom Apfelbaum leuchten dunkel in der Nacht,
der Fuchs und der Strolch essen Sterne mit Zimt und Gurke,
ich weiß du verehrst mich, denn ich bin ein Geister-Schurke.
Du erstarrst bei dieser poetischen Genialität, nicht wahr? Wie fandest du das Gedicht?“
„Gut“ sagt Jens der sich nicht traut zu sagen dass das Gedicht schlecht war.
Aber es hilft ihm nichts, der Geist beschießt ihn wieder mit seinen Strahlen, Jens schreit auf.
„GUT! Dass ich nicht lache, du hast die Pointe scheinbar nicht verstanden. Das Gedicht war superduperhammergut. Scheinbar kennst du dich mit Poesie und Lyrik nicht so gut aus, wir haben aber Zeit, ich werde dich belehren. Wie findest du das?
Ich kratze meinen krautigen kühnen Kopf und die rote Nase,
mir tut weh mein salziger Pickel, es schmerzt meine Blase.
Ich muss denken an schmatzenden Regen, ich muss pinkeln sofort
meine Beine zappeln, meine Hose klemmt, ich muss schnell auf den Toiletten-Ort.“
Der Geist fässt sich mit der Hand an den Kopf, stöhnt auf und ruft:
„Genial!! Und solch eine Genialität dauert bei mir nicht lange, an jedem Gedicht arbeite ich nur eine Stunde. Andere Dichter würden dafür mehrere Tage brauchen. Ich wurde oft kopiert, aber nie erreicht. Wie findest du das Gedicht, das habe ich mir gestern ausgedacht:
Ich gehe mitternächtlich auf die klebrig gepfefferte Straße
da kommt ein Geist mit einer Hand im Bauch und gibt mir eine Vase.
Ich nehme sein Geschenk in meine bronzenen Hände
und...und...Verdammt, jetzt habe ich es vergessen, auch das größte Genie aller Zeiten hat mal einen Aussetzer, achso, jetzt weiß ich es wieder, nochmal:
Ich gehe mitternächtlich auf die klebrig gepfefferte Straße
da kommt ein Geist mit einer Hand im Bauch und gibt mir eine Vase.
Ich nehme sein Geschenk in meine bronzenen Hände
und krieche damit auf die umgarnten Häuserwände.
Wie fandest du es? Vor allem die letzte Zeile hat es in sich, da tut einem das Gehirn schon weh weil man meinen Ideenreichtum nicht verkraftet, oder?“
In der Zeit sind noch zwei weitere Geister erschienen, der eine ist in einem roten Umhang gehüllt und der andere trägt grüne kurze Hosen und ein blaues Hemd. Der mit dem Umhang sagt:
„Ei, was haben wir denn da? Ein kleines Kindchen mitten in Krondor. Du weißt, dass du keine Chance gegen uns hast, oder?“
„Bitte tut mir nichts!“ fleht der Junge und schaut zu seinem Ranzen. Jetzt kann er schlecht etwas aus ihm herausholen.
Der Geist mit der Kappe streckt seine Hände aus und spricht:
„Komm, ich werde dir noch ein Gedicht aufsagen, es ist mein kürzestes:
Mut
Hut
Bauch
Schnittlauch.
Wie fandest du es? Sag schon!“
Jens starrt auf die Hände des Geistes und als er nichts sagt beschießt dieser ihn wieder mit Strahlen. Jens zuckt zusammen und fürchtet, dass er jetzt sterben wird. Dabei hat er die Kirche schon fast erreicht gehabt. Während der Geist seine Strahlen auf Jens wirft hebt der mit dem roten Umhang seine Hand und spricht:
„Höre auf, der Junge könnte nützlich für uns sein. Er ist anders als wir ein Mensch und könnte uns helfen den Grafen zu töten. Wir bringen ihn am besten in unser Lager.“
Der Geist mit der Kappe hört auf Jens zu quälen, er starrt ihn an und nennt ihn einen Kunstbanausen. Jens erhebt sich langsam, dabei stützt er sich auf den Stufen der Treppe ab. Seinen Ranzen packt er auf den Rücken, die Geister fliegen um ihn herum.
„Folge mir“ ruft der Geist mit dem Umhang und schwebt auf der Straße an der Kirche vorbei. Die anderen beiden Geister fliegen neben Jens und lassen ihn nicht aus den Augen. Der Geist mit den kurzen Hosen lächelt ihn an und sagt:
„Hallo, mein Junge, ich bin vorhin durch einen Schornstein in ein Haus geflogen, das hat viel Spaß gemacht. In den Schornstein fliegt das Kamel und kommt aus dem Blumentopf wieder raus, es greift zum Telefon um seine Pflanze anzurufen.“
Nun hört der Geist auf zu lächeln, er verzieht sein Gesicht und haut sich auf den Kopf. Danach sagt er:
„Es tut mir leid, jeder zweite Satz von mir ist völliger Blödsinn, als ich noch ein Mensch war war ich ganz gesund und normal. Ich war wie ein Regenwurm, der durchs Schlüsselloch kriecht und sieht wie der Bär ins Schwimmbad springt. AHH, wie ich Sinnlosigkeit hasse!“
Während er den letzten Satz ausspricht schlägt er sich mit seiner Geisterhand auf seinen Kopf. Der Geist mit der Kappe hält dagegen:
„Das ist kein Blödsinn, den du da erzählst, daraus kann man tolle Gedichte verfassen. Heute habe ich mir ein lustiges ausgedacht, es geht so:
Ich nehme mein Buch und reiße die filzigen Seiten entzwei,
laut lache ich auf und zähle schreiend eins, zwei, drei.
So lese ich meine Bücher, so werde ich schlau und weise,
der Grünkornkäfer weiß das und besingt meine Tat ganz leise.
Toll, oder?“
Jetzt dreht er sich zu dem Jungen, er hebt schon seine Arme, da ruft Jens:
„Das Gedicht war super, das war das beste der Welt, du bist der größte Dichter den ich kenne!“
Der Junge hält ängstlich seine Hände vors Gesicht, doch der Geist senkt seine Arme und spricht:
„So ist es recht, mein Schüler. Ich werde dir alle meine Gedichte aufsagen, du wirst die Welt der Poesie durch mich erlernen. Und dann, mein kleiner Schüler, wird es deine Aufgabe sein eigene zu verfassen.“
Plötzlich kommt um eine Hausecke ein Skelett auf sie zu. Zwei von den Geistern fliegen auf es zu, nur der Geist mit den kurzen Hosen bleibt bei Jens. Er sagt:
„Es ist schon schlimm mit den Skeletten, hoffentlich haben wir sie bald besiegt, dann ist Ruhe in Krondor. Der Kampf mit der Armmuskulatur erschreckt die Honigbiene, die fliegend um des Schwertes Klinge eine Spinne verschluckt.“
Und wieder haut der Geist sich auf seinen Kopf, dabei stampft er auf dem Boden. Während er das tut sagt er:
„Verdammt, wie mich das nervt, immer diese sinnlosen Sätze, ich weiß gar nicht warum mir das immer passiert. Ich wünschte ich könnte einem Bären die Tatze mit Melonenkleister bestreichen und ihm einen Plastikhut aufsetzen. Nein, schon wieder ein sinnloser Satz, argh!“
In der Zeit sind die anderen beiden Geister zurückgekommen, sie haben das Skelett besiegt. Zu viert gehen sie jetzt weiter und gehen in eine Straße, die Jens noch nicht kennt. Kann er vielleicht den Rucksack nehmen und den Geistern sagen er braucht was zu essen? Und in Wirklichkeit würde er das Kruzifix holen. Doch er ist umringt von ihnen, wenn er einem Geist das kleine Holzkreuz zeigen würde würde ihn ein anderer von hinten angreifen. Der Flugtrank würde auch nichts bringen, denn die Geister können fliegen. Können die Geister ihn eigentlich sehen wenn er unsichtbar ist?
Während er so noch nachdenkt sieht er, dass sie ein Schwimmbad erreicht haben. Ihm bleibt der Atem stehen als er die vielen Geister sieht, die dort versammelt sind. Sie reden miteinander, zanken, streiten und lachen. Jens gibt seinen Plan auf Widerstand zu leisten, er kann nur hoffen, dass sie ihm nichts schlimmes antun.
Als sie das Schwimmbecken erreichen fordert der Geist in dem Umhang den Jungen auf die Leiter herunter zu klettern. In dem Moment kommt eine Geisterfrau mit zwei Armen auf jeder Seite auf ihn zugeflogen und beobachtet ihn. Dabei wackelt sie dauernd mit ihren Armen und Beinen in der Luft und zieht sonderbare Grimassen.
Nachdem Jens den Boden des Beckens erreicht hat bleibt er stehen und schaut ängstlich auf die vielen Geister, die um ihn herumfliegen. Die Geisterfrau kommt jetzt auf ihn zu und fordert ihn auf sich zu bewegen.
„Bewege dich!“ spricht sie, dabei streckt sie ihre Arme in seine Richtung. Doch Jens ist erstarrt, er weiß nicht warum die Geisterfrau will, dass er sich bewegen soll. Sie erklärt ihm:
„Du sollst dich bewegen. Alle Lebewesen die still und unbeweglich an einem Fleck verharren erinnern mich an tote Gestalten. Und ich hasse den Tod. BEWEGE DICH!
Langsam hebt Jens seine Hand und lässt sie wieder sinken.
„Bewege dich mehr oder bist du gerade am Sterben?“ fragt die Geisterfrau. Doch der Geist mit dem roten Umhang kommt dazwischen und sagt der Geisterfrau, die ihren Mund hin und her bewegt, dass sie den Jungen in Ruhe lassen soll.
Einen Augenblick später steht Jens in der Mitte des Schwimmbeckens und sechs Geister stehen um ihn herum. Der Geist mit dem roten Umhang spricht:
„Weißt du wo der Graf wohnt?“
„Ja“ sagt Jens, dabei bebt seine Stimme.
Ein Geist, der ein weißes Kopftuch und eine weiße Jacke trägt, fragt:
„Wie ist?“
Jetzt sagt keiner was während der Geist Jens anstarrt und langsam seine Arme auf ihn richtet. Jens weiß nicht was er sagen soll, kurz darauf beschießt der Geist ihn mit seinen Strahlen. Der Junge fällt auf den Boden, am ganzen Körper zittert er. Der Geist mit dem roten Umhang geht dazwischen, schaut Jens an und sagt:
„Mein Junge, der Geist wollte nur fragen wie dein Name ist. Er hasst die Sprache und spricht immer nur ein oder zwei Wörter aus.“
„Ich heiße Jens“ sagt der Junge während er auf dem Boden liegt und sich fragt wie oft ihn die Geister noch beschießen werden.
Der Geist mit dem Kopftuch sagt:
„Du sollst.“
Was meint er nur? Während er seine Arme hebt überlegt Jens. Schnell ruft er:
„Ich soll euch helfen den Grafen zu töten?“
„Ja“, sagt der Geist mit dem Umhang, „du sollst, wenn alles noch in Krondor schläft, in seine Villa eindringen und ihn im Bett mit einem Dolch überraschen. Wenn er tot ist sterben bestimmt auch die Skelette.“
„Ich kann keinen Menschen töten, ich bin noch ein Kind“ jammert er und hofft, dass die Geister ihn nicht wieder mit ihren Strahlen angreifen.
„Wie alt?“ fragt der Geist mit dem Kopftuch.
„Ich bin 14 Jahre alt. Und ich habe noch nie einen Menschen getötet“ sagt Jens.
„Übers Töten habe ich auch mal ein lustiges Gedicht geschrieben“, sagt der Geist mit der Kappe,
„Wenn ich den Dolch in der fiebrigen Hand halte,
und verträumt zwischen Leben und Tod verwalte...“
Der Geist mit dem Umhang hebt seine Hand und der andere hört mit seinem Gedicht auf. Er spricht:
„Du musst es aber tun. Sonst werden wir dich töten.“
Der Junge bekommt eine Gänsehaut als er das hört.
„Bist du schon mal in seiner Villa gewesen?“ fragt der Geist.
„Nein“ lügt Jens ihn an.
Ein anderer Geist fliegt auf die beiden zu, er trägt einen braunen Mantel und hat einen schwarzen Vollbart im Gesicht. Er wedelt mit den Armen und sagt:
„Hugo, das ist doch noch ein Kind. Es hat sich hier bestimmt in Krondor verlaufen und will wieder nach Hause. Oder?“
„Ja“ sagt Jens mit nervöser Stimme und drückt sich gegen die Kacheln des Schwimmbeckens. Während die Geister diskutieren fliegt ein Geist auf ihn zu, der seinen Kopf in seiner Hand hält, Jens erschrickt erst mal als er ihn sieht. Der Geist fragt:
„Kennst du ein paar neue Wörter? Ich bin mein Leben lang auf der Suche nach neuen Begriffen. Ich hasse die normalen langweiligen Wörter. Kennst du die Wörter Schuhwald und Stricktonne? Oder Bleifliege? Heuschreckenkaugummi ist auch ein lustiges Wort. Oder Birnenampel. Kennst du ein paar Wörter, die ich nicht kenne?“
Jens starrt den Geist an, dabei schüttelt er langsam seinen Kopf. Ihm kommt aber in den Sinn, dass der Geist ihn dann vielleicht mit Strahlen beschießen wird, also sagt er:
„Wolkenstein.“
Der Geist lacht auf, dabei fässt er sich mit der Hand an den Bauch. Während er lacht sagt er:
„Haha, ja, das Wort kenne ich noch nicht. Ein Wolkenstein fällt aus einer Wolke die aus Stein ist. So ein Wolkenstein ist bestimmt ganz klein, so wie ein Regentropfen, oder?“
Jens nickt und ihm gehen die Geister durch den Kopf, die er bisher kennen gelernt hat. Doreen, Heike und Max waren eigentlich ganz normal. Die bösen Geister dagegen erscheinen ihm irgendwie verrückt.
Die Geister hören auf zu diskutieren und schauen jetzt den Jungen an. Der Geist mit dem Kopftuch sagt:
„Du bist.“
Jens denkt angestrengt nach, was meint der Geist wieder?
„Ich bin ein Angsthase? Ich bin noch zu klein für Krondor? Ich bin zu....“
Der Geist mit dem Umhang unterbricht ihn. Er sagt:
„Er meint, dass du schon alt genug bist den Grafen zu töten. Du hast es halt noch nie getan, so schlimm ist es nicht. Tagsüber wenn der Graf in seinem Bett liegt stehst du in seinem Schlafzimmer und rammst ihm einen Dolch in die Brust. Ganz einfach.“
Jens nickt ängstlich mit seinem Kopf, dabei weiß er, dass er das nicht tun will. Die Geister werden ihn aber umbringen wenn er es nicht macht. So viel Spaß ihm das Abenteuer in Krondor auch macht, jetzt wird es ihm langsam zu viel. Er überlegt, dass es vielleicht das beste wäre am Tage wieder nach Hause zu gehen.
 
 
   
     
 
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seit 22.04.2005
(5592 Tage)
Beitrag 20499 Verfasst am: Do 28.Mrz.2013 13:06
 
Der magische Ring Teil 10
 
„Du wirst doch bald ein kleines Kind sein, du bist kein Erwachsener mehr. Du wirst uns für ihn töten. Wir werden dir mit unseren Strahlen helfen wenn du uns nicht tötest“ sagt ein Geist, der auf Krücken geht. Jens schaut ihn irritiert an und überlegt. Dieser Geist verdreht die Wörter in seinen Sätzen. Am besten ist es so zu tun als ob er den Geistern helfen möchte, eine andere Möglichkeit sieht er gerade nicht. Nach einer kurzen Pause sagt er:
„Aber ein Rätselmund schützt seine Villa.“
„Ein Rätselmund? Hast du mit ihm schon gesprochen gehabt?“ fragt der Geist in dem roten Umhang.
„Ja, sein Rätsel war mir zu schwer“ lügt Jens.
„Warum ist das Rätsel dir zu dumm gewesen, bist du denn so schwer? Wie war der Rätselmund der Frage?“ fragt der Geist mit den Krücken und humpelt einen Schritt nach vorne.
„Ich weiß es nicht mehr, ich habe es vergessen“ sagt Jens und hofft sich irgendwie aus der Affäre ziehen zu können.
„Am Tage.“ sagt der Geist mit dem weißen Kopftuch.
Jens runzelt die Stirn und denkt nach was der Geist meinen könnte. Er vermutet:
„Am Tage? Ob ich am Tage da war? An welchem Tag es war?“
Ein Geist schüttelt seine zwei Köpfe, fliegt auf ihn zu und sagt:
„Unser Anführer meint, dass du am Tage zur Villa gehen und das Rätsel aufschreiben sollst. Dann kommst du nachts zu uns und wir lösen es.“
„In Ordnung“ sagt Jens und nickt mit dem Kopf. In Wirklichkeit hat er vor am Tage Krondor zu verlassen so viel Spaß es ihm auch in Krondor gemacht hat. Denn die bösen Geister sind einfach zu mächtig für ihn. Er hält seine Hand vors Gesicht und will auf den magischen Ring schauen. Erstarrt blickt er seine Hand an. Der Ring ist weg. Blitzschnell schaut er auf seine andere Hand und auf den Boden, keine Spur von dem Ring. Mit seiner Hand berührt er den Finger an dem der Ring war, die Geister um ihn herum hat er jetzt vergessen.
„Was ist mit deiner Ordnung nicht in Hand?“ fragt der Geist mit den Krücken.
Doch Jens antwortet nicht und starrt auf seine Finger. Der Geist in dem roten Umhang spricht:
„Dann hätten wir es jetzt geklärt, du weißt was du machen sollst. In der nächsten Nacht sehen wir uns wieder hier im Schwimmbad, klar?“
Jens nickt mit dem Kopf und erhebt sich langsam. Die ganze Zeit lag er auf dem Boden des Schwimmbeckens. Während er die Leiter wieder hochklettert schwebt zu ihm der Geist mit der Kappe. Er spricht:
„Ich habe mir heute ein Gedicht ausgedacht, ich sage es dir mal auf:
Ein Kind, rotbäckig und verschmitzt, rümpft die Ohren
es spielt mit einem Trieb, der uns längst ist verloren.
Vergnügt zieht es an der bunten Hose der löchrigen Mutter,
schnalzend wirft es den Teller, es will sein geringeltes Futter.
Jetzt bist du dran, du musst ein Gedicht aufsagen.“
Doch Jens beachtet ihn nicht. Traurige Gedanken spielen sich in seinem Kopf ab. Das Abenteuer in Krondor ist zu Ende. Und der magische Ring ist weg. Als er am Rand des Schwimmbeckens steht umfliegt ihn der Geist mit der Kappe und droht:
„Du hast jetzt genug Gedichte von mir gehört. Wenn du jetzt keins aufsagst werde ich dich mit meinen Strahlen bestrafen.“
Sofort fasst sich Jens wieder, er denkt angestrengt nach. Kennt er ein Gedicht? Einen Moment später fällt ihm eins ein und sagt es auf:
„Denke ich an die Nacht, dann wächst mein Sehnen und Verlangen,
die Sterne glitzern und schimmern uns empor, welch anmutige Malerei.
Sie scheinen mit Inbrunst, ohne Halt, wir sind von ihrem Leuchten befangen
und im Schlafe bleiben sie unsere Wächter, unser stählern Geweih.“
„Ist das Gedicht von dir?“ fragt der Geist und hebt seine Augenbrauen.
„Nein, das haben wir in der Schule gelernt“ antwortet Jens und läuft auf dem Rasen des Schwimmbads.
„Na das zählt nicht, du musst dir schon eigene ausdenken. Mein Schüler soll nicht einfach nur fremde Gedichte aufsagen“ sagt der Geist und legt seine Kappe zurecht die auf seinem Kopf etwas verrutscht ist.
Jens bleibt stehen und fässt sich mit der Hand an den Kopf. Wie soll er jetzt nur zurückkommen? Es ist jetzt dunkel und die Straßen wimmeln nur so von Geistern und Skeletten. Er dreht sich zum Geist und fragt:
„Kannst du mich mit einem anderen Geist zur Kirche begleiten?“
Der Geist willigt ein und holt noch einen anderen der Pferdebeine und einen schwarzen Schwanz hat. Als er vor Jens steht sagt er:
„Hallo, ich heiße Egon. Wir werden dich jetzt begleiten und dich zur Kirche bringen wo du vor den Untoten sicher bist.“
Nachdem er das gesagt hat haut er mit seinen Hufen auf die Erde. Jens starrt seine Pferdebeine an und bleibt stehen. Der Geist merkt, dass er sich über seinen Anblick wundert und spricht:
„Du wunderst dich über mein Aussehen, nicht? Das gefällt mir, als Mensch habe ich auch gerne die Blicke der Menschen angezogen. Ich habe immer zwei Hüte getragen und meine Hose verkehrt herum angezogen, auf der Straße habe ich mir immer die Finger in die Nase gesteckt und mich im Kreis bewegt. Ich liebe es wenn Menschen stehen bleiben und mich mit einem Stirnrunzeln anschauen. Für mich fühlt sich das an als ob sie mich bewundern würden.“
Gleich darauf schlägt er mit seinem Huf, dabei wedelt er mit dem Schwanz. Der Junge geht einen Schritt zurück und bekommt seinen Mund nicht zu. Der Geist ist ein Mischling aus Pferd und Mensch, das hat Jens noch nicht gesehen gehabt.
Der Junge dreht sich um und geht aus dem Schwimmbad auf die Straße, die anderen beiden Geister folgen ihm. Während sie laufen denkt er nach. Wo kann der magische Ring nur sein? Es hat ihm so viel Spaß gemacht mit Gegenständen und Tieren zu reden, er fühlt einen Schmerz in seinem Herzen bei dem Gedanken es nie wieder tun zu können.
Wahrscheinlich wird er am Tage Krondor verlassen, doch weiß er gar nicht wie er nach Hause kommen soll. Es wäre gut, wenn er den Raben Flatterflink noch mal treffen würde. Bei diesem Gedanken schreckt er auf, zwei Skelette, die sich hinter einem Auto versteckt haben stürmen auf ihn los. Die beiden Geister sind aber sofort zur Stelle und bekämpfen sie mit ihren Strahlen, Jens holt in der Zeit den Trank mit dem Weihwasser aus seinem Ranzen.
Nachdem er den Trank geöffnet hat bespritzt er damit ein Skelett, das mit dem Rücken zu ihm steht. Man hört ein Zischen, von seinen Knochen steigt Dampf auf. Es dreht sich um und starrt Jens an, dieser spritzt ihm das Weihwasser auf den Schädel. Das Skelett öffnet seinen Kiefer zu einem lautlosen Schrei und sinkt zu Boden. Das andere Skelett wurde von den beiden Geistern besiegt.
Eine Viertelstunde später erreichen sie die Kirche, in der Zeit hat der Geist mit der Kappe noch weitere Gedichte aufgesagt. Jens verabschiedet sich von ihnen und geht in die Kirche, erschöpft legt er sich auf eine Bank und holt die Äpfel und die Birne aus seinem Ranzen um sie zu essen. In der Zeit, in der er isst geht ihm sein Abenteuer hier noch mal durch den Kopf.
Seine Hand berührt den Apfel, doch der sagt ihm nichts. Wie viel Spaß hätte er in seinem Leben wohl noch mit dem Ring gehabt? Eine Träne kullert ihm über die Wange, er fühlt sich gerade elend. Nachdem er den Apfel gegessen hat, legt er sich auf die Bank und schließt die Augen.

Jens sieht sich in seinem Kinderzimmer Hausaufgaben machen. Vor ihm liegt sein Heft in das er schreibt, daneben ein Erdkundebuch. Sofort fällt ihm der magische Ring ins Auge, er ist an einem Finger an seiner rechten Hand. Glücklich hebt er seine Hand und küsst den Ring.
Seine Mutter betritt das Zimmer und fragt ob er schon mit den Hausaufgaben fertig ist. Jens schüttelt den Kopf und sagt, dass er noch eine Weile für braucht. Er dreht sich wieder zu seinem Heft, dabei nimmt er den Stift in die Hand. Dieser sagt:
„Komm, wir machen jetzt zusammen deine Hausaufgaben. Du musst gerade über Jahreszeiten etwas schreiben. Die entstehen dadurch, dass die Erdkugel geneigt ist. Um 23,5 Grad.“
„Toll, dass du mir hilfst. Kannst du mir auch bei der Klassenarbeit helfen?“ fragt der Junge.
„Klar, aber du solltest trotzdem lernen damit aus dir mal ein schlauer Mensch wird. Wenn du Lust hast können wir zusammen danach eine Geschichte schreiben“ spricht der Stift in seiner Hand.
Jens schaut den Stift an, dabei leckt er sich mit der Zunge über die Lippen. Er sagt:
„Ja, das können wir machen, aber später. Erst muss ich die Hausaufgaben machen.“
Der Junge will schon weiterschreiben, da schaut er den Ring an. Ein Lachen macht sich auf seinem Gesicht breit und er fässt mit seiner Ringhand einen kleinen Spielzeugritter an, der auf dem Tisch steht. Dieser sagt:
„Hey, wir müssen zusammen noch den bösen Drachen Farak besiegen, der verwandelt mit seinem Atem alle Menschen in kleine Mäuse. Gestern haben wir die schwarzen Ritter bekämpft, die das Schwert Donnerkrach hatten. Dieses Schwert hat solch einen Lärm gemacht, dass ich immer weggerannt bin.“
„Dann habe ich den Ritter genommen, der taub ist und Donnerkrach nicht hören kann. Der hat dir geholfen die schwarzen Ritter zu besiegen“ sagt Jens und dreht sich um um einen schwarzen Ritter zu holen. Sie liegen in der Mitte seines Teppichs. Als er einen von ihnen in der Hand hält sagt er:
„Ach, Mann, wir haben den Kampf letztens verloren. Eigentlich können wir gar nicht so gut kämpfen, du musst es uns mal beibringen. Wir haben immer mit Donnerkrach wie wild auf die Erde gehauen, laut hat dann die Erde gebebt. Jetzt sind wir aber besiegt. Brauchst du uns jetzt gar nicht mehr?“
„Ihr seid doch meine Spielzeug, ich werde bestimmt mal wieder mit euch spielen. Im nächsten Abenteuer entführst du eine Prinzessin und heiratest die“ sagt Jens und legt die Figur wieder auf den Boden. Er freut sich wahnsinnig, dass er den Ring wieder hat. Als er den Teppich anfässt sagt dieser:
„Hallo Jens, ich finde es gut, dass ihr mich immer regelmäßig saugt. Ich hasse Sand, Staub und Fussel auf mir, ich will nicht, dass auf meinem schönen Muster Dreck liegt. Nur laufe hier bitte nicht mit deinen Straßenschuhen. Spielen kannst du ruhig auf mir so viel du willst. Tanzen kannst du mal wieder, das hat Spaß gemacht.“
Mit einem Lachen fässt der Junge sein Bett an. Dieses sagt:
„Jetzt ist es aber noch nicht Zeit ins Bett zu gehen. Wobei ich das schon toll fände, wenn du mich mehr benutzen würdest. Kannst du nicht im Bett deine Hausaufgaben machen und deine Spiele spielen? Ich liebe es, wenn sich mein Lattenrost dehnt, es knackt und ich dich fühlen kann.“
Jetzt fässt Jens sein Kissen an und hört ihm zu, danach seine Decke und schließlich läuft er in seinem Zimmer und berührt alles mögliche. So glücklich wie jetzt war er noch nie, er ist so froh, dass er den Ring wieder hat.
Nach einer Weile setzt er sich an den Tisch und macht seine Hausaufgaben fertig. Etwas später kommt seine Mutter und bittet ihn den Müll rauszubringen. Mit einem Lachen geht er aus seinem Zimmer, seine Mutter wundert sich darüber, dass ihm das Müllwegbringen Freude bereitet. Sie weiß ja nichts von seinem Ring, denn der Mülleimer erzählt dem Jungen:
„Das Leben als Mülleimer ist schrecklich. Da braucht man verdammt gute Nerven. Denn der Müll jammert mich die ganze Zeit voll wie schrecklich es ist eine Verpackung oder eine leere Dose zu sein. Immer muss ich den Seelenklempner spielen und ihnen sagen, dass die meisten von ihnen recycelt werden. Da ist eine Pizzapackung in mir drin, die heult die ganze Zeit ganz laut. Ich habe mir schon solche Mühe mit ihr gegeben, kannst du mal mit ihr reden?“
Jens lacht auf und stellt im Hof den Mülleimer vor die Mülltonne. Er öffnet den Mülleimer und sucht die Pizzaverpackung. Als er sie findet und in seiner Ringhand hält sagt diese:
„Mein Leben ist zu Ende! Dabei bin ich doch so schön! Schau doch auf das Bild mit der Pizza, das ist so lecker, dass man bei seinem Blick schon satt wird. Man braucht die Pizza gar nicht zu essen, es reicht aus, dass man mich anschaut.“
Jens bekommt Mitleid mit der Pizzapackung und legt sie neben die Tonne. Er schüttet den Mülleimer aus und als die Tonne sich mit einem lauten Knall wieder schließt öffnet er die Augen.
Das Sonnenlicht, welches durch die farbigen Kirchenfenster strahlt, trifft seine Augen, das erste was er macht ist auf die Hand zu schauen wo der Ring steckt. Doch der Ring ist weg, in seinem Traum hatte er ihn wieder. Sogleich beginnt er bitterlich zu weinen, er hätte ihn so gerne noch.
Etwas später beruhigt er sich wieder und denkt nach. Wo hat er den Ring das letzte mal benutzt? Es war in dem Raum in dem die schwarze Kugel stand, er hat noch mit ihr gesprochen. Ein wenig später hat ihn dann in diesem Raum ein Skelett erwischt. Er ist da auf einen Bücherstapel gefallen und der Untote hat sich auf ihn geworfen. Ist der Ring ihm da vielleicht vom Finger gerutscht?
Er erhebt sich von der Bank, dabei geht ihm sein Traum nicht aus dem Kopf. Unbedingt will er den Ring wieder haben. Seine Hand ballt er zu einer Faust, dabei sagt er:
„Ich werde in die Villa gehen und den Ring suchen!“
Mit eiligen Schritten verlässt er die Kirche, am liebsten würde er sich bei ihr bedanken, dass sie ihn in der Nacht vor den Nachtwesen geschützt hat. Doch die Kirche würde ihn jetzt nicht verstehen, sie würde nicht mit ihm reden. Hastig geht er auf der Straße, er weiß gar nicht wie spät es ist. Was ist aber wenn er den Ring nicht findet? Bei dem Gedanken wird ihm ganz schlecht, er sagt sich, dass es gut sein kann, dass der Ring bei dem Handgemenge mit dem Skelett abgefallen ist. Hoffentlich hat der Graf ihn nicht gefunden.
An den Anblick von schlafenden Skeletten hat er sich mittlerweile gewöhnt, er beachtet sie nicht wenn sie auf dem Straßenpflaster liegen. Was ist wenn der graue Wachhund vor der Villa steht? Irgendwie komme ich schon rein, notfalls fliege ich durch den Schornstein, sagt er sich und beginnt zu rennen.
Nach einer Viertelstunde steht er vor der Villa, der graue Hund ist nicht da. Nur der Rätselmund bewacht das große Haus, er hat seine Augen geschlossen und schläft. Als erstes schaut Jens unter dem Fußabtreter ob der Schlüssel da ist. Und er hat Glück, er liegt noch darunter. Sofort nimmt er ihn in die Hand und sagt laut:
„HALLO Rätselmund!“
Der Rätselmund öffnet seine Augen und fragt:
„Was ist dein Begehr? Willst du in die Villa?“
Jens kann es kaum abwarten das Haus zu betreten, er sagt schnell:
„Ja, ich will rein. Und die Antwort ist Pilz.“
Stirnrunzelnd sagt das große Gesicht:
„Du willst Pilze in der Villa sammeln? Da wirst du aber wenig Glück haben.“
Jens wedelt mit der Hand und spricht:
„Nein, die Antwort auf dein Rätsel lautet Pilz. Lass mich rein!“
Lachend sagt der Rätselmund:
„Haha, du sagst mir also die Antwort auf das Rätsel, dass ich noch gar nicht gestellt habe? Du hast Recht, ich habe eins, da ist Pilz die richtige Antwort. Heute ist aber ein anderes Rätsel dran.“
Einen Schritt geht Jens nach hinten, kurz schließt er seine Augen und sagt:
„Na gut, dann stelle dein Rätsel.“
Der Rätselmund sagt:
„Es geht immer um den Baum herum
und kann doch nicht hinein.
Was ist das?“
Jens denkt nach und überlegt. Dann sagt er:
„Ein Vogel.“
Das große Gesicht an der Tür schüttelt seinen Kopf und sagt:
„Falsch.“
Der Junge dreht sich um und schaut auf die Bäume des Sees. Was kann der Rätselmund nur meinen?
Er denkt nach und überlegt welche Tiere um einen Baum laufen. Da kommt ihm ein Eichhörnchen in den Sinn. Sofort dreht er sich um und sagt:
„Ein Eichhörnchen.“
Das große Gesicht zwinkert kurz mit den Augen und spricht:
„Auch das ist falsch. Du hast nur noch einen Versuch.“
Entmutigt geht Jens zur Seite, er schaut wieder zu den Bäumen und beschließt sie sich genau anzuschauen. Während er hinrennt denkt er nach, doch ihm fällt keine Lösung ein. Ist vielleicht ein Blatt die Antwort? Aber ein Blatt geht doch nicht um einen Baum herum. Als er den Baum erreicht sieht er oben in der Baumkrone ein Vogelnest. Doch so ein Nest bleibt unbeweglich im Baum hängen.
Vielleicht könnte ihm jetzt der Ring helfen. Er müsste nur den Baum anfassen und ihm das Rätsel aufsagen, dann würde er ihm vielleicht die Antwort sagen. Mit seiner Hand berührt er den Stamm des Baumes. Da sieht er aus ihm einen Wurm kriechen. Ein Wurm kann um den Baum herum kriechen, aber er kommt auch in ihn hinein. Und im Rätsel wurde gesagt, dass dieses Etwas nicht hinein kommt.
Mit der Hand streift er über die Rinde. Natürlich, das ist es, geht es ihm durch den Kopf. Ein kleines Stück von der Baumrinde bricht er ab und hält sie vor seinen Augen. Eine Rinde geht immer um den Baum herum. Und kann doch nicht hinein.
„Ja, das wird es sein'“ ruft er und lässt das Stück Holz fallen. Mit schnellen Schritten geht er zum Rätselmund und sagt:
„Die Rinde des Baumes ist die Lösung.“
„Sehr gut“, sagt das große Gesicht, „jetzt musst du mir nur noch den Hausschlüssel geben, ich habe schon richtig Appetit drauf.“
Der Junge legt den Schlüssel in den Mund des Rätselmundes und wartet bis sich die Tür öffnet. Das erste was er sieht ist der runde rote Teppich im Eingangsbereich. Schnell holt er aus dem Ranzen seinen Unsichtbarkeitstrank und will ihn trinken. In dem Trank ist nicht mehr viel drin, stellt er fest. Am liebsten würde er noch mal zur Hexe gehen und sich einen neuen holen. Leise packt er den Trank wieder in seinen Ranzen, er weiß, dass der Graf tagsüber schläft. Seinen Ranzen nimmt er auf die Schultern und betritt die Villa.
Als er die Küchentür sieht knurrt sein Magen. Mit der Hand fässt er sich an den Bauch und er fragt sich, wie das mit dem Essen bei Helden ist. Wenn er ein Abenteuerbuch gelesen hat wurde auch nicht dauernd erwähnt, dass der Held was essen muss. Aber jetzt hat er großen Hunger. Er geht zur Küchentür und öffnet sie vorsichtig, in der Zeit hat sich die Haustür wieder geschlossen.
Das erste wonach er in der Küche sucht ist der Rinderbraten auf dem kleinen Tisch neben dem Ofen. Von ihm ist noch eine Keule übrig. Viel Zeit will er nicht in der Küche verbringen, schnell geht er zum Braten und isst die Keule. Der Graf wird sich wundern wenn sie weg ist, vielleicht wird er ein paar Skelette verdächtigen. Nachdem er die Keule gegessen hat streichelt er beruhigt seinen Bauch. Auf dem Boden steht der graue Behälter, aus dem der Graf getrunken hat. Jens schaut um sich und nimmt eine Tasse, in die er etwas Wasser gießt und aus ihr trinkt.
Im Eingangbereich sieht er an der Wanduhr, dass es zwölf Uhr Mittag ist. Also noch genug Zeit. Leise geht er die Treppe hoch, er will erst in dem Raum wo die schwarze Kugel ist nachsehen. Als er die oberste Etage erreicht verlangsamen sich seine Schritte, was ist wenn der Graf aufsteht um was in der Küche zu essen? Vor der Tür schaut er durchs Schlüsselloch ob der Mann in dem Raum drin ist in dem er gefallen ist. Doch er ist nicht drin. Leise öffnet er die Tür und schaut sofort zu den Büchern, auf die er gestern gefallen ist.
Sogleich wühlt er in dem Bücherstapel, wo soll er nur noch nachschauen wenn er den Ring hier nicht findet. Vielleicht in der Bibliothek, wo er mit dem Flugzauber weggeflogen ist? Was ist wenn er ihn einfach irgendwo in der Stadt verloren hat und ihn nicht findet? Ein stechenden Schmerz fühlt er bei dem Gedanken in seiner Brust.
Behutsam nimmt er die Bücher und hebt sie zur Seite. Aber von dem Ring ist keine Spur. Ist er vielleicht in eine Ritze hinter die Kiste gefallen? Jens schaut sofort nach, er schiebt langsam die Kiste beiseite. Hier ist der Ring nicht. „Verdammt, ich werde den Ring nie wieder finden“ denkt er und kaut auf seinem Fingernagel.
Er dreht sich um und schaut auf den kleinen Tisch, doch auf ihm ist nur eine Decke und eine Kerze. Er erhebt sich wieder und schaut auf das Gemälde mit dem jungen Mann. Beim Betrachten des Gesichts fällt ihm eine Ähnlichkeit zu dem Grafen auf. Ist das der Graf als er noch jung war? Die schwarze Kugel meinte, dass es eine Möglichkeit gibt in die Vergangenheit zu reisen. Sie sagte ihm:
„Du musst in das...“
Gemälde gehen?
Er hat das Bild schon mal angefasst, da hat er durchgegriffen. Ihn würde interessieren, was dahinter ist. Ruhig taucht er seinen Finger in das Bild, schnell zieht er ihn wieder raus. Der Finger ist verschwunden. Der Finger ist aber noch ganz normal als er ihn hin und her dreht. Vorsichtig greift Jens in das Bild und seine Hand verschwindet. Nachdem er sie wieder rausgezogen hat schaut er sie sich an, aber er findet keine Veränderung an ihr. Langsam streckt Jens seinen Kopf ins Gemälde, er schließt dabei seine Augen. Als er hinein getaucht ist öffnet er sie wieder. Vor ihm steht ein Bett mit einem Baldachin, daneben sitzt ein Mann an einem Tisch und schreibt etwas. Alles ist in Ölfarben gemalt, der Graf bewegt sich beim Schreiben. Jens schaut sich den Mann genau an, es ist der selbe, der auf dem Gemälde gemalt ist. Behutsam zieht er seinen Kopf wieder zurück und fässt sein Gesicht an, doch fühlt sich alles noch ganz normal an. Hier kann man also ungefähr 30 Jahre in die Vergangenheit reisen, denn so viel jünger scheint der Graf da zu sein.
Zwei Minuten schaut er sich noch in dem Zimmer um. Vielleicht hat der Graf den Ring wieder gefunden. Jens fässt sich mit der Hand an die Lippen und überlegt. Jetzt ist der Graf schlafen, er muss ihm den Ring in der Zeit ganz vorsichtig abnehmen. Er atmet durch, was ist das nur für ein Abenteuer in der Geisterstadt Krondor. Seine Freunde werden ihm bestimmt nichts glauben. Ganz zu schweigen von seinen Eltern.
Mit vorsichtigen Schritten geht er um die Bücherstapel aus dem Zimmer und geht zwei Türen weiter. Ganz langsam öffnet er die Tür und sieht den Grafen schlafen. Leise betritt er das Schlafzimmer und hofft, dass der Mann jetzt nicht aufwacht.
Ein Glücksgefühl überströmt ihn als er den magischen Ring auf dem Nachttisch sieht. In dem Moment, in dem er den Ring greifen will räuspert der Graf sich und öffnet die Augen. Jens verharrt in seiner Position, mit der Hand zum Ring ausgestreckt. Der Mann dreht sich um und zieht die Decke über seinen Rücken. Jens wartet einen Augenblick, dann nimmt er den Ring. Und geht ganz leise wieder aus dem Zimmer.
Als er die Tür eine Etage tiefer im Flur anfässt will er sie hören. Und sie sagt:
„Schade, dass du mich nicht hören kannst.“
Jens weitet seine Augen und nickt. Die Tür spricht:
„Du kannst mich hören? Wie toll! Ich bin eine besonders intelligente Tür. Kann ich dir eine Geschichte erzählen, die ich mir ausgedacht habe? Da geht es um eine Frau, die verräterisch des Ehebruchs bezichtigt wurde und in den Wald flieht, wo sie mit ihrem Säugling von einer Hirschkuh ernährt wird.“
Jens schüttelt den Kopf, denn er will die Villa so schnell wie möglich verlassen.
„Ach, Mann“, jammert die Tür, „die Geschichte ist aber ganz spannend. Denn ihr Ehemann findet die Frau und sucht den Verräter.“
Schnell verlässt er die Villa wieder, dabei streichelt er mit seiner Hand den magischen Ring. Auf dem Boden sieht er einen Stein, er hebt ihn auf und sagt ihm, dass er ihm was erzählen soll.
Als er wieder auf der Straße ist geht ihm sein Abenteuer noch mal durch den Kopf. Er will wieder nach Hause. Denn die bösen Geister haben ihm einen Schrecken eingejagt mit ihren elektrischen Strahlen, vor denen hat er mächtig Angst. An die Skelette dagegen hat er sich gewöhnt, er hat ja schon ein paar besiegt. Von Heike weiß er, dass die Geister böse geworden sind durch die Kämpfe mit den Skeletten. Waren die davor alle lieb? Wenn sie ihm nichts tun würden würde er sich nachts wohl fühlen in Krondor.
Bei diesem Gedanken hört er vor sich etwas rattern. Sofort schaut er nach vorne und sieht etwas hellgraues auf sich zukommen. Was ist das nur? Angestrengt kneift er die Augen zusammen und versucht es zu erkennen. Einen Augenblick später sieht er, dass es ein Einkaufswagen ist, der auf ihn zu fährt. Mit einer raschen Geschwindigkeit. Ängstlich dreht sich der Junge um und will in eine Seitenstraße gehen.
Doch der Einkaufswagen folgt ihm und jetzt beginnt Jens zu rennen. Schnell huscht er durch eine Tür in ein Haus, der Einkaufswagen bleibt genau davor stehen. Jens steht im Hausflur und starrt den kleinen Wagen an, zwischen ihnen ist eine Treppe. Gibt es einen Hinterausgang in dem Haus? Doch als er im Hof sucht findet er keinen weiteren Ausgang, er muss durch die Haustür. Wo der Einkaufswagen steht.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20503 Verfasst am: Sa 30.Mrz.2013 12:51
 
Der magische Ring Teil 11
 
Jens beschließt mit dem Einkaufswagen zu reden, er geht zur Haustür und beugt sich nach vorne um ihn anzufassen. Dieser sagt:
„Endlich sehe ich einen Menschen, in dieser Stadt gibt es nur Untote. Oder gibt es hier noch mehr von dir?“
Jens schüttelt den Kopf und sagt:
„Krondor ist eine Geisterstadt, hier gibt es kaum Menschen.“
„Ich würde so gerne mal wieder mit einem Menschen einkaufen gehen. Ich weiß gar nicht mehr wie es ist Wurst, Käse und Brot in meinem Bauch zu haben.“
„Tust du mir was?“ fragt Jens.
Der Einkaufswagen fährt kurz nach hinten und Jens stolpert auf die Straße. Gleich darauf fässt Jens den Einkaufswagen wieder an.
„Nein, als ich dich gesehen habe habe ich an einkaufende Menschen gedacht. Wenn du willst kannst du dich in mich reinsetzen, dann fahre ich dich nach Hause.“
Der Junge fängt an zu lachen und sagt:
„Du hast mir aber einen Schrecken eingejagt, ich dachte schon du willst mir was tun.“
„Nein“, sagt der kleine Wagen, „ich bin doch nur ein Einkaufswagen was sollte ich dir schon tun können. Willst du dich jetzt in mich reinsetzen? Bitte, bitte. Ich weiß gar nicht mehr wie es ist Gewicht zu spüren.“
„Aber fahre nicht zu schnell. Ich sage dir in welche Richtung du fahren musst. Siehst du die Ampel dahinten? Da müssen wir links abbiegen“ sagt Jens und steigt in den Einkaufswagen. Dieser rollt los und erzählt ihm, dass er Kleider liebt. Er selber trägt keins, das bedrückt ihn auch etwas. Kahl und grau fühlt er sich. Gerne würde er die Jacke von Jens tragen.
Der Junge zieht seine Jacke aus und setzt sich auf sie. Der Einkaufswagen bedankt sich bei ihm und sagt, dass er die Jacke ganz kuschelig findet.
„Gleich kommen wir zu Bruno, du wirst viel Spaß mit ihm haben“ sagt der Einkaufswagen während er auf der Straße rollt.
„Wer ist Bruno? Ist das auch ein Einkaufswagen wie du?“ fragt Jens und streckt im Wagen lachend seine Arme aus.
Der Einkaufswagen fährt zu einem braunen Auto das am Straßenrand steht. Seine Reifen sind noch aufgepumpt und seine Scheiben sind heil. In dem Moment, indem der Einkaufswagen das Auto berührt, geht seine Tür auf, dabei leuchten seine Lichter. Jens steigt aus dem Einkaufswagen und berührt mit seiner Ringhand das Auto. Welches sich kurz räuspert und sagt:
„Hallo, mein Junge, wenn du willst kannst du ein bisschen mit mir fahren.“
Gleichzeitig wo er das sagt beginnen sich seine Scheibenwischer zu bewegen. Jens nimmt seine Hand vom Auto weg und überlegt. Soll er mal mit einem Geisterauto fahren? Er ist noch nie in seinem Leben mit einem Auto gefahren. Als er durch die Fensterscheibe das Lenkrad, das Armaturenbrett und die Pedale sieht bekommt er Lust und setzt sich rein.
Nachdem er die Tür geschlossen hat schaut er ob der Schlüssel im Auto steckt. Doch es ist keine Spur von ihm. Vorsichtig drückt er mit seinem Fuß auf ein Pedal, aber es passiert nichts. In dem Moment in dem er auf das andere Pedal tritt macht das Auto einen Ruck und fährt los.
Die bösen Geister mit ihren gefährlichen Strahlen hat er jetzt ganz vergessen, er wippt auf seinem Sitz auf und ab, dabei fährt er durch die Straßen der Geisterstadt. Zu Wolfram hat er keine Lust zu fahren, er will sich lieber die Stadt noch ein wenig anschauen.
Auf einer großen Allee gibt er etwas mehr Gas, hier ist kein Verkehr der ihn stört. Manchmal liegt ein Auto oder eine Mülltonne auf der Straße, dann muss er das Hindernis umfahren. Nach einer Zeit kommt er an einen Platz auf dem ein Reiter auf einem Pferd sitzt, eine Statue aus grauem Stein. Jens kommt in den Sinn, dass der Reiter nachts vielleicht lebendig wird und durch die Straßen reitet.
Zuerst dachte er, er könne gar nicht fahren. Aber er hat bei seinem Vater oft zugeschaut, so schwer ist es nicht. Die Gangschaltung funktioniert von alleine, dass Auto stellt sie ein. Blinker braucht er nicht, in den Rückspiegel muss er auch nicht schauen. Immer wenn 50 Meter vor ihm auf der Straße nichts liegt gibt er ordentlich Gas, dabei ruft er einen Freudenschrei aus.
Etwas später sieht er vier kleine Punkte auf der Straße. Sind das kleine Tiere, Kaninchen oder Ratten etwa? Zehn Meter davor bleibt er stehen, es sind Kuscheltiere, die die Straße überqueren. Ein Tiger, ein Hase mit Brille, ein Mädchen mit einem kleinen Stock und eine Katze mit einem kleinen gelben Stück in ihrer Tatze erkennt Jens. Jetzt bleiben sie am Straßenrand stehen und schauen das Auto an.
Normalerweise würde der Junge die Kuscheltiere nicht beachten, er ist aus dem Alter raus mit ihnen zu spielen. Doch das hier sind Zaubertiere, vielleicht können die auch sprechen. Sofort macht Jens die Tür des Autos auf und geht zu den Kuscheltieren.
„Was willst du von uns? Bist du ein Freund der Skelette?“ fragt das Mädchen und wedelt mit ihrem Stock.
„Wenn du ein Freund des Bösen bist, dann bedienst du dich der argen List“ spricht der Tiger und geht einen Schritt zurück.
Jens hebt seine Hand und spricht:
„Ich will euch nichts tun. Ich bin kein Freund der Skelette, ich habe schon ein paar getötet.“
„Ich auch!“ ruft das kleine Mädchen während der Hase den Kopf schüttelt.
„Wo geht ihr hin?“ will Jens wissen.
„Zum Spielplatz“ sagt die Katze und steckt sich einen gelben Bauklotz in den Mund.
Der Junge beschließt ihnen zu folgen, er hat gerade Lust mit den Kuscheltieren zu spielen. In der Zeit, in der sie laufen, unterhalten sie sich. Jens fragt die Katze wieso sie an einem kleinen Bauklotz knabbert. Können Kuscheltiere überhaupt an etwas knabbern?
„Natürlich können wir das“, spricht die Katze, „schließlich müssen wir auch von etwas leben.“
„Warum isst du einen Bauklotz?“ fragt Jens.
„Das ist kein Bauklotz, dass ist Käse. Ich esse liebend gerne Käse.“
„Katzen essen doch keinen Käse.“
Die Katze bleibt stehen und schaut ihn ärgerlich an.
„Katzen essen Käse. Na klar!“
Jens lächelt und sagt:
„Katzen essen Mäuse. Mäuse essen gerne Käse.“
„Nein, das ist anders herum. Die gefährlichen Mäuse mit ihren spitzen scharfen Zähnen jagen uns Katzen und wollen uns fressen. Gestern erst hat mich wieder eine gejagt, ich bin um mein Leben gerannt.“
Jens schüttelt den Kopf und sagt:
„Du bist vor ihr geflüchtet, weil du nur ein kleines Kuscheltier bist. Wenn du eine echte Katze wärst, dann hättest du keine Angst vor Mäusen.“
Die Katze wirft ihren Bauklotz auf den Boden und schimpft:
„Natürlich bin ich eine echte Katze. Sonst würde ich doch Käse nicht so sehr mögen.“
Die anderen Kuscheltiere sind auch stehen geblieben, sie hören dem Dialog zwischen Jens und der Katze zu. Jetzt sagt der Tiger:
„Na es kann schon sein, dass du keine echte Katze bist. Ich bin ja auch kein echter Tiger. Ich habe zwar so ein rundlichen Kopf mit Backenbart, auch die schwarzen Querstreifen habe ich. Aber ich schleiche nicht nachts herum und jage Beute. Wir brauchen nun mal kein Essen, wir müssen uns nicht mit den anderen messen.“
Missmutig hebt die Katze ihren Bauklotz vom Boden auf. Der Hase rückt seine Brille zurecht und sagt:
„Ach, ich wäre nicht so gerne ein echter Hase. Dann könnte ich nicht lesen und würde nur an meiner Möhre knabbern.“
„Ich bin auch kein echtes Mädchen“, sagt die Puppe mit dem kleinen Stock in der Hand, „ich bin ein starker Krieger mit dicken Armen und einem großen Schwert.“
„Du hast doch noch gar keine Skelette besiegt“, sagt der Tiger. „Immer wenn die kommen bleibst du regungslos liegen und bist dann ein normales Kuscheltier. Wenn die Angst kommt zu dir, lässt du sie starr deine vier“.
Während sie zum Spielplatz gehen unterhält sich Jens mit den Kuscheltieren weiter. Die Katze sagt gerade nichts mehr, sie ist traurig, dass die anderen ihr nicht glauben eine richtige Katze zu sein. Der Hase erklärt Jens, dass es eigentlich gut ist ein Kuscheltier und kein Mensch zu sein.
„Denn als Mensch bekommt man im Alter eine Wirbelsäulenverkrümmung“, sagt er.
Ein paar Minuten später erreichen sie den Spielplatz. Jens sieht wie etwas kleines auf der Schaukel sitzt und dann abspringt, die Kuscheltiere rennen sogleich zu ihm. Es ist ein kleiner Zauberer, der einen grünen Umhang trägt und einen Stab in der Hand hält.
„Wen habt ihr da mitgebracht?“ fragt der Magier.
Jens stellt sich vor und sagt, dass er noch nie sprechende Kuscheltiere gesehen hat.
„Dann wird es höchste Zeit. Komm, wir spielen Fangen!“ ruft der Zauberer und rennt weg. Die anderen Kuscheltiere verstecken sich unter der Rutsche, hinter dem Baugerüst oder hinter dem Klettergerüst. Jens rennt ihnen hinterher und versucht sie zu fangen was sich als gar nicht so einfach erweist. Denn die kleinen Tiere sind verdammt schnell obwohl sie nur kleine Beine haben. Jens spielt mit ihnen so lange bis er aus der Puste ist. Erschöpft wirft er sich in den Sand und lehnt sich an die Rutsche.
Die Kuscheltiere laufen zu ihm, sie umringen ihn. Der Zauberer fragt was er in Krondor mache. Jens antwortet:
„Ich habe hier das größte Abenteuer meines Lebens erlebt. Leider sind die bösen Geister mir zu stark, Skelette dagegen habe ich schon ein paar besiegt.“
Die Kuscheltiere erzählen ihm, dass ihnen die Strahlen nichts ausmachen, sie fürchten sich mittlerweile nicht mehr vor den Geistern.
Jens denkt kurz an seine Eltern und fässt sich erschrocken mit der Hand an den Mund. Er wird von ihnen viel Ärger bekommen. Langsam sollte er nach Hause gehen. Seinen Ring an der Hand schaut er an, er ist so froh, dass er ihn wieder hat. Dann schaut er auf die Kuscheltiere, wie sie reden und sich bewegen. Mit seinem Ring könnte er zuhause seinen Teddy anfassen und der würde mit ihm reden. Aber bewegen würde er sich nicht. Hier in Krondor sind dieses Kuscheltiere verzaubert, es wäre schon toll zaubern zu können. Ihm geht noch mal das Zauberbuch durch den Kopf, mit dem er sich in eine Fledermaus verwandelt hat. In den Bücherregalen der Villa hat er aber nur Bücher über Schwarze Magie gefunden.
Jetzt denkt er an die schwarze Kugel. Sie verwandelt Leichen in lebende Skelette. Kann sie sie auch in lebende Menschen verwandeln? Kann man mit ihr Tote wiederbeleben? Bald sind seine magischen Tränke aufgebraucht, aber vielleicht kann man mit der Kugel auch fliegen und unsichtbar werden. Was kann die Kugel alles für Zauber?
In der Zeit, in der er nachdenkt kommt der Hase zu ihm und sagt:
„Frage mich etwas, ich weiß alles über die Skelette. Ich war in der Bücherei und habe mich da schlau gemacht“ spricht der Hase.
„Das bringt uns nichts“, schimpft das Mädchen, „wir müssen kämpfen! Die Skelette verstehen nur die Sprache des Schwertes.“
Sie sticht mit ihrem Stock in den Sand.
„Wer weiß“, erklärt der Hase, „vielleicht sind die Skelette frustriert, dass die Geister ihnen nicht gebildet genug sind. Skelett kommt übrigens von dem griechischen Wort skeletos und heißt ausgetrocknet.“
Der Hase reibt mit seiner Pfote an den Gläsern seiner Brille.
Jens erkennt, wie aus dem Stab des Zauberers kleine Funken kommen. Er zeigt auf ihn und fragt:
„Kannst du zaubern?“
Der Zauberer nickt und erklärt:
„Ja, das kann ich in der Tat. Aber meine Zauber sind leider immer so klein, ich weiß nicht wie ich es ändern soll. Ich zaubere mal einen Schmetterling herbei.“
Er spricht eine Zauberformel und wedelt mit seinem Stab. Jens sieht, wie aus dem Stab etwas ganz kleines helles fliegt. Der Junge bückt sich und schaut es sich von nahem an. Und in der Tat, es ist ein winziger Schmetterling, der in bunten Farben leuchtet. Er steigt immer höher und fliegt davon, Jens schaut ihm hinterher.
Der Junge verabschiedet sich von den Kuscheltieren und verlässt den Spielplatz. Er hat vor Krondor zu verlassen. Die schwarze Kugel hätte er aber gerne noch, mit ihr könnte er zaubern. Mit der Kugel könnte er wie der kleine Zauberer einen Schmetterling herbeizaubern, stellt er sich vor. Er könnte fremde Sprachen verstehen, vielleicht sie sogar sprechen. Vielleicht kann man mit ihr liebe Geister herbeizaubern. Ein Schutzzauber gegen die Strahlen der Geister wäre auch gut. Und wenn es Außerirdische geben sollte, dann kann man mit der Kugel vielleicht Kontakt zu ihnen aufnehmen. Soll er noch mal schnell in die Villa gehen? Er grübelt und läuft im Kreis.
Zum Glück hat er den magischen Ring, so kann er mit der Kugel reden. Ansonsten bräuchte er bestimmt noch Magiebücher. Vielleicht kann man sich mit der Kugel groß zaubern, er ist ja noch ein Kind. Dann könnte er einen Führerschein machen und ein Auto fahren. In die Disco könnte er auch gehen. Kann man mit der Kugel in die Zukunft schauen? Im Wasser atmen und die Sterne verstehen würde vielleicht auch gehen. Um so mehr er überlegt um so mehr will er die Kugel haben.
Gerade weiß er aber gar nicht wo er ist. An einem Straßenschild steht „Mühlenstrasse“, sogleich holt er aus seinem Ranzen den Stadtplan und sucht die Straße. Es dauert eine Weile bis er sie gefunden hat. Er merkt sich den Weg und packt den Plan in seinen Rucksack. Soll er jetzt die Kugel holen? Jens denkt an den Moment, wo er auf der Gitarre eine wunderschöne Melodie gespielt hat. Da war Magie im Spiel, zaubern ist schon was tolles. Er schnippt mit den Fingern und rennt los.

Zwei Stunden später steht er in dem Raum, in dem die schwarze Kugel steht. Er fässt sie an und fragt sie im Flüsterton:
„Ich will mit dir andere Zauber machen, nicht immer Skelette beleben.“
„Jaja, ist ja gut“ meckert die Kugel.
„Was heißt hier „jaja“?“ fragt Jens.
„Verstehst du mich denn wieder, Meister?“
„Ja. Vorhin hatte ich den magischen Ring nicht an“ sagt Jens, der weiß, dass die Kugel ständig zum Grafen gesprochen hat und er ihr nicht antworten konnte.
„Warum hast du ihn letztens nicht angehabt und trotzdem mit mir gesprochen? Naja, gut, dann reden wir mal ein bisschen. Du willst noch, dass ich andere Zauber mache?“
„Ja“ sagt Jens und nickt mit dem Kopf.
„Ich könnte ja mal einen Vampir herbeizaubern. Du musst nur aufpassen, dass er dich nicht beißt. Einen schönen Albtraum könnte ich dir bescheren, du liebst doch so etwas. Ich könnte auch jemanden verschrumpeln lassen.“
„Kannst du nur Schwarze Magie?“
„Jetzt schon. Früher war ich eine weiße Kugel und hatte schöne Zauber gemacht. Ich konnte Menschen in Vögel verwandeln, sie mussten nur wieder die Kugel berühren und dann wurden sie zu Menschen. Ich konnte einen Menschen heilen und Tote beleben. Und schöne Träume konnte ich verschenken. Weißt du noch der Traum in der Steinpyramide mit dem Kristallschatz? Ist schon lange her.“
„Konntest du mich auch unsichtbar machen? Konnte ich mit dir fliegen?“ fragt der Junge.
„Weißt du das denn nicht mehr?“
„Es ist schon so lange her.“
„Du konntest mit mir, wenn es dein Wunsch war, sogar durch Wände gehen.“
Jens geht mit großen Augen einen Schritt zurück, er hätte die Kugel so gerne noch als sie weiß war. Er dreht seinen Kopf nach rechts und schaut auf das Gemälde des jungen Grafen. Sofort fässt er die Kugel an und fragt:
„Ich bin schon in die Jahre gekommen und alt, verzeihe mir diese Frage. Aber wann habe ich dich noch mal bekommen?“
„Du hast mich in einer Werkstatt gekauft und mich dann erst mit weißer Magie gefüllt, das war vor dreißig Jahren, du warst noch jung.“
„Und wo habe ich dich aufbewahrt?“
„Na im Keller. Wir haben ihn zusammen umgestaltet, in einer kleinen Kammer hast du mich aufbewahrt. Davor sind drei Räume mit Rätseln gewesen. Weißt du das denn nicht mehr, mein Meister?“
„Doch, jetzt fällt es mir wieder ein“ sagt Jens und lässt die Kugel wieder los.
Soll er durch das Gemälde gehen? Der Unsichtbarkeitstrank ist jetzt leer, aber mit der Kugel könnte er sich immer unsichtbar machen. Und er denkt an die Kuscheltiere die reden und sich bewegen konnten. Er würde auch sehr gerne zaubern können. Auf einmal hört er ein Geräusch aus einem Nebenzimmer, Jens erstarrt. Steht der Graf jetzt auf?
Einen Moment später kommt der Graf in den Raum und setzt sich vor die Kugel. Mit seiner Hand fässt er sie an und spricht mit ihr, die Tür ist geschlossen. Vorsichtig geht Jens durch das Gemälde welches bis zum Boden reicht.
Nun steht er in dem gemalten Raum, in den er schon mal geschaut hat. Er schaut seinen Körper an und stellt fest, dass er noch unsichtbar ist. Nun geht er an dem Bett vorbei und öffnet leise die Tür. Dabei bewundert er seine Umwelt, die in den schönsten Farben gezeichnet ist. Ein leises Geräusch kann er jetzt hören, als ob jemand etwas schneidet. Als er durch den Flur geht und in die Küche schaut sieht er, dass in der Küche eine Frau Zwiebeln schneidet. Neben der Küche ist eine Bibliothek, in der der Graf sitzt.
Behutsam geht er zur Haustür und sieht, dass ein Schlüsselbund im Schloss steckt. Vorsichtig zieht er ihn heraus und öffnet langsam die Tür. Schnell huscht er die Treppen herunter und erreicht schließlich die Kellertür. Nach einer Weile findet er den richtigen Schlüssel und öffnet die Tür. Eine Treppe kommt zum Vorschein, die ins dunkle führt. Sofort holt er seine Fackel und zündet sie an. Die Fackel ist wie er unsichtbar, trotzdem leuchtet sie ihm den Weg.
Während er die Treppe runtergeht hofft er, dass die Rätsel von denen die Kugel erzählt hat, nicht zu schwer sind. Am Ende der Treppe angekommen sieht er sich in einem Gang, an seinem Ende ist eine offene Tür. Nachdem er durch die Tür gegangen ist kommt er in einen Raum, der eine Sackgasse ist. An der linken Wand steht ein Spiegel, den man auf Rädern bewegen kann. Sogleich fässt er den Spiegel an und fragt:
„Wie geht es hier weiter?“
„Das hier ist ein Rätsel. Es ist nicht so schwer“ meint der Spiegel.
„Vielleicht muss ich einen geheimen Schalter finden“ sagt sich der Junge und läuft an den Wänden entlang, dabei berührt er sie mit der Hand.
Danach schaut er in den Spiegel und sieht die Steinwand. Bald wird seine Unsichtbarkeit vorbei sein. Jetzt greift er in den Spiegel, doch kann er nicht so wie beim Gemälde durchgreifen. Er schiebt den Spiegel an die Wand entlang und fässt ihn an, er dreht ihn zur Wand und berührt diese. Scheinbar kommt er hier nicht weiter. Genau in dem Moment schließt sich die Tür, die vorhin noch offen war. Mit hastigen Schritten rennt er zu ihr und rüttelt an ihr, doch sie ist verschlossen. Jetzt ist er eingesperrt.
Ein letztes mal haut er gegen die Gittertür und sinkt mit der Fackel in der Hand zu Boden. Er runzelt seine Stirn und überlegt wie er wieder raus kommen soll.
„Du konntest mit mir, wenn es dein Wunsch war, sogar durch Wände gehen.“
Das hat die Kugel ihm gesagt. Mit der Kugel würde er aus dem Keller wieder herauskommen, er muss einfach nur die Rätsel lösen. Schnell steht er wieder auf und geht zu dem Raum wo der Spiegel steht.
Langsam wird er wieder sichtbar und er sieht wie sein Körper in Ölfarben gemalt ist wie auch seine Umgebung. Er hockt sich auf den Boden und starrt den Spiegel an, der an der linken Wand steht. Da bekommt er eine Idee. Hastig steht er auf und schiebt den Spiegel so, dass er auf die Tür zeigt durch die er gekommen ist. Kann man jetzt vielleicht durch den Spiegel gehen? Sofort greift er rein, doch seine Hand kann nur das Glas des Spiegels fühlen. Jetzt schiebt er den Spiegel quer durch den Raum, danach geht er zur verschlossenen Tür und rüttelt an ihr. Doch sie bleibt zu.
Hoffnungslos lässt er sich auf den Boden fallen, die Fackel kullert aus seiner Hand. Wäre er doch nicht durch das Gemälde gegangen. Bei dem Gedanken hier verhungern zu müssen beginnt er zu weinen, er hofft, dass das alles nur ein böser Traum ist und schließt die Augen.
Als er wieder aufwacht sieht er nichts, es ist stockdunkel. Mit seiner Hand sucht er die Fackel, doch die ist abgebrannt. Da gab es doch noch den Zauber, mit dem man im Dunkeln sehen kann. Seine Augen schließt er und versucht sich zu konzentrieren. Doch ihm fällt die Zauberformel nicht ein. Was soll er jetzt machen? Am liebsten würde er nach seinen Eltern rufen, doch das würde keinen Sinn ergeben. Er kauert sich auf den Boden. Und zittert am ganzen Leib.
Im Dunkeln sucht er den Spiegel, als er ihn mit seiner Ringhand anfässt sagt er:
„Hilf mir bitte, ich komme nicht weiter.“
„Bist du nicht der Graf? Bist du ein Eindringling?“
Daraufhin stößt Jens den Spiegel ärgerlich mit dem Fuß dass er ein wenig nach hinten rollt. Die Hoffnung weiter zu kommen hat er schon fast aufgegeben. Auf einmal fällt ihm was ein. Was ist wenn man den Spiegel an die Wand lehnen muss, genau gegenüber der Tür?
Mit neuem Mut steht er auf und tastet sich im Dunkeln vor. Er nimmt den Spiegel und schiebt ihn an die Wand und zwar so, dass er der Tür gegenüber steht. Das dauert einen Moment, da es dunkel ist und er nichts sieht. Plötzlich verschwindet der Spiegel und an der Wand erscheint eine Tür. Jens öffnet sie, doch kann er gar nichts sehen. Vorsichtig streckt er seine Hand aus und tappst im Dunkeln geradeaus. Da tritt er auf einmal auf etwas.
Sogleich schaut er auf seinem Schuh und er erkennt, dass es Wachs ist. Auf dem Boden liegen Kerzen stellt er fest. Erleichtert holt er seine Streichholzpackung aus dem Ranzen und zündet die Kerzen an. In diesem Raum, der deutlich größer ist als der andere, stehen überall Kerzen auf dem Boden, an der Wand hängt ein Bild eines Mannes in schwarzen Kleidern, der den Mund offen hat und sich ans Herz fässt. Und in der Mitte steckt ein Schwert im Boden, so sehr sich der Junge auch anstrengt, er bekommt es nicht herausgezogen.
Gegenüber der Tür, durch die er gekommen ist, ist eine weitere. Als Jens sie öffnen will merkt er, dass sie verschlossen ist. Durch den magischen Ring sagt sie ihm, dass er das Rätsel lösen müsse, dann öffnet sie sich. Jens schaut auf die Kerzen, die verstreut auf dem Boden liegen. Vielleicht muss man was mit den Kerzen machen geht es ihm durch den Kopf. Während er nachdenkt steckt er ein paar von ihnen in seinen Ranzen.
Das Bild ist ein ganz normales stellt er fest als er es anfässt. Mit einer Kerze in der Hand schaut er auf das Gemälde, der Mann soll wahrscheinlich ein Pfarrer sein. Sein Mund ist geöffnet als ob er stöhnen würde. Warum fässt er sich ans Herz? Jens grübelt, doch kommt er auf keine Idee. Vielleicht muss man zu der verschlossenen Tür gehen und sich ans Herz fassen. Aber als er es macht passiert nichts, die Tür bleibt zu. Nun stöhnt er dabei wie der Pfarrer auf dem Bild. Doch die Tür bleibt geschlossen. Entmutigt berührt er sie, er wünschte er könnte sie mit seinem Ring öffnen.
Jetzt hat er gerade keine Idee. Das Bild hat er von der Wand abgenommen, doch dahinter sind nur die runden Steine der Wand. Vielleicht muss man das Bild zu den Kerzen packen sagt er sich doch als er es zwischen den Kerzen stellt passiert nichts, die Tür öffnet sich nicht.
Die Kerzen stehen verstreut in dem Raum, deswegen legt er jetzt alle um das Schwert herum. Aber das Schwert bleibt fest im Boden. Einen Kreis bildet er jetzt mit den Kerzen um das Schwert. So sehr er sich auch anstrengt, er bekommt es nicht aus dem Steinboden. Vielleicht muss man vor dem Bild stehen und sich an Herz fassen. Doch als er es macht und wie der Pfarrer stöhnt passiert nichts.
Jens geht nochmal zum Schwert und versucht es herauszuziehen, als er nochmal zum Bild blickt bekommt er eine Idee. Das Schwert steckt fest im Boden, er lässt seinen Knauf los und überlegt, ob man die Kerzen zu einem Herzen stellen muss. Deswegen fässt der Mann vielleicht auf dem Bild sich ans Herz.
Sofort stellt er die Kerzen um das Schwert in die Form eines Herzens, dabei schaut er ständig zur Tür ob sie sich öffnet. Nachdem er die Kerzen aufgestellt hat zieht er am Schwert. Welches sich jetzt ganz leicht aus der Erde ziehen lässt. Von den Wänden kommt ein leises „AHH!“ und die verschlossene Tür öffnet sich. Die Kugel meinte, dass drei Rätsel sie schützen, zwei hat er jetzt hinter sich gebracht.
Doch Jens erstarrt. Lautes Löwengebrüll dringt an sein Ohr. Panisch schaut er auf seine Arme, er ist ja jetzt nicht mehr unsichtbar. Er verharrt in seiner Position und bleibt wie angewurzelt stehen. Eine Weile wartet er, doch die Löwen kommen nicht näher. Mit einer brennenden Kerze in der Hand geht er schnell zu dem Schwert und nimmt es in die andere Hand. Langsam geht er auf den nächsten Raum zu, dabei bleibt er nach jedem zweiten Schritt stehen.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20504 Verfasst am: Mo 1.Apr.2013 12:54
 
Der magische Ring letzter Teil
 
Das Löwengebrüll kommt von der linken Wand, in der Jens fünf Gitterfenster sieht. Dahinter sind Löwen, die es kaum abwarten können raus zu kommen. Sind das echte Löwen oder nur Geister? Sie sind wie alles hier in Ölfarben gemalt, aber ihm erscheinen sie echt mit ihrer Mähne und ihren funkelnden Augen. Jetzt passt er bei jedem Schritt auf wo er hingeht. Denn er will nicht auf irgend einen Schalter treten der die Gittertüren öffnet. In der Zeit, in der er den Raum untersucht, zittert seine Hand mit der er die Kerze hält. An der vorderen Wand erkennt er zwei Türen, dazwischen ist eine Mauer. Und an der rechten Wand sieht er vier Hebel. Öffnen die die Türen oder die Gitterfenster?
Jens fässt mit seiner Ringhand den Hebel an, der ganz links ist. Dieser spricht:
„Ja, drücke mich herunter, dann öffnen sich die Türen und die Kugel gehört dir“.
Der Junge will den Hebel schon runter drücken, aber er traut sich nicht. Was ist wenn der Hebel ihn anlügt? Er fässt den Hebel rechts daneben an und dieser spricht:
„Höre nicht auf den linken Hebel, der ist ein Spinner. Mich musst du herunterdrücken, dann bist du an deinem Ziel.“
Jens fässt einen anderen Hebel an und er sagt:
„Drücke mich! Bei den anderen Hebeln werden die Löwen auf dich losstürmen.“
„Warum sagt jeder Hebel er sei der richtige?“ fragt der Junge.
„Na weil die neidisch auf mich sind. Denn ich bin der richtige. Ich werde immer gedrückt um an die Kugel zu kommen, die anderen werden stets nicht beachtet. Es ist schon ein schönes Gefühl der Auserwählte zu sein.“
Der Junge lässt den Hebel los, im selben Moment brüllt ein Löwe. Vor Schreck lässt Jens die Kerze fallen und fässt sich ans Herz. Eben hat er sich mächtig erschrocken. Das der Graf Löwen hat wusste er nicht, vielleicht hat er sie mit der Kugel herbei beschworen. Scheinbar ist Jens durch das Gemälde in ein Haus gekommen, welches in einer bewohnten Stadt ist. Warum sollte der Graf die Kugel sonst so schützen?
Mit seiner zittrigen Hand hebt er die Kerze wieder auf und geht zu der rechten verschlossenen Tür. Er rüttelt an ihr und fässt sie mit seiner Ringhand an, aber sie sagt ihm nichts. Daraufhin geht er zur linken Tür, die genauso aussieht, auch sie schweigt als er mit ihr reden will. Langsam geht er zu den Gitterfenstern und schaut auf die Löwen. Ihm geht es durch den Kopf ob er hier in dieser gemalten Welt auch sterben kann.
Er hält die Kerze in der Hand während er an der Wand entlang läuft. Bei der Wand, die zwischen den zwei Türen ist, bleibt er stehen. Da ist irgendwas eingeritzt stellt er fest. Seine Hand fühlt an den Steinen der Wand und er entdeckt, dass ein großes Kreuz in sie geritzt ist. Was soll das nur bedeuten? Bestimmt ist es ein Teil des Rätsels.
Jens fässt sich am Kopf und grübelt nach. Ein Kreuz besteht aus vier kleinen Strichen. Soll er den vierten Hebel drücken? Ein Kreuz kann auch aus zwei langen Strichen gebildet werden, die übereinander liegen. Anders als bei den anderen Rätseln hat er hier wahrscheinlich nur einen Versuch. Wenn sich die Gittertüren öffnen ist es um ihn geschehen.
Aus seinem Rucksack holt er sein Kruzifix und fragt es:
„Kannst du mir helfen? Ich komme bei diesem Rätsel nicht weiter.“
„Ich bin doch nur ein Holzkreuz. Ich bin nicht so schlau“ sagt das kleine Kreuz.
Jens hält den Löwen das Kreuz entgegen, vielleicht sind es ja nur Geister. Doch die Löwen beachten das Kreuz nicht und knurren ihn an. Das Kreuz an der Wand sieht aber anders aus, sein Mittelpunkt ist genau in der Mitte der Striche. Ist es vielleicht ein Pluszeichen? Muss man hier was zusammenzählen?
Der Junge schaut zu den Gitterfenstern und sieht, dass hinter jeder der fünf ein Löwe sich befindet. Fünf Löwen, es gibt aber nur vier Hebel. Ist vielleicht etwas in den Türen geritzt? Sofort geht er zur linken Tür und untersucht sie mit seiner Kerze. Die Tür ist aus stabilem dunkelbraunem Holz ohne irgendwelche Zeichen oder Muster. Die andere Tür sieht genauso aus.
Muss er die Wände zusammenzählen? Vier Wände sind in dem Raum, dann müsste er den vierten Hebel drücken. Jens fässt sich an den Kopf und überlegt. Das Pluszeichen ist genau zwischen den zwei verschlossenen Türen. Eine Tür plus eine Tür sind zwei Türen. Zwei ist vielleicht die richtige Antwort. „Doch, das wird es sein“ sagt sich der Junge und geht langsam zu den Hebeln. Er greift zum zweiten Hebel, dabei schaut er auf die Gitterfenster. Das Schwert hat er in der anderen Hand, die Kerze hat er auf den Boden gestellt.
Schließlich drückt er den zweiten Hebel nach unten. Erst passiert nichts. Nervös schaut er zu den Löwen. Auf einmal hört er ein Rattern und zu seiner Freude sieht er, wie sich die beiden Türen öffnen. Erleichtert geht er zu einer der Türen und landet in einem Gang, der erst nach links und dann nach rechts führt. Er geht durch den Gang und kommt an eine Gittertür. Dahinter sieht er die weiße Kugel. Leider ist die Gittertür zu und er findet an dem Schlüsselbund keinen passenden Schlüssel.
Ihm fällt der Trank ein, mit dem man sich klein zaubern kann, sofort wühlt er in seinem Ranzen und sucht ihn. Nachdem er ihn gefunden und aus ihm getrunken hat dauert es nicht lange und er schrumpft auf die Größe einer Hand. Jetzt zwängt er sich durch das Gitter durch, seinen Ranzen hat er vor der Gittertür abgestellt. In der Zelle, in der er ist, ist nur ein Tisch mit der Kugel. Ein paar Minuten später wächst er wieder auf seine Normalgröße. Die Kerze hat er vor der Zelle abgestellt, es ist nur wenig Licht in dem kleinen Raum.
Das erste was er macht ist die weiße Kugel anzufassen. Er sagt zu ihr:
„Hallo Kugel, ich werde dich jetzt mitnehmen.“
„Wollen wir eine Vision zaubern? Willst du einen Schutzzauber? Oder willst du einen Gegenstand beleben?“
„Nein, ich nehme dich mit zu mir nach Hause. Dein Meister wird irgendwann eine böse Kugel aus dir machen.“
„Eine böse?“
„Ja, du wirst in der Zukunft Leichen in lebende Skelette verwandeln. Du wirst dann nur noch schwarze Magie können.“
„Was?“, spricht die Kugel entsetzt, „dann nimm mich mit. Ich will kein Diener des Bösen sein. Toll, dass du mit mir sprechen kannst, das konnte mein Meister nicht.“
„Aber als erstes müssen wir durch die Tür der Zelle. Komme ich mit dir dadurch?“ fragt der Junge.
„Ja, klar. Halte mich in deinen Händen und gehe einfach nur durch“ spricht die Kugel.
Jens geht mit der Kugel in den Händen durch die Gittertür. Er hat gar nichts dabei gefühlt, es hat sich wie Luft angefühlt. Dabei hat er sich schon erschreckt, als er gesehen hat, wie sein Körper in das Gitter der Tür eingetaucht ist.
Schnell packt er seinen Ranzen auf den Rücken und nimmt die Kerze in die Hand. Mit der Kugel geht er durch die drei Rätselräume und steht schließlich vor der Tür hinter dem Raum mit dem Spiegel, die sich geschlossen hat. Er schließt die Augen und geht durch die Tür, drei Schritte später öffnet er sie wieder und sieht, dass er sie passiert hat.
Die Kugel hat ihn in der Zeit gefragt, wie es komme, dass er mit ihr sprechen kann. Jens hat ihr von seinem magischen Ring erzählt, was die Kugel sehr erfreut hat. So werden sie sich in nächster Zeit viel unterhalten können und sie wird sich auch nicht so alleine fühlen.
Der Junge stellt fest, als er wieder im Treppenhaus steht, dass es dunkel geworden ist.
„Kannst du mich unsichtbar zaubern?“ fragt er.
Augenblicklich verschwinden seine Arme und Beine, dabei geht er die Treppe hoch. Als er vor der Wohnungstür steht geht er einfach durch sie hindurch. Als er an der Küche vorbei läuft bleibt er stehen, er will sich noch schnell was zu essen mitnehmen. Nachdem er sich kurz umgeschaut hat packt er einen Laib Brot und eine Flasche Wasser in seinen Ranzen.
Vorsichtig betritt er das Wohnzimmer in dem das Gemälde hängt durch das er gekommen ist. Der Graf sitzt an seinem Tisch und schreibt etwas, ein Kerzenständer spendet ihm Licht. Dabei sitzt er mit dem Kopf zu der Wand, die neben der ist, an der das Bild hängt. Zum Glück reicht das Bild bis an den Boden, so muss er nicht umständlich klettern. Während er die Kugel hält geht er durch das Gemälde in die Zukunft zurück.
Aber er landet nicht in dem Raum, in dem die Schwarze Kugel stand. Ihm geht durch den Kopf, dass er jetzt die Vergangenheit geändert hat und der Graf jetzt vielleicht gar nicht in Krondor wohnt. Wo ist er nun?
In dem Raum, in dem er steht, ist ein Tisch mit einem Stuhl, daneben ist ein Bücherregal welches an ein Fenster grenzt. Es ist Nacht und Jens kann Stimmen im Nebenzimmer hören.
„Kann ich mit dir fliegen?“ flüstert Jens der Kugel zu.
„Willst du fliegen? Das haben wir noch nicht gemacht. Ich kenne aber den Zauberspruch dafür“ sagt die Kugel.
Leise öffnet er das Fenster und stellt sich aufs Fensterbrett. Zwar hat er noch den Trank mit dem man fliegen kann aber weit kommt man nicht mit ihm.
„Jetzt will ich fliegen“ sagt der Junge.
Einen Moment später erhebt er sich vom Fensterbrett und steigt in die Lüfte. Angst befällt ihn bei dem Gedanken die Kugel fallen zu lassen.
„Fliege mich nach Hause“ sagt der Junge.
„Wo wohnst du denn?“ fragt die Kugel.
„In Neubrandenburg.“
„Entschuldige, mit der Deutschlandkarte kenne ich mich nicht so gut aus. In welche Himmelsrichtung willst du fliegen?“
Jens schüttelt den Kopf, er weiß es nicht. Erst mal will er herausfinden in welcher Stadt er ist. Er bittet die Kugel wieder zu landen und den ersten Menschen, den er trifft fragt er wie die Stadt heißt in der er ist. Es ist Rostock und Jens weiß, dass seine Stadt südöstlich von hier liegt. Jetzt fliegen sie in windigen Höhen durch Norddeutschland, ab und zu landen sie, damit Jens etwas schlafen und essen kann.

Zwei Wochen später

Jens sitzt auf dem Boden und spielt mit seinem Spielzeug. Seit zwei Wochen ist er wieder zuhause und sein Abenteuer in Krondor ist ihm oft durch den Kopf gegangen. Er hat viel Ärger von seinen Eltern bekommen, erst hat seine Mutter vor Freude geweint, als sie ihn gesehen hat, dann aber hat sie laut geschimpft. Sein Vater war auch sehr böse auf ihn.
Hausaufgaben hat er heute schon gemacht. In der Schule trägt er den magischen Ring nicht, er legt ihn zuhause immer ab. Er will nicht, dass einer von den Fähigkeiten des Ringes erfährt. Aber einmal konnte er sich nicht beherrschen, seinem besten Freund Robert hat er den Ring kurz gegeben.
„Ziehe den Ring an und fasse einen Gegenstand an“ sagte er zu Robert.
Der wollte erst mal nicht, doch ließ er sich überreden. Als er nach einem Buch griff ließ er es sofort fallen.
„Was ist das für eine Stimme, die ich in meinem Kopf gehört habe?“ fragte Robert ihn.
„Das ist das Buch, es will mit dir reden“ antwortete Jens ihm und lächelte ihn dabei an.
Robert nahm das Buch wieder in die Hand und hörte der Stimme in seinem Kopf zu, dabei runzelte er die Stirn.
„Das ist ja Wahnsinn, ich habe gerade Winnetou sprechen gehört“ sagte er und wollte das Karl-May-Buch nicht mehr loslassen. „Wo hast du den Ring her?“
„Ich habe ihn in einer Gruft im Friedhof gefunden“ sagte Jens und wollte den Ring wieder haben.
„Warte“ sprach Robert und hielt das Buch in der Hand, dabei hat er der Stimme gelauscht, die in seinem Kopf war. Erst eine Weile später gab er ihm den Ring, er musste auch versprechen keinem davon zu erzählen.
Jens hat sich aber nicht nur mit dem Ring beschäftigt. Mit ihm hat er ja schon viel Spaß gehabt, in letzter Zeit hat ihn die weiße Kugel sehr interessiert. Zuerst hat er mit ihr gesprochen und sie gefragt, was für Zauber sie kann. Sie meinte, dass ihr wichtigster Zauber die Heilung ist.
Davon konnte Jens letztens eine Kostprobe nehmen als er sich den Knöchel beim Skateboardfahren verstaucht hat. Nachdem er die Kugel angefasst hat war der Schmerz weg. Der blaue Fleck war auch verschwunden.
Dann kann die Kugel noch einen Zauberspruch mit dem Namen „Anziehen“. Mit ihm zieht man Lebewesen an, egal ob Menschen oder Tiere. Jens wollte den Spruch unbedingt ausprobieren und nachdem er die Kugel berührt hatte merkte er, wie nett seine Mutter auf einmal zu ihm war. Sie kam ständig in sein Zimmer und wollte mit ihm reden. Auf der Straße zerrten die Hunde an der Leine und wollten unbedingt von ihm gestreichelt werden. Sogar Vögel kamen zu ihm geflogen, darunter ein kleiner Spatz, den Jens Emil nennt. Er fliegt seitdem morgens immer an sein Fenster und klopft mit seinem Schnabel gegen die Scheibe. Zusammen gehen sie dann immer zur Schule.
Lichtzauber kann die Kugel auch, Jens braucht diesen Spruch aber nicht. Vielmehr hat ihn interessiert, ob die Kugel den Spruch kann, mit dem man im Dunkeln sehen kann. Jens konnte den Spruch zwar mal, hat ihn aber wieder vergessen. Die Kugel meinte, dass sei einer der ersten Sprüche, die sie gelernt hat und Jens konnte damit ein Buch im Dunkeln lesen.
Einen Schutzzauber gegen elektrische Strahlen kann die Kugel ihm jetzt geben, allerdings braucht er diesen Zauber nicht mehr. Wenn er mal wieder in der Geisterstadt sein sollte und auf böse Geister trifft, dann bräuchte er ihn aber.
In einen kleinen Baum hat sich der Junge auch mal verwandelt. Er ist dafür mit der weißen Kugel rausgegangen und hat ihr gesagt, dass sie den Zauber auf fünf Minuten begrenzen soll. Jens fand es schon seltsam ein Baum zu sein, er konnte sich gar nicht bewegen, aber die Sprache des Windes hat er auf einmal verstanden gehabt. Sehen konnte er auch nicht, er konnte nur fühlen wie ein Vogel auf einem seiner Äste gelandet ist.
Mit einem anderen Spruch erreichte Jens, dass ihm alle immer recht gaben. In der Schule meldete er sich und beantwortete die Fragen des Lehrers und auch wenn seine Antworten falsch waren drehte der Lehrer sie so, dass sie richtig waren. Seine Freunde gaben ihm in allem recht und hatten auf einmal die selbe Lieblingsfarbe und den selben Lieblingsfilm wie er. Seine Eltern gaben ihm ebenfalls in allem recht und er konnte an dem Tag sogar länger auf bleiben, sie erlaubten es ihm.
Die Kugel kann ihn zudem noch schneller machen. Einmal ist er von zuhause zu spät zur Schule losgegangen und hat die Kugel noch gefragt ob sie ihn schneller machen kann. Danach ist er durch die Straßen geflitzt und ist sogar noch fünf Minuten vor Schulbeginn da gewesen. Leider hielt der Spruch nicht den ganzen Tag an, denn dann hätte er im Sportunterricht mit seiner Geschwindigkeit geglänzt.
Essen und trinken kann er mit der Kugel ebenfalls erschaffen. Als er den Spruch ausprobierte hatte er auf einmal ein Stück Brot in der einen Hand, in der anderen hatte er ein Glas Wasser. Hier zuhause hat er ja immer genug Essen, aber für ein Abenteuer ist dieser Spruch schon sehr sinnvoll.
Dinge wiederfinden ist ein weiterer Spruch, den er jetzt kann. Einmal hat er seine Federtasche nicht gefunden, da berührte er die Kugel und fragte sie was er machen solle. Die Kugel sprach eine Zauberformel und sagte, dass er jetzt nur an den Gegenstand denken müsse und dann findet er ihn. Sofort hatte er an seine Federtasche gedacht und instinktiv schaute er zum Tisch. Als er vor dem Tisch stand richtete sich sein Blick auf einmal an die Wand und er wusste plötzlich, dass sie hinter den Tisch gefallen war. Und Tatsache, sie war dahinter, zwischen dem Tisch und der Wand eingeklemmt.
Ein weiterer Spruch zaubert für zehn Minuten einen augenförmigen, etwa pflaumengroßen Kristall zwei Handbreit über seinem Kopf. Dieser Kristall warnt ihn vor bösen Gegnern, ein sehr praktischer Spruch für Krondor. Hier in seiner Heimatstadt braucht er diesen Spruch nicht, aber bei dem Gedanken daran ihn zu zaubern bekommt er wieder richtig Lust auf ein Abenteuer.
Ein magisches Ohr hat Jens einmal gezaubert, damit konnte er hören was seine Eltern im Wohnzimmer sprachen. Zum Glück ging der Spruch aber nur fünf Minuten, denn Jens hat alles in zehnfacher Lautstärke gehört. Als ein Auto auf der Straße vorbeifuhr und hupte musste er sich die Ohren zu halten.
Den Spruch Tote wiederbeleben hat Jens noch nicht probiert, sollte aber einer in seiner Familie oder einer seiner Freunde sterben würde er ihn brauchen. Vielleicht muss er ihn bald benutzen, denn seine Ur-Oma ist schon fast 90 Jahre alt. Wie soll er aber an sie herankommen wenn sie tot ist? Er müsste nach ihrer Beerdigung ihr Grab öffnen, eine andere Möglichkeit sieht er nicht. Denn keiner würde ihn zu seiner toten Ur-Oma lassen, wer würde ihm schon glauben?
Bevor er einen Spruch die Kugel aufsagen lässt, den er noch nicht kennt, spricht er erst mit ihr. Einmal hat er es aber nicht gemacht, er war sich sicher, dass nichts schlimmes passieren kann. Denn die Kugel kann nur weiße Magie. Er sprach zur Kugel, dass sie einen Zauber machen solle, den sie gelernt aber noch nie ausgesprochen hat. Auf einmal wurde es ganz kalt in der Wohnung, die Temperatur sank um 30 Grad. Seine Eltern waren zum Glück nicht da. Sofort hat er die Kugel gefragt, ob sie den Zauber rückgängig machen kann, doch sie meinte, das geht nicht mehr. Sie konnte ihm aber einen Kälteschutz zaubern, daraufhin umgab ihn eine gelb schimmernde Haut.
Die Kugel kann noch weitere Zaubersprüche von denen hier aber nicht berichtet werden soll. Immer wenn Jens besonders viel mit ihr gezaubert hat fühlt er sich etwas schwach, er hat dann das Bedürfnis sich hinzulegen und sich auszuruhen. Scheinbar entzieht die Kugel ihm bei jedem Spruch etwas Kraft.
Heute spürt er ein großes Verlangen mit der Kugel wieder nach Krondor zu reisen. Denn jetzt würde er sich einen Schutz gegen die elektrischen Strahlen der bösen Geister zaubern können. Sind da überhaupt noch viele böse Geister? Denn er hat ja dem Grafen die Kugel entwendet, der Mann ist wahrscheinlich nie nach Krondor gekommen. Und wenn er nicht da ist, dann gibt es dort auch keine Skelette, die in der Nacht die Geister angreifen, dadurch sind die Geister ja böse geworden.
An diesem Tag ist Freitag, er wollte eigentlich zu Robert gehen und dort ein Wochenende bleiben. Aber eigentlich hat er auf Krondor viel mehr Lust. Freude spürt er in sich aufkommen wenn er daran denkt denn starken Geistern jetzt gewappnet zu sein.
Seine Eltern haben die Kugel zwar schon gesehen gehabt, sie vermuten allerdings nichts besonderes dahinter. Einmal hat seine Mutter gesehen wie er mit ihr spricht, sie hat sich gewundert den Jungen aber nicht dabei gestört.
Jens verabschiedet sich von seinen Eltern und sagt ihnen, dass er zu Robert geht. Mit der Kugel in den Händen läuft er aus dem Haus. Es wird jetzt langsam dunkel, er wird wahrscheinlich in der Nacht die Geisterstadt erreichen. Er geht in eine Gasse, in der niemand ist und steigt in die Luft. Über den Dächern der Stadt fliegt er und als er eine Taube sieht macht er den Spruch, mit denen er Tiere anziehen kann.
Sogleich fliegt die Taube zu ihm, Jens schwebt jetzt in der Luft an einem Punkt. Der Vogel setzt sich auf seine Ringhand und sagt:
„Ich weiß gar nicht warum, aber ich mag dich aus ganzem Herzen. Am liebsten würde ich da hin fliegen wo du hin fliegst.“
„Ich will nach Krondor, weißt du den Weg?“ fragt der Junge.
„Was willst du in der Geisterstadt“ fragt die Taube und flattert mit den Flügeln auf seiner Hand.
„Ich will schauen ob die Geister dort noch gegen die Skelette kämpfen“ antwortet der Junge.
„Na gut, ich bringe dich hin. Fliege mir nach“ ruft die Taube und fliegt voraus.
Jens folgt der Taube, mittlerweile hat er sich ans Fliegen gewöhnt. Es ist ein wunderschönes Gefühl in den Lüften zu schweben und keinen Grund unter den Füßen zu spüren. Sie verlassen die Stadt und fliegen über den Bäumen des Waldes.
Nach drei Stunden erreichen sie die Geisterstadt. Mittlerweile ist es Nacht geworden. Jens bedankt sich bei der Taube und landet auf einer Straße neben einem umgekippten Mülleimer. Von der Ferne sieht er drei Geister auf sich zu fliegen, sofort sagt er zur Kugel:
„Zaubere mir den Schutzschild, liebe Kugel.“
Einen kurzen Augenblick später sieht er auf seinem Körper eine blaue durchsichtige Schicht, die etwas leuchtet. Die drei Geister kommen näher, sie tragen die Uniform von Soldaten. Sie bleiben vor ihm stehen und schauen ihn an. Der linke sagt:
„Was machst...“
„...du in...“ sagt der mittlere Geist.
„...Krondor?“ spricht der rechte von ihnen.
Der Junge weiß gar nicht zu welchem Geist er schauen soll. Er hält die Kugel fest in seinen Händen und fragt:
„Gibt es hier lebende Skelette in der Stadt, die euch angreifen?“
Die Geister schauen sich irritiert an und sagen:
„Wie kommst...“
„...du auf...“
„...lebende Geister?“
Der rechte Geist wird von den beiden anderen ärgerlich angeschaut, sofort dreht er sich zu Jens und sagt:
„Nicht Geister sondern Skelette.“
Scheinbar gab es nie Skelette in Krondor, geht es Jens durch den Kopf. Und der Graf hat wahrscheinlich nie hier gelebt. Dadurch, dass Jens ihm die Kugel weg genommen hat konnte er sich nicht mehr mit Magie beschäftigen und ist dann anderen Dingen nachgegangen. So erklärt der Junge sich das.
„Hast du...“
„...keine Angst...“
„...vor uns Geistern?“
Jens schüttelt den Kopf und sagt:
„Ich habe schon viele gesehen gehabt.“
Die Geister sprechen:
„Wir könnten...“
„...dir mit unseren...“
„...Strahlen gefallen!“
Die zwei anderen Geister schauen den rechten an und zeigen ihm einen Vogel. Der rechte Geist sagt daraufhin:
„nicht gefallen sondern schaden.“
Jens muss kurz nachdenken was die Geister meinen und sagt:
„Eure Strahlen können mir nicht mehr schaden.“
Die Geister lachen und schießen ihre Strahlen auf ihn. Statt zusammen zu zucken und hinzufallen bleibt Jens stehen, er fühlt nur ein leichtes Kribbeln auf seiner Haut. Während die Geister ihn mit ihren Strahlen bewerfen bleibt der Junge stehen und grinst sie an. Nach zehn Sekunden hören die Geister damit auf und sagen:
„Was ist...“
„...das für...“
„...eine Kugel?“
Jens antwortet:
„Die Kugel schützt mich. Was macht ihr in Krondor?“
„Wir gehen...“
„...zu einem...“
„Geisterfest.“
Jetzt sagen alle drei:
„Komm mit.“
Sie drehen sich um und Jens folgt ihnen. Er fragt seine Kugel:
„Wie lange hält der Schutzzauber an?“
„Eine Weile, mach dir mal keine Sorgen. Bestimmt ein paar Stunden.“
„Kannst du dich auch klein machen? Ich gehe jetzt auf ein Geisterfest und will dich nicht die ganze Zeit halten.“
Kurz darauf schrumpft die Kugel zu der Größe einer Murmel. Jens steckt sie in seine Hosentasche. Er freut sich sehr, dass er den Strahlen der Geister widersteht. Die Straßen sind leer, nur vereinzelt fliegen Geister an ihnen vorbei. Keine Skelette und keine Kämpfe weit und breit.
Während Jens mit den Geistern geht überlegt er in nächster Zeit öfter zur Geisterstadt zu kommen. Vor den Geistern hat er jetzt keine Angst mehr. Mit der Kugel verfügt er über einen Zauber um sich vor ihnen zu schützen. Und nach Krondor fliegen kann er auch mit ihr. Er freut sich schon auf die nächsten Jahre, in denen er viel Spaß mit den Geistern haben wird.

ENDE
 
 
   
     
 
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Beitrag 20506 Verfasst am: Mi 3.Apr.2013 15:46
 
Die mit dem Regen spricht
 
Maria läuft draußen auf der Straße, in der Hand trägt sie einen Regenschirm. Sie hat in den Nachrichten gehört, dass es heute regnen soll. Sie will einen Roman schreiben, sie weiß nur nicht um was es da gehen soll. Ihr fehlen die Ideen, sie braucht aber welche, denn sie ist von Beruf Schriftstellerin. Auf eine Bank an der Straße setzt sie sich hin und überlegt.

Maria:
„Was soll ich nur schreiben? Ich wünschte mir könnte einer eine Idee geben. Ich bräuchte die richtige Ideenhabung. Soll ich für Erwachsene oder für Kinder schreiben? Bisher habe ich nur Liebesromane geschrieben. Schade, dass mein Leben nicht aufregend ist, ich muss mir immer irgendwelche Sachen ausdenken, damit es mir Spaß macht. Ohhh, jetzt fängt es an zu regnen.“

Sie spannt ihren Schirm auf und hält ihn über ihren Kopf.

Maria:
„Soll ich über diese Stadt hier schreiben? Irgendwie ist der Ort in dem ich wohne aber langweilig. Vielleicht eine Geschichte über die Vergangenheit? Ich weiß es nicht.“

Jetzt hört sie auf zu denken und schaut auf die Straße, an der eine Ampel steht und Autos halten. Sie hört nur die Geräusche der Autos und die Tropfen, die auf ihren Regenschirm fallen. Es ist ein schwacher Regen, nur vereinzelt fallen Tropfen. Als sie auf ein Auto schaut hört sie drei Tropfen hintereinander und danach einen auf ihren Schirm fallen. Kurz darauf schaut sie einen Mann an und hört nur zwei Tropfen. Sogleich guckt sie auf ein anderes Auto und hört wieder die drei Tropfen hintereinander und danach einen. An der Ampel steht eine Frau, in dem Moment in dem sie hinschaut hört sie erst zwei und dann drei Tropfen. Als sie auf ein Auto schaut und wieder die vier Tropfen hört, weitet sie ihre Augen und steht auf.

Maria:
„Warte mal.“

Sie schaut auf eine Tramhaltestelle, ein Verkehrsschild, und einen Mann mit einem Hund. Sie merkt sich von jedem Objekt die Folge der Tropfen, die auf ihren Regenschirm fallen.

Maria:
„Der Regen spricht! Der Regen hat eine eigene Sprache! Ich fasse es nicht.“

Sie sieht einen Mann und hört wie bei dem vorhin zwei Tropfen auf ihrem Schirm.

Maria:
„Zwei Tropfen heißen 'Mann', und zwei und danach drei Tropfen heißt 'Frau. Sehr interessant. Was heißt denn 'Haus'?“

Sie schaut auf das gegenüberliegende Haus und hört erst einen Tropfen, eine kurze Pause und dann vier.

Maria:
„Das heißt also Haus. Mal schauen ob es kommt, wenn ich ein anderes Haus anschaue.“

Jetzt hört sie die selbe Abfolge von Tropfen wie gerade eben.

Maria:
„Ich werde jetzt die Sprache des Regens lernen. Das ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen.“

Maria hört dem Regen noch eine Weile zu und schaut sich den Briefkasten, den Mülleimer und die Ampel an. Sie versucht sich den Rhythmus der Regentropfen zu merken. Nun steht sie auf und geht spazieren, dabei blickt sie in ihre Umgebung und schaut sich Sachen an. Doch die ganzen Folgen der Tropfen kann sie sich nicht merken. Sie beschließt nach Hause zu gehen und den Rhythmus des Regens aufzuschreiben.
Zuhause sitzt sie mit einem Vokabelheft und fragt den Regen Wörter.

Maria:
„Die wichtigste Vokabel ist der Regen. Lieber Regen, wie heißt du in deiner Sprache?“

Am Fenster ist stille, dann prasseln erst vier, dann drei und dann ein Regentropfen gegen die Scheibe. Maria schreibt es auf und fragt den Regen jetzt ganz viele Wörter. Die nächsten Wochen regnet es viel und Maria nutzt diese Gelegenheit und fragt den Regen nach Vokabeln.
Am Abend setzt sie sich jedes mal vors Fenster und lauscht dem Regen, sie ist sich sicher, dass er was erzählt. Aber das was sie versteht ergibt keinen Sinn.

Nach zwei Wochen versteht sie folgendes:

„Gott ist ein Killer der Kamera. Die Sehnsucht nach Süßem steht vor Gericht. Der Tabakladen ist aus Vanille. Die Waffen werden von Katzen gegessen. Der Koffer zeigt Zähne. Die Schere der Kirche sucht das Radio.“

Hat sie den Regen jetzt richtig verstanden?

Maria:
„Das ergibt keinen Sinn. Oder ist das nur verschlüsselt? Ich versuche daraus mal eine Geschichte zu schreiben.“

Auf ein Blatt Papier schreibt sie:

„Gott ist ein Killer der Kamera. Wenn ein Photo geschossen wird erscheint Gott und zerstört die Kamera. Er hasst Kameras, weil dort der Moment geraubt und festgehalten wird, das Leben muss aber fließen und frei sein. Die Sehnsucht nach Süßem steht vor Gericht, das heißt...“

Sie lässt ihren Stift enttäuscht auf den Tisch fallen und schaut zum Fenster.

Maria:
„Regen, ich verstehe dich nicht. Kannst du nicht Sachen erzählen die verständlich sind? Bitte, bitte!“

Sie hört dem Regen zu, dabei schaut sie ab und zu in ihr Vokabelheft.
Auf einmal versteht sie den Satz „Ich bin verständlich. Oder nicht?“ im Regentropfencode.

Maria:
„Regen, sprichst du zu mir?“

Regen:
„Ja.“

Maria ist sich ganz sicher, dass das Wort „ja“ zwei Tropfen mit einer kurzen Pause sind.

Maria:
„Lieber Regen, erzähle noch mal was.“

Regen:
„Die Schere klafft auseinander und malt dem Vogel eine Zitrone. Der Esel steht auf dem Kopf und filmt eine Badewanne. Der Wolf tanzt mit der Banane und lacht bis er weint.“

Maria überlegt noch mal was sie verstanden hat und schüttelt den Kopf.

Maria:
„Das ist sinnlos was du erzählst.“

Regen:
„Wieso?“

Maria:
„Eine Schere kann nicht malen. Ein Esel kann nicht filmen. Und ein Wolf tanzt nicht mit einer Banane.“

Regen:
„Woher soll ich das mit der Schere wissen, ich habe noch nie eine benutzt. Warum soll ein Esel nicht filmen können, man kann ihm doch eine Kamera umhängen. Können Bananen wirklich nicht tanzen?“

Maria:
„Nein. Komm, erzähle was vernünftiges.“

Regen:
„Na gut, ich probiere es (Pause). Es war einmal ein Mann, der aß gerne brasilianischen Käse. Der Kopf der Neutronen wurde in Moskau verschüttet. Der emsige...“

Maria:
„STOP! Das ergibt wieder keinen Sinn.“

Regen:
„Ach, Mann, ihr Menschen immer mit eurem Sinn. Ist doch egal, Hauptsache man kann die Sprache irgendwie benutzen und lustige Sachen erzählen.“

Maria:
„Fange nochmal mit deiner Geschichte an. Und werde nicht wieder so absurd.“

Regen:
„Es war einmal ein Mann, der aß gerne brasilianischen Käse. Er belegte es am liebsten auf ägyptischem Toastbrot. Dazu trank er mit Vorliebe ein japanisches Bier. Jedenfalls war das sein Wunsch so zu speisen, er musste es sich immer vorstellen. In seiner Stadt hatten sie diese Sachen nicht, er musste ganz normale Wurst und Käse kaufen. Frustriert schnippte er mit dem Zeh und heulte dem Bilderrahmen ein Lied vor über Frösche, die Tennis spielen.“

Maria:
„STOP! Der Anfang war gut, dann bist du wieder zu absurd geworden. Fahre fort bei dem Wort 'frustriert'.“

Regen:
„Frustriert ging er an den Regalen des Supermarktes entlang und schaute mit müdem Blick die Waren an. Warum gab es keine italienischen Sushi? Oder afrikanische Hamburger? Er wusste, er musste sich etwas außergewöhnliches selber kochen. Er kaufte sich australisches Bier und eine italienische Pizza. Zuhause backte er die Pizza im Ofen und schüttete das Bier darüber. Dann schaute er im Atlas welcher Ort zwischen Italien und Australien liegt. Es sind die Malediven, also hatte er eine Pizza aus dem Indischen Ozean.“

Maria:
„Das ist schon viel besser, lieber Regen. Die ist zwar verrückt, deine Geschichte ist aber nicht ganz so absurd, wie das was du davor erzählt hast.“

Regen:
„Danke. Wenn ich dir wieder eine Geschichte erzähle bist du dann dabei und korrigierst mich?“

Maria:
„Ja.“

Maria legt den Stift beiseite und ist glücklich. Sie nimmt sich vor dem Regen zu helfen nicht sinnlose Sachen zu erzählen. Bisher hat sie ihren Freunden noch nichts von der Sprache des Regens erzählt, jetzt will sie es aber tun. Sie greift zum Telefon und ruft ihre beste Freundin Marlene an.

Marlene:
„Hallo?“

Maria:
„Hallo, ich bin´s Maria. Du, ich muss dir unbedingt was erzählen. Ich verstehe den Regen.“

Marlene:
„Wie meinst du das?“

Maria:
„Der Regen erzählt dauernd was, ich habe seine Sprache entschlüsselt. Leider erzählt er meist wirres Zeug, aber mit ihm lässt sich reden. Heute hat er was halbwegs vernünftiges erzählt. Es ist schon ziemlich verrückt gewesen, aber davor hat er total das sinnlose Zeug erzählt.“

Marlene:
„Der Regen erzählt doch nichts. Es sind doch nur Regentropfen, die auf den Boden fallen.“

Maria:
„Die haben aber eine Bedeutung. Das Wort „Bedeutung“ ist bei ihm übrigens zwei Tropfen, dann eine lange Pause und dann drei Tropfen und dann noch einer.“

Marlene:
„Du bist doch verrückt. Die Regenwolken sind doch keine denkenden Lebewesen.“

Maria:
„Ich glaube Gott steuert das. Gott redet über den Regen zu uns.“

Marlene:
„Das mit dem Regen bildest du dir doch nur ein. Wie willst du denn diese „Regensprache“ entschlüsselt haben?“

Maria:
„Ich habe viele Wörter aus dem Wörterbuch genommen, den Regen danach gefragt was es in seiner Sprache heißt und dann den Regentropfen an meiner Fensterscheibe gelauscht.“

Marlene:
„Also, Maria, der Regen spricht doch nicht mit uns.“

Maria:
„Doch, der will, dass wir ihm zuhören. Weil das keiner tut ist er schon ganz krank und verwirrt.“

Marlene:
„Ich glaube du bist krank. Entschuldige, dass ich das sage, aber so etwas verrücktes habe ich noch nie gehört.“

Wütend legt Maria auf ohne sich zu verabschieden. Sie hätte es sich denken können, dass ihr nicht geglaubt wird. Draußen hatte der Regen aufgehört, sie ärgerte sich etwas, denn sie hätte gerne noch mit dem Regen gesprochen.
Als sie im Bett liegt geht ihr noch mal das Telefonat mit ihrer Freundin durch den Kopf. Was ist wenn der Regen nur zufällig gegen die Scheibe fällt? Ist sie vielleicht wirklich krank? Bildet sie sich das nur ein, dass die Regentropfen eine Bedeutung haben? Aber sie hat den Regen doch nach Wörtern gefragt, den Rhythmus der Tropfen aufgeschrieben und den Regen nochmal abgefragt. Sie hat in den letzten Wochen viele Regenvokabeln aufgeschrieben, wenn es morgen nicht regnen sollte will sie noch ein paar auswendig lernen.
Am nächsten Tag regnet es wirklich nicht und sie stöbert die ganze Zeit in ihren Vokabelheften. Hat der Wind eigentlich auch eine Sprache? Wenn es das nächste mal windig ist will sie versuchen ihn zu verstehen. Vielleicht unterhalten sich der Wind und der Regen, wahrscheinlich sind sie gute Freunde.
Die nächsten Tage vergehen ohne Regen und Maria wird langsam traurig. Sie freut sich schon auf den nächsten regnerischen Tag. In der Zeit betrachtet sie die Federwolken am Himmel und fragt sich ob ihre Form eine Geschichte erzählen. Wenn der Regen eine Sprache hat, dann müssen Wolken doch auch eine haben, denkt sie sich.
Sie nimmt ihren Fotoapparat und photographiert die Wolken. Auf dem Computer schaut sie sich das Bild an und versucht an der Form der Wolke was zu erkennen. Sie nimmt sich vor das nächste mal den Regen zu fragen.
Eines Tages, als sie mit der S-Bahn fährt, beginnt es zu regnen, sofort stürmt sie zu einem Fenster und beobachtet die Tropfen.

Maria:
„Endlich bist du wieder bei mir, ich habe dich schon so vermisst, lieber Regen.“

Regen:
„Jetzt war ein Hoch, ich war in der Zeit in Skandinavien und habe mich da ein bisschen ausgeschüttet.“

Maria:
„Du meinst, du hast da was erzählt.“

Regen:
„Naja, die Menschen beachten meine Sachen nicht, die ich erzähle. Du, mir ist unser letztes Gespräch noch mal durch den Kopf gegangen. Die Sätze der Heuschrecke entblößen dem Affen seine Fußsohle und...“

Maria:
„STOP!“

Die Leute in dem Zug drehen sich zu Maria und wundern sich über sie.

Regen:
„Entschuldige, da war wieder Unsinn dabei. Was ich sagen wollte: Ich will lernen vernünftige Geschichten zu erzählen. Du musst verstehen, seit Jahrmillionen erzähle ich Geschichten, dabei hört mir keiner zu, das hat mich völlig krank gemacht. Du bist der erste Mensch, der mir zuhört und mich versteht.“

Maria:
„Können Wolken eigentlich auch reden?“

Regen:
„Du musst dir ihre Form anschauen und versuchen etwas darin zu erkennen. Wenn du das Wort herausgefunden hast musst du warten bis die Wolke ihre Form geändert hat.“

Maria:
„Bist du Gott?“

Regen:
„Nee, ich bin nur der Regen. Gott ist aber ein guter Freund von mir. Ich habe mir übrigens wieder eine Geschichte ausgedacht.“

Maria:
„Erzähle.“

Regen:
„Es war einmal ein Mann, der ein Auge hatte, das selbständig denken konnte.“

Maria:
„Das ist absurd.“

Regen:
„Warte, Maria, höre mir zu. Der Mann liebte eine Frau, die dem Auge nicht gefiel und immer wenn er sie ansah verschloss sich das Auge. Gerne hätte sich das Auge mit Schach und Mathematik beschäftigt, doch der Mann war nicht besonders intelligent, er trank viel Bier und arbeitete als Bauarbeiter. Manchmal vergaß der Mann etwas und dann sagte das Auge ihm es. Dem Mann machten aber Kreuzworträtsel Spaß, denn das Auge sagte ihm immer die richtige Antwort. Als der Mann wieder seine Frau traf verdrehte sich sein Auge und schloss sich. Der Mann sagte zur Frau:
„Lisa, ich liebe dich, aber mein Auge mag dich nicht. Ich glaube ich muss Schluss machen mit dir“. Die Frau runzelte die Stirn und zeigte ihm einen Vogel. Nun wollte das Auge geschminkt werden, doch der Mann wollte es nicht, er sei schließlich keine Frau. Da verdrehte sich sein Auge und er gab nach.“

Maria merkt, dass sie mit der Bahn zu weit gefahren ist. Aber sie bleibt im Zug sitzen und will dem Regen zuhören.

Regen:
„Ja, gut, ich werde dich schminken!“ sagte der Mann und ging in die Drogerie. Dort kaufte er Augen-schminke, die Kassiererin dachte, er kauft es für seine Frau. Zuhause schminkte er das Auge, das andere, was völlig normal war schminkte er nicht. Auf seiner Arbeit wurde er ausgelacht, seine Kollegen fragten warum er sich das eine Auge schminke. „Weil es mein Auge so will“ sagte er ihnen. Das Auge besuchte den Hoppegarten und frisierte den Kurzhaardackel mit Zahnpasta und...“

Maria:
„STOP!“

Regen:
„Sorry, Maria. Am nächsten Tag traf der Mann sich mit einer bildhübschen Frau, sie wunderte sich über sein geschminktes Auge, aber er erzählte solch wunderbare Dinge, die das Auge ihm zuflüsterte, dass sie darüber hinweg sah. Am Ende des Gespräches erzählte er von seinem Auge, was scheinbar ein eigenes Gehirn habe. Jetzt dachte die Frau er hat sie nicht mehr alle, aber ihr gefiel der Mann trotzdem und sie gingen zu ihr nach Hause. Dort poppten sie und der Mann versprach ihr für sie alles zu tun was er nur könne. Da küsste die Frau sein Auge, das Auge verdrehte sich kurz und war total verliebt.“

Maria:
„Toll. Es ist schon besser mit dir geworden. Manchmal sagst du noch einen sinnlosen Satz, aber nicht mehr so viel wie am Anfang.“

Regen:
„Soll ich dir mal was sagen, Maria?“

Maria(lächelt):
„Ja, was denn?“

Regen:
„Ich liebe dich, du bist der erste Mensch, der mich versteht.“

Jetzt kann sich Maria nicht mehr halten. Als der Zug hält steigt sie schnell aus, rennt aus dem Bahnhof und tanzt im Regen auf der Straße, dabei streckt sie ihre Arme aus und schaut nach oben.

Maria:
„Ich liebe dich auch, wir werden für immer miteinander verbunden sein. ICH LIEBE DICH!“

Sie zieht ihre Jacke aus und wirft sie auf den Boden. Danach krempelt sie den Ärmel ihres Pullovers und ihres Hemdes hoch und lässt den Regen darauf regnen. Sie sagt sich, dass es gut ist, dass sie eine intelligente Frau ist. Denn die Tropfen schnell in Wörter zu übersetzen bedarf viel Konzentration.

Maria:
„Regen, ich brauche deine Hilfe. Ich brauche eine Idee für meinen nächsten Roman.“

Regen:
„Schreibe über mich.“

Die Leute auf der Straße wundern sich über Maria, es sieht für sie so aus als ob sie mit dem Himmel sprechen würde.

Maria:
„Erzähle mir von dir, was für ein Gefühl ist es für dich von einer Wolke auf die Erde zu fallen. Wie fühlst du dich dabei?“

Regen:
„Wenn durch Kondensation des Wasserdampfes Tropfen entstehen und mittels der Schwerkraft aus der Wolke fallen ist es für die Wolke ein erlösendes Gefühl, für mich beginnt dann ein rasanter Flug nach unten. Die Häuser sehen erst aus wie kleine Legosteine, die Menschen und Autos sind nur kleine Punkte. Aber bei meinem rauschenden Fall wird alles größer, ich erkenne die ganzen Details und staune was die Menschen alles erbaut haben.“

Maria blickt auf den Boden und wundert sich. Denn die Wörter Kondensation, Wasserdampf oder Schwerkraft hat sie den Regen noch gar nicht gefragt. Wie kann sie es dann verstanden haben? Ist sie vielleicht geisteskrank? Traurig zieht sie ihre Jacke an und fährt mit der Bahn nach Hause. Als sie daheim ist regnet es nur noch leicht, die Regentropfen fallen auf ihre Fensterscheibe. Ohne das sie es will hört sie dem Regen zu.

Regen:
„Maria, was betrübt dich?“

Mit den Händen stützt Maria ihren Kopf ab. Sie hat den Regen wieder verstanden. Oder bildet sie sich das nur ein? Ratlos schaut sie zum Fenster und fragt:
„Regen, hörst du mich?“

Regen:
„Ja.“

Maria:
„Ich glaube ich bin verrückt. Ich höre irgendwelche Tropfen und bilde mir ein, dass sie Wörter bedeuten.“

Regen:
„NEIN! Das darfst du nicht denken, Liebste. Du verstehst mich schon. Wir haben doch fast dein ganzes Wörterbuch durchgearbeitet. Und wenn du das Wort „Legosteine“ bei mir verstehst, dann ist es dein Instinkt der dir das sagt. Du hast ein Gefühl für die Sprache bekommen.“

Maria:
„Wirklich?“

Regen:
„Ja doch, glaube mir. Du bist eine sehr intelligente Frau, das muss man auch sein um mich verstehen zu können. Zweifle nicht an dir, meine Freundin. Ich muss dir was trauriges sagen.“

Maria:
„Was denn?“

Regen:
„Ich werde heute das letzte mal regnen für eine Weile. Zwei Wochen werden wir nicht miteinander reden können. Aber in der Zeit kannst du ja noch ein paar Vokabeln lernen. Aber eigentlich brauchst du es nicht mehr, du hast das Feeling für meine Sprache bekommen. Du verstehst mittlerweile alles. Ich liebe dich.“

Maria:
„Ich liebe dich auch.“

Im selben Moment klingelt das Telefon. Maria hebt den Hörer ab.

Maria:
„Ja?“

Gerd:
„Hallo Maria, ich bin es, Gerd. Ich wollte mal mit dir reden, ich mag dich, das weißt du doch.“

Maria:
„Ja.“

Gerd:
„Was machst du gerade?“

Maria:
„Ich rede mit dem Regen.“

Gerd:
„Was machst du?“

Maria:
„Ähhh, ich rede mit mir selbst über meinen neuen Roman, während es draußen regnet.“

Gerd:
„Über was wird dein Buch handeln?“

Maria:
„Es wird ein Kinderbuch. Ich schreibe über Rudi, den Regentropfen. Wie er ein saurer Regentropfen wird und ins Grundwasser sickert.“

Gerd:
„Süß. Du, wollen wir uns mal treffen?“

Maria vereinbart mit ihm einen Treffpunkt. Nachdem sie aufgelegt hat merkt sie, dass der Regen stärker geworden ist.

Regen:
„Liebst du ihn?“

Maria:
„Wen?“

Regen:
„Na diesen Gerd.“

Maria:
„Nein.“

Regen:
„Das ist auch gut so, ich bin schon richtig eifersüchtig geworden.“

Maria:
„Regne noch mal das Wort „eifersüchtig“.“

Regen:
„Warum? Na gut: eifersüchtig.“

Maria steht auf und ruft:
„Ich bin nicht verrückt, ich verstehe dich. Deine Regentropfen haben Syntax und Grammatik, warum ist das noch nicht anderen Menschen aufgefallen?“

Regen:
„Die Menschen denken, der Aufprall meiner Tropfen ist purer Zufall. Das ist ein Fehler. Schreibe doch ein Buch darüber, wie sich eine Frau mit dem Regen unterhält.“

Maria:
„Vielleicht ist das eine gute Idee. Ich stelle dir mal ein paar Fragen.“

Sie nimmt einen Stift und ein Blatt Papier.

Maria:
„Was hältst du von Menschen?“

Regen:
„Naja, kommt drauf an welchen Ort du meinst. Da wo es sehr heiß ist freuen sich die Menschen wahnsinnig über mich, manche haben sich sogar Regengötter ausgedacht. Sie beten mich an und sind richtig glücklich wenn ich auf ihre Körper falle. In deiner Stadt bin ich nicht so beliebt, da lieben alle nur die doofe Sonne.“

Maria:
„Magst du die Sonne nicht?“

Regen:
„Naja, sie ist manchmal eine gute Freundin. Wenn wir uns treffen, dann zaubern wir einen prächtigen Regenbogen am Himmel. Aber eigentlich mag ich sie nicht, vielleicht ist es nur Neid. Denn du musst zugeben, dass sie auf der Erde sehr beliebt ist, die Menschen freuen sich immer wenn sie scheint. Dabei ist sie ziemlich dumm.“

Maria:
„Kann man mit der Sonne reden?“

Regen:
„Das ist es ja gerade, das geht nicht. Die Sonne hört einem nicht zu, sie sagt dauernd „warm, warm, warm“, glaube mir, sie ist ein langweiliger Vogel.“

Maria:
„Hast du eine Seele?“

Regen:
„Ja klar. Merkst du das nicht? Sonst könnten wir uns nicht unterhalten.“

Maria schreibt in der Zeit alles auf. Sie hat vor ein Interview mit dem Regen zu führen.

Maria:
„Wärst du gerne ein Mensch?“

Regen:
„Ja. Dann würden mich nämlich alle verstehen. Am liebsten wäre ich ein Clown, ich würde die Menschen immer zum Lachen bringen. Und ich würde nicht nach einer Zeit einfach verschwinden. So wie es jetzt der Fall sein wird.“

Nur noch vereinzelt fallen Tropfen gegen die Fensterscheibe.

Maria:
„Bitte geh noch nicht fort. Ich habe noch eine Frage: Warst du schon mal verliebt?“

Regen:
„Ja...,aber es war nicht...so sehr...wie...jetzt.“

Jetzt hört sie nichts mehr, sie öffnet das Fenster und streckt ihre Arme aus. Ein paar Regentropfen fallen auf ihren Arm.

Regen:
„Toll...das...es...dich...gibt.........Maria.“

Maria:
„Ich liebe dich aus ganzem Herzen, ich schreibe unter deiner Flagge. Deine Liebe ist mein Schild. Mein nächstes Buch wird den Menschen erklären, wie man dich verstehen kann, okay?“

Der Regen hat aufgehört. Maria schließt das Fenster wieder und setzt sich an den Schreibtisch um über die Sprache des Regens zu schreiben.
In den nächsten Wochen arbeitet sie an ihrem Buch „Die Sprache des Regens“. Sie ist sich sicher, dass ihr Werk ein Bestseller werden wird. Auf jeden Fall freut sie sich schon wenn es wieder regnet, dann wird sie den Regen noch weiter interviewen. Denn in ihrem Buch soll nicht nur seine Sprache stehen sondern alles wissenswerte über den Regen. Was ein Sprühregen oder ein Konvektionsregen ist will sie aber nicht schreiben, denn dafür gibt es schon unzählige Bücher.
Nach drei Wochen regnet es wieder, Maria ist in der Zeit mit ihrem Regenschirm spazieren.
Maria schaut zum Himmel und spricht:
„Da bist du ja endlich wieder, lieber Regen!“

Regen:
„Der Truthahn signalisiert der roten Ampel, dass sie das Ampelmännchen umwälzen muss und...“

Maria:
„STOP!“

Regen:
„Entschuldige, Maria, wir haben uns jetzt eine Weile nicht gesehen. Das eben war ein Rückfall. Aber mit mir ist es besser geworden, oder?“

Maria:
„Ja. Warum bist du nicht schon letzte Woche gekommen?“

Regen:
„Ja, ich dachte, ich komme schon eine Woche früher. Aber die Winde haben einen Umweg mit mir gemacht.“

Maria:
„Ich gehe jetzt nach Hause und stelle dir ein paar Fragen, okay?“

Regen:
„In Ordnung.“

Maria:
„Ich liebe dich. Wollen wir heute Musik hören?“

Regen:
„Ja, das können wir. Wunder dich nicht, wenn ich bei den Liedern mitsinge, ich kann bei Musik einfach nicht still sein.“

Maria geht nach Hause und setzt sich sofort an den Schreibtisch.

Maria:
„Okay, wir machen mit dem Interview weiter. Kannst du in die Zukunft sehen?“

Regen:
„Ne, ich denke manchmal ich regne drei Tage und dann sind es doch nur zwei.“

Maria:
„Liebst du irgendwen außer mich?“

Regen:
„Ja, ich liebe Flüsse, Seen und Meere. In deiner Stadt ist die Havel, es ist immer wieder ein wunderschönes Gefühl auf sie zu fallen. Sie spricht mit ihren Wellen, sie kann schöne Gedichte aufsagen.“

Maria:
„Ich wusste gar nicht, dass Flüsse eine eigene Sprache haben. Kannst du sie mir beibringen?“

Regen:
„Na klar. Die Wellen eines Flusses sind aber zu klein, ich verstehe sie, aber für dich wird es zu schwer sein. Du musst zum Meer gehen und dort am Strand auf mich warten. Wenn ich dann komme übersetze ich dir die Wellen des Meeres.“

Maria:
„Wollen wir Urlaub an der Ostsee machen?“

Regen:
„Gerne. Fahre am besten jetzt dorthin wo Frühling ist. Im Sommer werden wir uns nämlich selten sehen.“

Maria:
„Hast du irgendwelche Feinde?“

Regen:
„Ja. Eure Industrie. Durch die Schwefeloxide, die ihr Menschen in die Luft sprüht, entsteht aus mir Schwefelsäure und die Stickoxide verwandeln mich in Salpetersäure. Die Luftverschmutzung macht mir schon zu schaffen, ich bekomme dann immer schlechte Laune und bin dann ganz sauer.“

Maria:
„Hast du vor irgendwem Angst?“

Regen:
„Ja, vor Blitzen. Ihr Menschen erschreckt euch bestimmt auch mal bei einem Donner, aber ich stecke da mittendrin und habe es noch viel schlimmer. Wenn Gewitter ist hassen mich eigentlich alle von euch Menschen. Wir aber, Maria, werden uns dann wieder unterhalten, okay?“

Maria:
„Ja. Wie alt bist du?“

Regen:
„Ein paar Milliarden Jahre.“

Maria kaut an ihrem Stift und denkt nach. Vielleicht kann man den Regen ja Sachen fragen, die die Menschen nicht wissen.

Maria:
„Wo kommt der Mensch her?“

Regen:
„Einmal ist eine Walnuss auf die Erde gefallen und ein Menschenpaar ist rausgehüpft. Sie waren erst ganz klein,...“

Maria:
„STOP!“

Regen:
„Ne, das stimmt. Die ersten Menschen waren Winzlinge. Durch die Evolution sind die größer geworden.“

Maria:
„Das kann ich gar nicht glauben. Aber okay, ich schreibe es auf. Waren schon mal Außerirdische auf der Erde?“

Regen:
„Ich habe bisher keine gesehen, aber es kann sein, dass sie schon mal da waren und es hat nicht geregnet.“

Maria:
„Was war dein traurigster Moment?“

Regen:
„Das war vor einigen Jahren in Asien. Ich hatte mal wieder eine Weltreise hinter mir und dann über Thailand glaube ich war das habe ich mich ergossen. Es war aber zu viel, es gab Überschwemmungen. Menschen ertranken und Häuser stürzten ein.“

Maria:
„Warum hast du nicht aufgehört zu regnen?“

Regen:
„Ich konnte nicht, auch ich bin den Gesetzen der Natur unterworfen.“

Maria:
„Okay, wir haben jetzt genug Interview gemacht. Ich werde jetzt instrumentale Musik auflegen und du wirst dazu singen, okay?“

Regen:
„Gut, mache ich. Ich freue mich wieder bei dir zu sein. Hörst du wie ich stärker werde?“

Maria nickt, macht Kerzen an und legt eine CD in ihre Musikanlage. Während die Musik läuft hört sie dabei dem Regen verträumt zu.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20509 Verfasst am: Sa 6.Apr.2013 13:34
 
Noras Schatten
 
Nora sitzt in der Küche und isst Abendbrot. Ihr geht noch mal die Probe von heute durch den Kopf, im nächsten Monat hat sie viele Auftritte. Während sie so nachdenkt schaut sie auf den Tisch unter ihrer Hand und wundert sich. Wo ist denn ihr Schatten? Sofort schaut sie an die Wand und sieht ihren Schatten ganz lässig sitzen. Kurz darauf winkt er ihr zu und sagt in ihrer Stimme:
„Hallo, Nora, ich muss mal mit dir reden.“

Nora lässt das Brot auf den Teller fallen und steht auf. Der Schatten bleibt aber sitzen.

Nora:
„Was ist hier los? Was ist mit meinem Schatten passiert?“

Schatten:
„Ich bin heute Abend mal selbständig. Komm, setze dich wieder hin.“

Unsere Nori setzt sich langsam wieder hin, dabei lässt sie den Schatten nicht aus ihren Augen.

Schatten:
„Einerseits bin ich froh dein Schatten zu sein, du bist eine aktive Frau und unternimmst viel. Jetzt bist du nicht nur Schauspielerin sondern auch Musikerin. Das finde ich toll, ehrlich. Aber es reicht mir nicht.“

Nora:
„Wie kommt es, dass du lebst? Du bist mein Schatten und musst das machen was ich mache.“

Schatten:
„Ich habe einfach einen so unbändig großen Wunsch. Dieser Wunsch hat mich selbstständig gemacht.“

Nora:
„Was willst du?“

Schatten:
„Ich will mit dir zu den Sternen fliegen. Werde Astronaut. Der Kosmos ist alles was ist oder je war oder je sein wird. Wenn wir ihn betrachten sind wir innigst gerührt. Die Stimme stockt uns, ein Kribbeln läuft uns über den Rücken, ein Gefühl wie von einer fernen Erinnerung, von einem Sturz aus großer Höhe dämmert auf. Wir spüren, dass im Kosmos die größten aller Geheimnisse auf uns warten. Zeit für uns diese aufzudecken.“

Nora:
„Was willst du von mir?“

Schatten:
„Entdecke neue Galaxien, finde Planeten die bewohnbar sind. Fliege zu den Sternen.“

Nora:
„Ich bin aber kein Astronaut.“

Schatten:
„Musst du das denn sein? Kannst du dir nicht eine Rakete kaufen?“

Nora:
„Das ist viel zu teuer.“

Schatten:
„Wenn dir die Welt gehören würde wäre es dann immer noch zu teuer für dich?“

Nora:
„Mir wird niemals die Welt gehören. Schatten, du bist größenwahnsinnig.“

Schatten:
„Ich bin Realist, das ist ein Unterschied. Werde eine Heroin, werde ein Übermensch. Deine Kraft und Macht soll zwischen den Menschen und den Göttern stehen.“

Nora:
„Heroinnen sind aus Ehen von Göttern mit Menschen entstanden. Meine Eltern sind ganz normale Menschen.“

Schatten:
„Ich will aber, dass du ein Gottmensch wirst, kämpfe gegen die Mächte des Chaos und zeichne dich durch Mut, Tapferkeit und Kraft aus. Festige die göttliche Ordnung auf Erden.“

Nora:
„Schatten, du musst dich mit mir abfinden wie ich bin.“

Schatten:
„Das will ich nicht! Du bist ja relativ erfolgreich, in einer neusten Umfrage wurdest du mit einer anderen Frau zur beliebtesten Deutschen gewählt. Aber reicht dir das schon?“

Nora:
„Ja.“

Schatten:
„Nein, versuche Bundeskanzlerin zu werden. Heirate Bill Gates. Baue dir einen Palast am Brandenburger Tor. Ich will Sensationen haben, große Auftritte, du sollst der Mensch dieses Jahrhunderts werden.“

Nora:
„Warum willst du das?“

Schatten:
„Du musst wahnsinnig reich werden, damit wir unsere Rakete kaufen können. Du hast das Zeug dazu. Du bist jung und wissensdurstig, mutig und vielversprechend. In den letzten Jahren hast du höchst erstaunliche und unerwartete Erfolge gefeiert, ich will aber mehr. Ich will, dass nach dir ein Planet benannt wird.“

Nora:
„Du musst dich mit weniger zufrieden geben. Ich bin mit meinem Leben recht zufrieden.“

Schatten:
„Warum bist du denn zufrieden? Ich wäre es erst wenn ich in der ewigen Nacht des intergalaktischen Raums fliegen würde, die Planeten, Sterne und Galaxien würden uns ergreifend schön anmuten. Komm Nora, wir machen eine Aktion.“

Nora:
„Was für eine Aktion?“

Schatten:
„Wir überfallen eine Bank. Oder wir klauen uns ein Space Shuttle.“

Nora:
„Nein, das mache ich nicht. Warum willst du denn unbedingt zu den Sternen?“

Schatten:
„Es gibt mehrere hundert Milliarden Galaxien, von denen jede durchschnittlich hundert Milliarden Sterne umfasst. Dazu kommen in allen Galaxien viele Planeten, zehn Milliarden Billionen. Warum können uns dann nicht ein paar gehören? Ein Planet würde erst mal reichen.“

Nora:
„Ich brauche doch nicht einen ganzen Planeten nur für mich.“

Schatten:
„Doch, du würdest alle Kinder der Welt adoptieren und auf deinem Planeten ansiedeln. Die Bewohner des Planeten würden dir gewaltige Bauwerke errichten, Denkmäler setzen, es wäre herrlich. Jetzt machst du mit deiner Band Prag eine Deutschlandtournee. Auf deinem Planeten würdest du aber überall auftreten können. Alle würden Berliner Dialekt sprechen wie du und in jedem Film würdest du mitspielen. Du wärst Königin und Kaiserin, Herrscherin über die Gezeiten, dein Ruhm wäre wie ein Sturm der über die Brandung fegt.“

Nora:
„Kein Interesse. Ich bin mit meinen Erfolgen schon zufrieden.“

Schatten:
„Wäre es nicht schön einen Planeten zu haben mit deinen Kindern? Du wolltest doch immer welche haben, du hättest dann eine Milliarde.“

Nora:
„Das ist zu viel.“

Schatten:
„Ach komm schon, sei kein Spielverderber. Es wäre so schön mit dir zum Sternbild der Andromeda zu fliegen, dort ist die Galaxis M 31, ein riesiges Feuerrad aus Sternen, Gas und Staub mit zwei elliptischen Zwerggalaxien.“

Nora:
„Naja, ich hätte schon Lust auf einen Trip ins Weltall. Aber wie gesagt, ich bin kein Astronaut. Man muss steinreich sein um mal als Tourist ins All zu können.“

Schatten:
„Dann drehe jetzt ganz ganz viel Filme in Hollywood und schreibe auf deiner Gitarre einen Hit nach dem anderen. Oder warte, ich habe eine bessere Idee. Komm!“

Der Schatten steht auf und verlässt die Küche. Nora schaut um sich und kann es noch gar nicht glauben, dass ihr Schatten selbständig geworden ist. Sie folgt ihm ins Wohnzimmer und sieht ihn an der Wand neben ihrem Schrank.

Schatten:
„Öffne dein Fenster.“

Nora wundert sich etwas, doch öffnet sie es.

Schatten:
„Schau dir das Weltall an. Willst du nicht mal an einer Dunkelwolke, in der junge Sterne zu leuchten beginnen, vorbei fliegen? Wenn eisige Planeten verdunsten und ihr freigesetztes Gas wie ein Kometenschweif weggeblasen wird, willst du das nicht mal sehen? Oder ein schnell rotierender, Lichtblitze aussendender Pulsar im Zentrum eines Supernovaüberrests, der umherschwirrt und umflogen wird von unserer Rakete.“

Nora:
„Verdammt noch mal, ja, ich hätte auch Lust so etwas zu sehen. Aber das kann keiner.“

Schatten:
„Dir fehlt die Kohle, Mädchen.“

Nora:
„Ich kenne keinen, der in den Orbit fliegt.“

Schatten:
„Dann kennst du scheinbar nur Looser. Komm, wir schreiben ein Buch, das wird dann ein Bestseller und du bekommst so viel Geld, dass du dir eine Rakete kaufen kannst.“

Nora:
„Ich bin keine Schriftstellerin.“

Schatten:
„Willst du nicht mit mir zusammenarbeiten? Ich diktiere es dir. Komm, setze dich an deinen Schreibtisch. Oder wollen wir den Sternenhimmel noch etwas bewundern?“

Nora überlegt. Es würde sie schon interessieren, was der Schatten ihr da diktieren wird. Sie setzt sich an ihren Computer und startet „Word“.

Nora:
„Okay, fange an.“

Schatten:
„Wir müssen nicht nur ein Bestseller schreiben, wir müssen etwas ganz gewaltiges rausbringen. Denn so ein Raumschiff was wir brauchen kostet viel Geld, ne? Ich habe überlegt eine neue Bibel zu schreiben, das würde sich sehr gut verkaufen. Nebenbei würden dich alle für Gottes Tochter halten, das würde mir gefallen. Überall in den Straßen wären Bilder von dir, mich würde man im Hintergrund auch noch sehen. Du hast nämlich dann das Buch der Bücher geschrieben, das alle Nationen vereint und der Menschheit Glückseligkeit bringt. Bist du bereit?“

Nora:
„Ja.“

Schatten:
„Okay, ich diktiere: Ich, Nora Tschirner, weiß, dass ich glücklich, glühend wie eine Jungfrau leben werde, wenn ich Gott endlich erneut in meine Arme schließen darf und ihn wieder erkennen werde. Seine starken Flügel haben mich in die Unsterblichkeit getragen. Irgendwann werden meine Ruhe und das Träumen, schönes, wonnevolles Träumen kommen. Ein Jahrhundert, ein Jahrtausend, das ist gleichgültig. Immer wieder werde ich wiederkehren, ich, Nora, die Unsterbliche.“

Nora:
„Das ist zu übertrieben.“

Schatten:
„Eine neue Bibel muss übertrieben sein. Ich fahre fort: Ich hindere sie, sich an Kriegen zu beteiligen, vor allem gegen die armen Menschen, obwohl sie zu einem bösen Störenfried herangewachsen sind. Aber die armen Menschen werden einmal laut Weissagung die Erde vor der Zerstörung bewahren. Nicht einmal an dem Krieg im Nahen Osten gestatte ich meiner Stadt Berlin teilzunehmen. Erst Gottes Geschimpfe machte mich heilig, da ich in ihm so deutlich meinen Vater erkenne. Sein Antlitz erstrahlt mit goldenen Locken, die Engel schmiegen sich an seiner Seite und zupfen ihre Harfe, sein Antlitz durchleuchtet meine Gebeine und durchströmt jede Pore meines Körpers. Ich werde sie bekränzen, meine himmlischen Gäste, eingeladen im Schoß der Göttin aus Pankow. Ihr sollt sagen: „Für dich, Nora, du als Göttin, ich als Mensch.“

Nora:
„Verdammt noch mal, ich bin keine Göttin.“

Schatten:
„Wärst du denn nicht gerne eine? Wir machen schnell aus dir eine göttliche Lichtgestalt. Ich erzähle weiter: In diesem Augenblick bekannte ich, Nora, endlich mich als eine Unsterbliche. Warum und wieso dies geschah und warum ich gerade den Hagebuttenkranz wählte, das kann ich nicht erklären. Aber mein Zweifel verschwand wie Nebel, und am Himmel meines Herzens strahlte die Sonne der Unsterblichkeit.
Deswegen erhört mich, niedrige Völker und Plebejer, fügt euch dem Schicksal und bringt mir Opfer dar, ich, Nora Tschirner, bin der Heiland, gekommen aus einer fernen Welt, durchwandert habe ich schimmernde Galaxien, schwarzen Löchern bin ich entwichen nur um zu euch zu kommen. Mein Handeln steht in eurem Dienst, meine Belange stelle ich rückgradig an letzte Stelle. Gott hat mich gesandt um das Ei zu bringen. Das Ei ist das Symbol der Geburt und das der Wiederkehr. Das Ei ist das Symbol der Unsterblichkeit.“

Nora:
„Du mit deiner Unsterblichkeit immer.“

Schatten:
„Nora, unser Buch wird ein Supernovaausbruch. Auf so etwas haben die Menschen gewartet. Alle sehnen sich nach dem Messias. Und der muss unsterblich sein.“

Nora:
„Okay. Wir müssen den Stil aber etwas ändern. Das klingt bisher nicht nach einer Bibel.“

Schatten:
„Gut, ich gebe mir Mühe. Bist du bereit? Nora sprach zu Gott: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Jemand wird unsterblich sein müssen um das Reich Gottes zu sehen. Und Gott sprach: Du, edelste aller Geschöpfe bist auserwählt, denn du trägst das grüne Stirnband, in deiner Hand hältst du das Zepter deiner Königlichkeit. Ich werde dich jedes mal neu auferstehen lassen, jedes Leben von dir wird 1000 Jahre währen. Nora sprach: Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Und Gott antwortete: Was bist du nur für ein weises Weib, jenseits der Spree wird dein Name gerufen, gehe hin und helfe deinem Volk, auf das es nicht in Bekümmernis zerbricht.
Nora ging zu ihrem Volk, welches sich bei ihrem Anblick auf den Boden warf. Das Volk sprach: Wir wollen Nora Tschirner loben allezeit. Unser Lob soll immerdar in unserem Munde sein. Als wir Nora suchten antwortete sie uns und errettete uns aus aller unserer Furcht. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seine eingeborene Tochter gab, damit alle, die an sie glauben, nicht verloren werden. Sie hat das ewige Leben und wird unter uns weilen, uns beschützen mit ihren zarten Armen, uns ihren Odem schenken und unsere Füße salben bis in alle Ewigkeit.“

Nora blickt vom Monitor weg und schaut den Schatten an, der in der Zeit mit verschränkten Armen an der Wand hin und her gelaufen ist.

Nora:
„Meinst du, das wird ein Erfolg?“

Schatten:
„Ja, klar. Vielleicht müsstest du noch was wahnsinnig gutes entdecken oder herausfinden. Aber das Buch sollten wir noch zu Ende schreiben.“

Nora:
„Was soll ich denn erfinden?“

Schatten:
„Ein organisches Stethoskop oder ein modischen Brustwarzenring müsstest du entwerfen. Obwohl man dafür gar nicht so viel Geld bekommt. Wenn wir mit einer Tat wahnsinnig berühmt werden, dann wird auch unser Buch reihenweise gekauft. Warte, du findest heraus wie man Krebs heilt. Oder AIDS.“

Nora:
„Ich bin doch keine Medizinerin.“

Schatten:
„Bei AIDS werden die T-Helferzellen des Immunsystems von HIV-Viren angegriffen. Wie wäre es, wenn man die T-Helferzellen mit Gentherapie schützen würde?“

Nora:
„Davon verstehe ich nichts.“

Schatten:
„Kannst du überhaupt was?“

Jetzt kann sich Nora nicht mehr halten. Sie steht auf und schreit den Schatten an.

Nora(schreit):
„WAS willst du denn von mir noch? Ich bin schon berühmt genug, manchmal wäre ich auch gerne wieder unbekannt. Ich würde auch gerne ins All fliegen, aber es geht nicht!“

Schatten:
„Schreie doch nicht so. Wir werden schon auf eine bahnbrechende Idee kommen. Vielleicht, wenn wir uns ein Symbol ausdenken, was sich jeder auf die Brust tätowiert. Ein Kreis, der gleichzeitig ein Dreieck ist zum Beispiel. Wir bräuchten nur eine gute Werbe-Kampagne dafür. Oder wir denken uns eine Zahl aus, die es noch nicht gibt. Ich finde zwischen der 9 und der 10 kann man noch eine neue Zahl quetschen. Auf der ganzen Welt wird dann deine Zahl benutzt und du bekommst schon das Geld für die Rakete.“

Nora:
„Eine neue Zahl braucht die Welt nicht.“

Schatten:
„Wir könnten irgend einen fulminanter Film drehen. Hast du denn keine Idee?“

Nora:
„Letztens habe ich einen kennen gelernt, dessen Vater Deutscher und Mutter Tschechin ist. Er spricht aber kaum tschechisch. Da bin ich auf folgende Idee gekommen: Er lebt in Berlin, fühlt sich von allen missverstanden und hat das Gefühl ein Tscheche zu sein. Er will sich nicht immer als Ausländer sehen und deswegen zieht er mit seinem Hab und Gut nach Tschechien. Da er aber kaum tschechisch spricht wird er von den Tschechen wie ein Fremder betrachtet, das kränkt ihn. Ist er jetzt ein Deutscher oder ein Tscheche? Er will beides sein und er überlegt wie er es machen könne. Da bekommt er eine Idee, er will sich eine Hütte bauen, durch die die deutsch-tschechische Grenze verläuft. Im Bayerischen Wald/Böhmerwald an der Grenze findet er eine Lichtung und da baut er sich die Hütte. Sein Eigentum sortiert er, die deutschen Sachen packt er in die deutsche Hälfte der Hütte, die tschechischen in die tschechische. Die Zimmer in der Hütte hat er so angebracht, dass sie durch die Grenze halbiert werden. Mitten durch die Hütte zieht er eine rote Linie, auf beiden Hälften stellt er die Flaggen der Länder auf. Sein Esstisch ist auch von der Grenze halbiert. Morgens isst er auf der deutschen Hälfte Schrippen mit Leberwurst, mittags speist er auf der tschechischen Hälfte ein Knödelgericht und abends sitzt er genau in der Mitte des Tisches und isst eine tschechische Suppe mit deutschem Brot. Seine Freunde wundern sich immer wenn sie mit ihm telefonieren. Denn beim telefonieren läuft er immer im Kreis und je nachdem in welcher Hälfte der Hütte er sich befindet spricht er die dazugehörende Sprache.“

Schatten:
„Wenn er genau in der Mitte stehen bleibt, schließt er die Augen und konzentriert sich. Denn dann spricht er in beiden Sprachen und vermischt die Wörter.“

Nora:
„Jak geht mas, mein pratel“ sagt er. In welcher Hälfte schläft er denn?“

Schatten:
„Sein Bett ist auch von der Grenze geteilt. Meinst du, Nora, mit so einem Film verdienen wir die Millionen, die wir brauchen?“

Nora:
„Wir müssten noch mehr Filme drehen. Ich würde die produzieren, Regie führen und mitspielen.“

Schatten:
„Ich habe auch eine Filmidee.“

Nora:
„Erzähle.“

Schatten:
„Da geht es um eine Frau, die traurig ist, dass sie so dick ist. Sie sitzt an ihrem Tisch und schaut sich einen Ballon an, den sie von einer Party mitgenommen hat. Seinen Knoten öffnet sie und die Luft entweicht aus dem Ballon. Da weiten sich ihre Augen, denn sie bekommt eine Idee. Sie fängt an dauernd Luft auszuatmen, sie will dünner werden wie der Ballon. Doch sie merkt, dass sie auch wieder Luft einatmen muss, sie versucht es zu verhindern, aber es geht nicht. Jetzt atmet sie ganz lange aus und nur kurz ein, doch nach einer Zeit muss sie richtig Luft holen. „Wie bekomme ich nur die Luft aus meinem Körper“ fragt sie sich und zieht ihren Pullover hoch. Sie drückt auf ihren Bauchnabel, doch nichts passiert. Und auch als sie den Finger in den Po steckt geschieht nichts.“

Nora:
„Entschuldige, die Geschichte ist aber doof.“

Schatten:
„Die Geschichte geht aber weiter. Sie geht zum Arzt und sagt, dass er die Luft aus ihrem Bauch raus saugen soll, doch der schüttelt nur den Kopf. Und meint, damit sie dünner werden soll muss sie Sport machen. Traurig geht die Frau wieder nach Hause, sie würde es am liebsten so schnell haben wie der Ballon. Da muss sie auf einmal pupen. Und bekommt eine Idee. Sie kauft sich ganz viele Bohneneintöpfe und...“

Nora:
„Ne, das ist völliger Blödsinn, Schatten. Das würde ein Flop werden.“

Schatten:
„Wir könnten einen Thriller drehen. „Stereotaktische Operation“ würde der heißen. Mit dem stereotaktischen Zielgerät kann unser Held mit größter Genauigkeit jeden Punkt im Gehirn anzielen. Mit Hochfrequenzstrom oder durch Implantation radioaktiver Isotope wird diese Kanone angetrieben. Und....warte, ich habe eine Idee. Wie wäre es mit Schuhen, die wachsen?“

Nora:
„Lebende Schuhe?“

Schatten:
„Als Kind bekommt man ein Paar Schuhe und diese wachsen mit einem mit.“

Nora:
„Die Schuhe wären aber nach zwei oder drei Jahren schon abgenutzt, das würde keinen Sinn ergeben. Ich habe übrigens noch eine Filmidee.“

Schatten:
„Sag an.“

Nora:
„In der Hauptrolle ist eine Frau, die es hasst wenn ihr jemand entgegen kommt und sie zur Seite gehen muss. Es ist für sie demütigend jedem Hindernis auszuweichen, sie glaubt daran, dass man nur im Leben vorankommt wenn man immer geradeaus geht. Ihr Freund hat manchmal seine Probleme mit ihr wenn sie in einem Park spazieren gehen, er muss Routen wählen, die nur geradeaus gehen. Wenn sie am Ende der Route angekommen sind will die Frau sich immer ganz schnell umdrehen um keine Zeit zu verlieren. Sie lächelt oft Männer auf der Straße an aber nur damit sie ihr Platz machen. Tagsüber, wenn die Straßen gefüllt sind, ist es für sie die Hölle, sie geht immer früh morgens einkaufen und nachts spazieren. Es kommt aber vor, dass die Leute ihr nicht ausweichen, sie stoßen dann zusammen und die Frau fällt schreiend auf den Boden und ruft nach der Polizei. Einmal kommt ihr eine Frau mit Kinderwagen entgegen, unsere Frau stöhnt, doch lässt sie sich nicht beirren und geht weiter. Vor dem Kinderwagen bleibt sie stehen, sie schnieft kurz und schaut die andere Frau an, diese beschwert sich, doch will sie sich mit ihr nicht streiten, sie dreht den Kinderwagen zur Seite und geht an ihr vorbei. Die Frau merkt, dass sie nur kurz stehen bleiben und schniefen muss damit die Leute an ihr vorbeigehen. Dieses Stehenbleiben empfindet sie einerseits als Qual, andererseits findet sie es nicht so schlimm wie zur Seite zur gehen. Wenn Gegenstände wie Mülltonnen oder Verkehrsschilder ihr im Weg stehen ärgert sie sich jedes mal, sie haut dann immer dagegen. Ihr Freund wundert sich über dieses Benehmen, er meint, es sei doch nichts schlimmes mal kurz zur Seite zu gehen. Die Frau überlegt, wenn sie schnell zur Seite springen würde, dann würde sie nur einen Bruchteil einer Sekunde verlieren. Am nächsten Tag geht sie wieder auf die Straße und springt immer zur Seite wenn ihr jemand entgegen kommt. Die Leute lachen sie aus, doch das ist ihr egal. Sie zählt wie oft sie zur Seite springen musste und zuhause grübelt sie, ob sie das im Leben nach hinten geworfen hat.“

Schatten:
„Toll, dann haben wir schon zwei Filme.“

Nora:
„Naja, ich weiß nicht so recht. Ich glaube, das mit dieser Frau wäre nur ein Sketch.“

Schatten:
„Ach, das wird schon was werden. Wir können uns ja ausdenken, dass die Frau irgendwann anfängt nur noch rückwärts zu laufen. Oder sie versucht mit einem großen Stab über die Leute zu springen. Wir müssten noch irgendwas erfinden. Wie wäre es mit einer Hose, die einen Knopf hat auf den man drücken muss. Wenn man ihn gedrückt hat zieht sich die Hose über die Beine.“

Nora:
„Oder wir erfinden ein Handy mit dem man sich rasieren, die Zähne putzen, Fingernägel und Haare schneiden kann. Ich glaube das gibt es noch nicht.“

Schatten:
„Sehr gut, wir brauchen aber noch mehr Erfindungen. Schließlich müssen wir Multi-Millionär werden. Wie wäre es mit Schuhen, die ein kleines Fernsehdisplay haben?“

Nora:
„Oder eine Fernbedienung, die wie eine kleine Gitarre aussieht. Je nachdem welche Saite man zupft wird das entsprechende Programm ausgewählt.“

Schatten:
„Wollen wir Deutschland eine neue Hymne komponieren?“

Nora:
„Ne, ich glaube, die bleibt so.“

Schatten:
„Schade, das hätte uns auch Geld gebracht. Ich habe mir übrigens einen Songtext für deine Band ausgedacht. Mit der musst du mal in die Charts. Willst du es hören?“

Nora nickt.

Schatten:
„Deine Stimme ertönt wie Silberklang,
ich höre dir zu, schön ist dein Gesang.
Ich folge dir stets wohin du auch gehst,
schnell drehe ich mich wenn du dich drehst.
Doch hast du einen sehr großen Traum in dir
werde ich lebendig und heule auf wie ein Tier.
Refrain:
Der Schatten bewegt sich, er will leben,
er möchte große Abenteuer erleben.
Gib ihm nach und folge seinem Traum
gestalte dein Leben neu, vergiss Zeit und Raum.

So ungefähr geht der Song. Die Musik musst du dir dazu ausdenken. Kannst du nicht alle Akkorde die es gibt spielen?“

Nora:
„Dann wäre das Lied ja ultralang.“

Schatten:
„Na gleichzeitig musst du die spielen.“

Nora:
„Das würde wie ein Brei klingen.“

Schatten:
„Dann denke dir neue Akkorde aus die es noch nicht gibt. Oder erfinde gleich ein neues Instrument. Unsere Songs müssen ein riesiger Erfolg werden. Ich habe eine geile Idee: Wir entwerfen Zigaretten die musikalisch sind. Wenn man die raucht, dann ertönt im Kopf eine Melodie.“

Nora:
„Das ist unrealistisch.“

Schatten:
„Oder ein Buch, dass mit dir spricht. Wenn du was sagst dann erscheint auf der Seite die Antwort des Schriftstellers.“

Nora:
„Das wird schwer zu realisieren sein. Man könnte höchstens ein Computerprogramm schreiben, mit dem man reden kann. So wie Dave mit HAL in „2001-Odyssee im Weltraum“ gesprochen hat.“

Schatten:
„Okay, du kennst vielleicht einen, der das programmieren kann und gibst das in Auftrag. Das Programm wird dann mit deiner Stimme sprechen, jeder kann zuhause mit Nora Tschirner reden. Da fällt mir noch was ein: Wie wärs mit...“

Nora:
„Du, lieber Schatten, die Technik ist glaube ich noch nicht so weit ein Programm zu schreiben mit dem man sich anständig unterhalten kann.“

Schatten:
„Dann wird das halt in ein paar Jahren realisiert, wir müssen ja nicht alle Erfindungen sofort umsetzen. Ich habe noch eine Idee: Ein Hut mit einer kleinen Klimaanlage. Im Sommer wird der Kopf gekühlt sein, im Winter wird er erwärmt.“

Nora:
„Wir werden auch ein Flugzeug mit Swimming Pool und Garten wo man grillen kann erfinden. Ich glaube jetzt fest daran, dass wir die Millionen, die wir brauchen zusammen kriegen werden.“

Nora geht einen Schritt nach hinten und schaut ihren Schatten an.

Nora:
„Oder hast du mich jetzt dazu verleitet daran zu glauben?“

Schatten:
„Vergiss nicht, ich bin ein Teil von dir, ich stecke in dir. Und es ist ganz klar, dass wir auch daran glauben müssen unser großes Ziel zu erreichen. Wollen wir an unserer Bibel weiter arbeiten? Oder wollen wir ein wenig Sterne anschauen?“

Nora:
„Wir haben uns jetzt genug Gedanken gemacht steinreich zu werden. Lass uns den Himmel anschauen.“

Nora geht zum Fenster und lehnt sich ans Fensterbrett.

Schatten:
„Wußtest du eigentlich, dass wir schon Raumfahrer sind? Unser Raumschiff ist die Erde, die sich achtmal so schnell wie die Sonne um das Zentrum der Milchstraße rotiert bewegt. Und doppelt so schnell wie unsere Galaxis auf den Virgo-Haufen zufällt.“

Nora:
„Aber ein eigens Raumschiff ist schon was anderes. Die Erde bewegt sich immer auf der selben Bahn, mit einem UFO könnten wir neue Welten erkunden. Schatten, du hast mir jetzt einen Traum gegeben.“

Schatten:
„Unser Traum ist Sternenstoff, der über die Sterne nachsinnt, Organismen aus zehn Milliarden Milliarden Milliarden Atomen, die über die Evolution der Galaxien grübeln, unser Traum wird irgendwann wahr werden, wie ein Staubkorn am Morgenhimmel werden wir durch den Kosmos dahintreiben, liebe Nora.“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20516 Verfasst am: Mo 15.Apr.2013 10:51
 
Nora und Bud Spencer
 
Auf der Berlinale im Jahr 2013.

Nora Tschirner und Bud Spencer treffen sich und setzen sich an einen freien Tisch.

Bud:
„Schön dich wiederzusehen, Nora. Als wir uns das letzte mal begegnet sind hatte ich gerade meinen 79.Frühling erlebt, inzwischen sind noch welche dazugekommen. Nicht wenige, wenn man nach der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Menschen geht. Aber wenn man bedenkt wie lange schon das Leben auf der Erde existiert, schrumpft die Anzahl meiner Lebensjahre auf weniger als null zusammen.“

Nora:
„Du hast dich gut gehalten, Bud. Ist ja lustig, dass wir uns heute sehen. Ich habe gestern einer deiner Filme gesehen, „Die fünf Gefürchteten“.“

Bud:
„“The Five Men Army“, eigentlich war es eine Person mehr. Der Titel passt dennoch, denn die Männer aßen so viel wie eine ganze Armee. An Bord waren der Kapitän, der Leiter der Maschinenanlage und vier Matrosen, insgesamt nahmen sie täglich 18 Mahlzeiten zu sich.“

Nora:
„Puhh, das ist enorm viel. Überstieg das Catering die Ausgaben für den Film?“

Bud:
„Ja...ich habe gehört, du bist schwanger, richtig?“

Nora:
„Ja.“

Bud:
„Dann gratuliere ich dir. Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“

Nora:
„Ich weiß es noch nicht.“

Bud:
„Hoffentlich hast du einen guten Mann, der dich und dein Kind beschützt. In dem Film „Zwei sind nicht zu bremsen“ rufe ich den beiden Gangstern hinterher „Kinder werden nicht angerührt!“. Ich habe sie da in einen Fluss befördert, weil sie vorhatten ein Kind zu entführen.“

Nora:
„Du hast in deinen Filmen schon viele Ganoven besiegt, ne?“

Bud:
„Ja. Leider bin ich schon zu alt um noch weitere zu jagen. Lust hätte ich schon darauf. Zum Beispiel würde ich gerne mir mal den Predator vorknöpfen.“

Nora:
„Der sieht aus wie ein Krebs und hat die Frisur eines Reggae-Musikers.“

Bud:
„Und ist hässlicher als ich. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen wenn ich ihn sehe. Man müsste ihn mir mit ein bisschen Soße und zwei Olivchen garnieren, das wäre lecker.“

Nora:
„Dann findest du vielleicht auch Alien ganz schmackhaft.“

Bud:
„Er erinnert mich an eine saure Gurke, mit Schwanz, das regt meinen Appetit an. Aber der soll lieber auf seinem Planeten bleiben, ein bisschen Angst habe ich schon vor dem.“

Nora:
„Weißt du, mit wem du Ähnlichkeiten hast? Mit dem Papa von Dracula, Bram Stoker aus Dublin, ich habe letztens ein Bild von ihm gesehen. Auch er ist groß, dick und hat einen Bart.“

Bud:
„Vielleicht würde Dracula, wenn er eines Nachts zu mir kommen würde, mich ja für seinen Vater halten und mir gerührt, erschüttert und niedergestreckt in die Arme fallen. Wenn nicht, dann würde ich ihm sein Zahnproblem ein für alle mal vom Hals schaffen. Ganz ohne zu beißen.“

Nora:
„Wie sieht es aus mit Freddy Krueger? Vor dem hättest du doch sicher Angst.“

Bud:
„Ach was, sollte er mich in meinen Träumen besuchen, würde ich ihm die Rasierklingen aus den Fingern reißen und ihm die Fingernägel säubern. Dann kann er mit den Kindern spielen.“

Nora:
„Aber gegen King Kong hättest du bestimmt keine Chance, oder?“

Bud:
„Na gut, der ist ein Kaliber zu groß für mich, da ist nichts zu machen. Ich würde mich halt mit ihm anfreunden, denn ich bin 100 Prozent auf seiner Seite. Ich würde mir die Vollidioten vornehmen, die ihn aus seiner Welt gerissen, in Ketten gelegt und nach Amerika gebracht haben, nur um ihn in einen Käfig zu sperren.“

Nora:
„King Kong von Schoedsack und Cooper ist das klassische Märchen von der Schönen und das Biest. Wie könnte man auch keine Zuneigung für ihn empfinden? Würdest du dich auch mit Rocky gut verstehen?“

Bud:
„Soll ich Rocky mit oder ohne Boxhandschuhe treffen? In meinem Film „Der Bomber“ ging es ja ums Boxen. Aber mit Rocky, dem Weltmeister im Schwergewicht, würde ich mich nicht kloppen, dafür habe ich zu großen Respekt vor ihm.“

Nora:
„Er hätte dich vielleicht windelweich geschlagen,...“

Bud:
„...aber vielleicht wäre es mir dennoch gelungen, ihm ohne chirurgischen Eingriff zu volleren Lippen zu verhelfen. Alles in allem tippe ich auf ein solides Unentschieden.“

Nora:
„Was ist für die Bud-Faust angenehmer? Ein paar Dampfhammer zu verteilen oder in einem Jahr fast 20.000 Autogramme zu geben?“

Bud:
„20.000 pro Jahr sind es nicht. Aber ich kann sagen, dass Dampfhammer zu verteilen die lustigere Art ist meine Faust zu benutzen. Unter den Schlägereien im Film hat die Hand auch um einiges weniger gelitten als beim Schreiben. Du musst doch auch Autogramme geben, oder?“

Nora:
„Ja, dann kann ich hinterher meinen eigenen Namen gar nicht mehr sehen. Nora Tschirner, Nora Tschirner, Nora Tschirner, wenn man diesen Namen hunderttausendmal schreiben muss denkt man es ist der einzige Name auf der Welt. Mal eine andere Frage: Isst du so gerne Bohneneintopf wie in deinen Filmen?“

Bud:
„Ja, das gilt auch für 50 Prozent der Cowboys im Italowestern. Die anderen 50 Prozent essen aus dem simplen Grund keine Bohnen, weil sie von den ersten 50 Prozent getötet wurden.“

Nora:
„Bohnen produzieren bei dir also wohlriechende Gase.“

Bud:
„Naja, ich beschränke mich da auf ein paar Rülpser, was im antiken Rom als Ausdruck der Wertschätzung galt. Ihr Anbau hat Bud nie interessiert, für ihn wachsen die Dinger in der Dose und damit basta!“

Nora:
„Ich esse liebend gerne Thunfisch-Toasts und Königsberger Klopse. Hier auf der Berlinale gibt es aber nur dekorierte Oreganokekse mit Kaviartupfer. Ich habe mal in einem Film mitgespielt, da ging es ums Kochen, „Bon Appetit“ hieß der. Kochst du gerne?“

Bud:
„Geht so. Meine Frau Maria, mit der ich schon über 50 Jahre zusammen bin, macht das meist. Maria ist eine hübsche Brünette wie du Nora, die mir gut gefiel. Sie erinnerte mich an Liz Taylor und war ganz anders als die Mädchen mit denen ich davor ausging.“

Nora:
„Sie schien sich für deinen athletischen Körper in deinen jungen Jahren und deine Berühmtheit nicht zu interessieren, wa?“

Bud:
„Nein, was sie an mir fand war etwas anderes. Deswegen bekam ich Lust sie wiederzusehen und kennenzulernen. Doch Liebe auf den ersten Blick war es weder von ihrer noch von meiner Seite.“

Nora:
„Du warst da bestimmt ein Junggeselle und hast das Nachtleben Roms unsicher gemacht.“

Bud:
„Ich führte zu der Zeit ein relativ sorgloses Leben, handelte mit Autos und genoss den Nebeneffekt, die tollsten amerikanischen Schlitten spazieren zu fahren, zum Beispiel gigantische Cabrios die auf der Straße so viel Raum wie zwei normale Autos einnahmen. In Rom lebte ich meinen eigenen Highway to hell.“

Nora:
„Du liebst Motoren und sie kann sie bestimmt nicht ausstehen.“

Bud:
„Ja, wir sind schon manchmal entgegengesetzt. Wenn ihr kalt ist ist mir warm. Ich mag lieber Spaghetti, sie mag lieber Fusilli. Maria mag immer Schauspieler mit denen ich nichts anfangen kann und umgekehrt. Sie schläft unter der Decke, ich liege auf der Decke.“

Nora:
„Ich bekomme wie gesagt bald mein erstes Kind und freue mich schon riesig drauf. Du hast doch auch Kinder. Waren es zwei oder drei?“

Bud:
„Drei. Guiseppe, Cristiana und Diamante. Als Guiseppe klein war musste er sich lange Zeit damit begnügen meine Stimme am Telefon zu hören, meinen Geruch an seinen Kleidern zu riechen oder meinen Schritten in der Garage zu lauschen, wenn ich nachhause kam. Doch als er 14 Jahre alt war nahm ich ihn mit nach Asien, ans Set von „Plattfuß räumt auf“, wo wir endlich mehr Zeit miteinander verbringen konnten, auch wenn ich natürlich viel arbeiten musste.“

Nora:
„Und die Töchter?“

Bud:
„Cristiana ist mir ähnlicher als Guiseppe und wie ich auch Skorpion. Sie ist der eher enthusiastische als der nachdenkliche Typ wie ich und stürzt sich genauso gerne wie ihr Vater mit vollem Optimismus in ein Projekt, das für sie nur gute Seiten und keine Risiken hat. Man sagt, dass der Pessimist ein Optimist ist, der besser informiert ist. Cristiana und ich dagegen sagen, der Optimist versteht sich aufs Vergnügen und darauf Positives anzuziehen.“

Nora:
„Optimismus kann ein leuchtender Lichtblitz im Leben sein. Und Diamante?“

Bud:
„Sie ist auch ein Skorpion und lebt seit vielen Jahren weit weg von zuhause. Kaum war sie volljährig wanderte sie nach USA aus und begann dort ein Architekturstudium, unabhängig und freiheitsliebend wie sie war und noch immer ist. Obwohl Diamante damals schon ein sehr hübsches und waches Mädchen war hatte sie doch in dieser Phase ihres Lebens kein allzu großes Selbstvertrauen. Daher hatte ich erst Vorbehalte, aber Maria meinte es wäre gut für unsere Tochter aus dem Schneckenhaus zu kriechen und ein wenig praktische Erfahrung zu sammeln.“

Nora:
„Enkel hast du doch sicherlich auch. Hoffentlich werde ich auch mal welche haben, mein Wunsch ist es irgendwann als scharfe Rock-Omi auf einem riesigen Bauernhof zu leben mit 8.000 Enkeln.“

Bud:
„Dann musst du aber noch ein paar Kinder machen, du brauchst ja eine richtige Rasselbande dafür. Einer meiner Enkel heißt Sebastiano, ist in Boston geboren und ist jetzt 15 Jahre alt. Obwohl ich nie ein nostalgischer Mensch gewesen bin, fände selbst ich es schön, nach meinem Tod nochmal wiederzukommen und die Freude erleben zu dürfen, Kinder und Enkel aufwachsen zu sehen.“

Nora:
„Aber die Zeit ist nun mal unser Herr und Gebieter. Sie vergeht so langsam oder schnell wie sie es für richtig hält und lässt uns in dem Glauben, wir hätten alle Zeit der Welt.“

Bud:
„Hast du schon mal darauf geachtet, dass die Zeit in Momenten des Leids unerträglich langsam vergeht, wie in einem Film, der in Zeitlupe gedreht ist, während die glücklichen Momente wie im Zeitraffer vergehen?“

Nora:
„Ja, das kenne ich. Wenn mir ein Interview nicht gefällt oder ein Film mir misslingt, was aber selten passiert ist bisher, dann habe ich auch das Gefühl, dass die Zeit nicht vergehen möchte.“

Bud:
„Du bist eine sehr attraktive Frau, sicherlich bist du sehr begehrt in Deutschland. Wenn du dein Haus verlässt drehen sich die Verkehrsschilder nach dir um und die Autos beginnen zu hupen. Die Männer stolpern über ihre Zunge, die ihnen aus dem Mund fällt wenn sie dich sehen.“

Nora:
„Naja, durch meine Filme bin ich schon recht populär geworden. Vor zehn Jahren lief der erste Film mit mir im Kino, jetzt sind noch mal ein Dutzend dazu gekommen. Ich bin aber lange nicht so berühmt wie du, Bud.“

Bud:
„Das wirst du noch werden, Mädchen. Du müsstest mal einen Film in Hollywood drehen, dann würde dich die ganze Welt kennen.“

Nora:
„Ach, ich will gar nicht so schrecklich weltberühmt sein. Habe da neulich ein Angebot bekommen für einen amerikanischen Film, „Tarzan frühstückt mit Saddam Hussein“, soll eine Komödie sein. Aber ich will lieber nur in Deutschland drehen.“

Bud:
„Warum?“

Nora:
„Es ist schön für mich im Ausland unbekannt und ein Pupslicht zu sein. Dort kann ich mich frei bewegen, wenn ich einen Freund habe kann ich mich auf einer Parkbank an seine Seite schmiegen und ihn küssen, was in Deutschland nicht geht.“

Bud:
„Jaja, manchmal ist es schrecklich wenn man sehr berühmt ist. Die Flugzeuge werden nach einem benannt, in Diskotheken verkleiden sich die Menschen nach einem und viele Kinder bekommen deinen Namen. Dabei sind wir doch nur Schauspieler, ganz gewöhnliche Menschen.“

Nora:
„Wir haben nicht einen Arm, ein Bein oder ein Gehirn mehr, wir haben auch nur zwei Augen und einen Mund, ich verstehe das eigentlich auch nicht. Aber ich kenne das, als ich noch ein Mädchen war habe ich meine Idole auch vergöttert.“

Bud:
„Wollen wir mal einen Film zusammen drehen?“

Nora:
„Gerne. Hast du eine Idee?“

Bud:
„Ja. Da geht es um eine Frau, die im Theater spielen möchte. Die Frau könntest du spielen, Nora. Kein Theater will sie aber aufnehmen, da sie angeblich über kein Talent verfügt. Sie ist aber davon überzeugt welches zu haben und übt vor ihrem großen Spiegel im Flur ihrer Wohnung.“

Nora:
„Sie will sich was ganz neues ausdenken, etwas, das alle auf der Welt verstehen. Deswegen verzichtet sie auf Text, sie macht lediglich nur zwei Sachen: Mit den Augen blinzeln und mit den Fingern drehen, ihr Theaterstück soll „Die Verlockung“ heißen.“

Bud:
„Dann nimmt sie ein paar Blätter Papier und malt darauf Eintrittskarten, die sie ausschneidet und auf der Straße verteilt. Auftreten will sie in dem Hof ihres Hauses. Als schließlich der Tag ihres Auftrittes kommt ist sie schon ganz aufgeregt, sie hofft, dass es ein Erfolg wird. Es kommen zehn Leute, die sie sehen wollen und sie stellt sich vor ihnen...“

Nora:
„...und blinzelt mit den Augen und dreht ihre Finger im Kreis. Da beginnen die Leute zu lachen, sie denkt erst, dass sie es gut finden was sie da mache. Nun improvisiert sie, sie hebt den linken Fuß und tippt damit ihren rechten Fuß an und am Ende der Vorstellung dreht sie sich einmal im Kreis. Jetzt pfeifen die Leute sie aber aus und sie geht ganz traurig in ihre Wohnung.“

Bud:
„Sie überlegt, vielleicht muss sie die Augen verdrehen und nicht mit ihnen blinzeln. Und die Finger sollte sie vielleicht spreizen statt sie zu drehen. Sie kann die Augen auch mal für eine Weile schließen oder weit aufreißen. Mit den Beinen kann man auch viel machen, geht es ihr durch den Kopf. Doch müssen die Leute auch verstehen was ihr Tanztheater bedeutet.“

Nora:
„Sie denkt sich für jeden Buchstaben den es im Alphabet gibt eine Bewegung aus. Beim „A“ spreizt sie die Beine, beim „B“ streckt sie ihren Bauch aus, es dauert etwas bis sie für jeden Buchstaben eine Bewegung gefunden hat. Dann nimmt sie ein Gedicht von Goethe und übersetzt es in ihre ausgedachten Bewegungen.“

Bud:
„Sie ist sich diesmal sicher, dass es ein Erfolg werden wird. Wieder fertigt sie Flyer an und verteilt diese auf der Straße. Lampenfieber packt sie als sie ein paar Tage später im Hof steht und acht Leute vor sich sieht. Sie verteilt zuerst eine Liste, wo steht welche Bewegung welchen Buchstaben bedeutet. Dann beginnt sie mit ihrem Auftritt.“

Nora:
„Auch diesmal wird sie von den Leuten ausgepfiffen, nur ein Mann klatscht. Denn ihm gefällt die Frau. Nach der Vorstellung geht er zu ihr und meint, dass er ihr Tanztheater gut findet aber es noch nicht versteht. Er nimmt sich aber vor die Bewegungen und ihre Bedeutung zu lernen. Das freut die Frau, sie hat ihren ersten Fan bekommen.“

Bud:
„Sie denkt sich, dass vielleicht noch mehr ihr Theater gut finden werden und jetzt gewöhnt sie sich an mit den Leuten in ihren Bewegungen zu kommunizieren. Wenn sie zum Bäcker geht tanzt sie erst das Wort „Hallo“ und dann den Satz „Ich will zwei Brötchen haben, bitte“. Vorher gibt sie der Bäckerin die Liste mit den Bewegungen und den dazugehörenden Buchstaben. Die Bäckerin versucht die Bewegungen zu verstehen, denn sie denkt, dass die Frau taubstumm ist.“

Nora:
„Die Bäckerin ist schon sehr irritiert, doch gibt sie sich Mühe die Frau zu verstehen. „Warum zeigen Sie nicht auf das was sie wollen“ fragt sie die Frau, doch diese schüttelt nur den Kopf und fährt mit ihrem Tanz fort. Doch die Bäckerin versteht den Tanz nicht und mit einem Stöhnen hört die Frau auf und sagt, was sie kaufen will.“

Bud:
„Mit ihren Freunden kommuniziert sie auch nur auf diese Weise. Sprechen tut sie nur noch am Telefon, deswegen rufen sie ihre Freunde meist an und wollen sich nicht mehr mit ihr treffen. Nur diesen einen Fan, den sie hat scheint es zu gefallen, er lernt die Bewegungen und spricht im Tanz so zu ihr. Der Film könnte „Mein einziger Fan“ heißen.“

Nora:
„Wir könnten doch mal einen Film drehen mit James Bond. Mit dir zusammen würde er die Bösewichter platt machen und in mich würde er sich verlieben.“

Bud:
„Ich bin ja der Überzeugung, dass er protegiert wird. Ich würde ihn gerne fragen: „Entschuldige mal, du bist ein Geheimagent, du hast sogar einen Codenamen aus Zahlen. Warum also nennst du in jedem Film deinen richtigen Namen? Und wiederholst ihn auch noch? „Mein Name ist Bond, James Bond“. Mich wundert, dass du immer noch nicht aus dem Secret Service geflogen bist. Irgendjemand muss dich decken, du Exhibitionist, du!““

Nora:
„Oder wir drehen einen Film wo dich der Terminator jagt.“

Bud:
„Ich weiß nicht, ob ich in dem Fall stärker bin, aber schlauer bin ich auf jeden Fall: Wenn man nämlich als Cyborg aus der Zukunft in die Gegenwart kommt um sie zu verändern, und dann durch die Gegend läuft wie ein Rockstar mit Sonnenbrille und Nietenjacke muss man sich nicht wundern wenn man nicht unbemerkt bleibt.“

Nora:
„Der Terminator kann aber ganz gut mit Feuerwaffen umgehen. Naja, abdrücken kann ja eigentlich jeder Idiot.“

Bud:
„Ich denke, ich würde ihm mit einem gezielten Faustschlag die Schädeldecke abnehmen und ihm ein bisschen Pistazieneis einpflanzen um seinen Charakter zu versüßen. Mit meinem Charakter Bambino hat er nur gemeinsam, dass er nicht gerne redet und meist nur einsilbige Antworten gibt.“

Nora:
„Bambinos Wortkargheit lässt sich dadurch rechtfertigen, dass er ein ungehobelter Kerl aus dem Wilden Westen ist.“

Bud:
„Genau, da reden die Cowboys meist nur mit ihren Pferden und mit ihnen kann man keine wirklich inspirierenden Gespräche führen. Probiere es selber aus wenn du mir nicht glaubst.“

Nora:
„Er hat aber einen Vorteil im Gegensatz zu dir: Er kann in die Zukunft zurückreisen und den Computer, der ihn programmiert hat, bitten ihm neue Wörter beizubringen.“

Bud:
„Ich glaube, ich würde mich mit dem Terminator schon verstehen, er ist ja zu den Guten gewechselt. Es sei denn, er würde versuchen mir beim Essen meinen Teller Bohnen unter der Nase wegzuklauen. Das ist eine andere Sache.“

Nora:
„Wie wäre der Film Bud Spencer vs. Bud Spencer?“

Bud:
„Eine Schlägerei zwischen Bud und Bud würde in einen Mordskampf ausarten: Der eine kennt die Lieblingsschläge des anderen ganz genau und jeder weiß vom anderen wie viel er einstecken kann. Im Western-Ambiente würden wir in kürzester Zeit einen Saloon kurz und klein schlagen, vielleicht auch die ganze Stadt. Doch am Ende bliebe es bei einem Unentschieden.“

Nora:
„Man bräuchte vielleicht einen guten und einen bösen Bud um den Kampf zu entscheiden.“

Bud:
„Einen bösen Bud wird es niemals geben, ich bin nun mal ein Schäfchen.“











Auf der Berlinale im Jahr 2013.

Nora Tschirner und Bud Spencer treffen sich und setzen sich an einen freien Tisch.

Bud:
„Schön dich wiederzusehen, Nora. Als wir uns das letzte mal begegnet sind hatte ich gerade meinen 79.Frühling erlebt, inzwischen sind noch welche dazugekommen. Nicht wenige, wenn man nach der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Menschen geht. Aber wenn man bedenkt wie lange schon das Leben auf der Erde existiert, schrumpft die Anzahl meiner Lebensjahre auf weniger als null zusammen.“

Nora:
„Du hast dich gut gehalten, Bud. Ist ja lustig, dass wir uns heute sehen. Ich habe gestern einer deiner Filme gesehen, „Die fünf Gefürchteten“.“

Bud:
„“The Five Men Army“, eigentlich war es eine Person mehr. Der Titel passt dennoch, denn die Männer aßen so viel wie eine ganze Armee. An Bord waren der Kapitän, der Leiter der Maschinenanlage und vier Matrosen, insgesamt nahmen sie täglich 18 Mahlzeiten zu sich.“

Nora:
„Puhh, das ist enorm viel. Überstieg das Catering die Ausgaben für den Film?“

Bud:
„Ja...ich habe gehört, du bist schwanger, richtig?“

Nora:
„Ja.“

Bud:
„Dann gratuliere ich dir. Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“

Nora:
„Ich weiß es noch nicht.“

Bud:
„Hoffentlich hast du einen guten Mann, der dich und dein Kind beschützt. In dem Film „Zwei sind nicht zu bremsen“ rufe ich den beiden Gangstern hinterher „Kinder werden nicht angerührt!“. Ich habe sie da in einen Fluss befördert, weil sie vorhatten ein Kind zu entführen.“

Nora:
„Du hast in deinen Filmen schon viele Ganoven besiegt, ne?“

Bud:
„Ja. Leider bin ich schon zu alt um noch weitere zu jagen. Lust hätte ich schon darauf. Zum Beispiel würde ich gerne mir mal den Predator vorknöpfen.“

Nora:
„Der sieht aus wie ein Krebs und hat die Frisur eines Reggae-Musikers.“

Bud:
„Und ist hässlicher als ich. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen wenn ich ihn sehe. Man müsste ihn mir mit ein bisschen Soße und zwei Olivchen garnieren, das wäre lecker.“

Nora:
„Dann findest du vielleicht auch Alien ganz schmackhaft.“

Bud:
„Er erinnert mich an eine saure Gurke, mit Schwanz, das regt meinen Appetit an. Aber der soll lieber auf seinem Planeten bleiben, ein bisschen Angst habe ich schon vor dem.“

Nora:
„Weißt du, mit wem du Ähnlichkeiten hast? Mit dem Papa von Dracula, Bram Stoker aus Dublin, ich habe letztens ein Bild von ihm gesehen. Auch er ist groß, dick und hat einen Bart.“

Bud:
„Vielleicht würde Dracula, wenn er eines Nachts zu mir kommen würde, mich ja für seinen Vater halten und mir gerührt, erschüttert und niedergestreckt in die Arme fallen. Wenn nicht, dann würde ich ihm sein Zahnproblem ein für alle mal vom Hals schaffen. Ganz ohne zu beißen.“

Nora:
„Wie sieht es aus mit Freddy Krueger? Vor dem hättest du doch sicher Angst.“

Bud:
„Ach was, sollte er mich in meinen Träumen besuchen, würde ich ihm die Rasierklingen aus den Fingern reißen und ihm die Fingernägel säubern. Dann kann er mit den Kindern spielen.“

Nora:
„Aber gegen King Kong hättest du bestimmt keine Chance, oder?“

Bud:
„Na gut, der ist ein Kaliber zu groß für mich, da ist nichts zu machen. Ich würde mich halt mit ihm anfreunden, denn ich bin 100 Prozent auf seiner Seite. Ich würde mir die Vollidioten vornehmen, die ihn aus seiner Welt gerissen, in Ketten gelegt und nach Amerika gebracht haben, nur um ihn in einen Käfig zu sperren.“

Nora:
„King Kong von Schoedsack und Cooper ist das klassische Märchen von der Schönen und das Biest. Wie könnte man auch keine Zuneigung für ihn empfinden? Würdest du dich auch mit Rocky gut verstehen?“

Bud:
„Soll ich Rocky mit oder ohne Boxhandschuhe treffen? In meinem Film „Der Bomber“ ging es ja ums Boxen. Aber mit Rocky, dem Weltmeister im Schwergewicht, würde ich mich nicht kloppen, dafür habe ich zu großen Respekt vor ihm.“

Nora:
„Er hätte dich vielleicht windelweich geschlagen,...“

Bud:
„...aber vielleicht wäre es mir dennoch gelungen, ihm ohne chirurgischen Eingriff zu volleren Lippen zu verhelfen. Alles in allem tippe ich auf ein solides Unentschieden.“

Nora:
„Was ist für die Bud-Faust angenehmer? Ein paar Dampfhammer zu verteilen oder in einem Jahr fast 20.000 Autogramme zu geben?“

Bud:
„20.000 pro Jahr sind es nicht. Aber ich kann sagen, dass Dampfhammer zu verteilen die lustigere Art ist meine Faust zu benutzen. Unter den Schlägereien im Film hat die Hand auch um einiges weniger gelitten als beim Schreiben. Du musst doch auch Autogramme geben, oder?“

Nora:
„Ja, dann kann ich hinterher meinen eigenen Namen gar nicht mehr sehen. Nora Tschirner, Nora Tschirner, Nora Tschirner, wenn man diesen Namen hunderttausendmal schreiben muss denkt man es ist der einzige Name auf der Welt. Mal eine andere Frage: Isst du so gerne Bohneneintopf wie in deinen Filmen?“

Bud:
„Ja, das gilt auch für 50 Prozent der Cowboys im Italowestern. Die anderen 50 Prozent essen aus dem simplen Grund keine Bohnen, weil sie von den ersten 50 Prozent getötet wurden.“

Nora:
„Bohnen produzieren bei dir also wohlriechende Gase.“

Bud:
„Naja, ich beschränke mich da auf ein paar Rülpser, was im antiken Rom als Ausdruck der Wertschätzung galt. Ihr Anbau hat Bud nie interessiert, für ihn wachsen die Dinger in der Dose und damit basta!“

Nora:
„Ich esse liebend gerne Thunfisch-Toasts und Königsberger Klopse. Hier auf der Berlinale gibt es aber nur dekorierte Oreganokekse mit Kaviartupfer. Ich habe mal in einem Film mitgespielt, da ging es ums Kochen, „Bon Appetit“ hieß der. Kochst du gerne?“

Bud:
„Geht so. Meine Frau Maria, mit der ich schon über 50 Jahre zusammen bin, macht das meist. Maria ist eine hübsche Brünette wie du Nora, die mir gut gefiel. Sie erinnerte mich an Liz Taylor und war ganz anders als die Mädchen mit denen ich davor ausging.“

Nora:
„Sie schien sich für deinen athletischen Körper in deinen jungen Jahren und deine Berühmtheit nicht zu interessieren, wa?“

Bud:
„Nein, was sie an mir fand war etwas anderes. Deswegen bekam ich Lust sie wiederzusehen und kennenzulernen. Doch Liebe auf den ersten Blick war es weder von ihrer noch von meiner Seite.“

Nora:
„Du warst da bestimmt ein Junggeselle und hast das Nachtleben Roms unsicher gemacht.“

Bud:
„Ich führte zu der Zeit ein relativ sorgloses Leben, handelte mit Autos und genoss den Nebeneffekt, die tollsten amerikanischen Schlitten spazieren zu fahren, zum Beispiel gigantische Cabrios die auf der Straße so viel Raum wie zwei normale Autos einnahmen. In Rom lebte ich meinen eigenen Highway to hell.“

Nora:
„Du liebst Motoren und sie kann sie bestimmt nicht ausstehen.“

Bud:
„Ja, wir sind schon manchmal entgegengesetzt. Wenn ihr kalt ist ist mir warm. Ich mag lieber Spaghetti, sie mag lieber Fusilli. Maria mag immer Schauspieler mit denen ich nichts anfangen kann und umgekehrt. Sie schläft unter der Decke, ich liege auf der Decke.“

Nora:
„Ich bekomme wie gesagt bald mein erstes Kind und freue mich schon riesig drauf. Du hast doch auch Kinder. Waren es zwei oder drei?“

Bud:
„Drei. Guiseppe, Cristiana und Diamante. Als Guiseppe klein war musste er sich lange Zeit damit begnügen meine Stimme am Telefon zu hören, meinen Geruch an seinen Kleidern zu riechen oder meinen Schritten in der Garage zu lauschen, wenn ich nachhause kam. Doch als er 14 Jahre alt war nahm ich ihn mit nach Asien, ans Set von „Plattfuß räumt auf“, wo wir endlich mehr Zeit miteinander verbringen konnten, auch wenn ich natürlich viel arbeiten musste.“

Nora:
„Und die Töchter?“

Bud:
„Cristiana ist mir ähnlicher als Guiseppe und wie ich auch Skorpion. Sie ist der eher enthusiastische als der nachdenkliche Typ wie ich und stürzt sich genauso gerne wie ihr Vater mit vollem Optimismus in ein Projekt, das für sie nur gute Seiten und keine Risiken hat. Man sagt, dass der Pessimist ein Optimist ist, der besser informiert ist. Cristiana und ich dagegen sagen, der Optimist versteht sich aufs Vergnügen und darauf Positives anzuziehen.“

Nora:
„Optimismus kann ein leuchtender Lichtblitz im Leben sein. Und Diamante?“

Bud:
„Sie ist auch ein Skorpion und lebt seit vielen Jahren weit weg von zuhause. Kaum war sie volljährig wanderte sie nach USA aus und begann dort ein Architekturstudium, unabhängig und freiheitsliebend wie sie war und noch immer ist. Obwohl Diamante damals schon ein sehr hübsches und waches Mädchen war hatte sie doch in dieser Phase ihres Lebens kein allzu großes Selbstvertrauen. Daher hatte ich erst Vorbehalte, aber Maria meinte es wäre gut für unsere Tochter aus dem Schneckenhaus zu kriechen und ein wenig praktische Erfahrung zu sammeln.“

Nora:
„Enkel hast du doch sicherlich auch. Hoffentlich werde ich auch mal welche haben, mein Wunsch ist es irgendwann als scharfe Rock-Omi auf einem riesigen Bauernhof zu leben mit 8.000 Enkeln.“

Bud:
„Dann musst du aber noch ein paar Kinder machen, du brauchst ja eine richtige Rasselbande dafür. Einer meiner Enkel heißt Sebastiano, ist in Boston geboren und ist jetzt 15 Jahre alt. Obwohl ich nie ein nostalgischer Mensch gewesen bin, fände selbst ich es schön, nach meinem Tod nochmal wiederzukommen und die Freude erleben zu dürfen, Kinder und Enkel aufwachsen zu sehen.“

Nora:
„Aber die Zeit ist nun mal unser Herr und Gebieter. Sie vergeht so langsam oder schnell wie sie es für richtig hält und lässt uns in dem Glauben, wir hätten alle Zeit der Welt.“

Bud:
„Hast du schon mal darauf geachtet, dass die Zeit in Momenten des Leids unerträglich langsam vergeht, wie in einem Film, der in Zeitlupe gedreht ist, während die glücklichen Momente wie im Zeitraffer vergehen?“

Nora:
„Ja, das kenne ich. Wenn mir ein Interview nicht gefällt oder ein Film mir misslingt, was aber selten passiert ist bisher, dann habe ich auch das Gefühl, dass die Zeit nicht vergehen möchte.“

Bud:
„Du bist eine sehr attraktive Frau, sicherlich bist du sehr begehrt in Deutschland. Wenn du dein Haus verlässt drehen sich die Verkehrsschilder nach dir um und die Autos beginnen zu hupen. Die Männer stolpern über ihre Zunge, die ihnen aus dem Mund fällt wenn sie dich sehen.“

Nora:
„Naja, durch meine Filme bin ich schon recht populär geworden. Vor zehn Jahren lief der erste Film mit mir im Kino, jetzt sind noch mal ein Dutzend dazu gekommen. Ich bin aber lange nicht so berühmt wie du, Bud.“

Bud:
„Das wirst du noch werden, Mädchen. Du müsstest mal einen Film in Hollywood drehen, dann würde dich die ganze Welt kennen.“

Nora:
„Ach, ich will gar nicht so schrecklich weltberühmt sein. Habe da neulich ein Angebot bekommen für einen amerikanischen Film, „Tarzan frühstückt mit Saddam Hussein“, soll eine Komödie sein. Aber ich will lieber nur in Deutschland drehen.“

Bud:
„Warum?“

Nora:
„Es ist schön für mich im Ausland unbekannt und ein Pupslicht zu sein. Dort kann ich mich frei bewegen, wenn ich einen Freund habe kann ich mich auf einer Parkbank an seine Seite schmiegen und ihn küssen, was in Deutschland nicht geht.“

Bud:
„Jaja, manchmal ist es schrecklich wenn man sehr berühmt ist. Die Flugzeuge werden nach einem benannt, in Diskotheken verkleiden sich die Menschen nach einem und viele Kinder bekommen deinen Namen. Dabei sind wir doch nur Schauspieler, ganz gewöhnliche Menschen.“

Nora:
„Wir haben nicht einen Arm, ein Bein oder ein Gehirn mehr, wir haben auch nur zwei Augen und einen Mund, ich verstehe das eigentlich auch nicht. Aber ich kenne das, als ich noch ein Mädchen war habe ich meine Idole auch vergöttert.“

Bud:
„Wollen wir mal einen Film zusammen drehen?“

Nora:
„Gerne. Hast du eine Idee?“

Bud:
„Ja. Da geht es um eine Frau, die im Theater spielen möchte. Die Frau könntest du spielen, Nora. Kein Theater will sie aber aufnehmen, da sie angeblich über kein Talent verfügt. Sie ist aber davon überzeugt welches zu haben und übt vor ihrem großen Spiegel im Flur ihrer Wohnung.“

Nora:
„Sie will sich was ganz neues ausdenken, etwas, das alle auf der Welt verstehen. Deswegen verzichtet sie auf Text, sie macht lediglich nur zwei Sachen: Mit den Augen blinzeln und mit den Fingern drehen, ihr Theaterstück soll „Die Verlockung“ heißen.“

Bud:
„Dann nimmt sie ein paar Blätter Papier und malt darauf Eintrittskarten, die sie ausschneidet und auf der Straße verteilt. Auftreten will sie in dem Hof ihres Hauses. Als schließlich der Tag ihres Auftrittes kommt ist sie schon ganz aufgeregt, sie hofft, dass es ein Erfolg wird. Es kommen zehn Leute, die sie sehen wollen und sie stellt sich vor ihnen...“

Nora:
„...und blinzelt mit den Augen und dreht ihre Finger im Kreis. Da beginnen die Leute zu lachen, sie denkt erst, dass sie es gut finden was sie da mache. Nun improvisiert sie, sie hebt den linken Fuß und tippt damit ihren rechten Fuß an und am Ende der Vorstellung dreht sie sich einmal im Kreis. Jetzt pfeifen die Leute sie aber aus und sie geht ganz traurig in ihre Wohnung.“

Bud:
„Sie überlegt, vielleicht muss sie die Augen verdrehen und nicht mit ihnen blinzeln. Und die Finger sollte sie vielleicht spreizen statt sie zu drehen. Sie kann die Augen auch mal für eine Weile schließen oder weit aufreißen. Mit den Beinen kann man auch viel machen, geht es ihr durch den Kopf. Doch müssen die Leute auch verstehen was ihr Tanztheater bedeutet.“

Nora:
„Sie denkt sich für jeden Buchstaben den es im Alphabet gibt eine Bewegung aus. Beim „A“ spreizt sie die Beine, beim „B“ streckt sie ihren Bauch aus, es dauert etwas bis sie für jeden Buchstaben eine Bewegung gefunden hat. Dann nimmt sie ein Gedicht von Goethe und übersetzt es in ihre ausgedachten Bewegungen.“

Bud:
„Sie ist sich diesmal sicher, dass es ein Erfolg werden wird. Wieder fertigt sie Flyer an und verteilt diese auf der Straße. Lampenfieber packt sie als sie ein paar Tage später im Hof steht und acht Leute vor sich sieht. Sie verteilt zuerst eine Liste, wo steht welche Bewegung welchen Buchstaben bedeutet. Dann beginnt sie mit ihrem Auftritt.“

Nora:
„Auch diesmal wird sie von den Leuten ausgepfiffen, nur ein Mann klatscht. Denn ihm gefällt die Frau. Nach der Vorstellung geht er zu ihr und meint, dass er ihr Tanztheater gut findet aber es noch nicht versteht. Er nimmt sich aber vor die Bewegungen und ihre Bedeutung zu lernen. Das freut die Frau, sie hat ihren ersten Fan bekommen.“

Bud:
„Sie denkt sich, dass vielleicht noch mehr ihr Theater gut finden werden und jetzt gewöhnt sie sich an mit den Leuten in ihren Bewegungen zu kommunizieren. Wenn sie zum Bäcker geht tanzt sie erst das Wort „Hallo“ und dann den Satz „Ich will zwei Brötchen haben, bitte“. Vorher gibt sie der Bäckerin die Liste mit den Bewegungen und den dazugehörenden Buchstaben. Die Bäckerin versucht die Bewegungen zu verstehen, denn sie denkt, dass die Frau taubstumm ist.“

Nora:
„Die Bäckerin ist schon sehr irritiert, doch gibt sie sich Mühe die Frau zu verstehen. „Warum zeigen Sie nicht auf das was sie wollen“ fragt sie die Frau, doch diese schüttelt nur den Kopf und fährt mit ihrem Tanz fort. Doch die Bäckerin versteht den Tanz nicht und mit einem Stöhnen hört die Frau auf und sagt, was sie kaufen will.“

Bud:
„Mit ihren Freunden kommuniziert sie auch nur auf diese Weise. Sprechen tut sie nur noch am Telefon, deswegen rufen sie ihre Freunde meist an und wollen sich nicht mehr mit ihr treffen. Nur diesen einen Fan, den sie hat scheint es zu gefallen, er lernt die Bewegungen und spricht im Tanz so zu ihr. Der Film könnte „Mein einziger Fan“ heißen.“

Nora:
„Wir könnten doch mal einen Film drehen mit James Bond. Mit dir zusammen würde er die Bösewichter platt machen und in mich würde er sich verlieben.“

Bud:
„Ich bin ja der Überzeugung, dass er protegiert wird. Ich würde ihn gerne fragen: „Entschuldige mal, du bist ein Geheimagent, du hast sogar einen Codenamen aus Zahlen. Warum also nennst du in jedem Film deinen richtigen Namen? Und wiederholst ihn auch noch? „Mein Name ist Bond, James Bond“. Mich wundert, dass du immer noch nicht aus dem Secret Service geflogen bist. Irgendjemand muss dich decken, du Exhibitionist, du!““

Nora:
„Oder wir drehen einen Film wo dich der Terminator jagt.“

Bud:
„Ich weiß nicht, ob ich in dem Fall stärker bin, aber schlauer bin ich auf jeden Fall: Wenn man nämlich als Cyborg aus der Zukunft in die Gegenwart kommt um sie zu verändern, und dann durch die Gegend läuft wie ein Rockstar mit Sonnenbrille und Nietenjacke muss man sich nicht wundern wenn man nicht unbemerkt bleibt.“

Nora:
„Der Terminator kann aber ganz gut mit Feuerwaffen umgehen. Naja, abdrücken kann ja eigentlich jeder Idiot.“

Bud:
„Ich denke, ich würde ihm mit einem gezielten Faustschlag die Schädeldecke abnehmen und ihm ein bisschen Pistazieneis einpflanzen um seinen Charakter zu versüßen. Mit meinem Charakter Bambino hat er nur gemeinsam, dass er nicht gerne redet und meist nur einsilbige Antworten gibt.“

Nora:
„Bambinos Wortkargheit lässt sich dadurch rechtfertigen, dass er ein ungehobelter Kerl aus dem Wilden Westen ist.“

Bud:
„Genau, da reden die Cowboys meist nur mit ihren Pferden und mit ihnen kann man keine wirklich inspirierenden Gespräche führen. Probiere es selber aus wenn du mir nicht glaubst.“

Nora:
„Er hat aber einen Vorteil im Gegensatz zu dir: Er kann in die Zukunft zurückreisen und den Computer, der ihn programmiert hat, bitten ihm neue Wörter beizubringen.“

Bud:
„Ich glaube, ich würde mich mit dem Terminator schon verstehen, er ist ja zu den Guten gewechselt. Es sei denn, er würde versuchen mir beim Essen meinen Teller Bohnen unter der Nase wegzuklauen. Das ist eine andere Sache.“

Nora:
„Wie wäre der Film Bud Spencer vs. Bud Spencer?“

Bud:
„Eine Schlägerei zwischen Bud und Bud würde in einen Mordskampf ausarten: Der eine kennt die Lieblingsschläge des anderen ganz genau und jeder weiß vom anderen wie viel er einstecken kann. Im Western-Ambiente würden wir in kürzester Zeit einen Saloon kurz und klein schlagen, vielleicht auch die ganze Stadt. Doch am Ende bliebe es bei einem Unentschieden.“

Nora:
„Man bräuchte vielleicht einen guten und einen bösen Bud um den Kampf zu entscheiden.“

Bud:
„Einen bösen Bud wird es niemals geben, ich bin nun mal ein Schäfchen.“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20533 Verfasst am: Mi 24.Jul.2013 16:25
 
Ein Date mit Zahnweh
 
Philipp hat ein Date mit einer hübschen Frau, es ist morgen. Er mag Dates nicht, da zählt er seine Schnürsenkel, fummelt an den Knöpfen seines Hemdes und kaut nervös an seinen Fingernägeln. Bei dem Gedanken an ein Date bekommt er Zahnweh. Sein Problem ist, dass er ziemlich trantütig ist und immer nicht weiß was er sagen soll. Vielleicht muss er sich ja nur ordentlich auf das Date vorbereiten. Er geht zu seinem Regal und überlegt, ob er ein Buch auswendig lernen soll, welches er der Frau aufsagen kann.
Da sieht er neben den Büchern seine Brettspiele und da kommt ihm eine Idee. Er nimmt aus seinem Rollenspiel einen W100. Ein W100 besteht aus zwei zehnseitigen Würfeln, mit denen man Zahlen zwischen 1-100 würfeln kann. Er nimmt ein paar Blätter Papier und schreibt 100 verschiedene Sätze rauf. Wenn die Frau ihn was fragt will er würfeln und auf die Zettel schauen.
Am Abend telefoniert er mit Hanna, einer Freundin. Da will er es gleich mal testen ob es mit seinen Listen und den Würfeln funktioniert.

Hanna:
„Hallo?“

Philipp würfelt und schaut auf seine Blätter.

Philipp:
„Ich habe heute Fischstäbchen mit Spinat und Kartoffeln gegessen.“

Hanna:
„Wer ist denn da?“

Philipp:
„Ich bin es, Philipp.“

Hanna:
„Dann sage das doch gleich. Warum rufst du denn an?“

Philipp würfelt jetzt immer nachdem Hanna was gesagt hat.

Philipp:
„Ich höre lieber Rockmusik als Techno. Techno ist mir zu laut und zu ungestüm.“

Hanna:
„Das weiß ich doch, deswegen rufst du doch nicht an.“

Philipp:
„Ich bin häuslich, fast ein wenig scheu, zurückgezogen und auf Sicherheit bedacht.“

Hanna:
„Ist das jetzt schlimm? So bist du halt, so kenne ich dich.“

Philipp:
„Ich habe heute geträumt, wie alle mich lieben wegen meiner schönen Nase.“

Hanna:
„Sag mal was willst du von mir, Philipp?“

Philipp würfelt jetzt mal nicht.

Philipp:
„Lass uns mal ein wenig reden, ich habe morgen ein Date und will etwas üben.“

Hanna:
„Du musst witzig sein, erzähle etwas lustiges.“

Philipp:
„Die Flugzeuge streiken. Sie wollen wie lebende Wesen behandelt werden. Gerne hätten sie ein Flugzeugkino, Popcorn für Flugzeuge und Zigaretten, die sie sich ins Cockpit stecken können.“

Hanna:
„Stimmt, zur Zeit kann man nicht fliegen, weil die Piloten streiken.“

Philipp würfelt wieder.

Philipp:
„Als ich 14 Jahre alt war wurde ich in der Brüdergemeinde konfirmiert, es war ein erleuchtendes Erlebnis.“

Hanna:
„Das will die Frau morgen bestimmt nicht hören.“

Philipp:
„Ich bin gestern früh ins Bett gegangen, ich hatte etwas Kopfschmerzen.“

Hanna:
„Ne, Philipp, so wird das nichts. Du musst die Frau unterhalten, du solltest amüsante Sachen erzählen. Außerdem dauert es bei dir etwas zu lange.“

Philipp:
„Na gut, ich rufe noch mal in zwei Stunden an, okay?“

Hanna:
„Ja gut, denke dir mal ein paar Witze aus und rufe mich wieder an.“

Philipp legt auf und nimmt neue Blätter Papier und schreibt jetzt andere Sätze rauf. Nach zwei Stunden ruft er Hanna wieder an.

Hanna:
„Ja?“

Philipp:
„Hallo, ich bin´s. Wollen wir weiter üben?“

Hanna:
„Okay. Ich spiele die Frau. Woher kennt ihr euch denn?“

Philipp:
„Über eine Kontaktanzeige.“

Hanna:
„Hast du schon viele Dates gehabt?“

Philipp würfelt wieder.

Philipp:
„Der Pflaumenbaum meiner Großeltern verdeckt gerne das Gesicht der Sonne.“

Hanna:
„Ne, wie viel Dates du schon gehabt hast.“

Philipp:
„Ich bin schon tausendmal einkaufen gegangen. Warum kann der Laden nicht von einer Ecke zur nächsten hüpfen, dann hätte ich beim Hingehen etwas Abwechslung.“

Hanna:
„Du kannst doch in einem anderen Laden einkaufen gehen.“

Philipp:
„Tee ist mein Lieblingsgetränk, Kaffee dagegen macht mich immer so nervös.“

Hanna:
„Was hat das denn damit zu tun?“

Philipp:
„Freust du dich schon auf die nächste Fußball WM?“

Hanna:
„Ja, etwas. Fußball schaue ich nur selten, aber eine WM ist was anderes.“

Philipp:
„Jeden Tag esse ich vor dem Schlafengehen einen Apfel, das ist gesund.“

Hanna:
„Du, Philipp, du musst es anders machen. Du musst schon bei einem Thema bleiben.“

Philipp:
„Ich kann mir doch nicht zu jedem Thema 100 Antworten ausdenken.“

Hanna:
„Das musst du ja auch nicht. Was klappert denn da die ganze Zeit im Hintergrund?“

Philipp:
„Das...das sind meine Würfel.“

Hanna:
„Wieso würfelst du denn?“

Philipp:
„Ich würfle und schaue dann auf eine selbstgeschriebene Liste mit Antworten.“

Hanna:
„So machst du das also. Das ist falsch, du musst spontan sein. Leg die Würfel weg, wir unterhalten uns jetzt mal ganz normal.“

Philipp:
„Männo, das wird bestimmt nichts werden.“

Hanna:
„Was sind deine Hobbies?“

Philipp:
„Weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe gar keine Hobbies.“

Hanna:
„Ich denke du liest gerne.“

Philipp:
„Ich weiß nicht so. Zählt das als Hobby?“

Hanna:
„Ja klar.“

Philipp:
„Na gut, meine Hobbies sind Bücher lesen, Videotext lese ich auch gerne, dann lese ich jeden Tag die Liste der Songs von den CDs die ich abspiele und wenn ich an der Bushaltestelle stehe schaue ich auf den Plan wann der nächste Bus kommt.“

Hanna:
„Na du musst ja nicht alles was du liest zu deinem Hobby machen. Was liest du denn gerade für ein Buch?“

Philipp:
„Es heißt „Die undankbare Aufgabe“ und da geht es um einen Mann, der sich um einen Menschen kümmert, der ihm gar nicht nahe steht. Er ist nämlich Krankenpfleger, doch würde er sich am liebsten um eine Frau und ein Kind kümmern, die zu ihm gehören würden.“

Hanna:
„Und? Wie findest du das Buch?“

Philipp:
„Ich weiß es noch nicht, ich habe es noch nicht durchgelesen.“

Hanna:
„Wie ist denn dein erster Eindruck?“

Philipp:
„Weiß ich nicht. Ich kann es erst sagen wenn ich das Buch durch habe.“

Pause.

Hanna:
„Also ehrlich, so wird das morgen nichts werden. Du musst die Frau auch mal was fragen.“

Philipp:
„Wie heißt du?“

Hanna:
„Das musst du nicht fragen, denn das wirst du schon wissen.“

Philipp:
„Hast du Hunger?“

Hanna:
„Nein.“

Philipp:
„Hast du Durst?“

Hanna:
„Philipp, du musst sie andere Sachen fragen.“

Philipp:
„Hast du Lust mit mir zu reden?“

Hanna:
„Ja.“

Philipp:
„Kannst du lesen?“

Hanna:
„Das wird sie bestimmt können. Ich glaube, so wirst du nie eine Frau bekommen.“

Philipp:
„Ich fand das mit den Würfeln ganz gut.“

Hanna:
„Du kannst doch nicht vor ihren Augen würfeln und dann auf deine Liste schauen.“

Philipp:
„Ich werde die Listen auswendig lernen und in Gedanken würfeln.“

Hanna:
„Dann wird euer Gespräch ziemlich chaotisch werden.“

Nach dem Telefonat lernt Philipp seine Listen auswendig. Und er übt in Gedanken zu würfeln, er stellt sich vor wie er die Würfel auf den Tisch wirft.

Am nächsten Abend in einem Cafe. Philipp sitzt mit seiner Angebeteten an einem Tisch. Sie hat dunkle Augen und schwarze Haare, sie hat sich ein schickes schwarzes Kleid angezogen. Sie heißt Julia.

Julia:
„Na, Philipp, erzähle mal etwas von dir.“

Philipp schließt die Augen, würfelt in Gedanken und versucht sich an den Satz zu erinnern den er gewürfelt hat.

Philipp:
„Ähh, kuschelige Mandarinenträume sind für mich der Leuchtturm des Lebens.“

Julia:
„Du isst gerne Mandarinen?“

Philipp schließt wieder die Augen und stellt sich vor wie er würfelt. Er würfelt in Gedanken eine 51. Jetzt versucht er sich an den 51.Satz seiner Liste zu erinnern.

Philipp:
„Hmmm...ich habe es noch nie geschafft alle Grashalme einer Wiese zu zählen. Oft habe ich mit angefangen aber immer habe ich es abgebrochen.“

Julia:
„Was hat das mit Mandarinen zu tun?“

Jetzt wird Philipp nervös. Er vergisst kurz seine Liste und schaut Julia in die Augen.

Philipp:
„Was meintest du?“

Julia:
„Du erzählst erst etwas über Obst und dann auf einmal was über Grashalme.“

Philipp:
„Beides wächst in der Natur. Das passt schon.....Du, Julia, du gefällst mir. Sehr gut gefällst du mir. Sogar sehr sehr gut.“

Julia:
„Du gefällst mir auch, aber erst müssen wir uns kennen lernen. Du schriebst in einer Email, dass du gerne ins Kino gehst. Welchen Film hast du das letzte mal gesehen?“

Philipp überlegt, ihm fällt der Film nicht ein, den er zuletzt gesehen hat. Jetzt muss er improvisieren.

Philipp:
„Ähh...der Film hieß „Schmerz“ und da geht es um einen Mann, der bei allen Sachen, die er tun muss Schmerzen empfindet. Jede Bewegung tut ihm weh, irgendwann ist es ihm sogar zu anstrengend zu laufen und er bleibt den ganzen Tag zuhause. Am Ende des Filmes ist ihm selbst das Atmen zu schwer, er lässt sich in der letzten Szene auf den Boden fallen und stirbt.“

Julia:
„Ein Drama also.“

Philipp:
„Ne, das war schon eine Komödie. Es wurde alles lustig dargestellt. Zwischendurch kommt Ferkel aus „Pu der Bär“ bei ihm vorbei, kauft für ihn ein, kocht und putzt ihm die Zähne.“

Julia:
„Ich habe von diesem Film noch nie gehört. Als ich letztens im Kino war habe ich den Film „Die Musikanlage“ gesehen, ein lustiger Film. Da kauft ein Mann eine spezielle Musikanlage und mit ihr kann er je nachdem was er für eine Musik auflegt die Geschwindigkeit der Zeit verändern. Legt er eine Reggae-CD auf, dann vergeht die Zeit langsam, legt er Drum ´n´ Bass auf, dann vergeht sie rasend schnell. Das Ding ist, das sich die Zeit weltweit verändert, die ganzen Menschen auf der Welt wundern sich, wieso die Uhren mal schnell und mal langsam gehen. Dem Mann ist das aber egal, er legt bei besonders schönen Momenten langsame Musik auf und wenn er zur Arbeit geht legt er eine Heavy Metal CD in die Anlage.“

Philipp schließt die Augen und konzentriert sich. Er würfelt in Gedanken und versucht sich an seine Liste zu erinnern.

Philipp:
„Wenn der Kühlschrank surrt, dann weiß ich, dass Gott mir zuhört und bei mir ist.“

Julia:
„Hää?“

Philipp:
„Ein Eskimo der grillt ist wie ein Kamel das Schlittschuh läuft.“

Julia:
„Sag mal was ist mit dir los?“

Philipp schaut Julia verunsichert an. Soll er es ihr sagen, was er die ganze Zeit im Kopf macht?

Philipp:
„Du, Julia, ich sage dir mal lieber die Wahrheit. Ich wollte mich auf unser Date vorbereiten und habe 100 Sätze auswendig gelernt. In Gedanken würfle ich eine Zahl zwischen 1 und 100 und sage dann den entsprechenden Satz.“

Julia schaut ihn mit offenem Mund an.

Julia:
„Sag mal, kannst du nicht normal mit mir reden?“

Philipp:
„Doch, dann wird unser Gespräch aber total langweilig.“

Julia:
„Wann hattest du deine letzte Freundin?“

Philipp:
„Das weiß ich nicht mehr, ist schon viel zu lange her.“

Julia:
„Wie viel Beziehungen hast du denn schon gehabt?“

Philipp:
„Erst eine. Mist, mir fällt nichts lustiges ein.“

Julia:
„Du könntest wirklich mal was lustiges erzählen, ich habe heute noch gar nicht gelacht.“

Philipp:
„Darf ich meine Liste benutzen?“

Julia:
„Nein, sei frei und spontan. Erzähle mir einen Witz.“

Philipp:
„Es...es war einmal ein Mann, der...der...aß gerne Pommes. Und...und...verdammt, ich weiß nicht weiter. Alles nur, weil du mir verbietest meine Liste zu benutzen.“

Julia:
„Du kannst doch nicht einfach zufällig irgendwelche sinnlosen Sätze aufsagen.“

Philipp:
„Die sind nicht sinnlos. Ich habe die mir gut überlegt. Wenn ich spontan sein muss, dann muss ich mir ja schnell was ausdenken, das kann ich nicht.“

Julia:
„Mit dir ist ein Date ein richtiges Drama. Na gut, dann sage einen Satz auf, den du dir zuhause überlegt hast und wir reden darüber.“

Philipp:
„Moment, ich muss mir die Würfel vorstellen...ich habe eine 73 gewürfelt. Und der 73.Satz meiner Liste lautet: Das lebensrettende Ufer kommt näher wenn man sich an eine Stechpalme lehnt.“

Julia:
„Was ist denn eine Stechpalme?“

Philipp:
„Die sticht einen wenn man sie berührt.“

Julia:
„Kannst du den Satz nochmal wiederholen?“

Philipp:
„Das lebensrettende Ufer kommt näher wenn man sich an eine Stechpalme lehnt.“

Julia:
„Schwimmt man auf das Ufer zu?“

Philipp:
„Man fährt mit einem Boot zu dem Ufer. In dem Boot liegt eine Stechpalme an die man sich lehnt. Das ist sinnbildlich gemeint. Wenn man sich zusammenreißt und Schmerzen in Kauf nimmt kommt man oft aus einer Krise wieder raus.“

Julia:
„Hattest du schon Krisen?“

Philipp:
„Jeder Tag in meinem Leben ist eine Krise.“

Julia:
„Du, Philipp, ich muss es dir mal sagen: Ich glaube du bist nicht mein Typ, sorry. Du müsstest lebhafter sein, du scheinst mir etwas verwirrt zu sein.“

Philipp lehnt sich nach vorne und faltet seine Hände zusammen.

Philipp:
„Bitte, mache nicht Schluss mit mir.“

Julia:
„Wir sind doch gar nicht zusammen.“

Philipp:
„Ich liebe dich aber. Moment, ich würfle einen lustigen Satz...Die 43 und der 43. Satz lautet: Organisatorisches ist der Gewürzgurke im Abendland schon immer fremd gewesen.“

Julia:
„Das ist nicht lustig, das ist Schwachsinn. Mach´s gut!“

Sie steht auf, bezahlt ihr Getränk und verlässt das Cafe. Philipp bleibt am Tisch sitzen und kann es noch gar nicht fassen, dass das Date schon vorbei ist. Wie soll er es nur machen mit den Frauen? Ihm kommt in den Sinn, dass er vielleicht nicht einzelne Sätze aufsagen sollte, sondern kleine Kurzgeschichten.
Er schnippt mit den Fingern, jetzt ist er sich sicher, dass er die richtige Idee gefunden hat. Zuhause will er gleich sich daran machen 100 kleine Geschichten sich auszudenken.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20536 Verfasst am: So 28.Jul.2013 19:33
 
Das Feuermädchen
 
Es war einmal ein Mädchen mit dem Namen Nina, das hatte keine Empfindungen egal was es tat. Nina spürte zuweilen Kälte in sich und auch der Anblick eines hübschen Spielzeugs bewirkte nicht, dass ihre Lebenslust stieg. Ihre Körpertemperatur war niedriger als bei den meisten Menschen, ihre Mutter dachte schon sie wäre krank. Doch der Arzt fand nichts besonderes an ihr, sie sei ganz gesund meinte er.
Freunde hatte Nina keine, sie sagte immer sie wolle auch gar keine haben. Doch die Mutter wusste, wie wichtig soziale Kontakte mit anderen Kindern sind und lud Gerda mit ihrer Tochter Charlotte ein. Diese ging gleich ins Spielzimmer von Nina, welche sie ermahnte aufzupassen wo sie hintrete. Denn der Fußboden war bedeckt mit Spielfiguren und Kuscheltieren. Alle sollten an ihrem Platz bleiben, Nina hatte ihre feste Ordnung.
Charlotte sprach mit Nina, welche nur kurze Antworten gab und sie dabei nicht anschaute. „Warum bist du so ernst? Lach doch mal!“ rief Charlotte mit einem Lachen und Nina schaute nur bedrückt auf den Teppich.
„Was ist das für eine Puppe?“ fragte Charlotte und hob vom Boden eine blonde Puppe mit rosafarbenen Kleid auf.
„Das ist Luise, meine beste Freundin“ antwortete Nina und nahm ihr die Puppe wieder aus der Hand um sie an ihren Platz zu legen.
„Hast du denn keine richtigen Freunde?“ fragte Charlotte mit einem verschmitzten Lächeln.
„Die Freunde, die ich hier im Zimmer habe, reichen mir“ antwortete Nina und band ihre dunklen Haare zu einem Zopf.
„Du bist ja seltsam. Du hast bestimmt keine Freunde, weil du nichts fühlst. In der Schule wird das über dich gesagt“ sprach Charlotte und ging wieder aus dem Zimmer zu ihrer Mutter.
Jetzt spielte Nina ganz alleine mit ihren Spielsachen, sie liebte sie über alles. Denn sie erzählten sich schöne Geschichten, denn Nina hatte viel Phantasie und dachte sich immer was aus. Ihr Teddybär erzählte ihr eine lustige Geschichte, in der er seinen Honigtopf mit einem Eimer Kleister verwechselte. Andere Kinder würden dabei lachen, doch bei Nina war es anders. Sie hörte sich selber zu wie sie den Bären sprach und empfand dabei kein großes Glück.
Die Mutter hatte die Befürchtung, dass es ihrer Tochter irgendwann mal ganz schlecht gehen würde, deswegen meldete sie sie in einem Tanzkurs an. Doch Nina lernte ganz stupide die Tanzschritte auswendig ohne viel Freude dabei zu empfinden. „Willst du nicht vielleicht mit dem Schreiben anfangen?“ fragte die Mutter sie besorgt doch das Mädchen schüttelte den Kopf, sie wusste nicht was sie schreiben sollte.
„Schreibe doch über deine Spielsachen. Du denkst dir doch immer ganz viele Geschichten aus“ wollte die Mutter sie ermuntern.
„Nein, die will ich nicht aufschreiben“, sprach Nina und schaute ihre Mutter mit ernstem Blick an, „die Kuscheltiere wollen es nicht, dass ich das aufschreibe was sie mir erzählen.“
„Du erzählst das doch, du sprichst doch deine Kuscheltiere“ erinnerte sie ihre Mutter.
„Das stimmt nicht, meine Kuscheltiere erzählen mir die Geschichten. Ich selber kann keine Geschichten erzählen, ich kann nur zuhören“ jammerte Nina und sah die Mutter flehend an.
Jetzt wurde die Mutter allmählich wütend und verdonnerte Nina ein Tagebuch zu führen.
In das Tagebuch schrieb das Mädchen immer die selben Sätze, sie lauteten „Ich weiß nicht wozu ich da bin. Denn ich fühle nichts.“ Als die Mutter das sah wurde sie zornig und schlug Nina. Doch das Mädchen zuckte dabei nur kurz mit den Wimpern, es empfand keinen Schmerz dabei.
„Ach, entschuldige, ich wollte das nicht“ bat die Mutter um Vergebung, das Mädchen winkte aber nur ab und sprach:
„Das macht nichts, ich habe sowieso nichts dabei gespürt“
„Ich weiß nicht was ich mit dir machen soll. Seit Papa nicht mehr lebt bin ich mit dir völlig überfordert.......Warum fühlst du nichts?“
„Ich weiß es nicht.“
„Vielleicht solltest du mal von einem Springturm im Schwimmbad springen, damit du mal was fühlst. Oder wir gehen wieder zum Rummel und fahren mit der Achterbahn.“
Nina kannte beides. Im Schwimmbad ist sie sogar von dem Zehn-Meter-Turm gesprungen, sie hat kein Kribbeln gespürt, keine Aufregung und kein Adrenalin. Und bei der Achterbahn musste sie gähnen, es war zwar alles rasend schnell doch das Gefühl aus der Bahn zu fliegen was die meisten verspüren hatte sie nicht.
„Ne, Achterbahn und Springturm sind langweilig“ sagte Nina schmollend.
„Komm, geh doch ein wenig raus. Auf dem Spielplatz sind noch andere Kinder“ sagte die Mutter und streichelte ihre Tochter. Sie hatte große Gewissensbisse weil sie ihr Kind gehauen hatte, doch Nina war ihr gar nicht böse deswegen.
Schließlich verließ das Mädchen die Wohnung, ihre blonde Puppe steckte sie sich unter den Arm. Immer wenn sie jemand ansah schaute sie schüchtern auf den Boden und sagte sich, dass sie keiner kennen lernen möchte weil sie so emotionslos ist. Auf dem Spielplatz war noch eine Schaukel frei, ohne die anderen Kinder zu beachten schaukelte sie mit ihrer Puppe auf dem Schoß.
Eines Tages war in der Schule Feueralarm, alle dachten schon es wäre nur eine Übung. Lachend gingen die Kinder aus dem Klassenraum, die Lehrerin mahnte aber, dass es vielleicht ein Ernstfall sei. Und das war es auch, im Obergeschoss im Chemieraum war ein Feuer ausgebrochen. In dem Raum war ein Kind von den Flammen eingesperrt, keiner traute sich es zu retten. Das Feuer loderte in hohen Flammen und verbrannte die Tische und Vorhänge des Chemieraumes.
Das Mädchen stand mit den anderen auf dem Pausenhof und sah, wie ein braunhaariger Junge in dem brennenden Raum aus dem Fenster winkte. „Das ist vielleicht meine Aufgabe“ dachte sich Nina und sie rannte sofort wieder in die Schule. Die Lehrerin rief ihr nach, dass sie stehen bleiben solle, doch sie hörte nicht auf sie. Während sie die Treppen rauf rannte ging ihr durch den Kopf, wie man sie feiern würde wenn sie den Jungen retten könnte. Bei diesem Gedanken fühlte sie sich glücklich, sie blieb stehen und fasste sich ans Herz.
„Endlich, brenne auf mein Herz, brenne auf mein Licht, du hast die Welt für mich gedreht“ sprach das Mädchen zu sich während Kinder an ihr vorbei liefen. Da kam ein Lehrer und befahl ihr ihm zu folgen. Nina dachte an ihr bevorstehendes Abenteuer, schüttelte den Kopf und rannte an dem Lehrer vorbei die Treppen hoch. Dieser drehte sich um und folgte ihr bis zu dem Treppenabsatz, an dem es brannte. Die Flammen verdeckten den Weg, das Mädchen sprang hindurch ohne Schmerzen dabei zu empfinden, doch der Lehrer blieb stehen und fühlte sich hilflos.
Vor dem Chemieraum brannte der Flur, doch Nina empfand keine Hitze bei dem Feuer. Sie öffnete die Tür und ging schnell durchs Feuer, nahm den Jungen bei der Hand und rannte mit ihm aus dem Raum.
Der Junge schrie auf als sie durch die Flammen rannten doch das Mädchen zerrte ihn an der Hand und rief ihm zu, dass sie weiter müssen. Als sie den Pausenhof erreichten sahen sie, dass gerade die Feuerwehr angekommen war und mit den Löscharbeiten begann. Die Kinder jubelten als sie die Rettungstat sahen und auch die Lehrerin lobte Nina für ihren Mut. Endlich bin ich auch mal ein Held, dachte das Mädchen und zum ersten mal in ihrem Leben empfand sie das Gefühl der Freude, welches durch ihren Körper strömte. Sie war in der Klasse immer ein Außenseiter, keiner sprach normalerweise mit ihr, aber jetzt wurde sie von den Schülern ihrer Klasse umringt.
„Wie hast du das gemacht? Hat das nicht weh getan? Willst du mal bei der Feuerwehr arbeiten?“ waren die Fragen der Kinder und Nina grinste sie an während sie antwortete.
„Ich bin eigentlich nur durchs Feuer gelaufen. Nein, ich habe keinen Schmerz dabei empfunden. Jetzt fühle ich mich aber sehr glücklich. Ja, ich will später mal bei der Feuerwehr arbeiten.“
Der Junge, den sie gerettet hatte, kam zu ihr und sprach:
„Hi, ich heiße Tobi und ich danke dir, du hast mir das Leben gerettet. Später werde ich dich mal heiraten, unsere Flitterwochen werden wir in der Karibik verbringen und du wirst mir noch ganz oft das Leben retten. Dank deiner Hilfe werde ich über 100 Jahre alt. Ich...ich liebe dich!“
Nina gab ihm die Hand und sprach mit einem fetten Grinser:
„Danke für dein Lob. Aber ich bin am liebsten alleine mit meinen Spielsachen. Wenn du aber willst, dann komme mich besuchen, dann erzählen dir meine Kuscheltiere schöne Märchen. Ich selber kann das nicht, aber die schon.“
„Wer spielt denn die Kuscheltiere?“ wollte Tobi wissen, „spielen sie deine Eltern?“
„Nein, die spiele ich.“
„Du bist toll! Na klar, ich komme dich bald besuchen. Hast du morgen Zeit?“ fragte Tobi ganz neugierig. Er war erst acht Jahre alt und zum ersten mal verliebt.
Als Nina wieder zuhause war erzählte sie von dem Brand in der Schule und die Mutter freute sich, dass sie eine Heldin zur Tochter hatte. Eigentlich wollte sie Nina ermahnen, denn sie hätte auf dem Pausenhof in Sicherheit bleiben müssen. Aber ihre Tochter strahlte über das ganze Gesicht was äußerst selten vorkam. Das Mädchen überlegte noch mal wie es in dem brennenden Raum war und sie erinnerte sich, dass sie gar keine Hitze spürte. Heimlich nahm sie ein Feuerzeug von ihrer Mutter, ging damit in ihr Zimmer, zündete es an und hielt ihre Hand über der Flamme. Es dauerte eine Weile, bis es ihr weh tat, bestimmt zehn Sekunden hat sie es ausgehalten ihre Hand über der Flamme zu halten. Sie schaute auf ihre Hand und erkannte eine kleine Blase, da dachte sie, dass die meisten Menschen es nicht so lange ausgehalten hätten.
Sie nahm ihren Teddybären in die Hand, er hieß Amos. Ihr Papa hatte ihn ihr damals geschenkt. Sie stellte ihre Stimme tief und sprach:
„Das hast du ganz toll gemacht, Nina. Du bist ein richtiger Held.“
„Danke“ antwortete Nina ihrem Bären. Oft hat sie das schon gemacht mit ihm zu reden. Eigentlich sind es Selbstgespräche aber sie hat immer das Gefühl das der Bär lebt wenn sie ihn spricht.
„Du wirst später mal bestimmt bei der Feuerwehr arbeiten“ sprach sie den Bären mit brummiger Stimme.
„Oder ich werde Polizist. Oder Soldat.“
„Du bist kein normales Mädchen mit diesen Berufswünschen. Jetzt musst du aber die nächsten Jahre deines Lebens noch zur Schule gehen.“
„Ach, Mann, ich will lieber Abenteuer haben“ meinte Nina und schaute traurig auf den Boden. Danach schaute sie wieder ihren Bären an. Dieser sagte ihr:
„Na warte, ich habe da eine Idee. Du gründest einen kleinen Zirkus. Neben dem Spielplatz baust du einen kleinen Stand auf und wenn Leute stehen bleiben machst du mit der Hand brennende Kerzen aus. Oder du hältst für fünf Sekunden deine Hand über ein brennendes Feuerzeug.“
Nina fand die Idee ganz gut und holte Kerzen, kleine Teller und eine Decke aus dem Wohnzimmer. Ihre Mutter war einkaufen gegangen und würde sich bestimmt freuen wenn ihre Tochter rausgeht.
Neben dem Spielplatz breitete sie ihre Decke aus und klebte die Kerzen fest auf die kleinen Teller. Diese stellte sie auf die Decke in einen Kreis und rief:
„Kommt zu Nina, dem Feuermädchen! Sie ist todesmutig und unerschrocken, die Welt des Schmerzes ist ihr fremd. Seht nur her, wie sie ihre Hand über das Kerzenlicht ausstreckt wo andere anfangen würden zu winseln. Kann sie den Schmerz nur sehr gut unterdrücken oder spürt sie gar keinen? Sie ist noch ein Mädchen hält aber mehr aus als die stärksten Muskelprotze!“
Nach einer Zeit kamen ein paar Kinder und schauten ihr zu wie sie ihre Hand ins Kerzenlicht hielt. Die Kinder staunten und wunderten sich sehr wie sie das nur mache.
„Sind das Zauberkerzen? Kann man in dieses Zauberfeuer reingreifen?“ fragte ein Mädchen mit einem blauen Rock.
„Nein“, antwortete Nina selbstsicher, „es sind ganz normale Kerzen. Ich bin ein Wunderkind und empfinde keinen Schmerz dabei.“
„Wie kommt das?“
Nina überlegte kurz und sagte:
„Ich weiß es auch nicht. Bisher bin ich immer taub gewesen was Gefühle betrifft. Meine Mutter hat mich immer gefragt was mit mir los sei. Emotionen und Gefühle sind was schönes und es ist ein trauriges Leben wenn einem das fehlt. Der Lohn dafür ist aber, dass einem nichts weh tut und man Menschenleben retten kann.“
„So gefühllos scheinst du gar nicht zu sein“ erwiderte ein Junge mit roten Haaren.
„Heute habe ich einen Jungen gerettet, der will mich auch später deswegen heiraten. Ich wurde von meiner Klasse gefeiert und bin das glücklichste Mädchen der Welt!“ behauptete Nina stolz und hielt ihre Hand wieder über eine Kerzenflamme.
Abends spielte sie wieder in ihrem Zimmer, da klingelte das Telefon, es war für sie. Es waren die Eltern von Tobi, die glücklich waren, dass ihr Kind von Nina gerettet wurde. Die Mutter von Tobi sprach kurz mit der Mutter von Nina und wollte dann das Feuermädchen sprechen.
„Hallo Nina, ich finde es toll, dass du meinen Jungen gerettet hast. Hast du dich dabei verletzt? Tobi hat am Arm eine Brandblase bekommen, wir müssen die mit so einer Salbe immer einreiben.“
„Nein, ich habe mich nicht verletzt. Ich bin das Feuermädchen und kenne keinen Schmerz“ behauptete Nina stolz.
„Na du wirst dich doch schon mal verletzt haben.“
„Nein“ meinte Nina trotzig.
„Hast du dich denn noch nie mit einem Messer geschnitten?“
„Doch, das hat aber überhaupt nicht weh getan.“
„Willst du mir sagen, dass du keinen Schmerz kennst?“
„JA!“ rief Nina laut ins Telefon, ihr Handicap nichts zu spüren wurde auf einmal ihr großer Vorteil. Sie spürte anders als sonst wie ihr Blut in ihren Adern pochte, sie fühlte sich fest mit der Welt verbunden.
„Warte mal“, sprach die Mutter an der anderen Leitung, „Tobi will dir noch was sagen.“
„Hallo, meine Retterin. Eigentlich rettet der Ritter immer die Prinzessin aber bei uns war es umgekehrt. Ich werde dir auch irgendwann mal das Leben retten“ sagte Tobi selbstbewusst.
„Das brauchst du nicht, ich bin ein richtiger Held. Und Helden können immer auf sich alleine aufpassen“ antwortete Nina ihm, die es ganz süß fand was Tobi ihr gerade sagte.
„Ich komme dich morgen mal besuchen, dann zeigst du mir deine Spielsachen. Wo wohnst du?“
„Greifswalder Straße 87, bei Lothring musst du klingeln“ antwortete Nina, die sich gar nicht mehr erinnern konnte wann sie das letzte mal einem Kind ihre Adresse genannt hatte.
„Okay, ich bringe meinen kleinen Cowboy mit. Mein Indianer war in der Schultasche die im Chemieraum verbrannt ist. Ohne dich wäre ich auch verbrannt. Ich liebe dich!“
Nina grinste und sprach:
„Ich liebe dich auch, Tobi.“
Nachdem sie aufgelegt hatte ging sie frohen Mutes in ihr Zimmer. Zum ersten mal in ihrem Leben war sie verliebt. Tobi ist zwar zwei Jahre jünger als sie, aber sie findet ihn ganz süß. Kurz vor dem Schlafengehen nahm sie noch mal das Feuerzeug und hielt es über ihre Hand. Anders als davor tat ihr die Hand schon nach drei Sekunden weh. Stirnrunzelnd machte sie das Feuerzeug aus und überlegte. Dadurch, dass jetzt Gefühle und Liebe in ihrem Körper waren bekam sie auch ein Schmerzempfinden.
„Nein, ich will doch später mal bei der Feuerwehr arbeiten“ meckerte Nina, die Mutter hörte es und betrat ihr Spielzimmer.
„Hast du dir schon die Zähne geputzt, Nina?“ fragte sie und schaute sie voller Stolz an.
„Ja“ war des Mädchens knappe Antwort.
„Bedrückt dich etwas? Du hast den ganzen Tag gestrahlt, jetzt scheint dich was zu beschäftigen.“
„Nein, ist alles okay. Gute Nacht“ sprach Nina und zog ihren Pyjama an.
Die Mutter gab ihrer Tochter noch einen Kuss und knipste das Licht aus. Doch Nina konnte nicht einschlafen. Was war das doch für ein schöner Tag gewesen, sie wünschte sie könnte ihn wie in dem Film „Täglich grüßt das Murmeltier“ jeden Tag erleben. Sie fasste ihre Hand an und zwickte sie. Und es tat weh. „Aua“ rief sie kurz und plötzlich begann sie zu weinen. Wenn sie jetzt wie alle normalen Menschen Schmerz empfinden würde, dann könnte sie keine Heldentaten mehr vollbringen.
„Also werde ich wieder die alte Nina“, flüsterte sie in ihr Kopfkissen, „ich will keine Liebe und Gefühle haben, ich will ein richtiger Held sein.“ Mit diesen Gedanken schlummerte sie ein.
Am nächsten Tag ging sie wieder zur Schule und anders als sonst grüßten sie alle. Nicht nur die Schüler ihrer Klasse beachteten sie jetzt sondern auch die Kinder aus den Nachbarklassen. Nina konnte sich ein Lächeln nicht unterdrücken, sie wollte es aber vermeiden viel mit ihnen zu reden.
Im Unterricht war sie meist abwesend und ging ihren Gedanken und Träumen nach. „Warum kann ich nicht glücklich sein und keinen Schmerz empfinden? Warum geht nicht beides?“ fragte sie sich dauernd und in den Pausen kamen die Kinder zu ihr um mit ihr zu reden.
Klaus, ein dicker Junge mit einem weißen Hemd, auf dem „Fett ist nett!“ stand, fragte sie:
„Wollen wir heute ein brennendes Haus suchen und du rettest wieder einen?“
Nina schaute ihn traurig an und meinte:
„Ich bin nicht mehr so feuerresistent.“
Martha, ein Mädchen mit einem Blümchenkleid, sagte:
„Feuerresistent, was du so für Wörter kennst. Kannst du deine Hand nicht mehr in Feuer halten?“
„Nein. Also etwas geht es noch, ich halte es aus drei Sekunden meine Hand über eine Flamme zu halten. Gestern waren es aber noch zehn Sekunden“ sagte Nina und schaute betrübt auf den Tisch an dem sie saß.
„Wie kommt das?“ wollte Klaus wissen.
„Ich werde jetzt so wie ihr. Gefühlvoll, emotional und glücklich.“
„So glücklich scheinst du gar nicht zu wirken“ behauptete Martin, ein Junge mit dunklen Locken.
Sofort zwickte sich Nina in die Hand. Dabei spürte sie keinen Schmerz. Gleich darauf begann sie zu grinsen, die anderen Kinder wunderten sich schon. Eine Welle des Glücks kam in Nina auf und als sie sich wieder zwickte spürte sie den Schmerz. Das ist zum Verrücktwerden, dachte sie sich, kaum ist sie mal glücklich, dann spürt sie schon wieder den Schmerz. Also keine Emotionen zeigen und ganz cool bleiben!
Als es um halb zwei läutete packte Nina ihre Sachen und ging nach Hause. Klaus und Martha wollten mit ihr gehen, doch Nina bestand darauf alleine zu gehen. Zuhause wartete schon Tobi auf sie.
„Hallo Nina, du siehst toll aus. Du bist das schönste Mädchen auf der Welt“ rief er und umarmte sie. Nina zeigte keine Regung. Als sie ihm aber in die Augen schaute empfand sie Liebe, sie schloss ihre Augen und sprach:
„Tobi, gehe bitte. Ich will alleine spielen.“
„Aber ich bin doch extra heute gekommen, wir sind doch für heute verabredet“ protestierte der kleine Junge.
„Ich darf dich nicht lieben. Ich bin das Feuermädchen, mein Herz muss kalt bleiben damit ich keinen Schmerz verspüre“ sprach Nina und öffnete die Wohnungstür. Mit gesenktem Kopf ging Tobi aus der Wohnung, als Nina das sah schloss sie sofort die Tür. Denn Tobi sollte nicht sehen, dass sie weint. Sie stützte ihren Kopf gegen die geschlossene Tür und Tränen rannen über ihr schönes Gesicht. Sie war verliebt in Tobi aber sie wollte unbedingt das heldenhafte Feuermädchen bleiben.
Ihre Mutter rief sie zum Essen, Nina setzte sich in die Küche und begann zu essen. Ohne etwas zu sagen. Die Mutter stellte fest, dass es ihrer Tochter gestern viel besser ging. Sie fragte was mit ihr los sei, doch Nina schüttelte nur ihren Kopf und kaute an den Fischstäbchen. Sollte sie ihrer Mutter mal von ihrem Problem erzählen? Lieber nicht, denn sie würde ihr sagen, dass sie mit den Kindern spielen und ihre bevorstehenden Heldentaten vergessen soll.
Nach dem Essen ging sie in ihr Spielzimmer, nahm ihre blonde Puppe und stellte ihre Stimme besonders hoch:
„Hallo Nina, du siehst so unglücklich aus.“
„Ich muss unglücklich sein, damit ich das Feuermädchen bleiben kann“ antwortete Nina ihrer Puppe.
„Aber das kann doch nicht der Sinn der Sache sein. Weißt du denn nicht den Sinn des Lebens?“ fragte sich Nina mit piepsender Stimme.
„Menschenleben retten, später einmal werde ich die ganze Welt retten“ antwortete Nina, dabei musste sie lachen. Es war ihr erster Lacher an diesem Tag. Sofort verzog sie ihr Gesicht wieder und wurde ernst.
„Warum willst du die Welt retten?“ fragte die Puppe.
„Damit ich endlich mal glücklich bin“ antwortete Nina. Auf der Stelle hielt sie inne, was hatte sie eben gesagt?
„Genau, das ist der Sinn des Lebens. Glücklich sein“, sagte die Puppe, „Du musst es halt in Kauf nehmen, dass du dann nicht mehr das Feuermädchen sein kannst. Oder willst du ein verlorener Held sein, der immer unglücklich ist? Du bist auch ein Held wenn du glücklich bist. Denn viele Menschen schaffen es nicht glücklich zu sein.“
Nina legte ihre Puppe wieder auf den Boden und atmete aus. Was die Puppe ihr sagte klang für sie sinnig. Was bringt es ihr ständig Menschen zu retten wenn sie dabei unglücklich sein muss. Sie sollte froh sein über das gestrige Abenteuer und das sie jetzt ein Star auf ihrer Schule ist. Aber was wäre, wenn sie einmal den Bürgermeister retten würde? Oder einen bekannten Schauspieler, sie würde deutschlandweit sich einen Namen machen und das ganze Land würde sie feiern. Aber sie dürfte nicht glücklich dabei sein sonst würde sie ihr Talent verlieren. Sie nahm ihren Teddy in die Hand und sagte ihm:
„Amos, ich habe da eine Idee. Ich werde jetzt die ganze Zeit ernst und emotionslos bleiben. Und wenn ich eine Heldentat als Feuermädchen vollbracht habe, dann freue ich mich riesig und lache den ganzen Tag. Dann verliere ich halt meine Gabe, aber einmal will ich noch ein Star sein.“
„Ach, Nina“ stöhnte der Bär mit ihrer tief gestellten Stimme, „du hast doch schon eine Heldentat vollbracht. Genieße den Erfolg und lache den ganzen Tag, denn..“
„Nein“, unterbrach sich das Feuermädchen, „ich will noch mal ein Held sein. Ich werde heute mit meinem Fahrrad einem Feuerwehrwagen hinterher fahren, er wird mich zu einem brennenden Haus bringen. Und dann rette ich wieder einen Menschen. Das wird mir erst mal reichen, ich werde meine Erfolge genießen und ganz viele Freunde werde ich dann haben.“
„Genieße doch erstmal den Erfolg in deiner Schule. Warum willst du alles gleich auf einmal? Die Kinder deiner Schule bewundern dich und jeder von ihnen will dich unbedingt kennen lernen. Komm, verabrede dich mit Martha oder Klaus. Oder noch besser: Rufe Tobi an und entschuldige dich bei ihm.“
Nina überlegte und kam zu dem Schluss, dass ihr Teddybär recht hatte. Denn was bringt einem der Erfolg wenn man ihn gar nicht auskosten kann. Sie nimmt sich vor die nächste Zeit zu genießen, in ein paar Wochen will sie wieder emotionslos werden und das Feuermädchen sein.
Sofort stand Nina auf und ging zu ihrer Mutter. Sie fragte sie ob sie die Nummer von Tobi habe.
„Die Nummer ist bestimmt noch im Telefon gespeichert, die Eltern haben doch gestern angerufen“ antwortete sie ihrer Tochter. Hastig nahm Nina das Telefon in die Hand und schaute in seinem Speicher nach der Nummer. Nachdem sie die Nummer gewählt hatte hörte sie das Tuten und dann Tobi.
„Hallo, hier ist Tobi Meis“ stellt sich der Junge traurig vor.
„Hallo, hier ist Nina. Es tut mir so schrecklich leid, ich weiß gar nicht was eben mit mir los war. Ich würde das sehr gerne wieder gut machen. Kann ich dich zu einem Eis einladen?“
„Was war mit dir los?“ wollte Tobi wissen, seine Stimme wurde heller und Hoffnung stieg in ihm auf.
„Ich...ich...“, stammelte Nina und fummelte am Kabel des Telefons herum, „ich will erst mal nicht mehr das Feuermädchen sein. Dann spüre ich halt Schmerzen wie alle Menschen, aber dafür bin ich glücklich. Mit dir.“
„Das freut mich zu hören“. Nina konnte nicht sehen wie Tobi über das ganze Gesicht strahlte.
„Ich habe mich eigentlich schon immer nach Kindern gesehnt“, erklärte ihm Nina. „Wollen wir uns am Eisstand neben der Bücherei treffen?“
Die nächsten Tage verliefen für Nina sehr abwechslungsreich, sie traf sich mit Freunden, aber am liebsten war sie mit Tobi zusammen. Am meisten Spaß machte es ihnen mit den Kuscheltieren und Puppen zu spielen. Oft waren sie im Sandkasten und jeder hielt eine Puppe in der Hand, die er sprach.
„Hallo, bin ich hier richtig bei der Partnervermittlung „Fix gesucht - Schnell gefunden“?“ fragte Tobi mit dem Bären Amos in der Hand die blonde Puppe Luise, die Nina hielt.
„Ja, hier sind Sie richtig, werter Bär“ sprach Nina mit einer hohen Stimme.
„Ich suche eine Frau, besser gesagt, ich suche eine Nina“ sagte Tobi mit tiefer Stimme.
„Wieso muss die Frau Nina heißen?“
„Weil Ninas richtige Helden sind und sehr gut aussehen.“
„Welche Haarfarbe sollte die Nina haben?“
„Ninas haben immer dunkle Haare.“
Nina lachte und sagte mit einer piepsenden Stimme:
„Es gibt aber auch blonde Ninas. Nina Runge zum Beispiel.“
„Das ist eine falsche Nina, sie ist eine Fehlgeburt. Ich will eine richtige Nina haben und eine richtige Nina hat nun mal dunkle Haare und braune Augen.“
„Wir haben eine Nina mit schwarzen Haaren, aber blauen Augen.“
„Falsch“ erklärte Tobi mit dem Bären in der Hand und vergrub ihn in dem Sand.
„Warum vergräbst du dich?“
Jetzt schaute nur noch der Kopf von Amos aus dem Sand. Er sprach:
„Gibt es denn keine richtige Nina in Ihrem Angebot?“
„Doch, da gibt es eine. Moment, ich such sie mal“ sprach Ninas Puppe und wühlte im Sand.
„Nina Lothring, zehn Jahre alt, dunkle Augen und dunkle Haare. Sie wird auch das Feuermädchen genannt. Sie will aber nur an einen richtigen Helden vermittelt werden, denn sie ist selber ein Held.“
Tobi holte den Bären aus dem Sand und schüttelte ihn ab. Danach sagte er:
„Ich bin auch ein richtiger Held. Ich habe die Antraktis entdeckt, unter Lebensgefahr habe ich die Expedition meines Lebens gemacht.“
„Antraktis? Heißt das nicht Antarktis?“
Tobi lacht kurz auf und sagt mit brummiger Stimme:
„Antraktis heißt das. Ich habe es entdeckt und ich habe dem Kontinent am Südpol diesen Namen gegeben. Die Menschen finden Antarktis besser und haben ihn umbenannt.“
Nina lachte, sie fand Tobi lustig. Sie sprach in hoher Stimme:
„Das ist schon okay. Haben Sie auch schon jemandem das Leben gerettet?“
Tobi überlegte kurz und sagte mit dem Teddy:
„Ja, ich habe den Esel I-Ahh wieder glücklich gemacht. Er stand ganz alleine auf einer Brücke und wollte runter springen. Da beschmierte ich ihn mit meinem Honig und der Esel war auf der Brücke festgeklebt und konnte nicht mehr springen. Da begann ich zu lachen und I-Ahh lachte mit, zum ersten mal in seinem Leben.“
In der Zeit sind noch andere Kinder zu dem Sandkasten gekommen und schauen sich den kleinen Sketch an, den die beiden machen.
„Das zählt auch, Sie sind also ein richtiger Held“, sprach Nina. „Ich hole mal die Nina. NINA?“
„Ja?“ antwortete sich Nina mit ihrer normalen Stimme.
„Dieser Teddybär will dich küssen“ sagte die Puppe und schaute Nina dabei an.
„Na gut, mal schauen ob es schmeckt“ sprach Nina, streckte ihren Kopf nach vorne, schloss die Augen und formte ihren Mund zu einem Kuss. Sie erwartete die kuschelige Schnauze ihres Teddys, stattdessen spürte sie Tobis Mund. Erschrocken öffnete sie ihre Augen, zog ihren Kopf wieder nach hinten und sagte:
„Tobi, für so etwas sind wir noch zu jung.“
Tobi lachte und wischte sich den Mund ab, dabei sagte er:
„Ach, komm, küssen können wir uns schon. Hat es dir etwa nicht geschmeckt?“
Die anderen Kinder, die in dem Sandkasten waren klatschten in die Hände und riefen:
„Küsst euch! Küsst euch! Küsst euch!“
Nina schaute Tobi ins Gesicht, seine Augen funkelnden und sein Mund formte sich zu einem Kuss. Ohne groß zu überlegen schloss Nina die Augen und küsste ihn. Glückshormone durchfluteten ihren Körper, sie fühlte sich geboren um zu leben für den einen Augenblick, bei dem sie spürte wie wertvoll das Leben ist. Die Kinder um sie herum hörten nicht auf zu klatschen und zu lachen wie ein rauschender Wasserfall.

Zwei Wochen später lag sie in dem Bett in ihrem Zimmer, draußen regnete es. Die letzten Tage war sie in diesen Sommertagen viel draußen und anders als sonst spielte sie nicht alleine sondern noch mit anderen Kindern. In ihrer Klasse wurde sie liebevoll „das Feuermädchen“ genannt, doch wie war es bestellt um ihr Talent? Sie drückte ihren Zeigefinger in ihren rechten Oberschenkel und spürte den Schmerz.
„Verdammt, ich bin jetzt ein ganz normaler Mensch geworden“ flüsterte sie zu Amos, der neben ihr lag.
„War das nicht immer dein Wunsch?“ brummte sie heraus. Sie antwortete sich mit dem Satz:
„Ja, das war immer mein Wunsch.“ Sie schloss die Augen und versuchte einzuschlafen, da sagte sie dem Bären noch:
„Ich wollte aber noch ganz viele Menschen retten, Amos.“
Sie richtete den Teddy auf und er sprach:
„Das kannst du auch auf später verschieben. Wenn du größer bist, dann kannst du was sinnvolles studieren um Menschen zu retten.“
„Was kann man denn studieren um die Welt zu retten?“
„Ach, du stellst vielleicht Fragen. Ich bin doch nur dein Teddy und habe nie studiert. Du kannst was wissenschaftliches oder was soziales studieren und somit vielen Menschen helfen.“
Nina drückte ihren Teddy ans Gesicht und küsste ihn. Vielleicht wird sie später mal Kranke heilen, dafür müsste sie Ärztin werden. Oder sie kann Erzieherin werden und den Kindern helfen von der Straße weg zu kommen. Mit diesen Ideen drückt sie den Teddy fest an sich und schließt die Augen um einzuschlafen.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20540 Verfasst am: Mi 31.Jul.2013 09:22; Bearbeitet von Dover am: Do 1.Aug.2013 09:56
 
Das Buch des Lebens
 
„...der Herr erlöst das Leben seiner Knechte und alle die auf ihn trauen werden frei von Schuld.“ Doch wie erlöst der Herr das Leben seiner Knechte? Das fragt sich Joachim und schlägt die Bibel zu. Sich einfach in sein stilles Kämmerlein einsperren und die ganze Zeit beten, nein, das kann es nicht sein, sagt er sich.
Es gibt noch kein Buch, jedenfalls hat er noch von keinem gehört, welches einem Menschen das Leben erklärt und sinnvolle Tipps gibt es zu meistern. „So ein Buch werde ich jetzt anfangen zu schreiben“ sagt er sich, es soll das umfangreichste Buch aller Zeiten werden. Ob Bommerlunder, Idiotenhügel oder Pergamin, alles soll in diesem Buch berücksichtigt werden und nicht nur das. Denn Lexika gibt es schon unzählige, Joachim will den Menschen vielmehr erklären, wie man die ganzen Dinge auf der Erde sinnvoll für sein Leben nutzen kann. Das Buch soll eine Betriebsanleitung fürs Leben werden.
Sofort nimmt er einen Stift und ein Blatt Papier und schreibt oben den Titel „Das Leben“ rauf. Dann beginnt er zu schreiben:
„Ich erwachte nicht das erste mal in dem grellen Licht des Operationssaales, nein, ich nahm meine Umwelt schon im Leib meiner Mutter war. Fest mit ihr verbunden, beheimatet in ihrer Gebärmutter, freute ich mich schon auf die tosende Welt dort draußen, ich erkannte die Regeln meiner Zuchtmeisterin an und wollte durch den Glauben an die Dinge dieser wunderschönen Erde gerecht werden. Dieses Buch wird Ihnen, liebe Leser, helfen Orientierung im Wirrsal der unzähligen Möglichkeiten zu finden. Ihr seid verzweifelt und kaut auf der Blumenwiese nervös an dem Halm einer Pflanze, die Formen der Wolken am Himmel haben für euch keine Bedeutung und warum die Hundstage Hundstage heißen wird euch auch fremd sein. Oh ihr unverständigen Menschen! Wer hat euch verwirrt denen doch die Blume des Lebens vor die Augen gemalt war?“
Auf einmal klingelt es an seiner Wohnungstür. Mit einem Stöhnen steht er auf und schaut auf die Uhr. Es ist neun Uhr morgens, wer könnte das nur sein? Er geht zur Tür und öffnet sie, seine hübsche Nachbarin Beate steht vor seiner Tür.
„Hallo Achim, ich weiß ja, dass du immer um die Uhrzeit aufstehst. Willst du nicht mit mir frühstücken? Ich habe Brötchen geholt und...“
„Nein“ unterbricht sie Joachim und macht die Tür wieder zu. Er muss unbedingt an seinem Buch weiterschreiben, er hat vor ungefähr 10.000 Seiten zu schreiben. „Jetzt habe ich eine Minute verloren, in dieser Zeit hätte ich 30 Wörter schreiben können, das sind zwei oder drei wichtige Sätze für die Menschheit“ meckert er und setzt sich wieder an den Tisch.
Er schreibt weiter:
„Der, der euch den Geist einschenkt, tut er es aus Geldgier und Karrierebessesenheit oder aus dem freien Willen seine Gedanken in den Äther zu streuen, selbstlos der Menschen wegen? Die Nachtigall singt am leisesten wenn alle ihre Ohren spitzen, ich bin noch unbekannt und nicht vom Erfolg verdorben obwohl alle schon auf mein Buch sehnsüchtig mit jedem Wimpernschlag warten. Ich werde nicht bekannt werden zu meiner Lebzeit mit meinem vollbrachten Werke, denn die Menschen werden zanken und hadern über meine aufgestellten Thesen. Aber der Gerechte wird irgendwann kommen und den Zweiflern mit seinem goldenen Schwerte die Zungen abtrennen, sie verspeisen und die Zweifler ins Reich des Vergessens werfen.“
Jetzt beginnt sein Magen zu knurren. Genervt steht er auf und geht in die Küche. Während er sich ein Brot schmiert und es mit Wurst belegt überlegt er wie er den Menschen das Essen schmackhaft machen kann. Denn ums Essen muss er natürlich auch was schreiben. Wie wäre es mal beim Frühstück zu experimentieren? Auf ein Käsebrot Marmelade schmieren, es gibt Leute die es machen. Aber viele finden so etwas eklig, man muss sich aber nur überwinden und dann öffnet sich einem das Tor der neusten Geschmacksexpeditionen.
Nachdem er die Stulle gegessen hat macht er hastig die Kaffeemaschine fertig und schaltet sie an. Schnell setzt er sich wieder an seinen Schreibtisch und schreibt weiter:
„Dieses Buch, welches sich glücklich schätzen darf in Ihren Händen gehalten zu werden, zeigt den Willen des Lebens, die Situation des Menschen, den Weg zum ewigen Leben, das Schicksal des Verlierers und die Freude der Aufmichhörenden. Meine Lehren sind göttlich, ihre launischen Gebote bindend und ihre fesselnden Berichte wahr. Lesen Sie weiter um die einzige Wahrheit des gefallenen Groschens zu lernen. Glauben Sie mir in allem was ich schreibe um für immer gerettet zu werden, und leben Sie danach. Mein Buch „Das Leben“ gibt Antwort auf ALLE Lebensfragen, gesegneten Trost und Hilfe in bitterster Not, bleibende Freude und wahren unerschütterlichen Frieden.“
Joachim liest sich nochmal das durch was er geschrieben hat und findet, dass es fürs Vorwort reicht. Jetzt beginnt das erste Kapitel:
„Als ich zu laufen begann, da zählte ich meine Schritte, heute sind es 4.893.273. Natürlich konnte ich als Säugling nicht besonders gut zählen, ich zählte immer nur bis drei, ich merkte mir aber wie oft ich bis zur Drei gezählt hatte und konnte es so später gewissenhaft in unser Dezimalsystem umrechnen. Wie konnte ich mir aber merken wie oft ich bis zur Drei gezählt hatte wenn ich nur bis zur Drei zählen konnte? Säuglinge haben halt ihre speziellen Rechensysteme, immer wenn ich wieder drei Schritte schaffte merkte ich mir die Zahl drei. Sechs Schritte waren bei mir 33 und neun Schritte 333 und so weiter. Haben Sie denn etwa nie Ihre Schritte gezählt? Wissen Sie nicht wie schön es ist zur Heiratsschaukel mit der Frau des Lebens zu schlendern und dabei festzustellen, dass man eben den 2.000.000 Schritt in seinem Dasein vollbracht hat? Alle tausend Schritte sollten Sie sich was gönnen, kaufen Sie sich einen Kaugummi oder kleben Sie einen bunten Aufkleber auf eine Verkehrsampel. Es ist die Kunst des Lebens aus gewöhnlichen Tätigkeiten eine Sensation zu machen. Sie können aber auch stattdessen ihr Atmen zählen, was sich aber als schwieriger erweist weil man es ja die ganze Zeit tut. Wenn Ihre Lieblingszahl die 13 ist, dann schauen Sie was das für ein Moment ist, wenn Sie Ihren 13. Schritt verrichten. Bleiben Sie dann stehen und schauen Sie sich um. Ist es eine Position mit schönem Ausblick? Wonnehafte Freude wird Sie überfallen wenn es der Fall ist. Stellen Sie sich vor, Sie können auf einmal beim 13. Schritt die runde silberne Kuppel des Planetariums sehen. Beim 12. Schritt sehen Sie nur die Hälfte und beim 14. Schritt passt die große Kugel in Ihrem Blickfeld nicht mehr genau zwischen den zwei Häusern. Haben Sie keine Lieblingszahl? So etwas ist aber sehr wichtig, ich werde Ihnen dabei helfen Ihre ganz persönliche Zahl zu finden.“
Wieder knurrt sein Magen. Ärgerlich haut er auf den Tisch, springt vom Stuhl hoch und rennt in die Küche. Ein trockenes Brot stopft er sich in den Mund während er wieder zu seinem Schreibtisch hetzt und weiter schreibt:
„Ihre persönliche Lieblingszahl könnte das Geburtsjahr ihres Lebenspartners oder Kindes sein. Oder es ist das Jahr, in dem ihr Lieblingsfilm herauskam. Sind Sie fußballbegeistert? Dann nehmen Sie die 11 oder die 90 (wegen der WM 1990). Haben Sie nur ein Bein? Dann ist vielleicht die Eins Ihre Zahl. Sind Sie immer nur der Zweite im Leben oder heißen Sie Silbermedaille mit Nachnamen, dann nehmen sie die Zahl Zwei. Vielleicht haben Sie drei Kinder, dann könnte die Drei auch ihre Zahl des Lebens sein. Vielleicht haben Sie auch das Problem, dass Ihnen einige Zahlen gefallen, Sie sich aber nicht entscheiden können. Lieben Sie so viel Zahlen Sie können! Ich habe es in meinem Leben geschafft alle Zahlen die es gibt zu lieben, das erfordert aber viel Geduld und eine enorme Ausdauer, die Sie sich noch erarbeiten müssen. Ihnen sollten die Zahlen aber nicht alle gleich gut gefallen, da sollte es schon eine Hierarchie geben, sonst wird alles zu wischiwaschi.“
Joachim hält kurz inne, ihm wird bewusst wie viel er noch schreiben muss. Dieses Buch wird sein Lebenswerk, vielleicht wird es am Ende sogar 50.000 oder 100.000 Seiten haben. Draußen ist es jetzt schon relativ warm, wir haben Hochsommer und Joachim wischt sich mit seinem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Dabei merkt er, dass er stinkt. Fluchend steht er auf, geht ins Badezimmer, krempelt sein Hemd hoch und wäscht sich die Achseln.
„Immer diese nervigen Zwischenfälle, warum kann ich nicht einfach schreiben und schreiben. Immer muss man was tun. Ich mach das jetzt schnell so oder...oder soll ich duschen? Ich kann versuchen dabei zu schreiben. Ach, das Papier wird doch dann ganz nass. VERDAMMT nochmal, die Zähne muss ich mir auch noch putzen. Hoffentlich schaffe ich mein Buch noch vor meinem Tod.“
Während er duscht spult er den Text, den er schreiben will durch seine Gehirnwindungen, dabei nickt er mit dem Kopf. Zwei Minuten später putzt er sich die Zähne und er überlegt sich schon mal wie man den Leuten erklären kann, dass das Zähneputzen Spaß macht. Ihm fällt auf, dass es mehr Spaß macht wenn man mit dem offenen Mund eine Melodie singt. Wenn man dann mit seinem Partner oder seinem Kind in dem Badezimmer ist kann der andere versuchen die Melodie zu erraten. Doch für solche Spiele hat er jetzt keinen Sinn, er will unbedingt an seinem Buch weiter arbeiten. Als er fertig ist rennt er wieder in sein Wohnzimmer, dabei stößt er sich den kleinen Zeh an dem Türrahmen.
„AHHH! Das tut weh! Aber für Schmerzen habe ich gerade keine Zeit. AHHHH!“ jammert er und humpelt zu seinem Tisch. Alles was er aufschreibt will ich hier nicht nennen, das würde den Rahmen dieser Kurzgeschichte bei weitem sprengen. Wir waren aber bei den Zahlen stehen geblieben, was schreibt er noch darüber?
„Findet man Gefallen an Zahlen, dann merkt man sich die nicht nur besser sondern man erfreut sich daran sie einfach nur zu sehen. Bedenken Sie, es ist bloß eine Zahl! Wo andere unermessliche Reichtümer und superschöne Frauen brauchen um glücklich zu sein nehmen Sie einfach einen Buntstift ihrer Lieblingsfarbe und malen ihre Zahl auf ein großes Papier. Dieses kleben Sie an die Wand und Sie haben den selben Effekt wie Steven Spielberg wenn er mal wieder einen Oscar erhält. Zahlen sehen wir überall in unserer Welt. Wir haben schon gelernt die Schritte zu zählen und stehen zu bleiben wenn wir wieder den 13. Schritt gemacht haben (die 13 ist hier nur ein Beispiel). Auf der Straße auf dem Heimweg oder auf dem Weg zur Arbeit brauchen Sie noch eine zweite Beschäftigung und da schlage ich Ihnen die Autos vor. Ja, genau Autos, und das interessanteste an unseren Fahrzeugen ist das Autokennzeichen, denn da kommen wieder die Zahlen vor. Hier nenne ich drei Beispiele von Autos, die ich in der Stadt gesehen habe:

Eine teure schwarz-blaue Corvette mit dem Kennzeichen = NS 5296

Die 52 kann für den B-52-Bomber stehen, ´96 hat der Gangsterrapper MC Eiht sein düsterstes Album Death Threatz herausgebracht. NS steht hier für „Need for Speed“.

Der Besitzer dieses Prachtexemplars hört am liebsten Gangsterrap und liebt Autos, die wie eine Bombe einschlagen. Ungern hält er sich ans Tempolimit, er liebt die Nacht und am Tage den blauen Himmel. Nur wenn er eine hübsche Frau auf der Straße sieht geht er vom Gas, kurbelt das Fenster herunter, dreht seine Anlage lauter in der gerade das Lied „Straight up menace“ läuft und ruft: „Hey, was bist du denn für eine Bombe, Bitch! Hat dich ein Tarnkappenbomber abgeworfen?“

Ein kleiner grüner Golf mit dem Kennzeichen = SF 8199

Die 81 steht für Nora Tschirner, die 1981 geboren ist und auch grüne Augen hat. SF steht für Science Fiction und ´99 ist der Film Matrix in die Kinos gekommen.

Hierbei handelt es sich um die Nora. Ob es sich um die originale Nora handelt oder nur ein Klon, das weiß ich nicht. Die richtige Nora meinte mal, dass „E.T.“ und „Zurück in die Zukunft“ ihre Lieblingsfilme seien und das sind ja Science-Fiction-Filme. (Meist habe ich Autos mit der 81 gesehen, da war noch ein „N“ im Kennzeichen.) Vielleicht gefällt ihr der Film Matrix ja auch. Als ich dieses Auto sah verliebte ich mich gleich in es und wartete bis die Nora kam (mir war es mittlerweile egal ob es die echte Nora oder nur ein Replikant war). Doch die Besitzerin des Autos kam nicht und ich klemmte zwischen den Scheibenwischern einen Zettel mit einem Gruß und meiner Telefonnummer. Das war vor sechs Monaten, bisher hat sie nicht angerufen. Dann wird das bestimmt die originale Nora Tschirner sein, denn sie hat ja immer so viel zu tun.

Ein dreckiger grauer Opel mit dem Kennzeichen = KK 7954

´79 ist der Studentenführer Rudi Dutschke gestorben, ´54 ist Deutschland Fußballweltmeister gewesen und KK steht für Kommunistenkiller.

Ein bedrohlich wirkender Wagen, der in der Nähe meines Hauses steht. Der Mann, dem das Auto gehört, ist fußballbegeistert und schon etwas älter sonst hätte er die 54 nicht genommen. Und er findet es gut, dass Rudi Dutschke nicht mehr lebt. Heißt KK wirklich Kommunistenkiller? Rudi Dutschke war Sozialist aber kein Kommunist, vielleicht bringt der Besitzer des Autos da etwas durcheinander. Oder er schmeißt alles in einen Topf. Eines Tages versteckte ich mich mit einem Fernglas hinter einem Busch und wartete bis der Besitzer kam. Es war ein älterer Mann, schon über 60. War das vielleicht Josef Bachmann, der 1968 als 23-jähriger Anstreicher am Kurfürstendamm mit einer Pistole auf Dutschke losgegangen ist? Er ist ein Mörder, denn Dutschke ist 1979 an den Spätfolgen des Attentats gestorben. Außerdem war Bachmann ein Nazi, man hatte Nazi-Plakate in seiner Wohnung gefunden. Die grünen Sitzpolster mit den Palmen in seinem Opel verraten mir zwar, dass er jetzt anders drauf sein könnte. Wenn ich ihn aber mal treffen sollte mache ich einen großen Bogen um ihn.

Sie werden wenn Sie meinen Ratschlägen folgen vom Geist ergriffen sein, ihre Stimme wird wie eine Posaune erklingen und alle anderen übertönen, denn durch Aufmerksamkeit und Phantasie im Alltag...“
Plötzlich klingelt es an der Tür. „Wer ist das denn schon wieder, ich gebe heute keine Autogramme“ meckert Joachim vor sich hin und eilt zu seiner Tür. Er öffnet sie und sieht einen Mann in gelber Kleidung mit einem Paket in der Hand.
„Könnten Sie bitte das Paket von Herrn Wagner annehmen?“ fragt ihn der Mann.
„Und können Sie nicht dabei freundlich sein?“ kontert Joachim genervt.
„Wir müssen ja keinen Kaffee trinken oder über das Leben reden, Sie müssen nur...“
„Ich schreibe gerade ein Buch über das Leben. Davon haben Sie keine Ahnung, sie dackeln nur ihr Leben lang von einer Tür zur nächsten und wollen sinnlose Pakete abliefern. Tschüß!“ ruft Joachim und knallt die Tür mit viel Krach zu. Sofort rennt er wieder zu seinem Tisch und schreibt weiter. Es vergeht eine Weile, über das Fernsehen schreibt er:
„Der Fernseher ist ein gutes und in der Tat auch ein gefährliches Instrumentarium. Schalten Sie den Fernseher ein und lassen Sie sich berieseln, dann stumpfen Sie ab und Ihre gehirneigenen Neurotransmitter werden immer den selben Nervenbahnen folgen und neuen Ideen keinen Einlass gewähren. Ich schlage Ihnen deswegen das aktive Fernsehen vor: Schalten Sie einen Sender ein, Nachrichtensender eignen sich dafür besonders gut, und verwehren Sie ihm den Ton, schalten Sie ihn ab. Jetzt sind Sie an der Reihe, synchronisieren Sie die Menschen, die Sie auf der Mattscheibe sehen, hauchen Sie ihnen Leben ein, durch Ihre Gedankenkraft erlangen die dort gezeigten Menschen eine neue Tatkraft. Letztens habe ich es mit dem Sender CNN gemacht und ich habe gesehen, wie die Menschen in Zypern demonstrierten. Ich habe mir dabei ausgedacht, dass die Menschen in Zypern gegen die Zeit demonstrieren. Sie wollen die Uhrzeit abschaffen und immer arbeiten gehen wann es ihnen beliebt, nach Ihrem Herzensdünken wollen sie leben. Die Regierung befürchtet einen wirtschaftlichen Kollaps und versucht die aufgebrachte Meute zu beruhigen. Doch diese nehmen Armbanduhren, werfen sie auf den Boden und zertrampeln sie. Als dann ein Mann zu sehen war, der beim Reden auf seine Uhr zeigte musste ich lachen. Ich konnte gar nicht aufhören zu lachen und war froh, dass ich es schaffte an jenem tristen Tag gute Laune zu bekommen.“

Über Computerspiele schreibt er:

„Bei den Computerspielen würde ich an Ihrer Stelle ähnlich wie beim TV verfahren. Spielen Sie nicht so viele rasanten Actionspiele, spielen Sie Games wo man Zeit hat die Welt zu erkunden und sich Geschichten ausdenken kann. Liebend gerne spiele ich das Game „Need for speed – most wanted“, es ist schon ein paar Jahre alt, doch eignet es sich hervorragend für die eigene Phantasmagoria. Wenn man im Menü die Freie Fahrt auswählt, dann kann man durch die Stadt Rockport City fahren und mit den anderen Autos sich in Konversationen verwickeln lassen. Diese Gespräche muss man sich ausdenken, ich habe dort schon neben Nora Tschirner noch Kate Beckingsale, Angela Merkel, Stefan Raab, Arnold Schwarzenegger, Farin Urlaub und noch viele weitere bekannte Persönlichkeiten kennen gelernt. Fahren Sie auf ein Auto zu und halten sie direkt vor seiner Schnauze, dann wird es mit einem Hupen anhalten. Ja, das Hupen hat Ihnen gegolten, derjenige freut sich sehr sie zu sehen, er will Ihnen zuhören. Denn Sie sind ein Sammler von Geschichten, begabt sie zu verdichten.“
Joachim will noch über GTA4 berichten, bei dem man seinen Fantasien sogar noch einen besseren Lauf geben kann. Doch was ist mit den Menschen, die keine Fantasie haben? Die gedankenleer sein Buch lesen und nur eine klaffende Schwärze im Gehirn haben? Er schreibt:

„Sind Sie damit überfordert? Fehlt es Ihnen an Kreativität? Dann gebe ich Ihnen sinnvolle Tipps um den Ideenreichtum zu fördern und Sie werden sehen, wie die Fabelwesen, die Sie mit Ihrem Geist erschaffen über Ihr Haupt fliegen und Ihr Leben bereichern. Nehmen Sie sich jeden Tag zwei Stunden Zeit und machen Sie folgende Übungen:
1 ) Freewriting : Schreiben Sie drei Seiten einfach drauflos. Egal was, schämen Sie sich nicht, Sie sollten auch keinem diese Seiten zeigen. Am besten ist es nach dem Aufstehen und wenn Ihnen zwischendurch nichts einfällt, dann schreiben Sie das einfach. Wichtig ist, dass der Gedankenstrom fließt, er zirkuliert in Ihrem Kopf und soll angeregt werden in Ihrem Gehirn eine schnelle Weltreise zu machen.
2 ) Nehmen Sie einen Oberbegriff wie zum Beispiel „Haus“ und schreiben Sie schnell Wörter auf, die Ihnen dazu einfallen, wie zum Beispiel: Wohnung, Tür, Wand, Decke, Küche, Wohnzimmer, Bad, Flur, Treppenhaus, Fahrstuhl, Dachboden. (schreiben Sie drei Zeilen)
3 ) Jetzt nehmen Sie den Oberbegriff und bilden damit neue Wörter, es können auch welche sein, die es nicht gibt wie zum Beispiel: Hauswolke, Hausschüssel, Haushahn, Hauskolibri, Hausbox, Hauskamel, Haustomate.
4 ) ABC-Liste: Jetzt nehmen Sie Ihren Stift und schreiben zu jedem Buchstaben den es gibt ein Wort. Wichtig ist, dass es schnell geht, denn Sie wollen ja von Ihrer Trantütigkeit befreit werden und später mal ein Fantasiereisender sein. Beispiel: Arbeit, Beanstandung, Clown, Darlehen, Energie, Freistoß, Gerade, Handball, Indianer, Jäger usw.
5 ) ABC-Liste mit Oberbegriff: Nehmen Sie einen Oberbegriff und bilden Sie eine ABC-Liste. Hier ein Beispiel mit dem Wort „Computer“: analog, Beta-Version, Call of Duty, Diskette, Elektronik, Floppy, Gehäuse, Hülle, Index, Joypad usw.
6 ) Jetzt wird Ihre Kreativität schon etwas wacher sein, nutzen Sie das aus und schreiben Sie in drei Zeilen Fantasiewörter wie zum Beispiel: Kriechapfel, Schlangenwurm, Heuschnuppe, Geiselfernsehen, Polizeitüte, Schachlautsprecher.
7 ) Nun nehmen Sie ein Verb wie zum Beispiel „lachen“ und schreiben Synonyme dazu auf (gackern, kichern, brüllen, lächeln, schmunzeln, grinsen).
8 ) Alliteration: Bilden Sie Sätze, bei denen die Wörter alle mit dem selben Buchstaben
beginnen. Beispiele:
deutsche Dromedare dürfen diesen Donnerstag duschen
ehrliche Esel eilen eine Einbahnstraße empor
faule Füße florieren früher
9 ) Nehmen Sie ein Wort und bilden Sie mit den Buchstaben einen Satz. Beispiel: „Leben“ = Lecken eigentlich Bären eimerweise Nugatcreme?
10 ) Die letzte Übung dauert etwas länger. Nehmen Sie ein Wort und bilden sie mit den Buchstaben des Wortes neue Wörter. Mit diesen Wörter sollen Sie dann eine Geschichte schreiben. Hier ein Beispiel:

Hoffnung
H=Heuschrecke
o=Ordnung
f=Ferkel
f=Fahrausweis
n=Nachttisch
u=Ungeziefer
n=Nebel
g=Gartenlaube

Es war einmal ein Mann, der hatte keine Freunde. Aber er wollte welche haben und überlegte wie er welche finden könnte. Er saß in seiner Gartenlaube und hörte die Heuschrecken zirpen. Warum zirpen die aber? Der Mann überlegte und kam darauf, dass sie einen Geschlechtspartner suchen. So wollte er es auch machen und er versuchte zu zirpen. Bei ihm hörte es sich aber wie ein Pfeifen an. „Egal, ich werde schon jemanden finden, der darauf steht“ sagte er sich und machte in seiner Laube Ordnung. Auf den Nachttisch stellte er eine Blume, die sollte der Frau gefallen wenn sie zu ihm kommen würde. Schnell wollte er noch duschen, denn er stank wie ein Ferkel. Danach ging er zum Bahnhof und machte dabei sein seltsames pfeifendes Geräusch. Doch die Leute schauten ihn nur irritiert an. Er sagte sich, dass er schon irgendwie Erfolg haben werde, scheinbar hatten die Menschen die er gerade sah schon genug Freunde und brauchten ihn nicht.
Er sah es nicht ein bei der Bahn ein Ticket zu ziehen, schließlich ist es sein gutes Recht in einen Waggon zu steigen und wenn der dann losfährt, dafür kann er nichts. Das sagte er dann auch dem Kontrolleur, dieser wollte von ihm 40 Euro sehen. „Ich bin einfach in den Bahnhof gegangen, mir gefällt seine Architektur und dann kam der Zug und ich bin eingestiegen, weil sich die Türen vor mir geöffnet haben. Sie müssen es einführen, dass man die Türen mit einem Schlüssel öffnen muss“ jammerte der Mann, doch es half nichts, er musste die Strafe zahlen.
Am Bahnhof „Tierpark“ stieg er aus und machte wieder das seltsame Geräusch. Der Himmel war grau und Nebel bildete sich, der Mann konnte die Menschen im Park nicht mehr sehen. Trotzdem machte er seine Geräusche und plötzlich kamen immer wieder Kinder zu ihm. Denn sie dachten er wäre ein Tier. „Warum machst du so ein Geräusch?“ fragte ein Junge und der Mann antwortete „Ich bin halb Mensch, halb Tier, ich bin eine Menschenschrecke.“ Zum ersten mal in seinem Leben wurde der Mann beachtet, es war für ihn ein erhabenes Gefühl. Er stellte sich neben dem Affenkäfig und machte sein Geräusch, die Affen stimmten mit ein und machten das Geräusch nach.
Jeden Tag ging der Mann jetzt zum Tierpark, aß dort Ungeziefer und Unkraut und machte mit den Affen, die seine neuen Freunde geworden waren, lustige Geräusche.

Joachim legt seinen Stift beiseite und atmet aus. Zehn Seiten hat er jetzt geschrieben, er darf jetzt noch nicht aufhören, Zehn Seiten sind zu wenig für sein Tagespensum. In dem Moment klingelt sein Telefon, freudestrahlend hebt er ab und fragt wer dran sei.
„Hi, hier ist Ina. Was machst du gerade?“
„Ich schreibe das Buch des Lebens“ erklärt er stolz, „für alle Menschen, die mit dem Leben überfordert sind.“
„Ein Ratgeber?“
„Ja, sowas in der Art. Ich habe aber erst zehn Seiten geschrieben...“
„...das ist doch schon was.“
„...das ist noch viel zu wenig. Mein Buch wird zig tausende von Seiten haben.“
„Wieso schreibst du so viel?“
„Na weißt du denn nicht wie komplex unsere Welt ist? Ich glaube was ein Auto oder ein Fernseher ist muss ich nicht erklären. Aber den richtigen Umgang mit diesen Gegenständen erläutere ich meinen Fans.“
„Hast du schon Fans?“ fragt Ina verwundert.
„Aber, Darling, die werde ich doch noch zuhauf haben. Dann haben wir viel Geld und heiraten, gründen eine Familie und machen eine Weltreise nach der anderen.“
„Willst du Kinder haben?“
„Auf jeden Fall. Und zwar mit dir, Zuckerpflaume.“
„Wann kommst du zu mir?“
Joachim schnieft kurz und sagt:
„Du, ich brauche jetzt jede freie Minute, wenn du willst kannst du ja mal kurz vorbeikommen.“
„Ich liebe dich. Ich komme morgen mal vorbei und schaue mir dein Manuskript an, würde mich schon interessieren. Denn auch ich bin mit meinem Leben manchmal überfordert. Mach´s gut, Baby.“
„Tschüss, süße Erdbeerschnecke.“
Joachim legt wieder auf und schließt die Augen. Im Vorwort hat er ja erzählt, dass er wegen den Menschen und nicht wegen der Karriere schreibt. Das stimmt aber nicht. Karriere würde er schon gerne machen. Wie würde man ihn feiern, wenn er es schaffen würde den Menschen mit seinem Buch zu helfen? Die Verlage würden sich um sein Manuskript reißen, er würde jeden Tag beim frühstücken ein Interview geben und man würde eine neue Wissenschaft nach seinem Buch gründen, das „studium vitae“.
Sein Buch würde am meisten bei den Verzweifelten und depressiven Menschen ankommen, deswegen nimmt er sich vor gerade auf diese Menschen zu zugehen. Er nimmt wieder seinen Stift, doch da knurrt ihm der Magen. Er muss Mittag essen.
„Wie ich das hasse. Ich will schreiben und nicht dauernd was fressen müssen. Jetzt muss ich einkaufen gehen, am besten ich nehme mein Zeichenbrett mit und schreibe unterwegs weiter. Natürlich habe ich keine Zeit und keine Lust fürs stupide Kochen, ich kaufe mir eine Fertigpizza.
Unterwegs schreibt er:
„Gäbe es einen Preis für das wichtigste Nahrungsmittel der Postmoderne – Fisch wäre die Nummer eins unter den Bewerbern. Mediziner loben ihn als außerordentlich gesund. Ernährungsberater preisen seine Nährstoffe vom Jod über die essentiellen Fettsäuren bis zum besonders wertvollen Eiweiß. Wer frischen Fisch kauft, muß heute eigentlich nur noch auf eines achten: daß das feine Stück so schonend wie möglich gegart wird, denn schneller noch als bei Gemüse oder Fleisch wird bei Hecht und Hering, Saibling und Seelachs aus einer Delikatesse ein Stück Langeweile: aromalose Fasern, die noch nicht einmal Nährstoffe lieben. Kochen Sie mit Vernunft und mit Spaß und seien Sie kreativ dabei. Warum nicht mal Fischstäbchen mit Mozarella und Gummibärchen oder gegrillter Karpfen mit Essigsenf und Knoblauchgurken? Finden Sie Ihre eigene Note, ich selber habe mir schon unzählige Rezepte ausgedacht, noch nie habe ich eine verpackte Pizza verspeist.“

Joachim steht an der Kasse, wartet und schreibt. Er hat eine Tiefkühlpizza, eine Cola und eine Packung Chips in seinen Korb gesteckt. Hinter ihm steht ein älterer Mann und fragt:
„Warum schreiben Sie hier im Supermarkt?“
Joachim dreht sich um und antwortet ihm:
„Ich habe vor ein Buch zu schreiben was viele tausend Seiten umfangen wird. Ich habe leider keinen, der für mich einkaufen geht, jede freie Sekunde versuche ich zu nutzen um weiter zu schreiben.“
„Schreiben Sie eine neue Bibel?“
„Ja, so was in der Art. „Das Leben“ wird es heißen und erklärt den Menschen wie man ein zufriedenes und glückliches Leben führen kann.“
„Sind Sie denn glücklich?“ fragt der ältere Mann, der ein graues Hemd trägt.
„Ähh, ja, eigentlich schon. Ich bin aber erst vollends bei dem Höhepunkt des absoluten Glücks angelangt, wenn mein Buch fertig ist.“

Zehn Jahre später

„Ich schließe dieses brachiale Meisterwerk, dass wie der hellste Stern am Himmelsfirmament glüht, mit diesen Sätzen ab. Wir haben viel auf den 80.000 Seiten gelernt, wir haben uns das „du“ angeboten, wir sind fest miteinander verbunden und Freunde fürs Leben geworden. Freunde sind was sehr wichtiges, man muss es aber auch schaffen aus der Einsamkeit Kraft zu gewinnen. Nur wenn man einsam glücklich ist kann man in einer zufriedenen Partnerschaft leben. Du hast mein Buch gelesen und Erfahrungen gesammelt, ich dagegen habe meine Kräfte verbraucht, meine Frau mit dem Kind verloren, ich habe meine ganzen Energien in das Projekt gesteckt unser Leben zu erkunden. Wir haben den Umgang mit Zahlen, die Sprache der Sterne und des Regens gelernt, wir haben jetzt ganz viel gesammelt um eine Menge Spaß am Leben zu haben.
Als ich in den Tempel ging und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu mir und fragten mich: „Aus welcher Vollmachst schreibst du und wer hat dir diese Vollmacht gegeben?“
Ich antwortete: „Gott gab mir die Kraft zu schreiben, er sendete sein Serotonin über einen geheimen Kanal zu mir, es stärkte mich und gab mir universelle Stärke die ich umwandelte in das geschriebene Wort.“
Sie fragten: „Bist du Gottes Sohn?“
Ich antwortete: „Gott hat die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die sein Buch lesen und es verinnerlichen, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

ENDE

Mit einem lauten Stöhnen fällt er vom Stuhl auf den Boden, dabei ruft er ein lautes „JAA!“. Es ist geschafft. Sein Buch ist fertig. In der ganzen Wohnung liegen Stapel mit handgeschriebenen Seiten. Nach ein paar Minuten steht er wieder auf und torkelt zum Telefon. Er wählt die Nummer eines Verlages.
„Ja, hier das Lektorat des Meyer-Verlages“ hört er eine freundliche Frauenstimme sagen.
„Ich habe Sie letzte Woche angerufen“ ruft Joachim hastig ins Telefon, „mein Buch ist jetzt fertig.“
„Dann schicken Sie es uns, unsere Adresse finden Sie auf unserer Homepage. Welches Format haben Sie benutzt?“
„Was meinen Sie?“
„Welche Schriftgröße haben Sie genommen, haben Sie den Font Arial oder Courier oder...“
„Ich habe das Buch von Hand geschrieben“ unterbricht sie Joachim.
„Ne, das geht nicht. Bitte schreiben Sie es mit Computer oder mit Schreibmaschine.“
„Das sind aber über 80.000 Seiten.“
„WAS?“ ruft die Frau entsetzt, „das ist zu viel, so ein großes Manuskript nehmen wir nicht an.“
„Welcher Verlag könnte so ein umfangreiches Buch drucken?“
„Da gibt es glaube ich keinen, der 80.000 Seiten drucken würde.“
Enttäuscht setzt sich Joachim auf seinen Stuhl und fässt sich mit der Hand an den Kopf.
„Was soll ich jetzt machen?“
„Kürzen Sie es. Auf 800 oder 900 Seiten.“
„DAS MACHE ICH NICHT!“ schreit er ins Telefon, „ich kann doch nicht auf ein paar Seiten über das umfangreiche Leben schreiben!“
Wütend legt er wieder auf und überlegt. Über die Jahre ist sein Buch ihm ans Herz gewachsen, er hat seine Karriereträume dabei ganz vergessen und nur noch seinen Auftrag der Menschheit zu helfen im Kopf gehabt. „Dann packe ich es ins Internet, damit jeder es lesen kann. Geld brauche ich nicht. Moses und Jesus haben auch kein Geld für ihre Lehren verlangt. Aber...aber dafür muss ich alles noch mal auf Computer abtippen. Das wird dauern.“
Er sucht die erste Seite mit der sein Buch anfängt und stellt entsetzt fest, dass er die Seiten nicht nummeriert hat. „GOTT, HILF MIR DOCH MAL!“ schreit er zum Fenster, durch das man die Wolken am Himmel sehen kann. „Ich hasse Wolken, dann kann ich dich nicht sehen, Gott!“ meckert er und macht sich daran seine Seiten zu nummerieren. Was ein paar Tage dauert. Und die ganzen Seiten wieder in den Computer einzutippen dauert ein paar Wochen.
Schließlich kommt der Tag, an dem er ins Internetcafe geht und das Buch auf seine Homepage hochlädt. Aber seine Website wird kaum besucht, wer wird es nur lesen? Verzweifelt geht er auf gmx.de und schreibt eine Email an Gott@himmel.de:
„Lieber Gott,
ich habe ein Buch geschrieben, du hast mir dabei geholfen und mir dafür Ideen gegeben. Ich gebe zu, erst habe ich nur wegen der Kohle geschrieben, aber als ich es nochmal auf Computer abgetippt habe fand ich, dass ich die Vorschläge fürs Leben, die ich da gemacht hatte, in die Tat umsetzen sollte. Ich habe gestern mit einem Hund mich unterhalten und die Schritte zum Internetcafe gezählt. Über die Tiersprache habe ich fast 900 Seiten geschrieben wie du weißt. Und bei meinem 100.Schritt auf dem Weg zum Internetcafe hörte ich einen Knaller, ich schaute um mich und sah ein großes Plakat mit dem Titel „Ich bin Gott, spreche zu mir“. Dieser Moment war einzigartig. Wie man mit dir kommuniziert habe ich auf 1200 Seiten geschrieben, ich habe dir ein Kapitel gewidmet. Jetzt interessiert mich nur: Wie findest du unser Buch? Und wie finden es die Engel? Kann ich damit einem gefallenen Engel helfen? Es wäre toll, wenn Du mir bald schreiben würdest, vielleicht hast du ja noch ein paar Verbesserungsvorschläge. Über die Jahre habe ich Frau, Kind und Freunde verloren, ich hatte nur mein Buch im Kopf. Es ist das wichtigste in meinem Leben. Du hast eine aufregende Welt erschaffen über die ich noch weitere Seiten schreiben könnte. Respekt! Ein paar Sachen hättest du besser machen können, ich bin aber eigentlich zufrieden mit deiner Arbeit. Bitte schreibe mir bald.

Mit den besten Wünschen.

Dein Joachim“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20543 Verfasst am: So 4.Aug.2013 17:14
 
Die Flöte
 
Die goldenen Glöckchen an der Tür bimmelten als Sascha die Tür des Ladens öffnete. Es war ein Antikladen und da Sascha gestern sein Taschengeld bekommen hatte wollte er nach der Schule mal schauen ob er sich etwas kaufen konnte was ihm gefiel. Er hatte hier schon manchmal sich was besorgt, es waren alte Bücher in altdeutscher Schrift und kleine Holzfiguren mit denen er gerne spielte. Die Bücher las er gerne, denn dann hatte er das Gefühl im Mittelalter in einer Burg zu sitzen und ein geheimnisvolles Buch zu lesen was von den anderen Menschen schon vergessen war.
Der Ladenbesitzer, der eine ergraute Halbglatze hatte und eine Nickelbrille trug grüßte ihn.
„Hallo Sascha, hast du mal wieder Taschengeld bekommen? Willst du wieder ein Buch haben?“
„Nein“, sagte der Junge, „ich habe zur Zeit noch eins was ich lese.“
Er stellte sich vor die Theke und schaute auf eine Holzmaske, die an der Wand hing.
„Was ist das für eine Maske?“ fragt er den Ladenbesitzer.
„Das ist eine Maske der Aborigines aus Australien. Die wird aber bestimmt zu teuer für dich sein. Soll ich dir die mal geben?“
Sascha nickte und nahm die Maske in die Hand. Auf ihr waren dunkelgrüne Linien, die um die Maske verliefen und da wo die Augenbrauen hätten sein müssen waren hellgrüne Kreise. Der Mund war zu einem Lachen geformt und der Junge hielt kurz inne. Denn er hatte gerade das Gefühl gehabt, dass der Mund sich bewegte. Doch konnte es auch eine optische Täuschung gewesen sein, da es in dem Laden dunkel war und seine Phantasie ihm einen Streich spielte. Sascha setzte die Maske auf und schaut den Mann hinter der Theke an. Dieser sagte:
„Die steht dir, die Maske. Jetzt siehst du nicht mehr aus wie ein kleiner Schuljunge sondern wie ein wilder gefährlicher Krieger, dem man lieber alles gibt bevor er einem den Kopf kürzer macht.“
„Wie teuer ist diese Maske?“ fragte Sascha und hielt die Maske dicht vor seinem Gesicht.
„50 Euro. Bedenke, die müsste eigentlich in einem Museum stehen. Woanders würdest du mehr Geld dafür zahlen müssen.“
„Ach, die ist zu teuer“ sagte der Junge und legte die Maske auf die Theke, „ich habe nur 10 Euro dabei.“
Der Ladenbesitzer drehte sich um und holte aus einem Fach des Regals, welches hinter ihm stand, eine braune Flöte. Auf der Flöte waren auf dem Mundstück schwarze Buchstaben abgebildet. Das Wort „Sateibor“ konnte Sascha lesen.
„Willst du diese Flöte haben? Die kostet nur zehn Euro, sie hat einen schönen Klang und ist aus Eichenholz geschnitzt. Mir hat sie eine alte Frau verkauft, sie sagte noch sie wäre magisch.“
„Kann die zaubern?“ fragte der Junge neugierig.
„Naja, die Klänge klingen zauberhaft, so wird sie es gemeint haben. Hier, du kannst ja mal darauf spielen.“
Sascha nahm die Flöte in die Hand und spielte das Lied „Der Mond ist aufgegangen“. Die Flöte hatte einen hellen sauberen Klang und während er das Lied spielte lächelte ihn der Mann an.
Nach seinem Lied sagte Sascha:
„Na gut, ich kaufe die Flöte.“
Er gab dem Mann das Geld, verabschiedete sich wieder von ihm und verließ mit der Flöte in der Hand den Laden.
Zuhause setzte er sich nach dem Mittagessen an den Schreibtisch und machte seine Hausaufgaben. Er musste sich in Deutsch eine Geschichte ausdenken, in der etwas gezaubert wurde. Mit dem Arm stützte er seinen Kopf auf den Tisch und überlegte. Ihm kam die Flöte in den Sinn und er nahm sie in die Hand. Was sollte nur dieses Sateibor bedeuten? Vielleicht heißt so der Hersteller der Flöte.
Er spielte ein paar Töne, es war kein Lied, er experimentierte etwas. Ein paar Minuten spielte er und seine Mutter betrat sein Zimmer. Sie freute sich, dass er sich ein Musikinstrument gekauft hatte, doch wollte sie, dass er zuerst seine Hausaufgaben machte.
„Ja, gleich, ich muss Ideen sammeln“, sagte der Junge, „ich muss mir eine Geschichte ausdenken. Übers Zaubern.“
„Dann spiele noch ein bisschen und dann machst du weiter“ sprach die Mutter und verließ sein Zimmer wieder.
Sascha spielte auf der Flöte ein paar Töne und erschrak. Denn aus ihr kam ein gelber Rauch, der sich auf dem Tisch verdichtete. Sofort ließ er die Flöte auf den Tisch fallen, stand vom Stuhl auf und ging einen Schritt zurück. War der Rauch giftig?
Der Rauch war in der Mitte des Tisches geblieben, er breitete sich nicht aus sondern blieb an einem Fleck. Nach einem kurzen Moment verschwand er – und Sascha sah eine graue Tasse mit blauem Rand und einer Blume abgebildet. Vorsichtig ging er wieder zum Tisch und berührte die Tasse kurz, schnell zog er die Hand wieder zurück. Nachdem er sich beruhigt hatte nahm er die Tasse in die Hand und begutachtete sie. Es war eine ganz normale Tasse aus Keramik, scheinbar war die Flöte doch magisch. Er hatte ein paar Töne gespielt und eine Tasse herbeigezaubert. Doch was für Töne es waren wusste er nicht mehr, er hatte irgendwelche gespielt. Trotzdem machte sich ein Grinsen in seinem Gesicht breit, er freute sich, dass er eine Zauberflöte hatte.
Nun setzte er sich wieder an den Tisch, dabei atmete er aus. Vorsichtig spielte er den ersten und den zweiten Ton, ein c und ein d. Nichts passierte. Dann spielte er die Töne d und e. Auch hier blieb alles unverändert. Und als er ein f und ein g spielte kam wieder Rauch aus der Flöte. Ruckartig legte er die Flöte auf den Tisch und wartete bis der Rauch verschwand. Es lag ein Ei auf dem Tisch.
Behutsam nahm der Junge das Ei in die Hand und fragte sich ob man es essen konnte. Er ging mit dem Ei in der Hand in die Küche, dort nahm er einen Topf, füllte Wasser hinein und legte ihn auf den Herd. Das Ei legte er in den Topf. Hastig ging er wieder in sein Zimmer und überlegte. Wenn man ein f und ein g spielte kam ein Ei aus der Flöte. Sascha schaute nochmal auf das Wort „Sateibor“ und ihm fiel auf, dass der vierte und fünfte Buchstabe das Wort „Ei“ bildete. Und das f und das g sind der vierte und fünfte Ton der Tonleiter.
„Ja, so wird es sein“ sagte der Junge und schnippte mit dem Finger. Das Wort „Tasse“ konnte man auch aus dem Wort „Sateibor“ bilden. Sofort spielte er die fünf Töne, angefangen mit dem Ton e und zum Schluss ein f. Der Rauch kam aus der Flöte – und eine neue Tasse stand auf seinem Tisch, die schwarz war und weiße Punkte hatte.
Jetzt konnte Sascha sich nicht mehr halten, er sprang von seinem Stuhl auf und tanzte im Kreis. „Juchu, ich kann zaubern mit der Flöte“ rief er und eilte in die Küche um das Ei aus dem Topf zu nehmen. Er pellte die Schale ab und biss hinein. Es schmeckte so wie ein Ei zu schmecken hatte und nachdem er es gegessen hatte rannte er wieder in sein Zimmer um auf ein Papier alle Wörter zu schreiben, die man aus dem Wort Sateibor bilden konnte. Über 40 Wörter fielen ihm ein, also über 40 Sachen die man mit der Flöte zaubern konnte.
Da es zuhause etwas zu auffällig war, denn seine Eltern sollten nichts davon merken, verließ er heimlich die Wohnung. Heimlich deswegen, weil er ja seine Hausaufgaben machen sollte. Er wusste wohin er gehen wollte: Auf das große Feld neben dem Bauernhof. Er wohnte am Stadtrand und am Wochenende ging er gerne zum Bauernhof um sich die Tiere anzuschauen. Heute wollte er aber in aller Ruhe mit der Flöte experimentieren.
Auf dem Feld stand das Getreide in voller Pracht, die Ähren blühten und mit dem Zettel mit den vielen Wörtern und der Flöte in der Hand versteckte er sich in dem Getreidefeld. Ohne auf die Liste zu schauen spielte er die Töne, die das Wort „Ritter“ bildeten. Auf dieses Wort hatte er sich am meisten gefreut. Kam aus der Flöte jetzt ein Spielzeugritter, eine Ritterrüstung oder ein echter Ritter?
Nachdem er die sechs Töne gespielt hatte kam wieder der gelbe Rauch aus der Flöte, diesmal mehr als vorhin. Schnell legte der Junge die Flöte auf den Boden und ging ein paar Schritte zurück. Der Rauch bildete eine mannshohe Säule und nach einer Weile verschwand er und ein Ritter kam zum Vorschein. Sein Brustpanzer glänzte im Sonnenschein, sein Panzerhandschuh umklammerte den Griff eines Schwertes und durch den Sehschlitz in seinem Helm betrachtete er den Jungen. Er ging einen Schritt auf Sascha zu und sagte:
„Wo ist Ulrike?“
Sascha schaute den Ritter irritiert an und fragte:
„Wer ist Ulrike?“
Der Ritter nahm seinen Helm ab und ein schwarzhaariger wuscheliger Kopf mit Vollbart kam zum Vorschein. Er sprach:
„Ulrike ist die Besitzerin der Flöte. Bist du ihr Enkel?“
Sascha schüttelte den Kopf und antwortete:
„Ich habe die Flöte in einem Antikladen gekauft. Ich kenne keine Ulrike.“
„Das ist auch gut so“, sagte der Ritter mit einem Lächeln, „Ulrike hat die Flöte scheinbar wieder verkauft. Wir haben uns nicht mehr vertragen, wir hatten uns oft gestritten. Erst hatten wir uns gut verstanden und uns angefreundet, aber dann hat sie von uns unmögliche Sachen verlangt. Ich sollte die Hausarbeit für sie machen und kochen, doch so etwas ist für mich unvorstellbar gewesen. Es geht gegen meinen Kodex Frauenarbeit zu verrichten, ich bin ein Ritter und stets auf der Suche nach einem Abenteuer.“
„Was war dein größtes Abenteuer?“ fragte Sascha.
„Der Kampf gegen den Drachen Glomir“, sagt der Ritter und schaute verträumt in den Himmel, „er flog zu unserer Insel und terrorisierte uns. Unsere Insel ist umgeben von Meer, Legenden berichten, dass es ein Kontinent in unserer Welt gibt wo Drachen leben. Und Glomir hatte sich zu uns verirrt und es gefiel ihm, dass er bei uns nicht der kleinste war. Denn bei den Drachen galt er als winzig.“
„Wie groß war er denn?“
„Ähh, naja“, stammelte der Ritter, „zwei Meter groß. Für einen Drachen ist das winzig. Aber für uns Menschen sind ja zwei Meter schon so eine Größe.“
„Wie hast du ihn besiegt?“
„Ich habe laut gebetet. In einem dramatischen Kampf schlug der Drache mit seinen glänzenden Flügeln mir das Schwert aus der Hand. Meine Hand tat mir dann schrecklich weh und ich konnte nicht mehr weiterkämpfen. Also kniete ich mich auf den Waldboden und betete laut. Der Drache flog über meinem Kopf und während meines Gebetes flog er gegen einen Baum und fiel auf den Boden. Ich trennte mit dem Schwert seinen Kopf ab und brachte ihn als Trophäe meinem Lehnsherren.“
„Was war das für ein Gebet?“
„Es war so:
Lasst uns müde sein, nach Ehre trachten und den Nächsten lieben wie wir die Banane lieben. Die auf den Herren hoffen, werden ein Schokoladenei und in dieser Gestalt mögen sie schlafen bis zur Abendstunde und dann Frühstück essen. Darum, oh, Mensch, kannst du dich nicht entscheiden dich zu rasieren, auf das die Barthaare deinen Gaumen bedecken. Der Apfel der Enthaltsamkeit wird zweigeteilt und dem Einsiedler geschenkt, der seinen applaudierenden Zuschauern wiederum Einsamkeit schenkt. Gott, bewahre mich davor dich zu bewahren. Amen.“
„Ich verstehe dein Gebet nicht. Was soll das denn aussagen?“
„Hehe“, lachte der Ritter, „Das hat sich auch der Drache gefragt und ist grübelnd gegen einen Baum geflogen. Ich habe ihn nicht mit meinem Schwert besiegt sondern mit meinem Geist, mein Lehnsherr ist deswegen sehr stolz auf mich.“
„Der Drache war doch gar nicht so groß. Wieso hast du es nicht mit dem Schwert geschafft?“
„Weil der Drache ein kräftiger Bursche war. Aber ist es in eurer Welt nicht auch sehenswerter wenn man den Feind mit dem Verstand in die Knie zwingt?“
„Ja, doch. Aber für ein Ritter ist es die größte Ehre seine Gegner mit dem Schwert zu besiegen.“
Der Ritter wedelte mit seinen Händen und sagte:
„Bei euch ist einiges anders als bei uns. Bei euch waren im Mittelalter die Ritter angesehen und früh fing die Ausbildung an.“
„Im Alter von sieben Jahren wurde ein Kind zum Pagen“, setzte Sascha fort, „da ging es erst mal nicht um den Gebrauch von Waffen, sondern um das Ritter-ABC: Reiten, Schwimmen, Bogenschießen für die Jagd, Faustkampf und das Aufstellen von Vogelfallen.“
„Genau“, sagte der Ritter traurig, „ich dagegen wurde von meiner Familie verstoßen, ich wurde nie geliebt von meiner Mutter. Wenn man ein verlorenes Kind bei uns ist bleibt einem nichts anderes übrig als ein Ritter zu werden. Jemand, der mit Waffen argumentiert. Und das ist sehr verpönt bei uns auf Sateibor, unserer Insel. Bei euch wurde der Page zum Knappen, er begleitete einen Ritter auf seinen Abenteuern.“
„Da lernte der Knappe dann den Schwertkampf“ weiß Sascha.
„Ja. Mir wurde einfach ein Schwert in die Hand gedrückt und es wurde gesagt: „Hier, du Nichtsnutz, ein Schwert. Denn mit Intelligenz schaffst du es nicht Gegner in die Flucht zu schlagen. Unser großer Herr hat das Böse mit Worten besiegt, du dagegen hast deinen Mund nur zum Fressen.“
„Seltsam“, sagte Sascha, „ist es nicht eine Ehre für dich dein Dorf zu verteidigen?“
„Wenn es mir mal gelingen würde. Mit meinem neusten Auftrag bin ich überfordert. In Sateibor rennt ein Verrückter durch die Gegend, der dauernd vor sich hin piept. Er rennt zu den Bewohnern und piept ihnen ins Gesicht. Erst wenn die Leute völlig genervt sind verschwindet er. Keiner hat es bisher geschafft mit ihm zu reden. Früher war er ganz normal und arbeitete wie die anderen auf dem Feld.“
Sascha schaute seine Flöte an und fragte:
„Kann ich den mit der Flöte rufen?“
„Das ist eine gute Idee. Die von mir kommt.“
„Nein“, protestierte Sascha, „ es ist meine Idee gewesen.“
Der Ritter rammte sein Schwert in den Ackerboden und behauptete:
„Hätte ich nicht von dem Verrückten erzählt, dann wärst du nicht darauf gekommen ihn mit der Flöte zu holen. Also kommt die Idee von mir. Anders als behauptet bin ich ein Mann mit einem wachen Geist und, lieber Junge, irgendwann muss ich nicht mehr Ritter sein und kann mit meinen Worten kämpfen.“
Sascha wunderte sich sehr über den Ritter.
Der Ritter lachte und sprach:
„Hole den Verrückten mit der Flöte, dann erledige ich ihn. Da ich nur ein armer Ritter bin muss ich es mit dem Schwert tun, mit roher Gewalt. Aber wenn ich seinen Kopf habe, dann wird mich mein Lehnsherr belohnen und mir versprechen, dass ich nicht mein Leben lang ein Ritter bleiben muss.“
Sascha schaute auf seine Liste mit den Wörtern und fand das Wort „Irrer“. Sofort spielte er die Töne und aus der Flöte kam wieder der gelbe Rauch. Nach einem Moment erschien ein braunhaariger Mann mit einem Mantel, auf dem ganz viele bunten Vogelfedern geklebt waren. „Piep, piep, piep“ rief er und rannte weg, Sascha folgte ihm. Der Ritter indes versuchte sein Schwert aus dem Boden zu ziehen was ihm nicht gelang. Verkrampft zog er am Knauf des Schwertes, er bekam es nicht mehr heraus.
Der Junge rannte dem verrückten Mann durch das Ackerfeld hinterher und rief:
„Bleib stehen, ich tue dir nichts.“
„Piep, piep, piep“ kam aus dem Mund des Verrückten der wie ein Wilder rannte. Schließlich erreichten sie das Ende des Feldes an dem eine Straße grenzte auf der Autos fuhren. Der Verrückte blieb stehen, scheinbar hatte er Angst vor den Fahrzeugen.
„Piep, piep, diese Ungeheuer sind gefährlich“ sagte er und zeigte auf die vorbeifahrenden Autos.
„Du kannst ja reden. Warum piepst du denn dauernd?“ wollte Sascha wissen.
„Ich bin ein Vogel, piep, piep“ war die Antwort des seltsamen Mannes, der die Straße nicht aus den Augen verlor.
„Du bist ein Mensch. Warum willst du ein Vogel sein?“ fragte Sascha.
„Vögel sind frei, Vögel können fliegen, Vögel sind netter als Menschen. Und Vögel können singen. Piep, pfeif, pfeif, piep“ sagte der Mann und rannte wieder zurück durchs Feld. Nach einem kurzen Moment blieb er stehen und sagte:
„Piep, piep, der böse Ritter will mich töten, piep. Er hasst Vögel, ist ein Unmensch, piep, piep.“
Sascha stand hinter ihm und sagte:
„Du kannst gar kein Vogel werden, Vögel haben einen ganz anderen Körper. Sie haben neben Oberschenkel und Unterschenkel noch den Lauf. Und einen Zeh haben sie an der Ferse.“
„Ich auch, piep, piep“ sagte der Mann und zeigte ihm seine Schuhe, an deren Hacke ein kleiner Stock befestigt war.
„Du hast aber keine Flügel und kannst nicht fliegen“ sagte Sascha und musste jetzt lachen. So einen verrückten Mann hatte er noch nie gesehen.
Der Mann drehte sich um und stellte sich vor dem Jungen hin. Er sprach:
„Kannst du mir helfen, piep, piep? Wie fliegen Vögel?“
Sascha überlegte, er hatte es im Biologieunterricht gelernt. Er dachte nach und sagte dann:
„Durch den Flügelschlag fliegen die Vögel. Aber nicht nur, denn sie können auch eine Weile fliegen ohne mit den Flügeln zu schlagen. Die Flügel sind nicht gerade, sie sind nach oben gebogen. Die Luftteilchen, die unter den Flügel sind erreichen das Flügelende schneller als die Luftteilchen, die auf der Oberseite des Flügels sind. Dadurch entsteht unter dem Flügel Druck, über dem Flügel entsteht ein Sog. Das hebt den Vogel an.“
Der Mann schüttelte den Kopf, zeigte mit der Hand, die auch mit Federn beklebt war, auf seine Stirn und jammerte:
„Piep, piep, ich verstehe das nicht, piep, piep, ich bin nur ein Vogel. Kannst du mir die Antwort nicht zwitschern? Oder piepen, piep, piep?“
„Du brauchst Flügel. Wie heißt du denn?“ wollte Sascha wissen.
„Ich heiße piep, piep. Kannst du mir Flügel bauen?“ fragte der Mann.
„Nein, das bringt nichts“ sagte Sascha und schüttelte dabei den Kopf, „du bist zum Fliegen zu schwer. Ein Strauß kann auch nicht fliegen deswegen. Wenn ein Vogel schwerer als 20 Kilo ist kann er nicht mehr fliegen.“
Jetzt wurde der Mann ruhig und setzte sich traurig auf den Ackerboden. Sascha setzte sich ihm gegenüber und hörte dem Mann zu, der sagte:
„Ich bin traurig. Piep, piep. Ich will fliegen wie ein Vogel, piep. Es ist ungerecht, dass wir uns bei der Geburt nicht aussuchen können, piep, was wir für ein Wesen sein können.“
„Mir hat der Ritter gesagt, dass du die Leute in eurer Welt mit dem Piepen sehr nervst.“
Der Mann lachte kurz und sprach:
„Ich will, dass die auch piepen. Piep. Ich will, dass die alle zu Vögeln werden. Piep, piep. Ich habe Hunger.“
Jetzt wühlte der Mann im Boden, nahm einen kleinen Käfer und aß ihn. Das konnte Sascha nicht mitansehen, er nahm seine Liste und schaute was er zu essen mit der Flöte zaubern konnte. Er entschied sich für das Wort „Brot“ und als aus der Flöte der Rauch kam hielt der Mann inne und sagte:
„Die Flöte, piep, piep, kannst du mich nicht damit in einen Vogel verwandeln?“
Der Rauch bildete sich auf dem Boden vor ihren Füßen und wenig später kam ein Laib Brot zum Vorschein.
„Hier, ein Brot, das kannst du essen“ sagte Sascha und zeigte auf das braune Brot.
„Musst du mir klein machen, piep, piep.“
„Du hast doch Zähne“ wunderte sich Sascha.
„Ich bin nur ein Vogel und Vögel haben keine Zähne, piep, piep.“
Sascha schüttelte den Kopf während er aus dem Bot kleine Stückchen rupfte. Diese steckte sich der Mann gierig in den Mund, nebenbei nahm er vom Boden kleine Steinchen und schluckte sie herunter.
„Warum isst du Steine?“ fragte Sascha mit einem Stirnrunzeln.
„Machen Vögel beim Essen auch, piep, piep.“
Sascha erinnerte sich an seine Biologielehrerin Frau Schindler, die erzählte, dass Vögel kleine Steine essen, damit sie mit ihnen die Nahrung im Magen zerkleinern können. Wie konnte er diesem verwirrten Mann nur helfen?
„Das Leben als Mensch kann doch ganz schön sein. Bestimmt gibt es Vögel, die gerne ein Mensch wären“ will Sascha ihn ermuntern.
Während der Mann die Brotstückchen aß sagte er:
„Vögel sind frei und überall zuhause. Piep, piep. Vögel singen immer schöne Lieder. Piep. Und Vögel sind schöner. Seit ich meine Federn trage gefalle ich mir. Piep, piep.“
Sascha schaute auf seine Flöte und wünschte sich, dass er das Wort „Glück“ oder „Freude“ spielen könnte, das würde dem Mann vielleicht helfen der so unglücklich war ein Mensch zu sein. Vielleicht gibt es ja auf der Welt irgendwo noch weitere Flöten mit anderen Buchstaben. Der Junge entschied sich das Wort „Rat“ zu spielen, vielleicht würde er dabei eine gute Idee bekommen.
Er spielte die drei Töne und nachdem der Rauch aus der Flöte wieder verschwunden war sah Sascha Zweige, dickere Grashalme, Moos, dünne Halme, Wurzeln und trockenes Laub. Was sollte das nur? Als der Mann es sah nahm er diese Sachen sofort um etwas daraus zu bauen. Nach ein paar Minuten konnte Sascha es erkennen. Der Mann baute sich ein Vogelnest.
„Piep, piep, ich baue ein Nest für meine kleinen süßen Kinder. Piep, piep, ich habe schon ganz viel Kinder in die Welt gesetzt“ sagte der Mann mit einem Grinsen.
„Das glaube ich nicht. Du kannst doch keine Eier legen“ sagte Sascha, der sich im selben Moment fragte wo der Ritter nur war.
„Ich habe schon ganz viele Eier gelegt. Piep, piep. Ihr bösen Menschen nehmt sie mir aber immer weg und esst die. Piep. Pfeif, träller, sing, sing.“
Sascha wollte nach dem Ritter schauen. Er stand auf und ging zu dem Fleck wo er ihn das letzte mal gesehen hatte. Und Tatsache, er war immer noch da und versuchte verzweifelt sein Schwert aus dem Boden zu ziehen. In dem Moment, in dem Sascha ihn erreichte, schaffte er es das Schwert herauszuziehen, er fiel auf den Boden und war erleichtert. Auf dem Rücken liegend schaute er Sascha an und sagte:
„Du musst bedenken, ich bin nicht der kräftigste. Und diese schwerfällige Rüstung macht mich träge und nimmt mir den letzten Funken an Kraft. Wo ist der Verrückte hin?“
„Tue ihm nichts, er ist doch ganz harmlos“ sagte Sascha.
„Harmlos, dass ich nicht lache. Der terrorisiert unser Dorf mit seinem Gepiepse. Und arbeiten tut er auch nicht mehr.“
„Wieso ist er so verrückt geworden?“ will der Junge wissen.
„Wir wissen es auch nicht so genau. Es liegt vielleicht an dieser Frau. Als sie noch zusammen waren war er ganz normal, als sie sich trennten wurde er verrückt.“
„Wer ist die Frau?“
„Anita heißt sie. Sie ist auf unserer Insel die Sängerin“ antwortet der Ritter und steht wieder auf.
„Kann ich sie auch mit der Flöte beschwören?“ will Sascha wissen.
„Ulrike konnte es. Aber ich weiß nicht mehr mit welchem Wort es ging.“
Der Junge schaute auf seine Liste, doch konnte er den Namen „Anita“ nicht finden. In dem magischen Wort der Flöte kam kein „n“ vor. Den Namen Britta konnte man aber spielen.
„Wer ist denn Britta?“ fragte Sascha.
„Britta kümmert sich um die Pferde meines Herren. So, Junge, ich muss weiter, den piepsenden Verrückten kalt machen“ sagte der Ritter und ging los.
„Warte, wie ist dein Name?“ war die Frage des Jungen.
Der Ritter drehte sich um und setzte seinen Helm auf. Dabei sagte er, dass er Sico heiße.
„Sico, du musst den Irren nicht töten. Vielleicht müssen wir nur die Frau aus der Flöte zaubern, mit der der Verrückte zusammen war“ war Saschas Idee.
Der Ritter schaute ihn an und öffnete seinen Sehschlitz. Er stimmte ein und sagte:
„Na gut, wir können es ja probieren. Der Kampf sollte das letzte Mittel sein. Ich weiß aber nicht mehr wie du Anita in deine Welt zaubern kannst.“
Sascha schaute auf seine Liste und überlegte. Er musste ein anderes Wort nehmen, aber „Frau“ oder „Sängerin“ war nicht in dem Wort Sateibor enthalten.
„Ist sie bei euch bekannt?“ fragte der Junge.
„Ja, sie ist auf unserer Insel sehr beliebt. Sie ist bei uns ein Star“ antwortete der Ritter.
Star! Das Wort konnte man mit der Flöte spielen und sofort blies Sascha die vier Töne in die Flöte. Der gelbe Rauch kam wieder aus der Flöte und bildete sich direkt vor ihm in Menschengröße. Dann verschwand der Rauch und eine dunkelblonde Frau mit grünen Augen und einem weißen Kleid kam zum Vorschein. Sie sprach:
„Hallo, ich bin wieder in eurer Welt. War schon länger nicht mehr bei euch. Wer bist du? Wo ist Ulrike?“
Sascha erklärte ihr wo er die Flöte gekauft hatte.
„Dann willst du bestimmt ein Lied von mir hören“, sprach Anita und sang, „Emma, die Ente, die ewig verpennte, hatte oft Probleme mit der Zeit...Emma, die Ente, die ewig verpennte, ist die schönste Ente, ist die schönste Ente weit und breit.“
Dabei tanzte sie im Kreis und hielt ihre Arme hoch. Doch Sascha wollte eigentlich gar kein Lied von ihr hören, er brauchte ihre Hilfe. Er sprach:
„Du, Anita, wir brauchen deine Hilfe. Der Mann, der sich für einen Vogel hält, der war doch davor noch ganz gesund und mit dir zusammen, oder?“
Anita hörte mit ihrem Gesang auf und schaute jetzt ganz ernst. Sie sagte:
„Ja, Karl war mit mir zusammen. Dann begann ich zu singen und hatte einen Auftritt nach dem anderen. Ich sagte ihm, dass das Singen meine neue Liebe sei. Irgendwie ist er dann eifersüchtig geworden, er meinte er kann auch schön singen. So schön wie ein Vogel. Und da ging das dann los, dass er ein Vogel sein wollte.“
„Komm, wir gehen zu ihm. Wenn er dich sieht, dann wird er vielleicht wieder gesund“ vermutete Sascha, doch Anita schüttelte nur den Kopf und meinte:
„Das wird nicht mehr helfen. Ich hatte schon oft in den letzten Wochen versucht mit ihm zu reden, doch er piepte mir nur ins Gesicht.“
Sascha, Anita und der Ritter gingen durch das Feld und suchten den Verrückten. Er war noch immer an dem Platz wo Sascha ihn das letzte mal gesehen hatte. Als er die drei sah, sprang er auf, hielt ein Vogelnest in der Hand und rief:
„Piep, piep, mein Nest ist fertig, heute Abend werde ich noch ein paar Eier legen, piep, piep.“
Sascha zeigte auf Anita und sagte:
„Schau mal, da ist eine Freundin von dir.“
Sofort schüttelte der Verrückte seinen Kopf und erklärte:
„Das ist keine Freundin, meine Freunde sind die Vögel, piep, piep.“
Anita machte etwas was sie schon oft versucht hatte. Sie wollte ein Lied für den Verrückten singen, damit er sein Problem kein richtiger Vogel zu sein vergaß. Sie sang:
„In dem Wald auf einem Steine,
saß das Mühlhorn ganz alleine.
Und es wünscht sich, ach so sehr
einen Kameraden her.
Doch versteht man nicht
was das Mühlhorn spricht:
Uschta ullja, uschta badschta
schnetereteteng bumm bumm, och och
zickedudeidab zackedudeidab
jabadadideldudeldei, juche!“
Während sie sang und mit ihren Beinen tanzte machte der Verrückte immer wieder „piep“.
Nachdem sie mit ihrem Lied fertig war legte der Irre das Nest auf den Boden, zog seinen Mantel hoch und setzte sich auf das Nest.
„Kackst du jetzt in dein Nest?“ fragte ihn Sascha, der Verrückte erklärte ihm, dass er nur ein Ei legen wollte. Anita und der Ritter sprachen auf ihn ein und meinten, dass er wieder normal sein sollte. Doch dieser erklärte er werde erst wieder ruhig sein wenn er ein Vogel geworden ist. Während sie diskutierten schaute Sascha auf seine Flöte. Wie schade, dass man nur Sachen aus acht Buchstaben zaubern konnte. „Vogel“ ging nicht weil in dem Wort Sateibor kein v, g und l enthalten war.
Spielt man auf der Flöte nicht manchmal auch zwei Töne gleichzeitig? Sascha hob die Augenbrauen und vermutete, dass man so vielleicht mehr Buchstaben zur Verfügung hätte. Den Buchstaben „t“ hatte er ja, damit konnte er die Tasse zaubern. Vom t zum v sind es zwei Buchstaben. Das b, mit dem er das Brot gezaubert hatte, war der zweite Buchstabe des Alphabets. Was ist wenn man das t und das b zusammen spielt? Hat man dann ein v? Für das g müsste er die Buchstaben e und b spielen und für das l müsste er sogar drei Töne auf einmal spielen: Das i, das a und das b.
Jetzt versuchte Sascha das Wort „Vogel“ zu spielen und nachdem er es gespielt hatte kam gelber Rauch aus der Flöte. Der Rauch blieb in der Luft und ein grüner Vogel, eine Elster kam zum Vorschein und flog in den Himmel. Der Verrückte hörte auf mit den anderen beiden zu reden, zeigte auf die Elster und rief: „Da ist meine Freundin, piep, piep, ich will fliegen können, ich will mit dir piepen, piep, piep.“ Er setzte sich traurig auf den Boden und starrte vor sich hin. Der Ritter sprach:
„Du kommst jetzt mit, Karl. Ich werde dich festnehmen. Vielleicht hast du Glück und du verwandelst dich in der Zelle in einen Spatz oder einen Kolibri. Dann kannst du durch das Gitter ins Freie fliegen.“
Sascha sah der Elster noch hinterher und ein Gefühl der Freude strömte durch seinen Körper. Also konnte er noch weitere Buchstaben aus der Flöte rausholen, vielmehr als 40 Sachen konnte er scheinbar zaubern. Gingen auch Sätze? Am liebsten würde er den Satz „Sei ein Vogel“ spielen. Dafür brauchte er noch das n und das würde er bekommen wenn er das i und das e gleichzeitig spielen würde.
Sascha zeigte auf die Flöte und sagte:
„Komm, Karl, ich werde dich jetzt in einen Vogel verwandeln. Dann bist du endlich glücklich.“
„Und wir sind es auch“ ergänzte der Ritter.
Sascha sagte dem Verrückten, dass er den gelben Rauch, der gleich aus der Flöte kommen würde einatmen sollte. Neugierig stand der Irre aus und stellte sich direkt vor Sascha hin. Der Junge spielte den Satz „Sei ein Vogel“ und der Verrückte atmete den Rauch ein. „Ah“ kam aus seinem Mund und Sascha sah, wie er immer kleiner wurde, seine Hände wurden aber immer größer. Überall auf seinem Körper wuchsen schwarze Federn und am Ende stand vor Sascha ein schwarzer Adler.
Das Tier hob seine Schwingen und stieg in die Luft. Es schrie laut und flog weg, Sascha legte sich die Hand vor die Stirn und beobachtete wie der Adler flog.
„Jetzt hat er seinen Wunsch bekommen“ sprach Anita und lächelte.
„Toll, das wir das Problem ohne Gewalt lösen konnten“ sprach der Ritter und hielt mit beiden Händen den Knauf seines Schwertes, „es war eine tolle Idee von mir ihn in einen Vogel zu verwandeln. Mein Lehnsherr wird stolz auf mich sein.“
Sascha ignorierte den Ritter und schaute stolz auf seine Flöte. Anita ging zu ihm und fragte ihn, wie er es gemacht hatte ihn in einen Vogel zu verwandeln. Sascha erklärte ihr es und sie meinte:
„Das ist toll, dann ist die Flöte mächtiger als wir dachten. Ulrike hat immer nur Wörter aus dem Wort Sateibor gezaubert. Aber mit deiner Methode gehen ja noch viel mehr Buchstaben.“
„Wie lange könnt ihr eigentlich noch bei mir bleiben?“ wollte der Junge wissen.
„Wir können nur für ein paar Stunden in deiner Welt existieren, dann verwandeln wir uns wieder in den gelben Rauch und strömen in deine Flöte.“
Sascha ging mit den beiden auf dem Ackerfeld ein wenig spazieren und fragte sie nach ihrer Welt aus. In Sateibor leben die Menschen im Jahre 40.000, ihre Zeitrechnung begann als die ersten Menschen dort existierten. Nachts scheinen dort zwei Monde, ein grauer und ein grüner. Anita warnte ihn das Wort „Stier“ zu spielen, denn dann würde ein dunkler Stier auf ihn zu rennen. Er könnte aber das Wort „Stirb“ spielen, das würde den Stier töten. Ihren Anführer könnte er mit der Flöte auch in seine Welt zaubern, er müsse das Wort „Boss“ spielen.
Nach einer Stunde wurde der Ritter allmählich durchsichtig und er sprach:
„So, meine Zeit ist gekommen, ich muss zurück in meine Welt. Danke, dass du uns geholfen hast.“
Sascha wollte ihm die Hand geben, doch er griff durch seine Handschuhe durch. Einen kurzen Moment später war der Ritter nur noch Rauch und flog wieder in die Flöte.
„Kann ich auch in eure Welt kommen?“ fragte der Junge Anita.
„Das geht leider nicht, nur wir können in deine. Wenn du es könntest, dann könntest du heute meinen Auftritt am Marktplatz erleben. Ich werde da mein neustes Lied präsentieren.“
„Wie geht es?“
Anita sang:
„Da wo du zuhause bist ist es mir zu heiß
bei uns liegt das ganze Jahr lang Eis
Ich bin ein Pinguin, ich bin ein Pinguin,
ich schwimm wie eine Ente und tauch wie ein Delfin.“
Jetzt sang Anita noch ein paar ihrer Lieder, aber auch sie wurde allmählich zu dem gelben Rauch, der wieder in die Flöte flog. Jetzt war Sascha wieder ganz alleine und er küsste die Flöte. Er wusste, dass er noch viel Spaß in seinem Leben mit ihr haben würde.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20545 Verfasst am: Do 8.Aug.2013 12:45
 
Der Beleidiger
 
In einem Polizeirevier.

Ein Mann sitzt einem Polizisten gegenüber, zwischen ihnen steht ein Tisch.

Mann:
„Ich bin gefährlich, verhaften Sie mich bitte.“

Polizist:
„Warum? Was haben Sie denn getan?“

Mann:
„Ich habe beinahe eine Frau vergewaltigt. Der Absagen überdrüssig ballte ich die Faust und hielt sie zitternd drohend vor ihren Augen. Ich kniff die Augen zusammen...und nannte sie „Mistweib“!“

Polizist:
„Sind Sie handgreiflich geworden?“

Mann:
„Ihre Hände umspannen das Glied der Verharmlosung, ich sehe schon ich komme noch mal davon. Nein, ich habe die Frau nicht berührt, aber ich war beinahe schon davor.“

Polizist:
„Dann ist ja nichts passiert, dann können Sie ja wieder gehen.“

Mann:
„Was aber, wenn ich die Frau traumatisiert habe? Das Wort „Mistweib“ hallt in ihren Ohren sicherlich die ganze Zeit, es lässt ihr keine Ruhe, ihr Bewusstsein wird aufgebrochen von diesem schädlichen Wort, sie kann keine klaren Gedanken mehr fassen und springt versehentlich an der roten Ampel einen Satz auf die Straße und wird überfahren. Ist das nicht ein kaltblütiger Mord, von mir ersonnen und erdacht, nur um einen Einwohner unserer Stadt dem Grab zu unterweisen?“

Polizist:
„Glauben Sie mir, die Frau wurde bestimmt schon mal beleidigt, für die ist das nichts neues gewesen.“

Mann:
„Was aber wenn doch? Wenn es doch das erste mal war, sie kommt sicherlich aus gut behütetem Heim, ihr Vater hat immer recht für sie gesorgt und seine starken Arme über ihr Haupt gelegt, ihre Mutter wiegte sie sicherlich immer in den süßen Schlaf und benetzte sie mit Gutenachtküssen. In einer heilen Welt ist sie bestimmt groß geworden und wurde dann von ihrer ersten Liebe in die raue Großstadt entführt. Für sie muss das Wort „Mistweib“ ein Schock gewesen sein, für mich war es auch ein Schock, dass solch ein grauenhaftes Wort über meine Lippen kommt.“

Polizist:
„Ach, machen Sie sich jetzt nichts daraus. Die Frau wäre schon zu uns gekommen oder hätte hier angerufen, wenn es sie so arg erschüttert hätte.“

Mann:
„Die Frau ist verwirrt, das Telefon gleitet ihr stets aus der Hand, sie wählt versehentlich die Nummer des Bestattungsunternehmens weil sie Ihre Nummer nicht mehr weiß.“

Polizist:
„110 ist unsere Nummer, auf die wird sie noch kommen.“

Mann:
„Hat sie schon angerufen?“

Polizist:
„Nicht das ich wüsste.“

Mann:
„So verwirrt und verunsichert ist sie schon, dass sie noch nicht mal drei Ziffern wählen kann. Tun Sie doch etwas, die Frau braucht eine Notoperation, das schändliche Wort muss aus ihrem Kopf operiert werden und ich gehöre hinter Gitter. Die Angelrute darf nicht in falsche Hände geraten, sonst schwimmt der Fisch in des Feindes Rachen, ich bin nicht gesellschaftsfähig, ich traumatisiere wehrlose Bürger dieser Stadt mit unflätigen Wörtern, auf dass sie auf die Knie sinken und den Namen des Erlauchten anflehen. Sperren Sie mich ein!“

Polizist:
„Na sagen Sie mal, wo ist eigentlich Ihr Problem? Sie haben eine Frau Mistweib genannt, das passiert in unserer großen Stadt bestimmt 1000 mal am Tag.“

Mann:
„1000 Schwerverbrecher jeden Tag, 1000 arme traumatisierte Frauen, verlorene Kinder Gottes, sie wollen beschützt werden von den Übeltätern, die mit einem Wort ihre Würde niederpeitschen. Es muss doch noch Gerechtigkeit in diesem Lande geben, sperrt diese Schurken ein, massakriert sie und macht ihre Gesichter unkenntlich.“

Polizist:
„Gehen Sie jetzt bitte.“

Mann:
„Mistweib!“

Polizist:
„So, das reicht jetzt, ich zeige Sie an wegen Beamtenbeleidigung. Zeigen Sie mir bitte mal Ihren Ausweis.“

Er gibt ihm seinen Ausweis.

Polizist:
„Das macht 100 Euro Strafgeld.“

Mann:
„Hier bitte.“

Polizist:
„So eine sinnlose Verschwendung das alles. Können Sie sich jetzt etwas benehmen?“

Mann:
„Ja, das hat gut getan.“

Polizist:
„Was? Das Sie Strafe zahlen mussten?“

Mann:
„Ja, ich habe eine Lektion gebraucht, eine lesson to love. Jetzt bin ich getränkt mit Wohlwollen dem Staate gegenüber. Die schlüpfrige Stumpfkerze fährt über mein Haar und lässt es lichterloh glühen in der warmen Stube. Danke für die Anzeige, Sie haben sich völlig korrekt verhalten.“

Polizist:
„Was ist denn mit Ihnen los? Haben Sie irgendwelche psychischen Probleme?“

Mann:
„Die habe ich zuhauf, mein Kopf ist übersät mit argen Problemen unserer Gesellschaft, der Verkehrslärm lähmt meine Sinne, der Stadtdunst verschleiert meine Augen und die vielen Gesichter in unserer Stadt verwirren meinen Geist. Des Vogels Glockenstimme tönt in meinen Ohren wenn ich an die ländlichen Regionen unseres Landes denke, mit Kühen die auf Wiesen weiden, mit Kindern die den Ringeltanz spielen und alles ist umgeben von frischer Luft die in meine Lungen strömt.“

Polizist:
„Wollen Sie nicht eine psychiatrische Klinik aufsuchen?“

Mann:
„Nein, ich bin gesund wobei ich auch schon krank geworden bin durch unsere Stadt. Eine Klinik auf dem Lande würde meinen Habitus wohl milde stimmen, kein Autohupen und keine Sirenen weit und breit, der Bach fließt zeitlos seinen Weg und die Wolken verhüllen den Mond in der Nacht. Was ich brauche ist Liebe und zwar die Liebe der Natur.“

Polizist:
„Machen Sie doch ein wenig Urlaub, es würde Ihnen gut tun.“

Mann:
„Mal richtig entspannen vom Alltagsstress, wer es sich leisten kann aber nur. Ich arbeite auf dem Bau und habe alle Hände voll zu tun. Die schweren Steine wollen von mir gehoben und an ihren Platz gebracht werden, der Mörtel möchte von mir gestrichen werden und meine Arbeitskollegen würden mich sehr vermissen. Ich liebe mein Leben und meinen Beruf, ich liebe und hasse diese Stadt, ich liebe und hasse Frauen, am liebsten würde ich ein Kleid tragen und hätte Kinder, ich bin schrecklich eifersüchtig auf die Frauen, andererseits könnte ich als Frau nicht so leicht auf dem Bau arbeiten.“

Polizist:
„Macht Ihnen das Leben als Bauarbeiter wirklich Spaß?“

Mann:
„Spaß muss sein, die Heugabel fällt nicht weit vom Stroh, ich liebe es Arbeiten zu tun, die keiner machen will. Da wird einem bewusst wie schön das Leben sein kann wenn man eine dreckige Arbeit zu verrichten hat. Am schönsten ist es wenn es Rohrbruch gibt und ich die Kacke wegwischen muss. Das Leben macht erst Sinn wenn man zu leiden gelernt hat, dann erst kann man das Glück schätzen.“

Polizist:
„Sie haben Probleme, vielleicht sollte ich einen Krankenwagen holen der sie in eine Klinik bringt. Sie reden die ganze Zeit so dahergeschwollen.“

Mann:
„Die deutsche Sprache ist dazu da sinngemäß der Poesie zu dienen, die Nebelschwaden ziehen ihren Dunst über unsere Köpfe, wir benutzen immer nur dieselben Wörter und Ideen, dagegen hat unsere Sprache 500.000 Wörter. Auf dem Bau sprechen die Menschen eine primitive Sprache und lesen die BILD, deswegen arbeite ich stets am liebsten alleine.“

Polizist:
„Na gut, dann haben wir alles geklärt, Sie können wieder gehen.“

Mann:
„Sie lassen mich einfach so wieder gehen?“

Polizist:
„Ja.“

Mann:
„Was ist wenn ich rückfällig werde? Wenn ich schändliche Kraftausdrücke den friedlebenden Bürgern unserer Stadt ins Gesicht schleudere, Frauen und Kinder mit Beleidigungen dahinraffe, ich werde mir neue Schimpfwörter ausdenken und sie in Umlauf bringen, durch mich werden sich verfeindete Fronten bilden, ein Bürgerkrieg wird ausbrechen. Und das alles nur weil Sie mich wieder gehen ließen.“

Polizist:
„Was soll ich denn machen? Soll ich Sie einsperren?“

Mann:
„Ja, das wäre das beste, Sie würden dem Gemeinwohl unserer Stadt ein Geschenk machen, Sie würden eine Katastrophe verhindern.“

Polizist:
„Bilden Sie sich mal nicht ein, dass Sie so gefährlich seien.“

Mann:
„Hitler war auch gefährlich und hat nur mit der Sprache gearbeitet so wie ich. Stellen Sie sich mal vor ein Polizist wie Sie hätte Hitler in den 20ern eingesperrt, es wäre vielleicht nie zu der Katastrophe gekommen.“

Polizist:
„Sie sind ganz harmlos, glauben Sie mir.“

Mann:
„Der Stotterstorch stottert stolze Strophen, ich bin der gefährlichste Mann der Stadt. Ich habe das Wort Mistweib erfunden und wenn 1000 Männer jeden Tag mein Wort als Schimpfwort unschuldigen hübschen Frauen ins Gesicht werfen, dann verfüge ich ja schon über Macht, oder nicht?“

Polizist:
„Sie haben sich das Wort nicht ausgedacht, gehen Sie bitte wieder.“

Mann:
„Ich will aber nicht, wir beide können die Welt retten und eine riesengroße Katastrophe kolossalen Ausmaßes verhindern. Sperren Sie mich ein!“

Polizist:
„Warum wollen Sie unbedingt eingesperrt werden?“

Mann:
„Weil ich die Menschen und die dazugehörige Welt aus ganzem Herzen liebe, bald wird kein Kind mehr lachen und keine Blume mehr blühen, die Menschen werden sich im Hass zertrampeln und einander in Stücke reißen, alles durch mich angezettelt. Der Schwanenhals ist umschlungen vom Amulett der Liebe und der Schmetterling singt das Lied der Herzlichkeit, denken Sie an die schönen Seiten des Lebens.“

Polizist:
„Das reicht, gehen Sie jetzt.“

Mann:
„Nein, ich will die Welt retten!“

Polizist:
„Sonst lasse ich einen Krankenwagen holen der Sie in die Psychiatrie bringt.“

Mann:
„Na gut, das geht auch. Aber in eine geschlossene bitte, Hochsicherheitstrakt, denn ich darf nicht so einfach ausbrechen können, dann gibt es vielleicht keinen Weltuntergang.“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20546 Verfasst am: So 11.Aug.2013 21:22
 
Das ewige Kind
 
Draußen grollte der Donner und die Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheibe. Christina wollte eigentlich zum Pferdehof, auf ihrer Bianca reiten. Stattdessen war sie zuhause und hatte Besuch von Karola, ihrer besten Freundin. Sie unterhielten sich, im Hintergrund lief über eine Musikanlage leise „Radio Teddy“.
„Was willst du später mal machen wenn du groß bist?“ fragte Karola und lachte Christina an.
Diese antwortete:
„Wenn ich groß bin, dann gibt es bestimmt schon Zeitmaschinen. Ich würde in die Vergangenheit reisen und im Wald mit einem Urpferdchen spielen.“
„Wieso?“ fragte Karola, die sich mittlerweile daran gewöhnt hatte, dass ihre Freundin fast die ganze Zeit nur Pferde im Kopf hatte.
„Ich habe Bilder vom Eohippus gesehen, es lebte vor 60 Millionen Jahren. Es war nur 40 cm groß, ganz niedlich. Und es fraß Kräuter und frisches Laub, am liebsten war es im Wald.“
Karola legte sich auf den Rücken und sprach:
„Ach, komm, das ist unrealistisch. Zeitmaschinen wird es nie geben.“
„Dann werde ich Pferdezüchterin“, sagte Christina eifrig, „Putzen, Hufegeben, Halfteranlegen und natürlich Streicheln. Mit einer Longe werde ich den Pferden die verschiedenen Gangarten beibringen.“
„Ich werde mal Horrorbücher schreiben“, erzählte Karola, „ich liebe das Gruselgefühl.“
„Liest du denn schon Horrorbücher?“ fragte Christina.
„Ne, noch ist mir das zu gruslig. Aber wenn ich erwachsen bin vertrage ich das schon. Zur Zeit lese ich „Der kleine Vampir“. Das ist spannender als deine langweiligen Pferde. Mit Vampiren kann man reden und spielen, mit Pferden dagegen...“
„Pferde sind nicht langweilig!“, unterbrach sie Christina und legte sich ihre hellbraunen Haare nach hinten, „mit Pferden kann man viel Action haben! Vielleicht werde ich später auch mal eine Spring- oder Dressurreiterin. Geländeritt ist auch eine spannende Disziplin. Und das Distanzreiten ist eine richtige Herausforderung. Polo macht auch Spaß, ich würde mit Deutschland Poloweltmeister werden.“
Karola drehte sich um und schaute Christina ins Gesicht. Sie entgegnete:
„Du kannst doch auch Hockey statt Polo spielen.“
Christina schüttelte den Kopf und behauptete:
„Nein, ich will es auf einem Pferd machen. Am liebsten wäre ich die ganze Zeit auf dem Pferd, ich würde mit ihm zur Schule reiten, einkaufen gehen und den ganzen Tag spielen. Außerdem sind Pferde die schönsten Wesen der Welt. Ich liebe es mit der Hand in die Mähne zu greifen oder wenn es mit seinem Schweif wedelt und mein Gesicht kitzelt.“
„Du bist jetzt 12 Jahre alt, in sechs Jahren machst du Abitur. Danach willst du auf jeden Fall mit Pferden arbeiten?“
„Ja, hundert Prozent bin ich mir da sicher!“

Sechs Jahre später

„Das kann doch nicht sein“ dachte sich Christina und betrachtete sich im Badezimmer im Spiegel. Sie sah noch genauso aus wie vor acht Jahren, sie hatte das Aussehen eines Kindes. Dabei war sie am Tag davor 18 geworden, sie hätte jetzt sagen können, dass sie erwachsen geworden war. Aber keiner hätte ihr glauben.
Sie war bei einem Arzt gewesen, der hatte nur gemeint, dass sie kerngesund sei und dass der Alterungsprozess bei ihr später einsetzen würde.
„Sei glücklich, dass du noch wie ein Kind aussiehst“, sprach er, „es ist zwar ungewöhnlich in deinem Alter, aber alt werden ist für die meisten Menschen keine Freude.“
Sie verließ das Badezimmer wieder und zog ihre Schuhe an. Es waren Kinderschuhe, sie ärgerte sich, dass sie keine für Erwachsene tragen konnte. Jetzt wollte sie zum ersten mal in ihrem Leben sich Zigaretten kaufen. Und am Wochenende wollte sie in die Diskothek. Mit Karola, sie waren immer noch sehr gut befreundet. Sie nahm ihren neuen Freund mit, Paul. Christina hatte keinen Freund, denn die jungen Männer wollten sie nicht. Weil sie noch so aussah wie ein Kind. Dabei hatte sie schon Lust auf etwas Liebe.
Sie verließ die Wohnung und grüßte einen Nachbarn, den sie sah. Es war ein alter Mann mit langen grauen Haaren und einem Schnurrbart. Er sagte:
„Hallo, Christina, wie geht es dir. Ich habe gehört, du bist 18 Jahre alt geworden?“
„Ja“ antwortete das Mädchen stolz. „Sie müssen mich ab jetzt siezen.“
„Ach, wir kennen uns doch schon ein paar Jahre. Wirst du noch lange bei deinen Eltern wohnen?“ fragte er und lächelte sie an.
„Nein, ich werde mir eine eigene Wohnung suchen.“
„Du siehst immer noch aus wie ein Kind. Sei froh darüber“ meinte der Mann mit ernster Miene.
„Ich will aber endlich wie eine richtige Frau aussehen. Ich will ein Mann haben. Und Kinder“ sagte Christina traurig.
„Das wird schon noch kommen“, wollte er sie beruhigen, „genieße deine Kindheit solange du sie hast. Ich wäre sehr gerne wieder ein Kind. Ich glaube, das wäre jeder alte Mann gerne.“
Christina verabschiedete sich von ihm und ging in den Aufzug. Als sie das Haus verließ sah sie schon von weitem den Zeitungsladen. Den Verkäufer des Ladens kannte sie schon, sie hatte bei ihm öfter mal eine Zeitung oder ein Heft gekauft. Er hatte ihr nicht geglaubt, dass sie kein kleines Kind mehr sei und sie zeigte ihm einmal den Ausweis. Verwundert hob er seine Augenbrauen und staunte, er nannte sie eine Glückliche. Doch sie schüttelte nur den Kopf. Oft hat sie den Leuten schon ihren Ausweis gezeigt, jedes mal wunderten sie sich.
Sie betrat den Laden und der Verkäufer, ein dicker bärtiger Mann sagte:
„Hi, Chrissi, willst du wieder eine Zitty kaufen? Oder lieber die neue Brigitte?“
„Nein“, sagte das Mädchen, „ich bin gestern volljährig geworden und möchte heute Zigaretten haben. Ein Schachtel Lucky Strikes. Sonst nichts. Hihi.“
Sie grinste ihn an und hielt einen Fünf-Euro-Schein in der Hand. Sie hatte schon heimlich auf dem Schulhof ein paar Zigaretten geraucht, jetzt freute sie sich schon auf ihre erste Schachtel, die sie kaufen wollte.
Doch der Verkäufer runzelte die Stirn und sagte:
„Du, Chrissi, das geht nicht. Du hast noch die Lunge eines Kindes und...“
„Ich bin kein Kind mehr“, unterbrach ihn Christina, „ich bin jetzt erwachsen. Ich habe auch schon ein paar Zigaretten geraucht.“
„Ich verkaufe dir keine Zigaretten.“
„Hier ist mein Ausweis“ sagte das Mädchen und holte ihren Ausweis aus ihrem Portemonnaie.
„Den hast du mir schon mal gezeigt. Du bist aber eigentlich noch ein Kind, du musst noch ein paar Jahre warten.“
Christina ging wieder aus dem Laden und sah ein Pärchen, das sich die Hand hielt und an ihr vorbeiging. Das war zu viel für sie, sie begann bitterlich zu weinen und fühlte sich ganz elend. Wann würde sie endlich eine Frau werden? Es war mittlerweile schon so weit gekommen, dass sie keine Kinder mehr sehen konnte, Radio Teddy hörte sie schon einige Jahre nicht mehr. Am liebsten hörte sie den Rocksender „Star FM“. Wenn richtiger Heavy Metal da lief freute sie sich und drehte ihre Anlage laut. Doch jetzt war ihr nicht danach Musik zu hören. Müsste sie für immer ein Kind bleiben? Wurde sie jetzt ihr Leben lang geduzt und gefragt was ihr Lieblingsspielzeug war?
Während sie an der Hauswand lehnte und weinte kam eine Frau im mittleren Alter auf sie zu und fragte:
„Was hast du, kleines Mädchen? Wo ist deine Mama?“
Christina hörte auf zu weinen und rief:
„Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Ich bin vor kurzem erwachsen geworden.“
„Das glaube ich nicht. Du gehst doch bestimmt noch in die Grundschule“ sagte die Frau und bückte sich über sie.
„Ich bin auf einem Gymnasium und mache in einem Monat mein Abitur. Wenn Sie mir nicht glauben, dann kann ich Ihnen mein Ausweis zeigen.“
„Wo ist denn deine Mutter?“ fragte die Frau besorgt.
„Kennen wir uns? Oder warum duzen Sie mich?“, schrie Christina sie an, „Ich brauche doch nicht die ganze Zeit meine Mutter.“ Sie wand sich von der Frau ab und rannte zu ihrem Haus. Vor ihrer Haustür stand ein Junge mit einem Ball und fragte:
„Hallo, willst du mit mir Ball spielen?“
„Halt die Fresse, du Knirps!“ brüllt Christina und schloss die Haustür auf.
Als sie wieder in ihrer Wohnung war kam ihre Mutter zu ihr.
„Warum weinst du, Schatz?“ fragte sie und legte ihren Arm um Christinas Schulter.
Mit einem Schmollmund antwortete das Mädchen:
„Ach, die Leute denken alle, ich bin noch ein kleines Kind. Das ärgert mich.“
„Du wirst schon noch erwachsen werden“, wollte die Mutter sie ermutigen, „und wenn du älter aussiehst, dann wirst du dich bestimmt danach sehnen wieder ein Kind zu sein.“
„Das glaube ich nicht“, erwiderte Christina und schüttelte den Kopf, „in die Diskothek am Wochenende komme ich bestimmt auch nicht rein.“
„In deinem Leben wirst du noch ganz oft in die Disco gehen können“ sagte die Mutter und streichelte Christinas Kopf. „Du musst noch ein bisschen Geduld haben. Vorhin hat Benny angerufen und...“
„Den mag ich nicht, der ist mir zu jung. Der ist erst 13 Jahre alt“ unterbrach sie das Mädchen.
„Er mag dich aber.“
Christina stand auf und schwärmte:
„Ich will lieber mit richtigen Männern zu tun haben. Mit so einem wie Chris Brown oder Justin Timberlake. Ich hasse Kinder!“

Am Wochenende kam Karola um sie abzuholen. Sie gingen beide zur Disko und als sie sie erreichten hatte Christina ein flaues Gefühl im Magen. Wenn man sie nach Hause schicken würde wäre ihr Tag versaut, das wusste sie. Sie stellten sich an die Schlange, die zur Kasse führte und sie hörte jemanden sagen „Schau mal, da will ein kleines Mädchen in die Disco!“
Christina hatte ihren Ausweis schon parat. Sie hatte sich bleich geschminkt und die Augenbrauen nachgezogen, sie trug ein schwarzes Kleid. Aber sie war nur 1,20 Meter groß.
„Du kannst hier nicht rein, du bist noch ein Kind“ sagte der Kassierer Christina ins Gesicht als sie an der Reihe war. Als er jedoch auf den Ausweis schaute, nickte er nur und ließ sie passieren. Eine Welle des Glücks durchströmte Christinas Körpers, sie fühlte sich in diesem Moment als ein vollwertig erwachsener Mensch. Die Leute in der Disko schauten sie an, manche irritiert, manche mit einem Lächeln.
„Es hat geklappt, du bist reingekommen“, sagte ihr Karola, „ich werde mir jetzt ein Getränk holen.“
Christina überlegte ob sie sich ein Bier holen sollte. Sie hatte schon mal eins getrunken, jedoch hatte es ihr nicht besonders geschmeckt. Aber sie beschloss sich später einen Drink zu holen. Jetzt wollte sie sich erstmal die Menschen anschauen und ging an den Rand der Tanzfläche.
Aus den Lautsprechern dröhnte ein Lied von Limp Bizkit , die Menschen tanzten und drückten ihre Körper aneinander. Ein Punk mit einem Anti-Nazi-Hemd sprang bei jedem Takt in die Luft, eine Frau mit einer langen Halskette, die aus blauen Kugeln bestand, drehte sich wie eine Wilde im Kreis und ein älterer Mann hüpfte in gebeugtem Gang wie Angus Young von AC/DC.
Ein Mann fiel Christina gleich auf, er war eine Mischung aus Robbie Williams und Tom Cruise. Er tanzte alleine, schaute aber ständig zu einer schwarzhaarigen Frau, die mit einem anderen Mann tanzte. Er gefiel Christina, er war genau ihr Geschmack. Sie nahm ihren Mut zusammen, betrat die Tanzfläche und ging zu dem Mann. Als sie vor ihm stand begann sie zu tanzen.
Der Mann wunderte sich über das Mädchen, dann lachte er und tanzte weiter. Nach dem Lied fragte Christina ihn wie er hieß.
„Tom“ sagte der Mann, dabei wedelte er mit den Armen zu dem Rhythmus des nächsten Liedes.
„Das passt“, sagte Christina mit einem Lächeln, „du hast Ähnlichkeiten mit Tom Cruise.“
Der Mann grinste kurz und tanzte weiter.
„Ich heiße Christina. Kann ich dich zu einem Drink einladen?“ fragte sie.
Doch der Mann tanzte weiter und antwortete nicht. Christina stellte sich auf die Zehen und wiederholte ihre Frage, dabei schrie sie fast schon.
„Nein, danke, ich muss noch mit dem Auto fahren“ war seine Antwort. „Du bist ja noch ein Kind.“
„Nein, ich bin diese Woche 18 geworden. Ich kann nichts dafür, dass ich noch so jung aussehe.“
Jetzt sah sie wie er eine blondierte Frau, die neben ihm tanzte, anschaute. Sie erwiderte seinen Blick und beide kamen ins Gespräch. Christina stand ihm ganz alleine gegenüber, mit traurigen Augen sah sie ihn an. Doch er schaute nur auf die blondierte Frau.
Karola gab ihr von hinten einen freundschaftlichen Schubs und begann zu tanzen, Christina drehte sich um und sagte ihr:
„Du, ich will wieder nach Hause.“
„Warum?“ fragte Karola verwundert. „Wir sind doch gerade erst angekommen. Komm, ich lade dich zu einem Cuba Libre ein.“
Christina nickte und sie, Karola und ihr Freund gingen zur Bar. Nachdem sie das Getränk bestellt hatten erzählte Christina von dem Mann mit dem sie kurz gesprochen hatte.
„Du musst dir einen jüngeren suchen, der ist doch schon fast 30. Schau mal, der, der da sitzt. Der Blonde da, der ist ganz alleine. Bestimmt ist der erst 20 Jahre alt, da musst du dein Glück probieren.“
„Und wenn der wieder sagt, dass ich noch wie ein Kind aussehe?“ fragte Christina mit trauriger Stimme.
„Es ist wichtig wie du auftrittst. Sprich wie eine erwachsene Frau mit ihm, dann wird er dir schon glauben, dass du volljährig bist.“
Christina schaute sich den jungen Mann an und auch er gefiel ihr. Zwar nicht so gut wie der andere aber es stimmte vielleicht, vielleicht war der dunkelhaarige Mann schon zu alt für sie. Während sie ihren Drink trank schaute sie auf den Blonden. Sie hatte noch keinen richtigen Freund gehabt, jetzt wurde es langsam Zeit. Sie war noch Jungfrau. Konnte sie mit ihrem kindlichen Körper überhaupt schon richtigen Sex haben? Das war ihr jetzt aber egal, sie trank ihr Getränk aus und sagte Karola, dass sie zu dem blonden Mann gehen wolle.
Neben ihm war noch ein Stuhl frei, sie setzte sich und lächelte den Blonden an. Doch er beachtete sie nicht.
„Wie ist dein Name? Ich werde Christina genannt“ sagte sie laut, da die Musik in der Disko nicht gerade leise war.
„Stefan“ war seine knappe Antwort ohne sie dabei anzuschauen.
„Was für Aktivitäten verrichtest du in deiner der Freizeit gesegneten Zeit?“
Der Mann drehte seinen Kopf zu ihr und schaute sie mit einem Stirnrunzeln an ohne was zu sagen.
„Was sind deine Hobbies meinte ich“ korrigierte sich Christina und lächelte verlegen.
„Lachen“ sagte der junge Mann ernst und drehte seinen Kopf wieder zur Tanzfläche.
„Soll ich dir einen Witz erzählen?“ fragte Christina und beugte sich zu ihm. „Es waren einmal ein Bär, ein Fuchs und ein Hase, die sollten zur Musterung. Die drei Tiere unterhielten sich und der Fuchs sagte, dass man nicht zur Bundeswehr müsse wenn man keine Zähne mehr hat. Also haute sich der Fuchs die Zähne aus seinem Maul und ging zur Musterung. Als er wiederkam fragten ihn gleich der Bär und der Hase ob er zum Bund müsse. Der Hase sagte „Nein, ich habe keine Fähne mehr, ich muff nicht“. Dann musste der Hase zur Musterung und auch er schlug sich die Zähne aus seinem Maul. Als er wiederkam fragten ihn der Fuchs und der Bär ob er zur Bundeswehr müsse. „Nein, ich habe keine Fähne mehr.“ Jetzt war der Bär an der Reihe und auch er schlug sich die Zähne aus dem Maul. Als er von der Musterung wieder zu dem Fuchs und dem Hasen zurückkam und sie ihn fragten ob er zum Bund müsse, sagte der Bär „Nein, ich bin fu dick.“
Der junge Blonde schaute sie jetzt an ohne mit der Wimper zu zucken. „Sehr lustig“ sagte er trocken und schaute wieder zu der tanzenden Menge.
„Wollen wir nicht ein wenig konversieren?“ fragte Christina, jetzt etwas verunsichert.
Doch der Mann sagte nichts und zündete sich eine Zigarette an.
„Kann ich auch einen Glimmstengel haben?“ fragte das Mädchen. Der Mann tat so als ob er sie nicht hören würde.
Enttäuscht stand Christina auf und ging aus der Disko. In dem Moment, in dem sie an der Kasse vorbei ging kamen ihr die Tränen, sie musste weinen. Sie kam sich vor wie in einem Albtraum, aus dem man nicht mehr erwacht. An der Eingangstür war ein großer Spiegel, als sie sich darin sah zeigte sie ihrem Spiegelbild einen Stinkefinger und ging raus.
Karola hatte sie gar nicht Bescheid gesagt, dass sie geht, das war ihr aber gerade egal. Sie war durchtränkt vom Kummer, ihre Beine fühlten sich wie aus Blei an. In der U-Bahn stützte sie ihren Kopf in die Arme und heulte. Eine ältere Frau saß neben ihr und sagte in mildem Ton:
„Kleines Mädchen, was machst du denn so spät in der Stadt? Hast du dich verfahren, brauchst du Hilfe?“
Jetzt konnte Christina sich nicht mehr halten, mit hasserfülltem Blick schaute sie die Frau an und brüllte:
„ICH BIN KEIN KLEINES KIND MEHR!! ICH BIN ERWACHSEN!“

Zuhause saß sie an ihrem Tisch, es war 2 Uhr nachts. In den Händen hielt sie ein Bild von Louis. Louis war ihr Pferd, ein Apfelschimmel. Das ist ein Schimmel mit weiß-grauer Fleckung. Sie liebte ihr Pferd und freute sich schon auf den nächsten Tag. Denn dann würde sie wieder zum Pferdehof gehen und auf ihm reiten. Louis nahm sie für voll und sagte ihr nicht dauernd, dass sie noch ein kleines Kind war. Gerne sprach sie mit ihm beim Putzen, Füttern, Tränken und Ausmisten. Manchmal nickte er mit seinem schönen Kopf, manchmal wieherte er und zeigte seine großen Zähne.
Christina küsste das Foto und legte es wieder auf den Tisch. Diesen Tag wollte sie so schnell es geht vergessen, ihr Kleid zog sie aus und warf es auf den Boden. Erschöpft legte sie sich ins Bett und dachte an die zwei Männer, mit denen sie versucht hatte zu reden. Dabei fing sie wieder an zu weinen, sie fühlte sich elend und von der erwachsenen Welt verstoßen.

20 Jahre später

„...happy birthday, liebe Christina, happy birthday to you!“
Christina blies die Kerzen auf der Geburtstagstorte aus und schaute auf die braune 38, die aus Nugatcreme war. Sechs Kinder hat sie zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen, Karola war die einzige Erwachsene die dabei war.
„Was wünscht du dir für dein Leben, Chrissi? Außer der Unsterblichkeit“ fragte Erik, ein braunhaariger Junge mit einem Fußball-Brasilienhemd.
„Ich will ein Pferd haben, das wie ich unsterblich ist“ antwortete Christina und schaute jetzt traurig auf die Torte. Sie hatte es immer noch nicht überwunden, dass Louis vor einem Jahr gestorben war.
Dennis, ein 16-jähriger Junge, gab ihr einen Kuss und flüsterte ihr ins Ohr:
„Wann heiraten wir?“
Christina drückte ihn mit einem Lachen weg und schnitt die Torte in gleichgroße Stücke. Dennis war ihr neuer Freund. Davor war sie mit Gerald zusammen. Als er dann aber 17 Jahre alt wurde machte er Schluss mit ihr und sagte, er wolle jetzt eine richtige Frau haben. Das musste Dennis ihr versprechen, dass er aus solch einem Grund ihre Beziehung nicht beendet. Sie sah immer noch aus wie eine zehnjährige.
Hannah, ein Mädchen mit hochgesteckten Haaren erzählte:
„Der grauhaarige Pudel überschlägt sich mit seinen Flügeln und schaut aus der Blume in die weite Welt. Da sieht er ein Auto auf zwei Beinen, welches Milch trinkt und sich die Socken mit Tesafilm beklebt.“
„Aus dem Auspuff des Autos kommt ein Schokoriegel gefallen und zerbricht in viele Einzelteile“, setzte Christina fort, „aus den kleinen Stücken krabbeln winzige Ameisen, die einen Winterschal tragen und auf einer Mundharmonika spielen.“
„Was erzählt ihr da wieder für einen Unsinn“ meinte Erik und zeigte den beiden Mädchen einen Vogel. Christina liebte Hannah, sie mochte es mit ihr Späße und Quatsch zu erzählen. Sie ist zu ihrer besten Freundin geworden, fast jeden Tag sahen sie sich.
Karola saß etwas abseits und schaute die Kinder an. Irgendwie war sie neidisch auf Christina, sie wäre selber gerne noch ein Kind. Anders als vor 20 Jahren war das Mädchen jetzt auch glücklich noch wie ein Kind auszusehen. Sie hatte mit Erwachsenen wenig zu tun, ihre Zeit verbrachte sie meist mit Kindern oder mit Pferden.
Ihr Beruf war seit 16 Jahren Pferdezüchterin im Reiterhof „Blacky“. Sie hatte viel Geduld mit den Tieren, wenn eines mal den Sattel nicht aufgesetzt haben wollte, gab sie ihm ein Leckerbissen und ein Lob. Dann sprach sie mit ihm, das machte ihr viel Spaß. Sie hatte dabei immer das Gefühl, dass das Pferd sie verstehen würde.
Nur eines störte sie: Dass sie keine Kinder kriegen konnte. Sie hatte in ihrem Leib keine Gebärmutter wie es eine Frau hat. Seit sie 18 ist will sie welche haben. Sie konnte sich immerhin damit trösten viel mit Kindern zusammen zu sein.
Am nächsten Tag war sie auf dem Pferdehof und ritt auf ihrem neuen Pferd Ulli. Es war ein Hannoveraner, ein braunes Pferd mit kurzer Mähne.
„Na, Ulli, wollen wir ein wenig Galopp reiten?“ fragte sie mit einem Lächeln und streichelte das Pferd an seinem Widerrist. Plötzlich blieb das Pferd stehen, als Christina ihre Sporen in den Bauch des Pferdes drückte wieherte es laut.
„Was ist los, Ulli? Warum bleibst du stehen? Willst du nicht galoppieren?“
Ulli nickte mit dem Kopf.
„Dann traben wir ein wenig“ meinte das Mädchen. Doch das Pferd schnaubte nur durch seine Nüstern.
„Auch das willst du nicht. Na gut, dann ganz langsam, komm, wir reiten im Schritt.“
Das Pferd blieb aber stehen, schüttelte den Kopf und knirschte mit den Zähnen. Christina streichelte das Pferd und fragte sich was es von ihr nur wolle.
„Komm schon, ich bin doch erst ein paar Minuten auf deinem Rücken. Du kannst doch unmöglich schon erschöpft sein.“
Sie drehte sich um und sah, dass der Schweif des Pferdes hoch gestellt war. Christina wusste, dass das die Pferde machen um zu imponieren. Ulli wollte sie scheinbar beeindrucken. Oder wollte der Hengst, dass sie ihn imponiere?
Vorsichtig stellte sie sich in den Steigbügeln auf und das Pferd gab ein Quiekgeräusch von sich. Jetzt legte sie ihre Hände auf den Sattel und setzte ihre Knie daneben. Nun begann Ulli die Füße nacheinander in regelmäßiger Folge anzuheben und sie wieder abzusetzen. Er bewegte sich im Schritt. Vorsichtig hob Christina ihre Beine hoch und versuchte auf dem Sattel einen Kopfstand. Sie verlor aber das Gleichgewicht und fiel auf den Boden. Laut lachte sie auf, das Pferd kam und beugte seinen Kopf zu ihr. Mit seinen großen Augen sah es das Mädchen an welches sprach:
„Das willst du also, du willst voltigieren. Warum nicht, das ist mal was anderes. Ich habe da aber noch keine Erfahrungen gesammelt, wir müssen das noch üben, Ulli.“
In den nächsten Wochen übte sie Kunststücke auf ihrem Pferd, als erstes versuchte sie mit den Knien auf dem Sattel zu sitzen. Das bekam sie relativ schnell hin, sie schaffte es sogar wenn das Pferd galoppierte. Das nächste war auf dem Sattel zu stehen und die Hände auszustrecken während das Pferd trabte. Schließlich übte sie noch den Handstand auf dem Sattel. Das dauerte eine Weile bis sie es hinbekam, doch als sie es schaffte wieherte Ulli laut und quiekte, das tat er immer wenn er sich freute.
Sie gewöhnte sich nun an jedes mal diese Kunststücke zu machen wenn sie auf Ulli ritt. Es machte ihr viel Spaß und sie überwand den Kummer, den sie hatte seit Louis gestorben war. Ulli liebte sie mehr als alles andere, jeden Tag fuhr sie zum Pferdehof.
Eines Tages sprach sie ein Mann an, der sie bei ihren kleinen Kunststücken beobachtete. Er trug einen grauen Anzug, eine schwarze Krawatte und dunkle Lederschuhe.
„Toll machst du das, Mädchen. Wie heißt du?“ fragte er.
„Ich heiße Christina. Und mein Pferd heißt Ulli“ antwortete Christina während sie sich auf dem Sattel langsam im Kreis drehte.
„Ich suche für meinen Zirkus Pferde. Hättest du Lust eine Ausbildung als Voltigiere zu machen?“
Christina zog an den Zügeln und blieb direkt vor dem Mann stehen. Sollte sie mal im Zirkus auftreten? Bei dem Gedanken daran begannen ihre Augen zu leuchten.
„Meinen Sie ich habe Talent dafür?“ fragte sie den Mann mit einem Grinsen.
„Du hast Talent dafür, das sehe ich doch. Hast du dir das selber beigebracht?“
„Ja.“
„Komme morgen zum Wittenbergplatz, da steht mein Zirkus „Halligalli“. Ich werde dir Gudrun vorstellen, sie macht schon seit vielen Jahren artistische Kunststücke auf Pferden. Sie wird dich zum Pferdeartisten ausbilden.“

Fünf Jahre später

In der Nähe von Koblenz in einem Wohnwagen brannten drei Kerzen auf einem Ständer, die die Wände mit dem Schatten des Mädchens bemalten. Christina saß auf einem Stuhl, dabei las sie einen Brief von Hannah:
„Liebe Christina,
schade, dass Du mit mir nicht mehr den Leuchtturm besteigst um Schiffe mit Libellenflügeln und schwimmende Lollipop-Flugzeuge zu bewundern. Ich hoffe Dir geht es gut mit deinem Zirkus. Nächsten Monat bist du ja in unsere Stadt, ich komme auf jeden Fall. Zwei mal habe ich dich im Zirkus auf deinem Pferd schon bestaunen können.
Ich habe jetzt auch mit dem Reiten angefangen. Jeden Dienstag und Donnerstag gehe ich auf den Pferdehof wo du gearbeitet hast. Später mal werde ich auch Kunststücke auf dem Pferd üben, Handstand, Saltos und den ganzen Schnickschnack. Kann man sich auf einem Pferd auch drehen, also um den Bauch des Tieres? Das würde ich gerne können.
Du bist jetzt 43 Jahre alt, bekommst du keine Orangenhaut? Oder bleibst du ewig ein Kind?
Ich vermisse Dich sehr. Der braungebrannte Eisbär weint Eiskristalle und sehnt sich nach den Sommertagen, in denen er mit der kleinen Chrissi Pyramiden auf einer Schaukel gebaut hat. Der Elefant wischt sich mit seinem karierten Rüssel die Tränen aus den Augen und die Schildkröte hört traurige Lieder, die ihr Flöhe in ihrem kleinen Kopf singen.
Ich freue mich schon sehr auf den Tag, an dem wir uns wieder sehen. Kann ich an dem Tag an dem du auftrittst schon früher kommen, damit wir ein wenig reden können?

viele liebe hochachtungsfreudige Grüße

Deine Hannah“

Christina legte den Brief auf die farbige Decke des Tisches und dachte kurz an ihre Freundin. Hannah hatte sich in den letzten fünf Jahren äußerlich verändert, sie reifte langsam zu einer jungen Frau. Christina dagegen sah immer noch wie ein Kind aus. Obwohl sie schon über 40 Jahre alt war hatte sie noch keine Falten. Sie hatte in einem christlichen Buch gelesen, dass es ganz wenige Menschen auf der Welt gibt, die unsterblich sind. Heilige Menschen sollen sehr lange gelebt haben. Wie zum Beispiel St.Cuirinius, ein ehemaliger Kerkermeister, der von einem Bischof zum Christentum bekehrt wurde. Cuirinius soll über 1200 Jahre alt geworden sein, so die Legende.
Das Mädchen schaute auf ihre kleine schwarze Uhr auf dem Nachttisch und sah, dass ihr Auftritt in einer Stunde beginnen sollte. Sie stand auf und wollte schon mal zu Ulli gehen, mit ihm sprechen. Das tat sie immer bevor sie auftrat. Sie ging zum Stall und sah, wie Ulli aus dem großen Bottich Gras fraß. Sein weiß-graues Fell glänzte im Schein der Lampe die an der Decke hing. Christina ging zum Pferd, streichelte es und sprach:
„Na, Ulli, wie geht es dir? Wir haben heute einen Auftritt, schon aufgeregt? Nicht, dass du wieder mit dem Galopp anfängst wenn ich auf deinem Rücken einen Handstand mache.“
Das Pferd nickte mit dem Kopf und schnaubte. Sein Maul war voll mit Gras.
„Hannah hat mir geschrieben, die kennst du doch. Die ist mit mir auch einmal auf dir geritten. Sie vermisst mich, wir werden uns aber bald wieder sehen. Ich mag die, die erzählt manchmal so lustige Sachen.“
Während sie das Pferd mit der Bürste putzte ging sie ihr Programm noch mal durch den Kopf. Ein paar neue Tricks hatte sie die letzte Woche gelernt, heute wollte sie die mal zeigen.
Im Zirkus „Halligalli“ startete in der Zeit das Abendprogramm. Ein Ansager stand mit einem schwarzen Zylinder und einem gepunkteten dunklen Anzug in der Manege und sprach durchs Mikrofon:
„Einen gesegneten und wohlgefälligen Abend wünsche ich Euch, liebe großen und kleinen Zuschauer. Unser Zirkus stolziert durch die Deutschlandkarte, viele Stationen unseres Landes durften wir schon beglücken, doch nach jeder Vorstellung warfen wir uns ins Bett und dachten nur an das eine. Und zwar an den Abend bei euch, liebe Koblenzer! Euer Lachen ist lauter, euer Grinsen breiter und eure Augen sind größer als die der anderen. Damit euer Lachlautstärkepegel den Stoff des Zeltes wieder sprengt kommt jetzt unser Clown Mozzarella, viel Spaß!“
Das Publikum applaudierte und ein Clown mit bemaltem Gesicht und einer Glatze betrat die Manege. Er holte einen roten Apfel aus seiner Hosentasche, auf dem ein Uhrblatt mit einem Stift gemalt war. Dabei sprach er:
„Seht ihr diesen Apfel? Das ist eine Apfeluhr, sie zeigt mir immer die richtige Uhrzeit an. Einmal ist mein Wecker stehen geblieben und da ich keine Batterie mehr hatte nahm ich einen Stift und malte eine Uhr drauf. Als die Apfeluhr klingeln sollte hüpfte sie auf meinem Tisch, das machte Lärm und so wachte ich auf. Glaubt ihr mir nicht? Schaut doch, jetzt ist es kurz nach acht Uhr und mein Apfel zeigt es an!“
Er lief zum Publikum und zeigte ihnen den bemalten Apfel. Lachend hielt er den Apfel in der Hand und sagte:
„Jetzt habe ich aber Hunger, ich habe noch nicht zu Abendbrot gegessen. (beiß rein)...mampf, kau, schluck, ihr fragt euch wie das gehen kann, nicht wahr? Wenn ihr irgendwo eine Uhr malt, dann bewegen sich die Zeiger nicht. Ich habe einen Zauberstift, hier!“
Aus seiner Hosentasche holte er einen schwarzen Edding, auf dem kleine Blümchen geklebt waren und rief:
„Ich kann noch mehr zaubern mit dem Stift als nur eine Apfeluhr. Wollt ihr einen Klingelball?“
„JAA!“ ruft das Publikum.
Der Clown holte aus seiner Brusttasche zwei Tischtennisbälle, zu sehen war aber nur einer. Den zweiten hielt er im Ärmel versteckt. Er warf den einen Ball hoch und fing ihn wieder auf.
„Ich male jetzt mit dem Zauberstift eine kleine Glocke auf den Tischtennisball. Dann wird er klingeln wenn man ihn hochwirft.“
Er malte auf den kleinen Ball eine Glocke, schnell vertauschte er ihn mit dem Ball, den er im Ärmel hatte. Daraufhin warf er diesen hoch, man hörte ihn leise klingeln.
„Da seht ihr, jetzt haben wir einen Klingelball!“ rief er.
„Ich will auch so einen Stift“ rief ein blonder Junge und streckte seine Hand aus.
„Ihr kennt doch mein Lieblingsspielzeug, Bruno, den gelben Ball“, sprach er und holte einen Tennisball aus seiner Hosentasche. „Er ist heute so aufgedreht und will unbedingt spielen.“
Der Clown warf den Ball so auf den Boden, dass er ihm wieder zurück in die Hand sprang. Das machte er ein paar mal, dann sagte er:
„Die ganze Zeit will er hüpfen, ständig zappelt er in meiner Hosentasche wie ein Wilder. Davon habe ich jetzt genug. Ich werde ein Bett auf ihn zeichnen, dann wird er einschlafen.“
Schnell malte er ein Bett auf den Ball, dabei drückte er einen kleinen Knopf der auf seiner Oberfläche war. Dabei entwich die Luft aus dem Ball. Danach warf er den Ball auf den Sandboden und dieser blieb liegen.
„Jetzt schläft Bruno, jetzt ist er ruhig“ erzählte der Clown, „mit dem Stift kann man noch ganz viele andere lustige Sachen machen. Zum Beispiel kann man ein Lampenbuch zaubern, ich muss nur eine Glühbirne auf ein Buch zeichnen, dann...“
Jetzt unterbrach er sich und schaute zum Vorhang. Ein weiterer Clown kam zum Vorschein, er war traurig und dem Weinen nah. Auch er war bemalt mit schwarzen Augenrändern und einem kirschroten Mund.
„Hallo Emil, warum bist du so traurig?“ fragte der Clown Mozzarella. Der andere Clown antwortete:
„Ich habe meinen Geburtstag vergessen. Und weil ich den vergessen habe kann ich keinen einladen zu einer Party. Dann bekomme ich keine Geschenke mehr.“
„Du musst nur wieder fröhlich sein, dann fällt er dir wieder ein“ sagte Mozzarella.
„Ich kann aber nicht glücklich sein bei dem Gedanken nie wieder einen Geburtstag zu feiern“ jammerte der andere Clown und weinte.
Mozzarella nahm seinen Stift und beteuerte:
„Mit diesem Stift werde ich dir wieder gute Laune schenken. Gib mir deine Hand und ich male darauf ein lachendes Gesicht!“
Die Clowns machten noch eine Weile ihre Späße, danach kam der Feuerschlucker. Er stand mitten in der Melange, steckte die Fackel in seinen Mund oder spie das Feuer, das zwei Meter sich in der Luft ausbreitete. Danach war Christina dran.
„Und jetzt, liebe Zeitzeugen, werden sie ein Mädchen sehen was eigentlich gar keins mehr ist“, sprach der Ansager und drehte sich im Kreis, „sie ist schon über 40 Jahre alt und geht längst nicht mehr in die Schule. Aber sie sieht aus wie ein Mädchen! Auf ihrem Pferd wird sie euch jetzt gleich ihr Können zeigen, sie liebt Pferde über alles. Hier ist Christina, das ewige Kind!“
Das Publikum applaudierte, der Vorhang wurde zur Seite gezogen und Christina kam in die Manege geritten.
Sie ritt große Kreise und blieb dicht an den Zuschauern dran. Während das Pferd ritt stützte sie sich auf dem Sattel hoch und streckte die Beine aus. Dann drehte sie sich im Kreis. Ulli wurde auf ein Wort von ihr langsamer, er trabte nur noch. Das war der Moment in dem Christina einen Handstand auf dem Pferd machte. Dabei schlug sie die Beine auf und zu. Dann warf sie sich nach hinten und landete wieder im Sattel. Die Zuschauer waren beeindruckt und klatschten in die Hände.
Jetzt legte sie die Sporen an und Ulli galoppierte. Sie stieg vorsichtig auf den Sattel und blieb auf ihm mit ausgestreckten Armen stehen. Dann sprang sie ab und machte ein Salto. Selbstsicher landete sie mit beiden Beinen auf dem Sandboden, Ulli ritt dagegen weiter. Als ihr Pferd eine Runde alleine gedreht hatte und wieder auf sie zu kam nahm sie Anlauf und sprang ohne das Pferd dabei zu berühren auf den Sattel. Tosender Beifall erklang, das waren Momente, in denen Christina spürte wie das Blut in ihren Adern pulsierte.
Nun hielt sie sich an den Zügeln fest und hüpfte nach hinten, um 180 Grad. Dann drehte sie sich wieder zurück, das machte sie ein paar mal. Die ganze Zeit galoppierte Ulli. Nachdem sie ein paar mal hin und her gehüpft war stellte sie sich auf das Pferd und gab ihm den Befehl zu traben. Danach schlug sie auf Ulli ein Rad, von der Kruppe bis zur Mähne und wieder zurück.
Ihr letztes Kunststück war mit dem Rücken auf dem Pferd zu liegen und die Beine und Arme so auszustrecken dass sie sich berührten. Zum Schluss setzte sie sich wieder normal auf den Sattel und machte ein Rückwärtssalto. Nachdem sie auf dem Sandboden gelandet war applaudierten die Zuschauer, Christina bekam dabei eine Gänsehaut. Sie drehte sich um, nahm die Zügel von Ulli und ging aus der Manege.
Etwas später stand sie im Stall und streichelte Ulli. Dabei fütterte sie ihn mit Möhrenstückchen und hartem Brot. Sein harmonisch gebauter Körper, die ausdrucksvollen Augen und sein unaufhörliches Ohrenspiel riefen Gefühle der Bewunderung in Christina hervor.
„Das haben wir beide ganz toll gemacht, Ulli. Ich liebe dich. Soll ich dir eine Geschichte erzählen? Es war einmal ein Pferd, das wollte unbedingt Sänger werden. Es wieherte vor sich hin und wackelte mit dem Kopf.“
Ulli scheint ihr zuzuhören und schnaubt.
„Natürlich hat es auch geschnaubt. Es wieherte zwei mal, dann schnaubte es und dann knirschte es mit den Zähnen. Alle vier Takte stampfte es mit seinen Beinen. Die anderen Pferde meinten es habe Talent und solle zu einer Casting-Show gehen. Doch die Menschen waren weniger empfänglich für seine Lieder, sie meinten es sei nicht gerade musikalisch. Traurig ging das Pferd wieder nach Hause, unterwegs kam ein Spatz geflogen und landete auf seinem Rücken. Er begann fröhlich zu zwitschern und da kam das Pferd auf eine Idee. Vielleicht sollte es mit mehreren Tieren auftreten. Zum Gesang des Spatzen stampfte das Pferd einen Viervierteltakt und alle zwei Taktschläge schnaubte oder wieherte es. Im Refrain quiekte es. Das hörte ein Frosch und sprang auf den Rücken des Pferdes. Sofort begann er melodiös zu quaken. Dem Pferd gefiel es und es fragte die zwei Tiere ob sie mit ihm zur Casting-Show mitkommen würden. Der Frosch sagte, dass sie aber zur richtigen Sendung gehen sollten. Zu einer Sendung für Tiergesang sollten sie gehen. „So eine Sendung gibt es nicht, wir müssen es bei den Menschen probieren“ sprach das Pferd und ging wieder zurück zum TV-Sender. Als die Menschen das sahen und hörten, wie die drei Tiere musizierten nahmen sie die drei sofort in ihr Programm. Während sie sangen hüpfte mal der Frosch über den Spatz und mal der Spatz über den Frosch. Die drei Tiere gewannen den Wettbewerb und bekamen einen Plattenvertrag. Jetzt fingen die Menschen an in der Tiersprache zu singen, egal ob Lady Gaga, Pink oder die Red hot chilli peppers, alle grunzten, quakten oder wieherten ins Mikrofon. Das Pferd hatte auch einen Gastauftritt bei Bruno Mars und Barak Obama meinte, dass er sich in die drei sympathischen Tiere verliebt hat.
Das bekamen auch die anderen Tiere mit und egal ob Vögel, Hunde oder Katzen, alle begannen zu singen und bewarben sich bei der Sendung „Deutschland sucht das Supertier“.
 
 
   
     
 
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Beitrag 20547 Verfasst am: Fr 16.Aug.2013 16:07
 
Die neuen Freunde
 
An der Türschwelle bleibt Lothar stehen, er hält die Klinke der Haustür in der Hand und schaut auf die Straße. Ein gelber schnittiger Porsche aus dem Musik dröhnt fährt auf der Straße und eine junge blonde Frau in einem grauen Anzug läuft an ihm vorbei. Seine Mutter meinte, er sollte öfter mal die Wohnung verlassen, draußen würde er das erleben wonach er sich sehnte. Nach einer außergewöhnlichen Erfahrung, in seiner Bude dagegen würde nichts passieren. Was soll er jetzt aber machen? Er kann doch schlecht fremde Menschen auf der Straße ansprechen. Die Klinke lässt er los und geht auf die Straße.
Auf dem Fußgängerweg sieht er eine Gruppe kleiner Kinder und er denkt zurück an seine Kindheit. Als er noch ein Kind war hatte er noch Freunde gehabt, es war ganz einfach mit Kindern. Er ist einfach zu ihnen gegangen und hat sie gefragt ob sie mit ihm spielen wollen. Heutzutage geht es mit den Erwachsenen nicht so leicht, die wollen nicht mehr einfach mit jemandem auf dem Spielplatz spielen. Während er nachdenkt stützt er seinen Arm auf eine Birke, die am Straßenrand steht. Eines der Kinder läuft mit einem weißen Ball an ihm vorbei. Als es fünf Meter weit weg ist hört er auf einmal eine weibliche Stimme.
„Du hast doch noch uns. Ich heiße Mirabelle und ich freue mich deine Bekanntschaft machen zu dürfen.“
Sofort schaut er um sich, dabei lässt er den Baum los. Eine Frau geht an ihm vorbei, hat sie ihn gerade angesprochen? Mit hastigen Schritten geht er zu ihr und sagt:
„Halt, Mirabelle, bleibe doch stehen!“
Die Frau, eine 30-jährige mit schwarzen Haaren und einer blauen Jacke, dreht sich zu ihm und meint:
„Ich heiße nicht Mirabelle. Lassen Sie mich bitte in Ruhe.“
„Aber sie haben mich doch gerade angesprochen und gesagt, dass sie die Bekanntschaft mit mir machen wollen“ protestiert er.
Doch die Frau dreht sich wieder um, schüttelt den Kopf und geht weiter.
Lothar wundert sich, vielleicht kommt die Stimme auch von woanders. Er stützt sich wieder an dem Baum ab und denkt nach. Irgendwie hat er Probleme neue Leute kennen zu lernen, er hat kaum Freunde und daran will er etwas ändern. Aber nur wie? Ein Taxi hält an der Straße und ein altes Ehepaar steigt aus und geht auf die gegenüberliegende Straßenseite.
„Du kannst ganz viele Freunde haben. Wir stehen hier doch überall rum“ hört er die Frauenstimme wieder sagen.
„WER ist da?“ ruft Lothar und geht vom Baum weg. Doch er sieht nur einen älteren Mann mit einem Gehstock.
„Hier ist eine Frau, die sich versteckt und mich die ganze Zeit anspricht“ sagt er zu dem Älteren, doch der sagt, dass hier gerade keine Frau sei. Hört Lothar etwa Stimmen? Ist er jetzt krank?
Die Hände faltet er hinter dem Rücken und er geht eine Weile die Straße entlang. Wer ist nur diese Mirabelle gewesen? Vielleicht ist es eine Frau, die in ihrer Wohnung mit ihrem Mann spricht. Diese Frage lässt Lothar nicht in Ruhe, er dreht sich wieder um und geht zu der Stelle wo er die Stimme gehört hat. Laut ruft er „Mirabelle, wo bist du?“, doch keine Antwort. Da spielt bestimmt jemand einen Streich mit ihm, denkt er sich und stützt sich wieder an der Birke ab.
„Ich bin es, Mirabelle, die Birke. Du musst mich berühren, damit du mich hören kannst“ hört er wieder die Stimme, ruckartig zieht er von dem Baum seine Hand weg. Er schaut auf die Straße, doch nur eine alte Frau mit einer Einkaufstasche läuft an ihm vorbei. Die Stimme war aber von einer jüngeren Frau.
Sofort starrt er die Birke an. Hat sie mit ihm gesprochen? Mit der Hand fässt er ihre Rinde an und hört die Birke sagen:
„Genau, berühre mich. Wie heißt du?“
Lothar kann es gar nicht glauben was er da hört. „Lo...Lothar“ stammelt er.
„Hallo Lothar, du, ich kann deine Gedanken lesen solange du mich anfässt. Dich betrübt es, dass du soviel alleine bist. Dann komme zu uns, zu uns Bäumen. Ich hätte manchmal auch gerne etwas mehr Gesellschaft. Ich bin fest gebunden an diesem Ort, der nächste Baum ist fünf Meter weit weg. Nur mit den Vögeln, die auf mir landen und mit den Insekten, die in mir krabbeln kann ich reden.“
Lothar lässt den Baum los und fässt sich mit der Hand an den Kopf. Ist er jetzt verrückt geworden? Aber nun hört er die Stimme nicht mehr, also beschließt er den Baum wieder anzufassen.
„Wie kommt es, dass ich dich sprechen höre, Mirabelle?“ fragt er.
„Dein Wunsch jemanden kennen zu lernen ist so groß, dass in deinem Körper übersinnliche Fähigkeiten frei werden. Glaube aber nicht, dass du der einzige Mensch auf der Welt bist, der mit Bäumen sprechen kann. Die Indianer haben viel mit uns gesprochen. Der Indianer Tatanga Mani meinte mal: „Aber die weißen Menschen hören nicht zu. Sie haben es nie der Mühe wert gefunden, uns Indianer anzuhören, und ich fürchte, sie werden auch auf die anderen Stimmen in der Natur nicht hören. Ich selbst habe viel von den Bäumen erfahren: manchmal etwas über das Wetter, manchmal über Tiere, manchmal über den Großen Geist.“
Jetzt kann sich Lothar nicht mehr halten, er lässt den Baum los und rennt zum nächsten Baum, auch eine Birke. Er fässt sie an und sagt:
„Kannst du auch mit mir reden?“ fragt er schnell.
„Immer mit der Ruhe, beruhige dich erst mal“ hört er eine junge Männerstimme, „du hast noch ganz viel Zeit mit uns zu reden. Du musst dich nicht hetzen.“
„Was kannst du alles erzählen?“ will Lothar wissen.
„Wir Bäume wissen mehr als die meisten Menschen“, spricht der Baum. „Auf der Insel Kidan, da steht ein Baum, der hat goldene Wipfel. Und auf diesem Baum geht der Kater Bajun umher; geht er nach oben, so singt er ein Lied, geht er nach unten, so erzählt er das Märchen.“
„Was für ein Märchen?“
„Soll ich es dir erzählen?“
„Ja, bitte.“
Der Baum räuspert sich kurz und erzählt:
„Wo sind die Sterne, bevor sie sich am Himmelszelt ausbreiten?
In einer großen Strohschale. Bis zum Rand ist die Schale mit goldenen Körnern gefüllt.
Sie leuchtet, leuchtet, und es ist Tag.
Dann kommt der Hausherr und streut die goldenen Körner aus.
Die Sterne funkeln am Himmelszelt, und es ist Nacht.
Am Morgen fegt der Hauswirt die Körner wieder zusammen.
Bald ist die runde Schale bis zum Rand gefüllt. Sie leuchtet, leuchtet, und es ist Tag.
Wo sind die Blumen, bevor sie blühen?
Wo sind die Fische, bevor sie die Gewässer durchziehen?
Wo sind die Vögel, bevor sie singen?
Viel, sehr viel fragen wir uns. Wer soll das alles so schnell erklären?
Und wo sind die Kindlein, bevor sie zur Welt kommen?
Ich habe gehört, dass sie in den Zweigen eines großen Feigenbaumes sitzen.
Sie wiegen sich und schwatzen.
Der Baum wächst inmitten eines Milchsees, und wenn die Kindlein Hunger haben,
biegen sich die Zweige des Feigenbaumes zu dem Milchsee hinab.
Dort also sollen alle Kindlein sein, bevor die Mütter sie unter dem Herzen tragen,
bevor sie zur Welt kommen, bevor sie in die Windeln gewickelt werden,
bevor sie sitzen, laufen und sprechen, bevor sie die große Welt kennenlernen,
bevor man ihnen Geschichten erzählt.“
Lothar lässt den Baum wieder los und überlegt. Wenn er jetzt die Bäume verstehen kann, dann hat er jetzt ganz viele neue Freunde. Ein Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit, er schnippt mit dem Finger und berührt wieder den Baum.
„Was weißt du alles?“ fragt er die Birke.
„Ich weiß fast alles. Frag mich nur“ antwortet der Baum.
„Wer waren die ersten Menschen?“
„Na zuerst gab es uns Bäume, das ist klar. Vor 390 Millionen Jahre wuchsen wir schon, wir waren aber erst mal nur kleine Farne. Irgendwann gab es auch die Menschenbäume. Die ersten Menschen wuchsen auf diesen Bäumen, als sie reif waren fielen sie vom Baum und lernten das Laufen.“
„Was haben die den ganzen Tag lang gemacht?“ fragt Lothar mit großen Augen.
„Mit Schneebällen Fußballweltmeisterschaften ausgetragen und am Ur-Computer gespielt.“
Erschrocken zieht Lothar seine Hand vom Baum weg. Will die Birke ihn verarschen? Er fässt sie wieder an und fragt:
„Was soll das? Warum erzählst du so einen Blödsinn?“
Die Birke wirft ein paar Blätter ab und spricht:
„Doch, die Menschen haben Fußball schon damals gemocht. Und als vor Äonen die Schwerkraft das Eisen und den Nickel in den Erdkern drückte, die Vulkane Lava spien und aus der Erde Wasserdampf stieg regnete es tagelang in Strömen, so bildeten sich die Meere. Wer steuert das ganze denn? Denkst du so etwas läuft von alleine? Gott hat die Welt erschaffen und den Ur-Computer auf der Erde abgestellt.“
„Das glaube ich nicht“ sagt Lothar mit offenem Mund.
„Na sind wir jetzt deine neuen Freunde oder nicht? Du kannst ja an die Lehrbücher der Menschen ruhig glauben wenn du unbedingt willst. Früher lag China da wo jetzt Afrika ist und die Schwarzen haben in Iglus gelebt.“
„Danke, das reicht mir erst mal. Wie heißt du?“
„Ich heiße Gudolfo, die Birke.“
Lothar beschließt wieder zu Mirabelle zu gehen und sie zu fragen ob das stimmt, was ihm der Baum gerade erzählt hat. Vielleicht ist es ja ein kranker Baum. Er geht zu ihr, in der Zwischenzeit ist auf der anderen Straßenseite ein Pärchen stehen geblieben und beobachtet ihn wie er mit den Bäumen redet. Doch das ist Lothar gerade egal. Als er vor Mirabelle steht fässt er sie an und fragt sie nach dem Ur-Computer.
„Ja, den gibt es wirklich. Sein letzter bekannter Standort war Atlantis, ihr Menschen müsst diese Stadt endlich mal finden. Dann könnt ihr am Ur-Computer arbeiten und die Probleme der Welt lösen.“
„Wo liegt Atlantis?“ fragt Lothar neugierig.
„Das weiß keiner so genau. Irgendwo im Mittelmeer glaubt ihr Menschen, die Insel Santorin, die bei einem Vulkanausbruch drauf gegangen ist soll es gewesen sein. Wir Bäume glauben eher, dass Atlantis in der Sahara liegt.“
„In der Sahara?“
„Ja, das war mal vor vielen tausend Jahren ein fruchtbares Gebiet. Die Sahara hat sich gebildet weil ein Mann ein verzaubertes Sandkorn dort fallen ließ was sich rasant vermehrt hat.“
„Das glaube ich nicht!“ meckert Lothar.
„Na dann nicht. Dann erzähle ich nichts mehr. Viel Erfolg bei deiner Suche nach Freunden, Lothar.“
Jetzt verstummt der Baum, Lothar haut gegen seinen Stamm und ruft:
„Doch ich glaube dir, Mirabelle. Die Sahara hat sich gebildet weil ein Mann ein Sandkorn dort fallen ließ was sich rasend schnell vermehrt hat.“
„Wasser kann sich auch vermehren, es reicht aus dass der Meeresspiegel jedes Jahr steigt.“
Lothar schüttelt den Kopf und sagt:
„Der steigt weil die Polkappen schmelzen.“
„Warum sollen die schmelzen? Wir haben doch jedes Jahr Winter, da ist es kalt und es schneit viel. Aber wenn du uns Bäumen nicht glaubst, dann gehe lieber zu den Menschen, mit denen du ja so gut klar kommst.“
„NEIN!“ ruft Lothar, „ich glaube dir. Die Menschen lügen, ihr Bäume habt recht. Das Wasser kann sich vermehren, deswegen steigt der Meeresspiegel. Gab es mal eine Sintflut? Stimmt die Geschichte um die Arche Noah?“
„Nein“, antwortet die Birke, „die Arche und den Noah hat es aber gegeben. Die sind vor den Kängurus geflohen die sich verbündet hatten um die Menschheit niederzuboxen.“
Das ist jetzt für Lothar zu viel. Er lässt den Baum wieder los. Was erzählen ihm die Bäume da nur? Er kann es sich aussuchen, entweder die ganze Zeit alleine durch die Straßen zu ziehen und auf soziale Kontakte mit anderen Menschen hoffen oder mit den Bäumen reden, von denen es in der Stadt ganz viele gibt.
Das Pärchen, was ihn die ganze Zeit beobachtet, geht jetzt auf ihn zu, es ist eine grauhaarige Frau mit einer Brille und ein Mann mit kahlem Kopf. Der Mann fragt:
„Reden Sie mit Bäumen?“
Lothar dreht sich zu ihm und stammelt:
„Ähh, ja, also, ich höre da Stimmen, wenn ich die Bäume anfasse.“
Der Mann lächelt ihn an und sagt:
„Haben Sie irgendwelche seelischen Probleme? Sind Sie viel alleine? Ich kenne einen guten Psychiater, der Ihnen helfen könnte.“
Lothar fässt den Baumstamm an und fordert:
„Komm, Mirabelle, sprich was. Der Mann glaubt uns nicht.“
Doch die Birke hüllt sich in Schweigen, auch als Lothar an ihrem Stamm rüttelt.
„Waren Sie mal in einer Psychiatrie?“ fragt ihn die grauhaarige Frau, dabei lächelt sie. Das wird Lothar jetzt zu viel, er lässt den Baum los und geht weiter. Das Pärchen schaut ihm hinterher, der Mann sagt noch etwas, aber Lothar ignoriert es. Als er um die Straßenecke geht, beschließt er wieder einen Baum anzufassen. Es ist eine Platane mit einer grau-grünen Borke.
„Liebe Platane, kannst du mich hören?“ fragt Lothar und schaut erwartungsvoll auf den Baumstamm.
„Ja, ich heiße Florentina und freue mich mit dir Bekanntschaft zu machen“ antwortet eine junge Frauenstimme.
„Die Menschen glauben ich bin verrückt weil ich mit euch Bäumen rede.“
„Lass sie doch reden, das haben die immer schon gemacht“, entgegnet die Platane, „nicht viele Menschen können uns hören.“
„Ihr Bäume scheint eure eigenen Theorien und Gesetze zu haben“ sagt Lothar und denkt noch mal an den Ur-Computer.
„Ja, die Menschen wollen unbedingt die klügsten Wesen auf der Welt sein und erfinden dafür notgedrungen Geschichten, die nicht mehr stimmen.“
„Magst du Menschen?“
„Naja, geht so. Für die Menschen sind wir Bäume meist nur ein hübscher Anblick, ein Dekorationsgegenstand an der Straße. Aber ein paar Menschen mögen uns sehr. Wie zum Beispiel Sokrates.“
„Was hat er über Bäume gesagt?“ will Lothar wissen.
„Nun, bei Hera, ein guter Ort zum Ausruhen! Diese Platane, gewaltig, breit und hoch – wunderbar die Krone und der Schatten unter ihr. Wie steht sie in voller Blüte, sodass alles umher herrlich duftet.
Das waren seine Worte in Platons „Phaidros“. Wir Platanen haben schöne Früchte, die wir auch noch im Winter tragen. Fruchtkugeln, die an langen Stielen hängen. Man darf uns aber nicht mit dem Ahorn verwechseln, unsere Blätter haben halt Ähnlichkeiten.“
„Willst du mir auch erklären, dass in der Urzeit die Menschen vor Kängurus geflüchtet sind?“
„Ja, ihr Menschen glaubt uns ja nicht.“
„Ich glaube euch Bäumen“ beteuert Lothar.
„Die Kängurus waren früher auf der ganzen Welt, sie hatten eine eigene Kultur und eine Schrift. Sie konnten auch sprechen wie wir Bäume. Sie beschlossen die Welt zu beherrschen und boxten alle Wesen nieder die sie trafen. Daraufhin baute Noah eine Arche und sammelte von jeder Spezies ein Paar. Mit ihnen segelte er nach Afrika um sich dort zu verstecken. Er betete jeden Tag viel und schließlich bekamen die Kängurus eine Krankheit die sie fast ausrottete. Nur auf Australien und Neu-Guinea überlebten sie.“
„Waren hier in Berlin auch Kängurus?“ fragt Lothar, der die Geschichte noch nicht ganz glauben kann.
„Ja, hier waren aber andere. Hier hießen sie Gänkurus und sie sprangen mit den Vorderbeinen ab.“
Lothar schüttelt den Kopf und meint:
„Von Gänkurus habe ich noch nie gehört. Man hätte doch die Knochen von ihnen gefunden.“
„Die Knochen der Gänkurus bestanden aus Zellulose, welches schon zerfallen ist.“
„Zellulose?“ wundert sich Lothar, „daraus bestehen doch eure Blätter.“
„Geht das schon wieder los? Warum glaubst du uns nicht?“ meckert der Baum, „alle Lebewesen der Welt sind aus uns Bäumen entstanden. Folglich haben die auch etwas von uns geerbt. Die ersten Menschen hatten Holzbeine, Blätter statt Haare und Äste als Arme.“
„Na gut, wenn du es so sagst wird es schon stimmen. Die Birke vorhin hat eine kleine Geschichte erzählt. Kannst du auch eine erzählen?“
„Ja, gerne.
Vor langer Zeit, da wuchsen die Bäume viel höher, und der Himmel wölbte sich viel
niedriger als heute. Die Baumkronen durchkämmten die Wolken wie Kämme, und ihre
Wipfel berührten das Himmelsgewölbe.
Das war etwas für die Kinder! Sie kletterten auf den Bäumen bis in den Himmel hinauf,
obwohl die älteren und klügeren Leute sich sorgten und es ihnen immer wieder
verboten.
Und damit hatten sie recht. Die Kinder trieben da oben nämlich solchen Unsinn, dass
es dem Himmel eines Tages zuviel wurde und er sich ein ganzes Stück in die Höhe erhob,
sodass die Bäume nicht mehr bis zu ihm hinauf reichten.
Und so ist es bis heute geblieben.“
Lothar lässt den Baum los und beschließt alles was er bisher wusste zu vergessen. Denn er will auf keinen Fall die Bäume zu viel verärgern, er will ihnen ruhig alles glauben. Er fässt den Baum wieder an und fragt:
„Kennst du Mirabelle?“
Der Baum stöhnt und fragt:
„Wer soll das sein?“
„Das ist eine Birke, die auf der anderen Straße steht.“
„Wie soll ich sie dann kennen? Ich bin doch hier immer am selben Ort.“
Lothar überlegt kurz und sagt:
„Du bist hier immer am selben Fleck und trotzdem weißt du so viel. Woher bekommst du all diese Informationen?“
„Vom Wind, von den Vögeln und von der Sonne. Der Regen hat auch eine Sprache, ihm höre ich ebenfalls gerne zu. Die bringen mir jedes mal Neuigkeiten und altes Wissen, ich bin immer up to date.“
Beide sprechen noch eine Weile, schließlich verabschiedet sich Lothar von dem Baum. Langsam geht er wieder zurück, dabei gehen ihm die Bäume mit denen er gesprochen hat noch mal durch den Kopf. Bei Mirabelle bleibt er stehen und redet noch kurz mit ihr.
„Mirabelle, ich bin etwas sauer auf dich. Vorhin als das Pärchen neben mir stand hast du nichts mehr gesagt. Warum hast du mich im Stich gelassen?“
„Entschuldige, Lothar, ich wollte dich nicht ärgern“ versichert ihm die Birke, „ich wollte vorhin nichts sagen, weil ich den Mann und die Frau nicht mochte. Die halten jeden gleich für krank der mit Bäumen spricht. So etwas kann ich auf den Tod nicht leiden.“
„Seit ihr Bäume auch poetisch? Könnt ihr Gedichte aufsagen?“
„Was ist das für eine Frage“ wundert sich der Baum, „Gedichte sind meine Spezialität. Soll ich dir eins aufsagen?“
Lothar nickt mit dem Kopf.
„Ich sah in bleicher Silberpracht
der Birken Stämme prangen,
als wäre dran aus heller Nacht
das Mondlicht blieben hangen.“

Abends sitzt Lothar vor dem Fernseher, er schaut die Abendschau. Der Nachrichtensprecher erzählt von einem Mord an einer Frau in der Grellstraße/Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg. Die Frau wurde erstochen, von dem Täter fehlt jede Spur. Sollte man Hinweise haben so soll man sich bei der Polizei melden.
Nach der Sendung macht Lothar den Fernseher aus und denkt noch mal an den Mord. Die Grellstraße ist in der Nähe seiner Wohnung, soll er vielleicht mal hingehen? Und mit einem Baum dort reden? Ohne groß zu überlegen zieht er sich die Schuhe an und verlässt die Wohnung.
Als er die Grellstraße erreicht fässt er eine Eiche an und fragt:
„Hast du heute den Mord an einer Frau beobachtet?“
Eine verschlafene Stimme antwortet:
„Geh mal zum nächsten Baum, der hat eine bessere Übersicht gehabt. Ich bin etwas verpennert, ich döse den ganzen Tag und träume vor mich hin.“
Sofort geht er zur nächsten Eiche und fragt sie nach dem Mord. Die Stimme eines alten Mannes sagt:
„Ja, ich habe den Mord beobachten können. Der Tatort ist nur zwei Meter von mir entfernt gewesen.“
„Wie sah der Mörder aus?“ fragt Lothar. Wenn er die Beschreibung des Mörders der Polizei geben könnte würde er sich wie ein Held fühlen.
„Der Mörder trug einen grauen Jogginganzug auf dem das Wort „Fire“ stand. Er hatte eine Glatze und war ungefähr 1,85 Meter groß. Er hatte dunkle Augen und einen etwas gebeugten Gang. Achso, und schwarze Turnschuhe hatte er an.“
Lothar klopft auf den Stamm der Eiche und bedankt sich. Mit hastigen Schritten geht er zum nächsten Polizeirevier. Dort spricht er mit einem Polizisten.
„Guten Abend, ich weiß wer die Frau heute in der Grellstraße umgebracht hat.“
Er beschreibt den Mörder so wie es die Eiche getan hat.
„Wie weit weg waren Sie vom Tatort?“ fragt der Polizist und tippt alles in den Computer.
„Also ich selber war nicht dabei, ein Freund hat den Mord beobachtet.“
„Warum kommt er selber nicht zur Polizei?“ will der Polizist wissen.
„Naja, ihr Polizisten beachtet ihn immer nicht. Ihr pinkelt höchstens mal an ihm.“
Der Polizist wendet sein Blick vom Monitor ab und schaut ihn verwundert an.
„Wir pinkeln doch keine Menschen an. Solange die sich benehmen können. Wie heißt ihr Freund?“
„Es ist die Eiche. Nach seinem Vornamen habe ich ihn nicht gefragt.“
„Ich denke es ist ihr Freund“ sagt der Polizist und runzelt die Stirn.
„Naja, ich habe jetzt so viele Freunde, da vergesse ich manchmal nach dem Vornamen zu fragen. Er wohnt direkt am Tatort.“
„Wie ist Ihr Name?“
„Lothar Gentner.“
Der Polizist steht auf und spricht:
„Na gut, ich danke Ihnen dafür, dass sie bei uns waren. Wir melden uns bei Ihnen wenn Ihr Hinweis richtig war. Dann bekommen Sie auch das Geld.“
„Geld?“ fragt Lothar überrascht.
„Für die Fahndung wurden 1.000 Euro ausgeschrieben. Kam das nicht auch in den Nachrichten?“
Lothar schüttelt den Kopf und verabschiedet sich wieder von dem Polizisten. Auf dem Heimweg fässt er dauernd Bäume an und spricht mit ihnen. Nur wenn ein Mensch direkt am Baum vorbei läuft hört der Baum auf zu reden. Das ärgert Lothar etwas. 50 Meter von seiner Haustür entfernt spricht er mit einer Ulme.
„Liebe Ulme, ihr Bäume müsst euch doch gar nicht wundern, dass die Menschen euch nicht beachten wenn ihr sie nicht ansprecht. Immer wenn jemand vorbei kommt hört ihr auf zu reden.“
Die Ulme wedelt im Wind mit ihren Zweigen und sagt:
„Ihr Menschen denkt immer ihr hört Stimmen in eurem Kopf wenn wir reden. Ihr denkt dann immer ihr seid krank.“
„Komm, Ulme, da kommt jetzt ein junger Mann mit einer Frau. Wir werden jetzt reden während die vorbei laufen, okay?“
„Na gut. Du willst denen ja nur zeigen dass du mit Bäumen sprechen kannst. Alter Angeber.“
„Jetzt kommen die. Komm, erzähle was. Sag ein Gedicht auf.“
„In den Trümmern da wiegt ein Ulmenbaum
Frisch grünend seine Krone hoch überm Giebelsaum...“
In der Zeit, in der der Baum das Gedicht aufsagt geht Lothar zu den beiden Menschen und fragt:
„Könnt ihr den Baum sprechen hören?“ Dabei zeigt er auf die Ulme. Doch diese hat aufgehört mit dem Gedicht und der Mann und die Frau schauen ihn irritiert an. Wütend geht Lothar zu dem Baum, er tritt gegen den Stamm und ruft:
„Los, mach mit deinem Gedicht weiter.“
Doch der Baum schweigt, die beiden Leute gehen mit einem Lachen weiter. Nachdem sie gegangen sind und kein weiterer Mensch in der Nähe ist spricht der Baum:
„Das mag ich gar nicht, wenn du gegen meinen Stamm trittst.“
Zornig ruft Lothar:
„Warum hast du mit deinem Gedicht aufgehört?“
In dem Moment, in dem eine Amsel auf einem Ast des Baumes landet, spricht dieser:
„...der Baum wurzelt tief im Grunde vom alten Klosterbau.
Er wölbte sich statt des Daches hinaus ins Himmelsblau.
Seine knorrigen Äste...“
„Jetzt brauchst du nicht mehr weiter zu dichten“ unterbricht Lothar den Baum.
„Warum ist es dir so wichtig, dass dir die anderen Menschen glauben, dass du mit Bäumen sprechen kannst?“ fragt der Baum und eine weitere Amsel landet auf einem seiner Äste.
Lothar haut kurz gegen den Stamm und meckert:
„Die Leute denken, ich bin verrückt weil ich mit euch rede. Das stört mich.“
„Na gut, dann reden wir nicht mehr mit dir. Dann denkt auch keiner mehr dass du spinnst“ sagt der Baum und lässt einen Zweig fallen.
Obwohl Lothar den Baum berührt kann er ihn nicht mehr hören. Ärgerlich geht er von der Ulme weg, er beschließt zu Mirabelle zu gehen. Mit ihr hat er sich am besten verstanden. Während er so nachdenkt kommt ihm in den Sinn, dass er vielleicht nur Stimmen hört. Wie angewurzelt bleibt er stehen, neben sich sieht er eine junge Linde. Als er sie anfässt hört er die Stimme eines Jungen.
„Hallo, mein Freund, willst du ein kleines Gedicht hören?“
Lothar starrt auf die kleine Baumkrone und nickt.
„Linde, du einziger Baum,
dich grüßt wohl selbst der Blinde,
der deinen Namen nie im Traum
vernommen, noch als Linde.
Ich bin noch ein Kind, später mal werde ich längere und bessere Gedichte verfassen.“
Lothar will es jetzt ansprechen. Er fragt:
„Sprichst du wirklich oder bist du nur eine Stimme in meinem Kopf?“
„Was soll das denn?“ entgegnet der Baum etwas verärgert, „ich weiß Sachen, die du nicht weißt. Was ist ein Lindenbast?“
Der Baumredner überlegt, das Wort Lindenbast hat er noch nie gehört. Er schüttelt den Kopf und die Linde erklärt:
„Aus Lindenbast wurden früher von den Seilern Schnüre und Seile, Bogensehnen und Bindenbast erzeugt. Bast sind die Fasern unter der Rinde. Wer hat den Spruch gemacht „Die Linde hat den Namen von der Lindigkeit?““
„Ich weiß es nicht.“
„Der Arzt Lonicerus hat im 16. Jahrhundert diesen Spruch in sein Kräuterbuch geschrieben. Das alles kannst du doch gar nicht wissen. Oder weißt du es?“
„Nein. Ihr Bäume seid keine Stimme in meinem Kopf, ihr könnt wirklich reden“ sagt Lothar und ist jetzt sichtlich beruhigt. Dann glauben ihm halt die anderen Menschen nicht, Hauptsache die Bäume reden mit ihm.
Nach ein paar Minuten erreicht er Mirabelle, es ist jetzt mitten in der Nacht und der Mond wird von dunklen Wolken verhüllt. Lothar fässt die Birke an und grüßt sie. Sie unterhalten sich ein wenig, auch diesmal sagt der Baum ihm ein Gedicht auf.
Zuhause legt er sich ins Bett und will schlafen, doch die Bäume spuken ihm im Kopf herum. Mittlerweile ist er sich ziemlich sicher, dass er keine Stimme im Kopf hört, er ist kerngesund. Denn die ganzen Informationen und Gedichte, die die Bäume ihm erzählen, hat er noch nie gehört. Er erhebt sich vom Bett und fässt seine Blume an, die auf dem Fensterbrett steht.
„Was ist? Willst du nicht schlafen?“ hört er die Tulpe reden.
„Du kannst also auch sprechen!“ ruft er freudig aus und nimmt den Blumentopf ins Bett. Er schwatzt noch ein wenig mit ihr, dann schläft er auch ein.
In den nächsten Tagen ist er viel auf der Straße und im Park, er unterhält sich die ganze Zeit mit den Bäumen. Als er seine Mutter besucht ist sie glücklich, dass er viel draußen ist und neue Freunde gefunden hat.
„Ich habe es dir doch gesagt, du musst nur raus aus deiner Wohnung“ spricht die Mutter, als er bei ihr zu Besuch ist. „Wie viel neue Freunde hast du denn jetzt?“
Lothar überlegt und antwortet:
„Bestimmt um die 40 oder 50.“
„So viel?“ wundert sich die Mutter, „bist du einem Verein beigetreten?“
Ihr Sohn schüttelt den Kopf und meint:
„Nein, ich bin einfach auf die Straße gegangen...du, ich glaube ich sage dir die Wahrheit. Dir vertraue ich.“
Die Mutter setzt sich ihm gegenüber auf einen Stuhl und schaut ihn erwartungsvoll an.
„Ich...ich kann mit Bäumen sprechen, mit Blumen klappt es auch. Die finde ich viel interessanter als die Menschen. Ich muss nur einen Baum anfassen und dann spricht er.“
Eigentlich hat er jetzt von ihr Skepsis und Zweifel erwartet, doch stattdessen nimmt sie die Blume, die neben dem Fernseher steht, stellt sie auf den Tisch und fordert ihn auf mit der Nelke zu reden.
„Naja, wenn Leute dabei sind, dann sprechen die Pflanzen nicht mit mir. Ich kann es aber trotzdem mal probieren“ sagt er und fässt den Stängel der Blume an.
„Hallo, ich bin Paulando, die Nelke“ ertönt aus dem kleinen Topf eine zarte Männerstimme. Die Mutter starrt auf die Blume und kann ihren Ohren nicht trauen.
„Das ist ja un...unglaublich“ stammelt sie.
„Toll, dass du mich immer gießt“, lobt die Nelke die Mutter, „frische Luft kommt jeden Tag in die Wohnung wenn du das Fenster öffnest. Aber stell doch die Rose neben mir, warum steht die auf dem Regal dort drüben. Ich will mich mit ihr unterhalten können.“
Sofort steht die Mutter auf und holt die Rose die sie neben der Nelke stellt. Jetzt berührt Lothar die Rose und diese sagt:
„Ohh, Rosenduft, wie ich deinen lieblichen Geschmack liebe, ich bin die schönste Blume der Welt, ich verkörpere die Liebe. Die Nelke dagegen kann man nur in der Pfeife rauchen.“
Jetzt lacht die Mutter und klatscht in die Hände. Lothar hat die ganze Zeit gelächelt, er ist sehr froh, dass ihm seine Mutter glaubt. Doch als sie die Blumen anfässt kommt keine Stimme, sie sagt:
„Das ist ja der Hammer! Es scheint aber nur bei dir zu funktionieren. Was erzählen dir die Bäume alles?“
Einige der Baumgedichte sagt er auf und auch das mit den Kängurus und dem Ur-Computer. Die Mutter wundert sich, doch ist sie sehr froh, dass ihr Sohn über dieses geheimnisvolle Talent verfügt.
Am nächsten Tag öffnet er seinen Briefkasten und findet darin einen Brief der Polizei. Er öffnet ihn und liest, dass der Mörder, den er beschrieben hatte, gefasst wurde. Er solle mit Herrn Eiche zum Polizeirevier kommen. Auf der Stelle geht er hin, er wird dort in das Zimmer eines Inspektors geführt.
„Wo haben Sie Herrn Eiche gelassen? Warum hat er Angst vor uns?“ fragt ihn der Inspektor.
„Naja, mit Herrn Eiche kann nur ich reden. Mit anderen spricht er nicht“ erklärt Lothar.
„Also ein Einzelgänger. Wir von der Polizei würden ihm aber gerne die Belohnung auszahlen. Weiß er davon?“
„Ja...also...er...ist ein Baum“ stottert Lothar.
Der Inspektor schaut ihn mit großen Augen an, nach einer kurzen Pause sagt er.
„Ein Baum? Wie meinen Sie das?“
„Kennen Sie keine Bäume? Er steht direkt am Tatort.“
Jetzt lacht der Inspektor und meint:
„Bäume können doch nicht sprechen.“
Lothar schüttelt seinen Kopf und hält dagegen:
„Ich kann mit Bäumen sprechen, mit allen Pflanzen geht es. Geben Sie mir doch den Kaktus, der da hinter Ihnen am Fenster steht.“
Der Inspektor verdreht die Augen, doch Lothar beharrt darauf mit dem kleinen Kaktus zu sprechen.
„Na da will ich jetzt was hören“ sagt der Polizist und legt den Kaktus auf den Tisch. Vorsichtig berührt Lothar den Kaktus, jetzt herrscht Schwiegen in dem Raum. Eine Stimme aus der kleinen Pflanze kommt aber nicht.
„Mist, meist geht es nicht wenn andere Menschen dabei sind. Außerdem kann ich den Kaktus nicht richtig anfassen wegen der ganzen Stacheln“ rechtfertigt sich Lothar, der Inspektor schüttelt aber nur den Kopf und stellt die Pflanze wieder an das Fenster.
Nachdem er sich wieder hingesetzt hat spricht er:
„Sie haben also von dem Mord erfahren, sind zum Tatort gegangen und haben mit den Bäumen geredet. Richtig?“
Nickend gibt Lothar ihm recht.
„Sie wollen mich wohl veräppeln, oder was? Herr Eiche ist ein Baum, der in der Grellstraße steht. Oder?“
„Ja. Woher sollte ich sonst wissen wie der Mörder aussieht?“
„Sie haben den Mord beobachtet, haben aber ein schlechtes Gewissen weil sie der Frau, die erstochen wurde, nicht geholfen haben. Deswegen sagen Sie, dass ein anderer den Mörder gesehen hat“ vermutet der Polizist.
Was soll Lothar dazu nur sagen? Keiner glaubt ihm, dass er mit Bäumen reden kann, von seiner Mutter mal abgesehen. Lothar schaut traurig auf den Tisch und nickt, der Inspektor fragt ihn nach seiner Bankverbindung, denn er soll die Belohnung überwiesen bekommen. Nachdem er ihm sie genannt hat steht er auf und geht aus dem Raum. Doch Trübsal will er nicht blasen, auf der Straße fängt er wieder an mit den Bäumen zu reden.
Vor seiner Haustür bleibt er stehen und berührt mit seiner Hand die Birke Mirabelle.
„Hallo, du hast dich schon mit vielen Bäumen unterhalten, oder?“ fragt sie ihn.
„Ja“, antwortet er und streichelt ihre Rinde, „aber dich mag ich am meisten. Du bist sehr nett und hast eine wunderschöne Stimme. Sag mir doch noch ein Gedicht auf, bitte.“
„Na gut“ sagt die Birke während eine braune Katze an ihr vorbei läuft, „ich sage dir eins von Johannes Trojan auf, ein Mann hat es vor ein paar Jahren hier aufgesagt als er vor mir stand. Leider hat er mich nicht angefasst, sonst hätte ich mit ihm gesprochen.
Wenn der Winter von dannen scheidet
und die Blumen im Grase blühn,
wer ist lieblicher gekleidet
als die Birke im lichten Grün.“
„Sehr schön“ sagt Lothar und lacht die Birke an. Diese fragt:
„Kannst du auch ein Gedicht?“
Das will er sich nicht nehmen lassen, er lässt die Birke los und läuft im Kreis. Nun denkt er sich ein Gedicht aus. Nach fünf Minuten fässt er Mirabelle wieder an und spricht:
„Des Baumes Glück ist mir hold und nicht fern,
viele neue Freunde, wie von einem anderen Stern,
tagein tagaus gehe ich hinaus und höre ihnen zu
Geschichten vom Ur-Computer und vom Gänkuru.“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20548 Verfasst am: So 25.Aug.2013 23:14
 
Die Geheimsprache
 
Erschöpft warf sich Max ins Bett, heute war ein anstrengender Tag gewesen. Bei einem Fußballturnier war sein Klasse schlecht abgeschnitten, sie war in der Vorrunde letzter geworden. Drei Tore hatten sie nur geschossen, aber bei jedem Tor hatten sie laut gejubelt und sich gefreut. Ein Tor konnte Max schießen.
Langsam schlief der Junge ein, er dachte schon er würde von dem Fußballturnier träumen. Fußball war seine große Leidenschaft. Später mal wollte er Fußballer in der Bundesliga werden. Doch stattdessen sah er in seinem Traum eine reptilienartige Gestalt mit grünen Schuppen und einer langen Zunge, die aus seinem Maul hing. Diese Gestalt gab Laute von sich und daneben erschien immer ein Bild.
Max sah ein Auto und hörte den Laut „gna“. Dann erschien ein Haus und die Gestalt in dem Traum sagte „bo“. Dem folgte ein Flugzeug und der Laut dazu war „gna gna“.
So ging sein Traum weiter und als er am nächsten Morgen erwachte fasste er sich sofort an den Kopf. Was war das nur für ein seltsamer Traum gewesen? Und wer war diese sonderbare Gestalt? Max stand auf und vergaß den Traum wieder, er zog sich an und putzte sich die Zähne.
Zwölf Stunden später saß er am Essenstisch beim Abendbrot in der Küche und erzählte seinen Eltern von seinem merkwürdigen Traum. Sein Vater meinte, dass er sich einen Schreibblock neben das Bett legen sollte um den Traum nach dem Aufwachen gleich aufzuschreiben. Also legte Max einen Block Papier auf seinen Nachttisch, er war schon gespannt was er heute Nacht träumen würde.
Im Traum sah er wieder dieses schuppige Wesen, es hielt einen Würfel in der Hand und sagte „er di“, dann erschien ein zweiter Würfel und aus dem Mund der rätselhaften Gestalt kamen die Worte „zwi di“. Danach zeigte das Wesen seine Hand und sagte „er ja“, als es seine zweite Hand ausstreckte sprach es „zwi ja“.
Morgens rasselte der Wecker und riss den Jungen aus seinem Traum. Erst gähnte er und wunderte sich, dass er wieder von diesem Wesen geträumt hatte. Gleich darauf schrieb er die Sachen auf, die ihm dieses fremdartige Geschöpf genannt hatte. Nachdem er es getan hatte schaute er sich die seltsamen Wörter an und überlegte. War die Gestalt vielleicht ein Außerirdischer, der Kontakt mit ihm aufnahm? Max Augen leuchteten bei dem Gedanken ein von außerirdischen Wesen Auserwählter zu sein. Dürfte er jemandem von erzählen? Seinen Freunden besser nicht, aber bei den Eltern konnte er es sich nicht verkneifen.
„Ich träume von Außerirdischen. Sie bringen mir im Traum ihre Sprache bei“ sagte Max am Tisch beim Frühstück. Seine Mutter war im Badezimmer, er saß mit seinem Vater und mit Sabine, seiner jüngeren Schwester, am Tisch um zu frühstücken.
„Hast du wieder von diesem Krokodilwesen geträumt? Das ist selten das man den selben Traum noch mal hat“ sagte sein Vater und trank aus einer Tasse ein Schluck Kaffee.
„Es war nicht der selbe Traum. Diesmal hat der Außerirdische mir neue Wörter beigebracht. „er, zwi, li“ heißt bei denen 1,2,3. „di“ heißt Würfel. Und „ich“ heißt „mak“.“
„Papa, kann man im Traum mit Außerirdischen sprechen?“ fragte Sabine, die den Mund voll mit Nutella hatte.
„Nein, das geht nicht“, korrigierte der Vater, „man weiß noch nicht mal ob es Außerirdische gibt. Du, Max, ich würde diese Träume nicht zu ernst nehmen.“
„Doch, das ist ernst!“, protestierte Max. „Die Außerirdischen werden bald auf unserer Erde landen und mit uns sprechen wollen. Vorher bilden sie mich zum Dolmetscher aus.“
„Was ist ein Dolmetscher? Ist der immer im Matsch?“ fragte Sabine und schaute Max neugierig an. Doch dieser behielt den Blick auf seinen Vater.
„Max, das sind doch bloß Träume. Du denkst dir in deinem Kopf während du schläfst diese Wörter aus. Diese Gestalt existiert nur in deiner Fantasie“ erklärte der Vater und schaute seinen Sohn ernst an. Aber Max wollte davon nichts hören, er beendete das Gespräch und sagte nichts mehr. Auserwählte haben es halt schwer, ihnen wird erst nicht geglaubt, sagte sich der Junge. Er überlegte ob er mit dem Außerirdischen in seinem Traum reden konnte. Denn dann würde er ihn fragen wann er mit seinen Freunden auf der Erde landen würde.
Vor dem Schlafengehen nahm sich Max fest vor den Außerirdischen anzusprechen, doch als er träumte war er wie paralysiert und gebannt verfolgte er die Wörter die ihm das Wesen beibrachte. Erst lernte er die ganzen Wörter, dann sprach die Gestalt in Sätzen zu ihm. Die Tage vergingen, nachts träumte er von der Gestalt und tagsüber lernte er die Begriffe auswendig.
In der Schule auf dem Pausenhof erzählte er seinen Freunden es doch, er konnte es nicht mehr länger verheimlichen. Sein Vater glaubte ihm nicht, dem erzählte er von den Träumen nichts mehr. Seine Mutter hielt das auch nur für einen Schabernack, den sein Geist mit ihm spielte. Was würden aber seine Klassenkameraden davon halten?
Max war umringt von drei Jungen und zwei Mädchen. Er berichtete von seinen Träumen und die Kinder wollten gleich was in der mysteriösen Sprache von ihm hören.
„Mak kuf gna heißt „ich fahre Auto“ erklärte Max und grinste die Kinder dabei an.
„Ach, das hast du dir doch nur ausgedacht“ beschwerte sich Thomas, ein Junge mit blondierten Haaren.
„Sieht die Gestalt immer gleich aus?“ fragte Maria, ein brünettes Mädchen in einem rosafarbenen Kleid.
„Ja, es ist immer die selbe Gestalt“ antwortete Max.
„Hast du schon mit ihr gesprochen?“ fragte Maria neugierig.
„Nein, es geht nicht. Immer wenn ich träume bin ich völlig benebelt, ich bekomme meinen Mund einfach nicht auf.“
„Was bringt das ganze?“ fragte Gustav, der ein schwarz-weißes Cap trug.
„Bald kommen die Außerirdischen und ich werde sie dann für euch übersetzen.“
„Ach, komm, das ist doch Blödsinn.“
„Ich glaube dir. Kann ich heute zu dir kommen und du zeigst mir die Vokabeln von den Außerirdischen?“ fragte Maria und lächelte Max an. Die anderen Kinder gingen mit einem Lachen wieder weg, nur Maria stand noch bei ihm. Immerhin hatte er jetzt jemanden gefunden, der ihm glaubte. Nach der Schule gingen beide zusammen nach Hause, Maria erwähnte, dass sie auch gerne von Außerirdischen träumen würde. Vielleicht müsste sie nur die Wörter die Max aufgeschrieben hat lernen, und dann würde vielleicht das Wesen auch sie in ihren Träumen besuchen kommen.
In den nächsten Wochen hatte Max immer den Traum mit dem außerirdischen Wesen, jeden Tag lernte er die Vokabeln, die es ihm beibrachte. Maria lernte diese sonderbaren Wörter auch, sie war aber etwas traurig, dass der Außerirdische nachts nicht in ihren Träumen erschien. Manchmal sprachen Max und Maria in der geheimnisvollen Sprache, keiner konnte sie dann verstehen.
Wie auch einmal in der Pause im Klassenzimmer, Maria stand Max gegenüber, daneben stand Gustav, der die ganze Zeit seine Stirn runzelte.
„Mak bat bi schock sa kat“ sagte Max und Maria antwortete:
„Tu ti mik bata.“
„Was soll das heißen?“ fragte Gustav, der glaubte die beiden seien verrückt.
Max wandte sich zu ihm und antwortete:
„Ich habe gesagt, dass es Spaß macht so zu reden. Und Maria hat sich bedankt, dass ich ihr die Sprache der Außerirdischen beibringe.“
„Was heißt „kat“?“ wollte Gustav wissen.
„kat heißt reden. Und „bata“ bedeutet beibringen. Manchmal bekommen die Wörter eine andere Bedeutung wenn man sie mehrmals ausspricht. „bata bata“ heißt Butter und „bata bata bata“ heißt verheimlichen“ erklärte ihm Max.
„Und wann kommen die Außerirdischen endlich?“
„Das weiß ich nicht. Ich versuche es dauernd in dem Traum zu reden, aber es klappt jedes mal nicht. Mein Mund bleibt zu während ich dem Außerirdischen zuhöre. Ich bin dann immer wie in Trance.“
Auf dem Nachhauseweg nach der Schule gingen Max und Maria wieder gemeinsam, dabei sprachen sie in ihrer Geheimsprache. In der Zeit, in der sie auf dem Fußgängerweg liefen, kam ihnen eine Frau mit einem Kinderwagen entgegen. Das Baby streckte seinen Kopf raus, winkte den beiden zu und rief:
„Sä is tata tata mu!“
Max und Maria blieben abrupt stehen und starrten auf das Baby. „Heute ist schönes Wetter hat das Baby gesagt“ flüsterte Max und sah den Kinderwagen auf sich zu kommen. Das Baby freute sich scheinbar, dass die beiden Kinder es anschauten und sagte:
„Mak is mu, ti is mu!“
„Du bist schön, ich bin schön“, übersetzte Maria, „ich sage mal was zum Baby: Bibi gi bi ti? Wie geht es dir.“
Die Mutter hielt mit dem Kinderwagen neben den beiden Kindern und lachte sie an. Das Baby wedelte mit einer Rassel und sagte:
„tu, mak gi bobo.“
„Danke, mir geht es gut“ riefen Max und Maria gleichzeitig. Sie sprachen noch ein wenig mit dem Baby und konnten es gar nicht glauben. Die Babys hatten eine geheime Sprache, die noch keiner entschlüsselt hatte. Mithilfe der Träume war es aber Max und Maria gelungen die Babysprache zu verstehen. Eine Stunde später saß Maria bei Max und sie unterhielten sich.
„Ich dachte bisher, dass die Babys vor sich hinbrabbeln und irgendwelche Laute benutzen. Aber das ist eine richtige Sprache die die sprechen“ sprach Maria und schaute Max in die Augen. Sie saßen in seinem Zimmer, hier konnte sie keiner hören.
„Die Außerirdischen sprechen über die Babys zu uns. Wenn die Säuglinge dann unsere Sprache lernen, dann vergessen sie die Sprache der Außerirdischen“ sagte Max, der es noch gar nicht glauben konnte.
„Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern was ich erzählt hatte als ich noch ein Baby war“ sagte Maria.
„Kennst du irgendwen mit einem Baby? Unsere Nachbarin hat eins, ich werde mal fragen ob ich mit ihm morgen sprechen kann“ versicherte ihr Max.
„Eine Freundin meiner Mutter hat eins. Vielleicht kann ich ja mal Babysitter machen. Was wissen die Babys alles?“ fragte ihn Maria und schaute nachdenklich an die Decke.
„Du, die wissen gar nicht was sie da alles erzählen. Die bekommen die Botschaften von den Außerirdischen. Wir werden mal in nächster Zeit mit Babys reden.“
„Eigentlich können wir auch Mütter ansprechen, die mit einem Kinderwagen unterwegs sind. Zum Glück sind wir noch Kinder und keine Erwachsenen, dann lassen uns die Mütter mit ihren Babys bestimmt reden“ sagte Maria, dabei nickte sie mit dem Kopf.
„Wir dürfen das aber keinem erzählen, okay? Die Leute würden uns auslachen wenn wir ihnen erzählen, dass die Babys eine geheime Sprache haben“ ermahnte sie Max und wedelte vor ihrem Gesicht mit dem Zeigefinger.
Am nächsten Tag klingelte Max bei der Nachbarin, Frau Nowikov. Es war eine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren, die in dem Herbst ihres Lebens noch ein Kind bekam. Sie war schon 45 Jahre alt.
„Was willst du, Max?“ fragte sie den Jungen mit einem Lächeln.
„Ich wollte fragen, ob ich mal mit ihrem Baby reden, ähh, spielen kann.“
„Na reden kannst du mit ihm noch nicht. Luis ist erst sechs Monate alt. Aber komm ruhig rein, Max.“
Sie führte den Jungen in das Kinderzimmer und im Gitterbrett krabbelte das kleine Baby. Max bückte sich über das kleine Bett und streichelte das winzige Kind.
„Tu, tu, bibi kaf ti?“ brabbelte das Baby.
(Danke, danke, wie heißt du?)
„Mak kaf Max“ antwortete Max mit einem Lächeln.
(Ich heiße Max)
Max sagte jetzt nichts und spielte mit einem Teddybären und dem Baby. Er wartete darauf, dass die Mutter das Zimmer verlassen würde um die beiden alleine zu lassen. Nach fünf Minuten schließlich verließ sie das Zimmer und sagte Max, dass er mit Luis spielen könne. Jetzt wollte Max das Baby ein paar Sachen fragen.
„Luis, pi mock bala?“ fragte er und sah das Baby erwartungsvoll an.
(Luis, wann kommen die Außerirdischen?)
Das Baby hustete kurz und antwortete:
„Mä mä Bala?“
(Welche Außerirdischen?)
Jetzt hörte das Baby auf mit dem Teddy zu spielen und schaute Max ins Gesicht.
Max überlegte, vielleicht wusste das Baby nichts von den Außerirdischen. Und bekam einfach die Botschaften von ihnen übermittelt. Er sagte:
„Bala is fi.“
(Sie sind grün)
Das Baby lachte und sagte:
„Bä bi Bala pan?“
(Gibt es Außerirdische wirklich?)
Dem Jungen kam jetzt in den Sinn, dass er selber noch nie einen Außerirdischen gesehen hatte. Vielleicht war die Gestalt in seinem Traum auch etwas anderes. Er fragte das Baby:
„Bä bä is er ä er?“
(Wieviel ist eins und eins?)
Das Baby grinste und antwortete:
„Zwi.“
(Zwei)
Max schnippte in die Finger und war sich sicher, dass das Baby über einen übersinnlichen Kanal die Antwort bekam. Denn Babys können nicht rechnen. Zur Sicherheit stellte er eine schwierigere Rechenaufgabe:
„Bä bä is sum tö des?“
(Wieviel sind 8 mal 9?)
Das Baby überlegte und kratzte sich am Kopf. Nach einem Moment antwortete es:
„Mak pö i.“
(Ich weiß nicht.)
Irritiert schaute Max das Baby an, er hatte jetzt die richtige Antwort erwartet.
Das Baby unterbrach das Schweigen mit:
„Nö nö mek ti pak?“
(Warum fragst du das?)
Jetzt wusste Max nicht was er sagen sollte.
Das Baby bekam rote Wangen und sagte:
„Mak is i Bala!“
(Ich bin kein Außerirdischer.)
Max wollte das Baby streicheln, doch es zog sein Köpfchen nach hinten und fiel um. In dem Moment begann es zu weinen. Die Mutter hörte es und kam ins Kinderzimmer, derweil brabbelte das Baby:
„Ti tam su tätä“
(Du kannst uns ???)
Während die Mutter das Baby in ihren Schoß nahm und es mit Streicheleinheiten beruhigen wollte fragte Max:
„Pö tam mak?“
(Was kann ich?)
Doch das Baby nuckelte am Nuckel welchen ihm seine Mutter gegeben hatte. Es schloss die Augen und die Mutter sagte:
„Du, Max, Luis muss sich mal hinlegen. Du musst jetzt glaube ich gehen, du kannst ja ein anderes mal wieder kommen.“
Max nickte und verabschiedete sich von den beiden. Als er wieder in seiner Wohnung war griff er sofort zum Telefon und wählte die Nummer von Maria. Er erzählte ihr von dem Gespräch mit Luis und das er das Wort „tä tä“ nicht kenne.
„Tä heißt doch „Schuh““ entgegnete Maria.
„Aber tä tä? Das heißt bestimmt was anderes, aber was?“ fragte sich Max.
„Vielleicht ist tä tä die Mehrzahl von Schuh. Also Schuhe.“
„Ti tam su tätä“ hat das Baby gesagt. „Du kannst uns Schuhe“, das ergibt keinen Sinn. Und es ist seltsam, dass es nicht 8 mal 9 rechnen konnte.“
„Vielleicht ist doch nicht irgendwer an das Baby angeschlossen und es spricht einfach in dieser Sprache. Vielleicht ist die Geheimsprache dem Menschen angeboren“ vermutete Maria.
„Das glaube ich nicht“, hielt Max dagegen, „dann hätte der Mensch die Sprache doch beibehalten. Ich glaube eher, dass seit einiger Zeit Außerirdische mit den Babys Kontakt geknüpft haben.“
„Aber das Baby meinte doch, dass es kein Außerirdischer ist.“
Max dachte nach und sagte nichts. Maria meinte:
„Vielleicht können Babys eins und eins zusammenzählen, aber 8 mal 9 ist ihnen zu schwer.“
Jetzt sagte Max:
„Es kann sein, dass die Außerirdischen oder was auch immer uns durch die Babys beobachtet. Vielleicht wollen die unbekannt bleiben.“
Maria räusperte sich und fragte:
„Du, sollen wir das mal einem Erwachsenen erzählen?“
„Ne, lieber nicht. Die würden uns für verrückt halten. Was heißt nur dieses „tä tä“? Zu gerne würde ich es wissen. Ich gehe in zwei Stunden noch mal rüber, dann frage ich Luis was es bedeutet.“
Maria wusste manchmal nicht ob es ein Gott gab oder nicht. Aber nun kam ihr die Idee und sie sagte:
„Es kann doch auch sein, dass Gott über die Babys zu uns spricht. Oder irgendwelche Engel. Vielleicht ist das grüne Wesen in deinen Träumen ein Engel.“
„Vielleicht gibt es gar keine Außerirdischen“ sagte Max mit einem Bedauern. Die Vorstellung, dass bald fremde Wesen von einem anderen Planeten auf der Erde landen würden und er den Übersetzer für sie spielen dürfte, wollte er nicht aufgeben.
Nachdem zwei Stunden vergangen waren klingelte er wieder bei Frau Nowikov. Diese wunderte sich etwas, dass Max wieder zu Luis wollte, aber sie ließ ihn rein. „Ich liebe diese winzigen Babys, sie sind so niedlich“ sagte Max und die Frau schien es zu glauben. Als Max mit dem Baby wieder alleine war, sie spielten mit kleinen Autos, fragte er:
„Pö kaf tä tä?“
(Was heißt tä tä?)
Das Baby schaute vom Spielzeugauto zu Max und verzog keine Miene. Max wiederholte seine Frage und das Baby begann zu weinen. Als Max es berührte um es zu beruhigen haute es mit seinem Fäustchen nach ihm. Die Mutter eilte aus der Küche ins Kinderzimmer und gab ihrem Sohn einen Nuckel.
„Was ist los gewesen?“ fragte sie Max. Doch was sollte er jetzt sagen? Er schüttelte den Kopf und meinte, dass er nicht wüsste warum das Baby geweint hatte. Jetzt spielte er mit dem Baby ohne zu reden, die Mutter ging wieder zurück in die Küche. Gerne hätte sich Max mit dem Baby weiter unterhalten, doch es hatte den Nuckel im Mund.
Nach einer Zeit nahm Max den Nuckel aus dem Mund des Babys und wollte schon etwas sagen, da begann es zu schreien. Sofort gab Max dem Baby den Nuckel zurück. So kam es, dass sie nicht mehr sprachen, doch Max wollte geduldig warten. Und es kam der Augenblick, in dem das Baby den Nuckel ausspuckte und sagte:
„Pak gna is mu!“
(das Auto ist schön)
Es hielt ein rotes kleines Auto in der Hand und öffnete die winzigen Türen. Max wollte es ausnutzen, dass das Baby wieder sprach und er fragte:
„Bibi dö is ti?“
(Wie alt bist du?)
Das Baby grinste und antwortete:
„Mak is pan dö.“
(Ich bin sehr alt)
Max traute sich nochmal zu fragen:
„Ti is pan bala, ata?“
(Du bist wirklich ein Außerirdischer, oder?)
Jetzt fing das Baby wieder an zu weinen, auf der Stelle gab Max ihm den Nuckel. Nun sagten sie nichts mehr und als die Mutter dazu kam um mit ihnen zu spielen wollte Max lieber nichts mehr sagen. Um keinen Verdacht zu hegen verabschiedete sich Max von den beiden und ging wieder in seine Wohnung. Doch er wollte noch weiter mit Babys reden, unbedingt wollte er wissen, was das Wort „tä tä“ bedeutet. Und warum meinte das Baby, dass es schon sehr alt sei? Vielleicht hat der Außerirdische sich da verplappert, ging es dem Jungen durch den Kopf.
Zwei Stunden später war er bei Maria, seit kurzem sind sie so etwas wie die besten Freunde geworden die ein Geheimnis verbindet. Maria erzählte, dass sie heute zu der Freundin ihrer Mutter gehen könnten, denn da wäre auch ein Baby. Sie gingen los und unterhielten sich.
„Du, ich habe letztens auf der Straße ein Baby angesprochen“, erzählte Maria. „Das hat aber nur sinnlose Sätze wie „Ich lache Schnürsenkel“ oder „Wir drehen tagsüber Sterne“ gesagt“.
„Wahrscheinlich können nicht alle Babys die Geheimsprache“ nahm Max an.
„Vielleicht sprechen die Babys Stimmen von Verstorbenen“, vermutete Maria, „oder es sind Sätze aus ihrem vergangenen Leben.“
„Dann würden sie das doch in einer normalen Sprache tun, oder?“, war sich Max sicher, „mir ist nochmal eingefallen warum das Baby nicht 8 mal 9 ausrechnen konnte. Vielleicht war es verbunden mit einem außerirdischen Kind was noch nicht so gut rechnen kann.“
„Meinst du wirklich, dass Babys mit Außerirdischen in Kontakt stehen?“ fragte ihn Maria, der noch die Theorie am besten gefiel, in der Gott über die Babys sprach.
„Die Gestalt in meinem Traum habe ich noch nie auf unserer Erde gesehen.“
„Vielleicht sieht ja Gott so aus.“
„Ne, das glaube ich nicht. Ich glaube wir sind alle mit den Außerirdischen verbunden, nur die Babys können sie aber kontrollieren.“
„Du mit deinen Außerirdischen immer“, protestierte Maria, „es kann doch auch sein, das jemand anders über die Babys spricht.“
„Wer denn sonst?“ wollte Max von ihr wissen.
„Na Gott zum Beispiel. Oder vielleicht sind es Geister, die über die Babys reden. Oder die Babys wissen einfach schon einiges“ meinte Maria.
Als sie die Wohnung zu der sie wollten erreichten stellte sich Max vor und sagte, dass er ein Freund von Maria sei. Und das er Babys mag. Er konnte den Eltern schlecht erzählen, dass er glaubte über die Babys mit Außerirdischen zu reden.
Das Baby, es hieß Lisa und war neun Monate alt, krabbelte auf dem Boden und war fasziniert von der Burg, die Max und Maria mit Bauklötzen bauten. Die Eltern waren einkaufen gegangen, sie hatten sich nicht gewundert, als Max und Maria mit ihrem Kind in der Babysprache sprachen. Jetzt wollte Max das Baby nach dem Wort fragen, dass er noch nicht kannte. Er tippte dem Baby auf die Schulter und fragte:
„Pö kaf tä tä?“
(Was heißt tä tä?)
Das Baby sprach verwundert „tä tä“ und schaute ihm ins Gesicht. Max wollte den Satz von Luis wiederholen und sagte:
„Ti tam su tä tä.“
(Du kannst uns ???)
„Pö tam su?“ fragte das Baby.
(Was können wir?)
Max erinnerte sich was Luis vor dem Satz mit dem „tä tä“ gesagt hatte und sprach:
„Mak is i Bala!“
(Ich bin kein Außerirdischer!)
Lisa nickte eifrig und sagte:
„Mak is tita i Bala.“
(Ich bin auch kein Außerirdischer!)
Maria funkte dazwischen und fragte:
„Tä Tä?“
Das Baby schaute zu Maria und sprach:
„Ti tä tä mak?“
(Du ??? mich?)
Max schaute Maria an und vermutete:
„tätä heißt vielleicht kennen. „Du kennst mich“ sagt das Baby.“
Maria nickte mit dem Kopf und meinte, dass es das wohl heißen mag.
Max zeigte zum Fernseher, der in der Ecke stand und sprach zum Baby:
„tä tä ti tv?“
(Kennst du den Fernseher?)
Das Baby schaute traurig auf den Boden und schüttelte den Kopf.
„Ne, tätä heißt nicht „kennen“. Denn den Fernseher kennt das Baby bestimmt schon“ behauptete Maria.
Max überlegte und bekam eine Idee. Tä tä heißt vielleicht „verstehen“, ging es dem Jungen durch den Kopf. Den Fernseher verstand das Baby nicht. Aber Max verstand es. „Du kannst uns verstehen“, das hat Luis gemeint. Sofort sagte er es Maria und sie sagte:
„Du, vielleicht können nur wir die Babys verstehen. Oder es geht nur in deiner Anwesenheit. Denn wenn ich mit Babys rede und du bist nicht dabei, dann kommt nur sinnloses Zeug bei raus.“
„Wie soll das gehen?“ fragte Max und kratzte sich am Kopf.
„Wir machen mal einen Test. Geh mal aus dem Wohnzimmer raus und ich rede mit Lisa alleine“ forderte Maria ihn auf.
Max stand auf und ging aufs Klo. In der Zeit sprach Maria mit dem Baby.
„Bibi kaf ti?“
(Wie heißt du?)
Das Baby lachte und sagte:
„Bäb ja.“
(Habe Hand)
Maria fragte weiter:
„Bä bä mock ti?“
(Woher kommst du?)
Das Baby antwortete:
„Tata tata ti tä.“
(Das Wetter dir Schuh)
So ging das weiter, immer wenn Maria das Baby etwas fragte brabbelte es irgendwas was keinen Sinn mehr ergab. Als Max wieder dazukam fragte Maria sogleich:
„Bibi kaf ti?“
(Wie heißt du?)
Wie aus der Pistole geschossen antwortete das Baby:
„Lisa.“
Maria drehte sich schnell zu Max und sagte:
„Die Babys sprechen nur in der Geheimsprache wenn du dabei bist.“
Max schaute das Baby an und fragte:
„Tö tö tä tä ti Maria i?“
(Warum verstehst du Maria nicht?)
Das Baby antwortete:
„Mak tä tä Maria.“
(Ich verstehe Maria.)
Max schüttelte den Kopf und sagte:
„Nä plä mak tok is.“
(Nur wenn ich da bin)
„Mak pö“ antwortete das Baby.
(Ich weiß)
Max fragte:
„Tö tö kat ti sa?“
(Warum redest du so?)
Das Baby ballte das Fäustchen und sagte:
„Bö bö ti mak tä tä“
(Damit du mich verstehst)
Max griff nach der Hand des Babys und fragte:
„Nö nö nä mak ti tä tä?“
(Warum soll nur ich dich verstehen?)
Lisa riss ihre winzige Hand aus dem Griff des Jungen und begann zu weinen. Maria nahm das kleine Baby auf den Schoß und tröstete es, dass Baby rief:
„Ta mi fi bik!“
(Wir werden euch bekriegen!)
Max musste erst kurz überlegen was es bedeutete was das Baby sprach. Als er es verstand bekam er eine Gänsehaut.
„Vielleicht heißt „bik“ auch nicht bekriegen“ entgegnete Maria, „bist du dir wirklich sicher?“
„Moment, ich schaue mal nach“ sagte Max und holte aus seiner Hosentasche das Vokabelheft mit den Wörtern der Babysprache.
„Ja, „bik“ heißt bekriegen“ stellte Max fest.
„Vielleicht hat Lisa auch „pik“ gesagt und das heißt „machen““ überlegte Maria.
Max schaute zu Lisa, die noch etwas weinte und fragte:
„Bik ata pik?“
(bekriegen oder machen?)
Das Baby schrie:
„BIIIIIIK!“
Laut fragte Max:
„Mö mö mi bik su?“
(Wer wird uns bekriegen?)
„TAAAAAA!“ schrie das Baby
(Wir!)
Jetzt konnte sich Lisa nicht mehr halten, sie schrie mit Leibeskräften und Maria und Max hatten so ihre Probleme das Kind zu beruhigen. Sie gaben ihm die Nuckelflasche und legten es ins Bett. Nachdem es eingeschlafen war setzen sich die beiden ins Wohnzimmer, genau in dem Moment kamen die Eltern von Lisa. Sie unterhielten sich ein wenig, natürlich erzählten die beiden Kinder nichts von dem Dialog mit dem Baby.
Da Lisa eingeschlafen war und sie einiges von ihr erfahren hatten verließen sie wieder die Wohnung und machten sich auf dem Heimweg ihre Gedanken.
„Die Babys werden die Menschheit bald angreifen“ befürchtete Maria, bei dem Gedanken aber daran kamen ihr so die Zweifel.
„Die Außerirdischen werden uns bald angreifen“, vermutete Max. „Sie sprechen über die Babys zu uns. Scheinbar ist der Außerirdische, der mir die Sprache beigebracht hat von anderen Außerirdischen. Vielleicht bekämpfen die sich untereinander, vielleicht gibt es bei denen mehrere Parteien.“
Maria lachte und sagte:
„Max, vielleicht nehmen wir das alles zu ernst. Vielleicht erlauben die Babys sich nur einen Scherz mit uns.“
Die nächsten Tage war Max viel draußen, er nutzte jede Gelegenheit die sich ergab mit kleinen Babys zu reden. Doch zu seiner Bestürzung erzählten ihm die Babys jedes mal, dass sie die Welt erobern werden und über die Menschen regieren wollen. „Warum erzählt ihr mir das?“ war dann immer seine Frage. Und die Babys antworteten ganz unterschiedlich. Hier einige Antworten:
„Weil wir Babys die besten sind!“
„Wir sind viel klüger als ihr! “
„Mache die Menschen schon mal damit vertraut bald zu verlieren.“
„Bald wird ein Baby der König sein!“
„Wir haben die beste Sprache!“
Max wunderte sich, er wollte wissen, warum nur bei ihm die Babys in der geheimen Sprache reden. Doch immer wenn er ein Baby das fragte schaute es ihn nur mit offenem Mund und großen Augen an.
Mittlerweile träumte er nicht mehr von der schuppigen Gestalt, er hatte jetzt auch fast alle Wörter die es gibt, geträumt. War vielleicht ein Hexenmeister daran schuld? Jemand, der ihn so verzauberte, dass er mit Babys sprechen konnte. Aber warum sollte er es tun? Oder war es doch ein Außerirdischer, der ihn vor einer kommenden Invasion aus dem All warnen wollte? Aber warum gaben die Babys es nicht zu? Immer wenn Max fragte, ob bald fremde Wesen die Welt angreifen werden, sagten die Babys:
„Nein, Außerirdische gibt es nicht. Wir Babys werden die Welt erobern!“
Vielleicht ging bei den Leuten, die Kontakt zu Max über die Babys aufbauten auch etwas schief. Wahrscheinlich war es gar nicht so einfach aus der Ferne über Babys zu jemandem zu reden. Oder waren die Babys einfach nur schon so intelligent und konnten, wenn sie die Aura von Max spürten, in ihrer Babysprache sinnvolle Sätze bilden?
Eines Abends saß Max zuhause alleine und schaute mit einem Fernrohr in den Himmel. Einige Sterne konnte man schon sehen und er stellte sich vor, wie dort Wesen existierten, die so aussahen wie die Gestalt aus seinen Träumen. Was aber wenn die Gestalt nur eine Tarnung ist? Max legte das Fernrohr auf den Tisch und überlegte. Vielleicht ist die Gestalt in seinen Träumen auch nur ein Mensch. Doch warum tut er es? Möglicherweise will er Max etwas mitteilen. Das Babys die Menschheit angreifen werden? Womöglich versuchen mehrere Leute mit Magie Zugriff auf die Babys zu bekommen und deswegen erzählen die Babys manchmal so einen Quatsch.
Diese Frage ließ Max nicht in Ruhe, er bekam auch bei den Babys mit denen er sprach keine Antwort. Schließlich träumte er eines Nachts wieder von der reptilienartigen Gestalt, doch anders als in den anderen Träumen stand sie nur da. Und endlich schaffte es Max, endlich konnte er sie in seinem Traum ansprechen.
(Ich übersetze den Traum gleich)
„Wer bist du?“ fragte Max.
„Ich bin Ganasok“ sagte die Gestalt in einem zischenden Ton, „ich existiere nur in deinem Kopf. Ich bin schon einige tausend Jahre alt. Und existiere nur in den Träumen der Menschen.“
„Was willst du von mir?“
„Reden, einfach nur reden.“
„Bist du ein Außerirdischer?“
„Sind wir das nicht alle? Du denkst wahrscheinlich, dass die Babys von irgendwelchen Wesen gesteuert werden. Nein, das ist nicht der Fall. Ich habe dich lediglich verzaubert, immer wenn die Babys dich sehen sprechen sie in meiner Sprache.“
„Aber du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du mir die Babysprache beigebracht hast?“
„Macht dir das keinen Spaß mit den niedlichsten Geschöpfen auf eurer Erde zu reden? Außerdem können wir uns jetzt gut unterhalten. Ich langweile mich nämlich schrecklich hier in der Traumwelt.“
„Traumwelt?“
„Ja, da lebe ich. Nur das ich hier ganz alleine bin. Deswegen möchte ich bei dir sein und mit dir reden. Findest du es nicht lustig, wie die Babys behaupten die Welt zu erobern?“
„Warum sagen die das?“
„Na, einfach nur aus Spaß. Die denken sich nichts dabei.“
„Können noch andere Menschen mit Babys reden?“
Die Gestalt geht einen Schritt auf Max zu und sagt:
„Bevor ich dich gefunden hatte war ich in dem Kopf eines jungen Mannes. Der dachte das auch mit den Außerirdischen und hat es viel zu ernst genommen. Ich war auch mal in dem Kopf einer Frau, die wollte nur noch mit den Babys reden und nicht mehr mit mir. Das wollte ich nicht und dann habe ich sie verlassen.“
„Wie lange bleibst du in meinem Kopf?“ wollte Max wissen.
„So lange wie du willst. Wenn du mich nicht mehr willst, dann verschwinde ich wieder und suche mir einen anderen Menschen.“
„Nein! Bleibe noch eine Weile bei mir. Erzähle mir von dir.“
„Ich war schon immer eine Traumfigur, entworfen von Shahatmal Miko, dem graubärtigem Zauberer in dem glitzernden Sternenmantel. Am liebsten trank er morgens einen Kakerlaken-Tee mit einer Limettenscheibe und las in seinem Kompendium neue Zaubersprüche. Denn sein Magiebuch konnte über Nacht neue Zaubersprüche erstellen, dafür verschwand ein Zauber den er lange nicht mehr benutzt hatte...“
 
 
   
     
 
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Beitrag 20551 Verfasst am: Fr 30.Aug.2013 10:05
 
Mouth for war
 
In einem Proberaum sind Oskar, der Gitarrist, Ricky, der Bassist und Thilo, der Schlagzeuger. Sie spielen ihr ruhiges Lied zu Ende, danach sprechen sie.

Thilo:
„Heute kommt doch einer, der Sänger bei unserer Band „Soft Dream“ sein will, oder?“

Oskar:
„Ja.“

Ricky:
„Hoffentlich akzeptiert der uns auch. Denn wir sind so schrecklich schüchtern.“

Thilo:
„Wir werden uns Mühe geben, wir werden besonders nett zu ihm sein.“

Ricky:
„Oskar, hast du die Texte dabei?“

Oskar:
„Ja.“

Es klopft an die Tür und ein stämmiger Mann mit Glatze und einem Pantera-Hemd betritt den Proberaum. In der Hand hält er ein Bier.

Philipp:
„ICH BIN EUER NEUER SÄNGER, WO IST DAS MIKRO?“

Thilo:
„Hallo, ich heiße Thilo und das ist Ricky und das daneben ist...“

Philipp:
„DAS IST JETZT SCHEISSEGAL! GIB MIR DAS MIKRO!“

Oskar gibt ihm ein Mikrofon. Sofort beginnt Philipp zu singen.

Philipp:
„REVENGE. I´M SCREAMING REVENGE AGAIN!“

Thilo:
„Wollen wir uns nicht erst mal vorstellen?“

Aber Philipp hört ihn nicht und singt weiter. Jetzt geht Ricky auf ihn zu und spricht auf ihn ein. Doch Philipp singt weiter. Geduldig warten die drei bis Philipp fertig gesungen hat.

Thilo:
„Du solltest dir erst mal unsere Lieder anhören. Vielleicht gefallen sie dir ja nicht.“

Philipp:
„LOS, SPIELT ENDLICH!“

Die drei beginnen ein Lied, sofort beginnt Philipp mit seinem Gesang. Oder man kann es vielmehr Geschrei nennen.

Philipp:
„ I´VE BEEN WRONG FOR FAR TOO LONG, THE DEVIL IS INSIDE ME UND SHOUTS LOUD!“

Ricky:
„Wir sollten schon im gleichen Takt bleiben. Wie heißt du eigentlich?“

Philipp:
„THE NUCLEAR BOMBS BURN MY MIND AND TELL THE TRUTH OF THE INVASION!“

Nach dem Lied hören die Jungs auf zu spielen. Sie wollen mit Philipp erst mal reden.

Ricky:
„Stell dich doch erst mal vor. Ich heiße Ricky und bin der Bassist.“

Philipp:
„DAS DU BASSIST BIST SEHE ICH DOCH, DU IDIOT! ICH HEISSE PHILIPP UND ROCKE DIE BÜHNE DASS EUCH DIE KINNLADE AUS DEM HOSENSTALL RUTSCHT, HA!“

Thilo:
„Ich bin Thilo und ein mittelmäßiger Schlagzeuger. Eigentlich sind wir alle nur Mittelmaß.“

Philipp:
„DAS WIRD SICH JETZT ÄNDERN, MIT MIR WERDET IHR WIE EIN KOMET IM WELTALL RASEN, IHR WERDET MIT MIR DIE SPITZE AUF DEM EISBERG SEIN!“

Oskar:
„Ich heiße Oskar.“

Thilo:
„Wie gefällt dir unsere Musik? Ist sie dir nicht ein wenig zu langweilig?“

Philipp:
„IST GANZ GUT, ABER IHR MÜSST EURE KLAMPFEN LEISER STELLEN, ICH HÖRE MICH NICHT.“

Thilo:
„Oskar, kannst du das Mikro noch ein bisschen lauter machen?“

Oskar:
„Ja.“ (dreht am Mischpult)

Ricky gibt ihm ein Stapel Blätter und sagt:
„Hier, Philipp, das sind unsere Texte.“

Philipp:
„BRAUCHE ICH NICHT, ICH HABE SCHON GENUG TEXTE IM KOPF. LOS, LASST UNS WEITER MACHEN. ODER QUATSCHT IHR IMMER SO VIEL?“

Thilo(lächelt):
„Ne, wir quatschen normalerweise recht wenig. Ich hoffe dich stört es nicht, dass wir immer so schüchtern sind.“

Philipp:
„LOS, DAS NÄCHSTE LIED!“

Die drei spielen auf ihren Instrumenten wieder ein Lied, es ist wie alle Songs von ihnen eine ruhige Ballade. Philipp grölt dazu.

Philipp:
„THE DREAM OF HORROR LOOKS IN MY EYES AND KILLS ME AND CUTS OFF MY TONGUE...“

Nach einer Stunde hören sie auf zu spielen und räumen ihre Instrumente ein.

Philipp:
„WARUM HÖRT IHR AUF? SEID IHR ETWA SCHLAPPE SCHWÄNZE??!“

Ricky:
„Du, wir haben genug für heute. Du darfst nicht vergessen, dass wir schon drei Stunden hier sind. Du bist ja etwas später gekommen. Und heute...“

Philipp:
„LOS, LASST UNS WEITER MACHEN BIS UNS DIE GEDÄRME AUS DEN OHREN HÄNGEN!“

Thilo:
„Ich bewundere dich für deine Energie, ich hätte auch gerne so viel. Leider bin ich ein Schlappschwanz (lacht). Gefällt es dir bei uns?“

Philipp:
„JA, ABER IHR MÜSST EURE GITARREN NOCH LEISER UND DAS MIKRO NOCH LAUTER MACHEN!“

Ricky:
„Wir haben dich jetzt sehr deutlich hören können.“

Philipp:
„ICH ABER NICHT. UND DER SÄNGER MUSS SICH IMMER AM BESTEN HÖREN!“

Thilo:
„Na, Philipp, man selber hört sich manchmal beim Singen nicht. Also ich habe dich ganz gut gehört.“

Philipp:
„LAUTER!“

Thilo:
„ICH HABE DICH GANZ...“

Philipp:
„NEIN, IHR MÜSST DAS MIKRO LAUTER MACHEN!“

Ricky:
„Wir machen jetzt nichts mehr lauter, wir gehen jetzt nach Hause.“

Philipp wirft seine Bierflasche auf den Boden und stellt sich mit grimmigem Blick vor Ricky. Dabei stöhnt er.

Ricky:
„Entschuldige, wenn du willst können wir noch weiter machen mit der Probe wenn da nicht die nächste Band wäre die hier proben will wie es im Vertrag geschrieben steht den wir hier unterschrieben haben obwohl...“

Philipp:
„RUHE!“

Jetzt ist es ganz still im Raum.

Philipp:
„ENTSCHULDIGE DICH BEI MIR, DU KLEINER POMMESBUDENMÜLLEIMER!“

Ricky:
„Entschuldige, ich wollte dich nicht verletzen, lieber Philipp. Du kannst sehr gut singen, du hast eine schöne melodische Stimme, die im Einklang mit den Harmonien unserer Lieder steht.“

Philipp spuckt auf den Boden und will den Proberaum verlassen.

Thilo:
„Haben wir dich, bleibst du bei uns, Philipp?“

Philipp:
„JA! DARAUF KANNST DU GIFT NEHMEN!“

Philipp verlässt den Proberaum. Die drei Musiker schauen sich an und wollen über den neuen Sänger sprechen. Dafür setzen sie sich an den Tisch, der hinter dem Schlagzeug steht.

Thilo:
„Toll, dass der bei uns bleibt. Jetzt haben wir einen Sänger, jetzt sind wir komplett.“

Oskar:
„Ja.“

Ricky:
„Na, ich weiß es nicht. Der hat mich vorhin ganz schön angemacht.“

Thilo:
„Da bist du selber schuld, du hättest höflicher zu ihm sein müssen.“

Ricky:
„Der ist auch nicht gerade höflich.“

Thilo:
„Doch, schließlich hilft er uns mit seinem kräftigen Gesang.“

Ricky:
„Mir gefällt der nicht so. Sag du doch auch mal was, Oskar.“

Oskar:
„Neuer Sänger ist okay.“

Thilo:
„Dann bist du überstimmt, Ricky. Wir nehmen den. Wer will schon mit uns Musik machen, unsere Lieder gehen ins Ohr und wieder raus. Wir sind nichts besonderes, glaube mir, deswegen sollten wir die Ansprüche nicht zu hoch schrauben.“

Ricky:
„Na gut, wir können es mit ihm mal probieren.“

Eine Woche später ist wieder Probe, Philipp ist auch gekommen. Sie spielen wieder ein ruhiges Lied während ihr Sänger laut ins Mikrofon grölt.

Philipp:
„THE STEALTH FIGHTER FLIES IN MY HEAD AND DISTURBS MY VOICE!“

Ricky holt die Zettel mit den Texten und will sie Philipp geben.

Ricky:
„Hier, die Texte unserer Lieder.“

Philipp:
„DIE BRAUCHE ICH NICHT, ICH HABE ALLES IM KOPF!“

Die anderen beiden hören auf zu spielen.

Ricky:
„Du kannst doch nicht einfach irgendwas singen.“

Philipp:
„DAS IST NICHT IRGENDWAS, DU KINDERGARTENKIND! DAS IST MEINE KUNST!“

Ricky:
„Die sind ja auch ganz gut, die Sachen, die du singst. Aber unsere Texte passen besser zu den Liedern.“

Thilo:
„Lass ihn doch, wenn er nicht will.“

Philipp:
„BIN ICH DIR NICHT GUT GENUG?“

Ricky:
„Doch, manchmal glaube ich sogar, du bist zu gut für uns. Aber du solltest es wenigstens mal probieren mit den Texten, die haben wir in vielen Stunden erarbeitet und...“

Philipp:
„BIN ICH DIR ETWA NICHT GUT GENUG?“

Ricky:
„Ähh, doch. So habe ich es nicht gemeint, lieber Philipp.“

Thilo steht vom Schlagzeug auf und nimmt Ricky die Blätter Papier aus der Hand.

Thilo:
„Es ist sein Mund aus dem die Worte kommen, und da es sein Mund ist kann er auch entscheiden was er singt. Oder zwingt dich jemand irgendwas zu singen was du mit dir nicht vereinbaren kannst?“

Ricky:
„Nein, ist schon gut. Ich verstehe dich nicht, du hast doch auch viel Zeit mit den Texten verbracht.“

Thilo:
„Die Texte sind von uns, also langweilig. Die Texte von Philipp haben mehr Power, mehr Kraft. Mit neuer Energie werden wir in einem Monat auftreten und das Publikum beglücken.“

Einen Monat später

Die Musikband betritt die Bühne, es ist ein Festival auf dem mehrere Bands auftreten. Philipp trinkt sein Bier aus und wirft die leere Flasche mit einem Grölen ins Publikum. Daraufhin ertönen Pfiffe und Thilo sagt ihm „Lass dich nicht irritieren, das Publikum ist aufgeregt, so wie wir.“
Die Band beginnt ihren ersten Song, ein leises friedliches Lied und Philipp grölt dazu. Nach dem ersten Lied streckt der Sänger seine Arme aus und ruft „IHR SEID GROSSARTIG, IHR LIEBT UNS!“ Das Publikum beginnt zu pfeifen, sie buhen die Band aus. Das machen die Zuschauer auch als die Band weiterspielt. Nach einer Zeit werfen sie mit leeren Flaschen und Dosen, nach drei Liedern ist die Band fertig. Sie stellen sich vorne auf die Bühne und verbeugen sich, doch das Publikum buht und lacht sie nur aus.

Am nächsten Tag sind sie wieder im Proberaum.

Philipp:
„LASST UNS ANFANGEN, ICH WILL SINGEN!“

Ricky:
„Wir sollten erst mal den Auftritt von gestern besprechen. Der war ja nicht so toll.“

Thilo:
„Was hast du erwartet? Wir sind eine schlechte Band mit eintönigen Liedern, die gehört ausgepfiffen zu werden.“

Philipp:
„IHR HABT NICHT KORREKT AUF EUREN INSTRUMENTEN GESPIELT. DESWEGEN HABEN DIE GEPFIFFEN.“

Thilo:
„So sehe ich das auch.“

Oskar:
„Ja.“

Ricky:
„Du, Philipp, dein Gesang ist echt klasse. Du schaffst es, dass einem warm ums Herz wird wenn man dich hört. Aber dein Gesang passt glaube ich nicht 100% zu unserer Musik.“

Philipp:
„DOCH, DAS PASST! DU BIST SCHULD, DASS WIR AUSGEBUHT WURDEN. DU HAST DICH OFT VERSPIELT. AUSSERDEM WAR DAS MIRKO ZU LEISE, MAN HAT MICH KAUM GEHÖRT. DEIN BASS WAR VIEL ZU LAUT.“

Thilo:
„Das glaube ich auch, der ganze Saal hat gewummert dass einem die Knochen zitterten.“

Ricky:
„Verdammt noch mal, jetzt ist das meine Schuld, dass das gestern ein Reinfall war? Der Gesang, so toll er auch ist, passt nicht zu unseren ruhigen Liedern. Wir machen Balladen, Philipps Gesang ist eher was für Rock oder Heavy Metal.“

Philipp:
„ICH SAGE DIR GLEICH MAL WAS RICHTIGER HEAVY METAL IST! DU HAST GESTERN JEDEN TON FALSCH GESPIELT, VIEL ZU LAUT AUFGEDREHT UND HAST FLASCHEN INS PUBLIKUM GEWORFEN.“

Ricky:
„Das stimmt doch gar nicht. Du warst das mit der Flasche.“

PHILIPP:
„WIE BITTE?!?!“

Ricky:
„Ähh, ich habe dich dazu verleitet die Flasche ins Publikum zu werfen, weil ich mich so viel verspielt habe.“

Thilo:
„Da gibt es jetzt eine Konsequenz die wir zu ziehen haben. So leid es uns auch tut, lieber Ricky.“

Oskar:
„Genau.“

Philipp:
„GEH NACH HAUSE! DU FLIEGST JETZT AUS DER BAND!“

Ricky:
„Thilo, sag doch was!“

Thilo:
„So leid es mir auch tut, ich glaube du musst die Band verlassen. Der arme Philipp setzt sich für uns ein, opfert seine freie Zeit für unsere einfallslose Musik und dann beschuldigst du ihn noch, dass er nicht singen kann. Dabei hast du dich gestern die ganze Zeit verspielt.“

Oskar:
„Genau.“

Ricky:
„Soll...soll ich wirklich gehen?“

Philipp:
„JA, ABER EIN BISSCHEN DALLI!“

Ricky:
„Thilo, Oskar, wir kennen uns doch schon viele Jahre. Das könnt ihr mir nicht antun, „Soft Dream“ ist alles was ich habe.“

Philipp:
„JETZT NICHT MEHR!“

Thilo:
„Tut mir sehr leid, Ricky, aber du bringst Disharmonien in unsere Band.“

Philipp:
„RAUS MIT DIR, DU LOOSER!“

Ricky:
„Bitte, ich will noch bleiben. Außerdem habe ich mich gestern gar nicht verspielt.“

Philipp schreit auf und stellt sich direkt vor Ricky. Dieser sagt:
„Ähh, na gut, wenn ihr das sagt, dann wird das schon stimmen, dass ich mich dauernd verspielt habe. Wenn man ein schlechter Musiker ist fällt einem das halt nicht mehr auf. Könnt ihr nicht Gnade vor Recht walten lassen und mich in der Band lassen?“

Philipp:
„NEIN!“

Thilo:
„Tut uns leid, aber das Gemeinwohl der Band ist wichtiger als dein Bedürfnis die Band kaputt zu machen.“

Oskar:
„Geh.“

Ricky packt traurig seine Sachen und verlässt den Proberaum.

Thilo:
„Jetzt brauchen wir einen neuen Bassisten. Kennst du einen, Philipp?“

Philipp:
„WIR BRAUCHEN KEINEN BASS. DER DRÖHNT NUR UND MACHT KRACH!“

Thilo:
„Vielleicht hast du recht, manchmal frage ich mich ob der Bass überhaupt ein richtiges Musikinstrument ist, bei dem Lärm, den er veranstaltet.“

Philipp:
„WIR BRAUCHEN EINEN NEUEN BANDNAMEN. „SOFT DREAM“ KLINGT SCHEISSE UND PASST NICHT ZU UNS.“

Thilo:
„Na seit du bei uns bist passt der wirklich nicht so, hihi. Du hast uns neues Leben geschenkt, dafür möchte ich mich bei dir herzlich bedanken. Wir haben jetzt richtige Stärke, vielleicht sollten wir uns „Strength of life“ nennen. Was meinst du?“

Philipp:
„WIR NENNEN UNS „MOUTH FOR WAR“ ODER „FUCKING HOSTILE“.“

Thilo:
„Ja, das klingt gut. Du hast immer die besten Ideen, wie machst du das nur?“

Oskar:
„Mouth for war.“

Philipp:
„ICH ENTSCHEIDE, OB WIR UNS SO NENNEN, KLAR? WIR NENNEN UNS „MOUTH FOR WAR“.“

Oskar:
„Soll ich die Gitarre verzerren?“

Philipp:
„NEIN, MACHE SIE EINFACH NUR LEISER.“

Thilo:
„Dreh sie bitte leiser, spiele dich bitte nicht immer so in den Vordergrund, Oskar. Du bist doch sonst so schüchtern. Was wollen wir als nächstes spielen?“

Philipp:
„THE BLOOD IN MY VEINS TOUGHT MY SKILL AND PUSHES ME UNDER THE TANK!“

Philipp beginnt zu singen und die anderen beiden spielen etwas dazu. Sie gewöhnen sich an ihre Lieder zu vergessen, jeder spielt was ihm gerade durch den Kopf geht.
Zwei Wochen später ist wieder ein Auftritt, diesmal in einem Cafe. Sie sollen ihre Lieder spielen während die Leute ihren Kaffee schlürfen und sich unterhalten. Doch als Philipp anfängt zu grölen beschweren sich die Gäste. Nach zwei Liedern kommt der Cafe-Besitzer zu ihnen und sagt ihnen, dass sie aufhören sollen.

Cafe-Besitzer:
„Was ist das nur für ein schrecklicher Gesang? Ihr müsst euch einen neuen Sänger suchen.“

Philipp:
„WIE BITTE?!“

Thilo:
„Ne, das liegt an unserer Musik. Phil macht seinen Job schon perfekt, wir müssten auf den Instrumenten besser spielen. Unsere Musik ist leider sehr fantasielos.“

Cafe-Besitzer:
„Ne, ich würde schon sagen, dass es die Schuld vom Sänger ist, dass meine Gäste unzufrieden sind.“

Philipp:
„ES IST DIE SCHULD VON OSKAR, ER MACHT SEINE KLAMPFE IMMER ZU LAUT.“

Thilo:
„Das glaube ich auch. Oskar ist immer so ruhig, aber wenn wir einen Auftritt haben will er unbedingt auffallen. Dabei ist er ein Gitarrist von minderer Qualität.“

Cafe-Besitzer:
„Nein, es ist der Sänger. Wie oft soll ich das denn noch sagen. Ihr bräuchtet eine ruhige Stimme, nicht so eine plumpe laute.“

Philipp:
„SOLL ICH MAL LAUT REDEN? ICH BIN DIE GANZE ZEIT NOCH ZIEMLICH RUHIG!“

Thilo:
„Bitte schieben Sie nicht alles auf Phil, seit er bei uns ist hat er nur Kummer und Sorgen mit der Band. Das ist nicht in Ordnung. Es ist Oskars Schuld, nicht seine.“

Cafe-Besitzer:
„Jedenfalls könnt ihr nicht mehr weiterspielen, packt eure Sachen und geht wieder.“

Philipp:
„UND UNSER GELD?“

Cafe-Besitzer:
„Für diesen katastrophalen Auftritt bekommt ihr kein Geld. Macht bitte, dass ihr verschwindet.“

Philipp stellt sich direkt vor den Cafe-Besitzer und grunzt ihn an. Dieser dreht sich genervt weg und fordert sie nochmals auf das Cafe zu verlassen. Thilo steckt die Sticks in seine Tasche und Oskar packt seine Gitarre ein.

Thilo:
„Das ist ja nicht so gut gelaufen.“

Philipp:
„ALLES WEGEN OSKAR! DER HAT SEINE GITARRE FALSCH GESTIMMT!“

Thilo:
„Wirklich? Dann wird das nur eins zur Folge haben können.“

Oskar:
„Gitarre ist richtig gestimmt.“

Thilo:
„Zeig mal.“

Oskar holt seine Gitarre aus der Tasche und steckt sie in den Verstärker. Er spielt den Akkord a-moll, er stimmt.

Thilo:
„Die Gitarre ist richtig gestimmt, dann kann es nur an deiner Spielweise liegen.“

Philipp:
„DU MUSST AUS DER BAND RAUS! ABER EIN BISSCHEN PLÖTZLICH!“

Oskar:
„Wirklich?“

Thilo:
„Tut mir leid, Phillip hat aber recht. Du spielst a-Moll wenn du c-Dur spielen sollst und wenn du a-Moll spielen sollst spielst du einen Akkord, den es nicht gibt. Du spielst schäbige Melodien, dein Können ist nur unzureichend.“

Oskar:
„Schade.“

Philipp:
„AUSSERDEM WAR DEINE GITARRE WIEDER ZU LAUT!“

Thilo:
„Das auch noch. Oskar, suche dir bitte eine andere Band. Wir meinen es ernst.“

Die drei verlassen das Cafe und Oskar will sich von den beiden verabschieden.

Oskar:
„Sehen wir uns irgendwann?“

Philipp:
„NIE WIEDER!“

Thilo:
„Du kannst ja mal einfach so in den Proberaum kommen und zuschauen.“

Philipp:
„NEIN!“

Thilo:
„Na gut, dann nicht. Der arme Philipp wird immer an diesen schlimmen Abend heute denken müssen wenn er dich sieht. Was muten wir ihm nur zu? Wir beide können uns aber mal treffen, Oskar.“

Philipp:
„NEIN!“

Thilo:
„Würde es mir denn schaden?“

Philipp:
„JA!“

Thilo:
„Wahrscheinlich stimmt das. Wenn ich mich mit dir treffe, Oskar, werde ich womöglich so ein notdürftiger Musiker wie du es bist.“

Oskar:
„Sehen wir uns nie wieder?“

Philipp:
„NIE WIEDER!“

Thilo:
„Sorry, ich muss an die Band denken und dein kümmerlicher Einfluss würde mir nicht gut tun. Dann wird sich vielleicht Philipp von der Band trennen und das wäre unser Untergang.“

Oskar verabschiedet sich von Thilo und jetzt laufen Thilo und Philipp auf der Straße nebeneinander.

Thilo:
„And then they were two...macht es dir überhaupt noch Spaß bei uns, oder besser gesagt bei mir?“

Philipp:
„JA!“

Thilo:
„Dein Durchhaltevermögen ist beneidenswert. Ich muss es dir mal sagen, Philipp: Du bist zu gut für unsere Band, du müsstest mit professionellen Musikern arbeiten und nicht mit solch einem Dilettanten wie ich es einer bin.“

Philipp:
„ICH WEISS!“

Thilo:
„Bitte verlasse die Band nicht, wie ich vorhin sagte, es wäre ihr Untergang. Kommst du nächste Woche zur Probe?“

Philipp:
„JA!“

Thilo:
„Ich werde mal in die Zeitung schauen nach einem neuen Gitarristen.“

Philipp:
„WIR BRAUCHEN KEINEN GITARRISTEN, WIR ZWEI REICHEN!“

Thilo:
„Hmmm...der Song „We will rock you“ von Queen ist auch fast nur Gesang und Schlagzeug. Na gut, dann bleiben wir zu zweit. Ich bin mit meinem Drum meist im Hintergrund, aber jetzt werden die Leute mehr auf mich hören.“

Philipp:
„UND AUF MICH!“

Thilo:
„Das ist natürlich das wichtigste, dass die Menschen deinen Worten lauschen. Ich bin nur der Taktgeber, du bist im Hot Spot.“

Thilo bleibt stehen und fässt dem Sänger an die Schultern.

Thilo:
„Bitte bleibe in der Band. Wenn du jetzt auch noch gehst ist es vorbei mit „Mouth for war“.“

Philipp:
„ICH BLEIBE!“

Thilo:
„Wahrscheinlich ist unsere Band nur eine Zwischendurchstation für dich, du wirst irgendwann mal große Karriere machen.“

Philipp:
„DU AUCH!“

Thilo:
„Ne, ich nicht. Ich bin nur ein lausiger Musiker, ich verspreche es dir, du wirst mich irgendwann mal rausschmeißen und einen anständigen Schlagzeuger haben.“

Philipp:
„ICH WEISS!“

Thilo:
„Ach, wie gerne wäre ich du. Du bist ein glänzender Musiker, dem noch viel bevorsteht. Aber ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt ein Verlierer zu sein. Ich habe gelernt das Verlieren zu genießen.“

Am nächsten Tag ist wieder Probe. Philipp singt seine Texte und Thilo spielt auf dem Schlagzeug. Beide proben für den Auftritt am Wochenende.
Als es so weit ist gehen sie in den Club, in dem sie auftreten sollen. Die Leute wundern sich, dass keine Gitarren auf der Bühne sind, nur das Schlagzeug und das Stativ für das Mikrofon stehen da.
Wie bei den anderen beiden Auftritten buhen die Zuschauer die beiden aus. Nach fünf Liedern kommt der Ladenbesitzer und stellt das Mikrofon aus.

Ladenbesitzer:
„Wo habt ihr die anderen Musiker gelassen?“

Philipp:
„HABEN WIR RAUSGEWORFEN!“

Ladenbesitzer:
„Warum? Der Sänger ist euer Problem.“

Thilo:
„Ich weiß, es ist zu gut für uns. Weil die anderen diesem Leistungsstand nicht gerecht werden konnten mussten sie gehen. Vielleicht wäre es besser für uns gewesen, wenn wir einen miserablen Sänger gefunden hätten.“

Ladenbesitzer:
„Euer Sänger ist miserabel.“

Philipp:
„WIE BITTE?!?“

Thilo:
„Nein, ich bin miserabel, Philipp ist dagegen Weltklasse. Alles wird immer auf den Sänger geschoben, nur weil er vorne steht. Das finde ich ungerecht.“

Ladenbesitzer:
„Na ich will jetzt nicht darüber mit euch diskutieren, bitte verlasst meinen Club, ich will euch hier nicht mehr sehen.“

Philipp:
„WAS IST MIT DEM GELD?“

Ladenbesitzer:
„Für solch einen kümmerlichen Auftritt bekommt ihr kein Geld.“

Thilo und Philipp verlassen den Club und setzen sich in eine Kneipe an einen freien Tisch.

Thilo:
„In letzter Zeit laufen die Auftritte nicht gut, wir werden jedes mal ausgepfiffen.“

Philipp:
„WURDET IHR FRÜHER AUCH AUSGEPFIFFEN?“

Thilo:
„Als wir Thomas noch als Sänger hatten lief es besser. Er war wie wir ein dürftiger Musiker und hat zu uns besser gepasst.“

Philipp:
„BIN ICH ETWA SCHULD?“

Thilo:
„Ja, du bist schuld weil du zu gut bist (lacht). Ne, Spaß beiseite, für deine hohe Qualität kannst du ja nichts. Wie ist es eigentlich wenn man zu gut für diese Welt ist?“

Philipp:
„LASS DAS. WIE MACHEN WIR JETZT WEITER?“

Thilo:
„Vielleicht sollten wir doch nach einem Gitarristen und einem Bassisten suchen.“

Philipp:
„NEIN, SO ETWAS BRAUCHEN WIR NICHT. WIR MÜSSEN KONSEQUENZEN AUS DEM HEUTIGEN AUFTRITT ZIEHEN!“

Thilo:
„Was meinst du?“

Philipp:
„DER REINFALL HEUTE IST DEINE SCHULD. DU WARST NICHT IM TAKT, DU HAST SCHLECHT GESPIELT!“

Thilo:
„Wirklich?“

Philipp:
„JA! DU MUSST DIE BAND VERLASSEN!“

Thilo:
„Bitte nicht! Ich habe es gar nicht mitbekommen, dass ich nicht im Takt war. Wenn du das sagst wird das aber schon stimmen. Du suchst dir jetzt einen super Schlagzeuger, so einen wie Dave Weckle oder Dennis Chambers, nicht wahr?“

Philipp:
„NEIN, ICH WERDE ALLEINE AUFTRETEN! „MOUTH FOR WAR“ WIRD WEITER BESTEHEN!“
 
 
   
     
 
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